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Pleite, Konkurs, völlig verarmt: Welche Auswirkungen der Mindestlohn auf Interaktivagenturen nicht hat
11.02.2015 Die "Achtfünfzigpistole" bekämen Agentur-Geschäftsführer auf die Brust gesetzt. Von "gefährdeter Nachwuchsqualifizierung und Fachkräfterekrutierung" klagt der BVDW. Ein Blick ins Armenhaus Deutschland, wo verelendete Interaktiv-Geschäftsführer dank schwarzrotem Gesetzeskommunismus nur noch Wasser und trockenes Brot unter den Agenturbrücken bekommen.
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Das selbsternannte Leitmedium von Deutschlands Agenturen, Werben und Verkaufen leitartikelte in Ausgabe 7/2015 über die schrecklichen Zustände die herrschen, "seit die Achtfünfzigpistole auf die Brust der Branche gesetzt wird". Wir zitieren: "Es ist die Kaffeemaschine, die leer und verdreckt vor sich hin gammelt. Weil der Praktikant fehlt, der für frisches Koffein sorgt. Und für Kopien und für so vieles mehr."
Kaffee kochen und Kopien machen (elementare, für das Agenturleben unverzichtbare Tätigkeiten wie Prosecco kaufen und Brötchen holen werden sonderbarerweise noch nicht einmal erwähnt) sind deswegen elementar, weil sie der Ausbildung dienen, wie der oberste deutsche Digitale, der Präsident des BVDW , Matthias Ehrlich sagt: "Praktika dienen in der Digitalen Wirtschaft nicht als Stellenersatz, sondern dem notwendigen Kompetenzerwerb junger Fachkräfte". Weswegen "Das Totschlagargument 'Generation Praktikum' längst nicht die Bedeutsamkeit" besäße, die ihr in der aktuellen Diskussion zugeschrieben wird.
Wie ohne Mindestlohn die Vergesellschaftung der Start-up-Verluste funktioniert
Und dann gibt es die Start-ups, die leiden. Oder, wie der BVDW es formuliert: "Ferner können sich insbesondere Start-ups einen Mindestlohn von 1.400 Euro monatlich in den seltensten Fällen leisten. Und gerade Start-ups geben Einblick in neue innovative Geschäftsmodelle und bieten die Chance, schnell in den qualifizierten Arbeitsmarkt hineinzukommen. Diese jungen Unternehmen und die Digitale Wirtschaft insgesamt haben einen enormen Fachkräftebedarf und dürfen durch solche Restriktionen nicht in ihrer dynamischen Entwicklung behindert werden."Tatsächlich gehören prekäre Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland zum Start-up-Geschäftsprinzip: "In nahezu allen Start-ups sind Praktikanten für geringere Gehälter oder unter vollständigem Gehaltsverzicht tätig", hat Christoph Gerlinger , Gründer und CEO der German Startups Group , festgestellt. Und die Gehaltstabelle der Start-up-Gehälter-Umfrage von Gründerszene bestätigt, dass zumindest Berufseinsteiger zum Teil mit Dumpinglöhnen unterhalb des Mindestlohns abgespeist werden. Konkret gaben weibliche Einsteiger, die an der Umfrage teilgenommen haben, einen durchschnittlichen Monatsverdienst von 1.058 Euro an, männliche von 970 Euro. (iBusiness: Externalisierungsgesellschaft Internet: Warum wir Internet-Profis uns alle in die Tasche lügen).
"Besonders in der Anfangszeit locken viele Start-ups mit Perspektiven statt mit Gehalt", bestätigt Alexander Hüsing , Start-up-Experte von Deutsche-Startups.de . Viele Gründer zahlten sich daher selbst nicht einmal den Mindestlohn. Ohne Hartz-IV-Aufstockung ist das Leben für deutsche Gründer und deren hoffnungsvollen Angestellten in den hippen Großstädten nicht zu finanzieren. Hier zahlt der Steuerzahler - selbstverständlich, ohne an dem Erfolg des Wachstumsunternehmens beteiligt zu werden. Denn die Rechnung für den Gründer und für den ihn finanzierenden Wagniskapitalisten lautet ja: "Erst wenig Geld, und dann vielleicht durch den Exit, die Übernahme oder den Börsengang richtig viel Geld." Das Geschäftsmodell muss allerdings so kalkuliert sein, dass die laufenden Kosten - dazu gehören Gehälter - eingepreist sind.
Der Steuerzahler ist allerdings nicht einmal theoretisch an einem möglichen zweiten Facebook, Lieferando oder Zalando beteiligt: Der potenzielle Gewinn wird zwar privatisiert - der wahrscheinliche Verlust aber in jedem Fall vergesellschaftet: Das globale Modell der Banker wird ohne Mindestlohn von der Wagniskapitalbranche adaptiert.
"Es ist die Kaffeemaschine, die leer und verdreckt vor sich hin gammelt. Weil der Praktikant fehlt, der für frisches Koffein sorgt."
Der Umsatz der deutschen Interaktivagenturen wächst von Jahr zu Jahr: Die Honorarumsätze der größten deutschen Fullservice-Internetagenturen haben mit 1,055 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2013 erstmals in der Geschichte des deutschen Internets die Ein-Milliarden-Euro-Hürde genommen. Das ist ein Plus von über 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig beklagen Deutschlands Agenturen den Fachkräftemangel. Bei der Abfrage verschiedener Thesen zum Multimedia-Markt findet die höchste Zustimmung die These, dass es "schwierig ist, geeignetes Personal und Fachkräfte zu finden". Ein Problem, das längst über die Agenturen hinausgewachsen ist: Fachkräftemangel sei eines der sechs Schwachstellen des Industriestandorts Deutschland, wenn es um das Thema digitale Transformation geht, prognostiziert die aktuelle Zukunftsstudie des Münchner Kreis (Digitalisierung. Achillesferse der deutschen Wirtschaft? Wege in die digitale Zukunft" ).Und obwohl es den Agenturen gut geht und sie gleichzeitig mehr Personal benötigen, wehren sie sich dagegen, ihren Nachwuchs vernünftig zu bezahlen? Eine iBusiness-Umfrage zeigt: Zwei Fünftel der Befragten wollen wegen des Mindestlohns weniger oder gar keine Praktikanten mehr einstellen. Jede neunte möchte stärker outsourcen - wobei Kaffee kochen, Kopien machen und Brötchen holen nicht abgefragt wurden. Und immerhin 13 Prozent der Befragten wollen an der Produktivität ihrer Mitarbeiter drehen.
Die externalisierten Gehaltskosten werden mit dem Mindestlohn einfach in die digitale Kalkulation wieder eingepreist. Das macht die Rendite zwar ein kleines bisschen weniger hübsch. Ist aber gerecht.
Übrigens: Für das Honorar, das eine Interaktivagentur einem Personalberater für einen einzigen qualifizierten Mitarbeiter zahlen muss, arbeitet ein Praktikant knapp zwei Jahre lang. Oder vier Praktikanten die branchenüblichen sechs Monate. Und das ganz ohne dass irgendjemand unter Brücken schlafen muss.
Vier Szenarien für den Mindestlohn in der Digitalen Wirtschaft
Zurück, marsch, marsch
(Die nächste schwarzgrüne, schwarzgelbe oder schwarzblaue Regierung weicht den Mindestlohn wieder auf). Angesichts der europaweiten Forderungen nach Ausweitung von Kaufkraft unwahrscheinlich.
Digitale Ausnahme
(Weil die Digitallobbyisten so schön jammern, gibt es Ausnahmen für die Start-up-Szene und die Agenturen). Da sind schon die Lobbyverbände der Analogen vor, dass dies nicht geschieht.
Wir gewöhnen uns dran
(Weil man kurzfristig nichts dagegen tun kann und junge Arbeitnehmer wertvoller werden, gewöhnt sich die Branche an höhere Kosten): Alle sind gleich betroffen, deswegen fällt es nicht so auf.
Wir finden 'kreative' Alternativen
(Über längere Arbeitszeiten oder andere Sondermethoden wird der Mindestlohn teilweise ausgehebelt): Hier schlägt die Stunde der Arbeitsrichter. Es ist schlicht billiger zu bezahlen, als zu mogeln, weil es spätestens in der zweiten Instanz sowieso teuer wird.

