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1.400 Euro für Praktikanten: Wie der gesetzliche Mindestlohn die Internetbranche verändert

12.02.2014 Alleine bei den Top-100-Interaktivagenturen arbeiten 250 Praktikanten - zu bisher günstigen Konditionen. Noch. Denn wenn der gesetzliche Mindestlohn wie von der Großen Koalition angekündigt kommt (und er wird kommen), wird sich das Gehalt der meisten Praktikanten auf 1.400 Euro vervielfachen. Vorbei ist es dann mit dem Nachwuchs-Recruiting und den billigen Arbeitskräften. Was der Mindestlohn in Zeiten des Fachkräftemangels bedeutet, welche Internetunternehmen er besonders hart trifft und wie man sich vor dem Praktikanten-Aus schützen kann.

 (Bild: Google)
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Praktikanten könnten in Zukunft zum Luxus werden (Bild: Google)
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Praktikanten könnten in Zukunft zum Luxus werden

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Was zu tun ist:
Heute: Mindestlohn ernst nehmen
Morgen: Mehrbelastung ins Budget einplanen, neue Recruiting-Strategien aufsetzen
Übermorgen: Agentur-eigene Ausbildungsstrategie anpassen
Für viele Interaktivunternehmen, von der Agentur bis zum Start-up, sind sie unverzichtbar: hochmotivierte Praktikanten, die vor, während oder nach ihrem Studium einen Einblick in die Digitalbranche bekommen wollen. Sie unterstützen das Team kräftig und sind vielleicht sogar die festen Mitarbeiter von morgen. Allein die Top-100-Interktivagenturen beschäftigen insgesamt mehr als 250 Praktikanten.

Doch mit der bequemen Symbiose zwischen Praktikanten und Internetunternehmen könnte es bald vorbei sein. Denn der von CDU  , CSU   und SPD   geplante Mindestlohn könnte den Unternehmen, die Wissen und Brancheneinblick gegen Arbeitskraft tauschen, bald einen Strich durch die Rechnung machen. Die geplanten 8,50 Euro pro Stunde für einen Praktikanten wird sich nicht jede Agentur und jedes Start-up leisten können. Das sind im Monat immerhin 1.400 Euro! Wen der Mindestlohn besonders hart trifft und was er in Zeiten des Fachkräftemangels für die Branche bedeutet.

Die Fakten zum Mindestlohn: bisher vage

Ein allgemeingültiger, branchenübergreifender Mindestlohn kommt definitiv, so viel ist klar. Dass er 8,50 Euro pro Stunde betragen soll, ist ebenfalls im Koalitionsvertrag   festgelegt. Darüber hinaus gibt es aber noch viel Klärungsbedarf. Vor allem bezüglich der Ausnahmen vom Mindestlohn sind sich CDU, CSU und SPD nicht einig. Zwar bekräftigte ein Sprecher des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales   auf iBusiness-Anfrage hin, dass die Mindestvergütung für "alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer" gelten soll, doch alle scheint ein dehnbarer Begriff zu sein. Für Saisonarbeiter zum Beispiel soll er laut Koalitionsvertrag vermutlich nicht gelten. Genauso wenig wie für Ehrenämter. Auch "Pflichtpraktika während der Ausbildung" sollen laut dem Sprecher von Arbeitsministerin Andrea Nahles nicht unter den Mindestlohn fallen. Pflichtpraktika gibt es aber bei Weitem nicht in allen Studiengängen, weshalb ein Großteil der Praktika nicht zu dieser Ausnahme gehören würde.

Konkret bedeutet das, dass

Florian Nöll, Bundesverband Deutsche Startups (Bild: Florian Nöll)
Bild: Florian Nöll
Florian Nöll, Bundesverband Deutsche Startups

  1. Praktikanten, die zwischen Bachelor- und Master-Studium stehen,
  2. Praktikanten, die ihr Studium komplett beendet haben,
  3. Praktikanten, die noch vor dem Studium stehen
  4. Praktikanten, die zwar studieren, aber kein Pflichtpraktikum absolvieren müssen, sowie
  5. Volontäre und Trainees
sehr wohl unter den Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde fallen könnten, also in Zukunft höchst wahrscheinlich 1.400 Euro pro Monat kosten. Denn während sich CDU und CSU umfangreiche Ausnahmen vom Mindestlohn wünschen, zeigt sich die SPD zu keinerlei Kompromissen bereit. Schließlich war der Mindestlohn ihr wichtigstes Anliegen im Koalitionsvertrag.

Die neuen Regelungen würden besonders den Interaktivmarkt hart treffen, denn viele Unternehmen setzen auf Praktikanten. Der Jobcrawler des iBusiness-Stellenmarktes listet Anfang Februar rund 460 Praktikantenstellen, Nebenjobs und Volontariate auf. Das sind 14 Prozent der Stellenanzeigen insgesamt. Auch das Interaktivagentur-Ranking belegt den hohen Stellenwert von Praktikanten: Laut der Erhebung waren Ende 2012 bei Interaktivagenturen 8,3 Prozent Praktikanten beschäftigt. In den Top100 sind es allein 253 Praktikanten.

Interaktive unterschätzen die Belastung

Geht man davon aus, dass der durchschnittliche Interaktiv-Praktikant heute um die 500 Euro im Monat verdient, dann würden die Top-100-Interaktivagenturen für ihre 253 Praktikanten insgesamt 126.500 Euro im Monat ausgeben. Müssen sie für alle den Mindestlohn zahlen, würde es sie insgesamt 354.000 Euro kosten - ungeachtet der Lohnnebenkosten.

Gleichzeitig zeigte sich bei den iBusiness-Recherchen, dass viele interaktive Entscheider gar nicht genau wissen, was mit dem Mindestlohn auf sie zukommt. Einige sind sich sicher, dass er für keinerlei Praktikanten gilt. Tatsächlich stand in einem Entwurf des Koalitionsvertrags, dass Praktikanten im Rahmen der Ausbildung und des Studiums keinen Mindestlohn erhalten. Dieser Satz wurde aber in letzter Minute entfernt - das Wort Praktikant fehlt nun gänzlich. Selbst wenn die Diskussion noch nicht entschieden ist, die Branche muss davon ausgehen, dass er ohne Rücksicht auf Unternehmen eingeführt wird - und dass das für einige teuer wird.

Auch Florian Nöll, Vorsitzender des Vorstands beim Bundesverband Deutsche Startups  , geht davon aus, dass besonders die Internetbranche vom Mindestlohn betroffen sein wird: "Tendenziell arbeiten nach meiner Einschätzung in der digitalen Wirtschaft mehr Praktikanten als in vielen anderen Branchen." Vor allem die ganz jungen Unternehmen: "Einige Start-ups setzen sehr stark auf Praktikanten", hat er festgestellt.

Ursula Vranken, IPA Institut (Bild: IPA Institut)
Bild: IPA Institut
Ursula Vranken, IPA Institut

Wenn auf der anderen Seite manche auch komplett auf sie verzichteten, sind sie doch für viele in der ersten Wachstumsphase der Unternehmen sehr wichtig. Ursula Vranken, Leiterin des Kölner IPA Instituts für Personalentwicklung und Arbeitsorganisation  , erläutert: "Zum einen ist das für die Start-ups eine wichtige Strategie, um gute, motivierte Mitarbeiter auch langfristig zu rekrutieren. Aber auf der anderen Seite sind sie natürlich auch eine günstige Ressource in Zeiten, in denen sie noch nicht die finanziellen Mittel haben, um hohe Gehälter zu zahlen."

Interaktivpraktikanten verdienen überdurchschnittlich - aber noch bei weitem zu wenig

Dabei verdienen Praktikanten in der Internetbranche, verglichen mit anderen Sektoren, gar nicht mal schlecht. Eine iBusiness-Auswertung der bewerteten Interaktiv-Praktika auf der Plattform Meinpraktikum.de   hat ergeben, dass nur jeder fünfte Praktikant leer ausgegangen ist. Die meisten (44 Prozent) verdienen zwischen 300 und 599 Euro pro Monat. Lediglich fünf Prozent verdienen immerhin 1.200 Euro oder mehr. Und kämen immerhin in die Nähe des gesetzlichen Praktikanten-Mindestlohns.

Verdienst bei Praktika in der Internet- und Multimediabranche,
Verdienst bei Praktika in der Internet- und Multimediabranche, (Grafik: Quelle: meinpraktikum.de; Grafik: HighText Verlag)
Dem gegenüber stehen die Zahlen des Praktikantenreports 2012. Über alle Branchen hinweg verdienen sogar 40 Prozent aller Praktikanten gar nichts. Nur 14 Prozent erhalten mehr als 700 Euro im Monat. Da stehen die Interaktivpraktikanten deutlich besser da.

Eine Erhöhung des Praktikantengehalts auf 1.400 Euro würde viele trotzdem hart treffen. Zum Beispiel manche Start-ups: "Es ist nicht abzusehen, wer mehr darunter leiden wird, die Start-ups oder die Praktikanten", sagt Florian Nöll. "Für Start-ups sind Praktikanten sehr häufig die Mitarbeiter von morgen. Ein Praktikum ersetzt nicht selten die Probezeit auf dem Weg zur Festanstellung. Gleichzeitig übernehmen die Unternehmen die praktische und branchenbezogene Ausbildung, wovon die Studenten und auch Absolventen sehr profitieren."

Katharina Wolff, Business Angel, Geschäftsführerin bei Premium Consultants   und Bürgerschaftsabgeordnete   der CDU, sieht das ähnlich: "Die Unternehmen haben durch Praktika die Möglichkeit, den Nachwuchs kennenzulernen und an sich zu binden. Angesichts des Fachkräftemangels wäre der Wegfall der Praktikanten ein schwerer Schlag für Unternehmen, die über keine eigene Personalabteilung verfügen oder viel Geld für Recruiting ausgeben können."

Katharina Wolff, Premium Consultants (Bild: Premium Consultants)
Bild: Premium Consultants
Katharina Wolff, Premium Consultants

Mindestlohn bedeutet: Mehr Gehalt aber weniger Praktikanten

Die meisten Interaktivagenturen halten den Mindestlohn allgemein für sinnvoll. Aber sobald er Praktikanten betrifft, sehen viele schwarz - jedoch nicht alle.
  • Die Agentur Brüderwerk   aus Hattingen beschäftigt zehn Mitarbeiter und zur Zeit eine Jahrespraktikantin, die als Mini-Jobberin angemeldet ist und entsprechend 450 Euro verdient. Startet sie anschließend dort eine Ausbildung, werden ihr sechs Monate des Praktikums angerechnet.
    Das Unternehmen hat das Talent-Team-Konzept erarbeitet, bei dem Azubis und Praktikanten ein Team bilden, das von einem ausgebildeten Projektleiter betreut wird. Fragt ein Kunde ein Projekt mit einem kleinen Budget an, welches er zu normalen Tagessätzen nicht bezahlen könnte, bietet Brüderwerk ihm an, es durch das Talent-Team zu realisieren. "Für uns und unsere Kunden ist das immer eine Win-win-Situation", freut sich der Geschäftsführer Dawid Schäfers. "Sobald Praktikanten einen Mindestlohn von 8,50 pro Stunde hätten, fällt das gesamte Konstrukt in sich zusammen."

  • DMC    zahlt den sieben Praktikanten rund 600 Euro im Monat. "Selbstverständlich könnten wir auch noch weiterhin Praktikanten einstellen, aber weniger und nicht mehr in allen Bereichen."
    Wen der Mindestlohn für freiwillige Praktikanten trifft

    Internetagenturen/Onlineshops:

    Warum es sie trifft: Die günstige Möglichkeit, sich den Nachwuchs heranzuzüchten, entfällt oder wird teurer. Manche Aufgaben, die ein Praktikant übernommen hat, muss nun ein teurerer Festangestellter übernehmen.
    Wie sie reagieren: Die, die es sich leisten können, bieten weiterhin Praktika an, aber weniger. Manche werden es ganz sein lassen. Zudem werden mehr Agenturen und Shops studentische Aushilfen einstellen, die die Rolle des Praktikanten übernehmen.
    Konsequenzen: Weniger, dafür besser bezahlte Praktikumsplätze. Mehr Aushilfsstellen. Manche einfache Dienstleistungen können teurer werden.

    Start-ups:

    Warum es sie trifft: Praktikanten übernehmen in Start-ups teilweise wichtige Funktionen, die dann wegfallen oder von teureren Angestellten übernommen werden müssen. Praktika ersetzen oftmals eine professionelle Personalabteilung.
    Wie sie reagieren: Die meisten werden keine bezahlten Praktika mehr anbieten, weil sie die Doppelbelastung - Bezahlung und Betreuung - nicht leisten können. Zwangsläufig müssen sie allen anderen Mitarbeitern ebenfalls mindestens den Mindestlohn zahlen, was nicht unbedingt selbstverständlich ist.
    Konsequenzen: Es wird ihnen schwerer fallen, gutes Personal zu finden. Bei Start-ups mit knappem Kapital könnte sich sogar das Wachstum verlangsamen.

    Praktikanten:

    Warum es sie trifft: Manche werden sich zwar über den höheren Verdienst freuen, aber die meisten werden es wesentlich schwerer haben, einen Praktikumsplatz zu finden, wenn er nicht im Studium Pflicht ist.
    Wie sie reagieren: Einige werden sich im Ausland nach Praktika umsehen. Andere werden sich Aushilfsstellen suchen, um Erfahrung zu sammeln.
    Konsequenzen: Grundsätzlich werden sie vor dem Berufseinstieg weniger Praktika absolvieren.

  • Beim Team Neusta    kommen auf 500 Mitarbeiter rund 20 Praktikanten. Da das Einarbeiten und Betreuen der Praktikanten sehr zeitintensiv sei, würde sich der Aufwand plus Mindestlohn aus Sicht der Agentur nur lohnen, wenn sie für den eigenen Bedarf ausbilde.

  • Die Kölner Agentur Encurio   , die Praktikanten zurzeit wenige hundert Euro zahlt, könnte zu einem Gehalt von 1.400 Euro keine Praktikanten mehr anstellen. "Ein Mindestlohn sollte für feste Anstellungen gelten, nicht aber für Praktikanten. Er nimmt hier Einstiegschancen", sagt Projektmanagerin Inken Sommer.

  • Ganz anders sieht das Sven Laucke , Geschäftsführer von Gradwerk Interaktive Medien    aus Lübeck. Ohne Einschränkungen sagt er, dass der Mindestlohn zwingend notwendig ist und fordert, "dass er umfassend und ohne Rücksicht auf Unternehmen" durchgesetzt werden sollte.

  • Auch die Gladbecker Agentur Sixclicks    hätte keine großen Probleme mit einem Mindestlohn für Praktikanten. Noch zahlt sie sie zwar wie Minijobber. Aber: "Wir arbeiten bereits an einem Konzept, mit dem wir den gesetzlichen Mindestlohn zahlen können und trotzdem Menschen die Möglichkeit geben können, unsere Branche und unser Unternehmen kennenzulernen", sagt Geschäftsführer Sascha Albrink.
    Seiner Meinung nach zwingt der Mindestlohn die Branche zu ihrem Glück: "Der Mindestlohn sollte konsequent eingeführt werden, so wird die Interaktivbranche in Zukunft bei den Gehältern mit Handel und Entwicklung mithalten können. Interaktivunternehmen, gerade Agenturen, benötigen eine Basis, mit der Fachkräfte und Auszubildende eine Leitlinie erhalten und innerhalb der Branche bleiben."

Mindestlohn bedroht vor allem kleine und schnell wachsende Unternehmen

So uneinig wie die Interaktivexperten sind sich die Wissenschaftler bei dem Thema: Wie der Stern   berichtet, zeigen einige Studien, dass der Mindestlohn keine negativen Folgen für den Arbeitsmarkt habe. Eine Studie   aus den USA wiederum bestätigt zwar, dass durch einen Mindestlohn kaum Leute entlassen würden. Statt dessen würden aber weniger neue Stellen geschaffen als ohne. Besonders in jungen und stark wachsenden Unternehmen - also in solchen, die auch die Internetbranche prägen.

Genau diese Unternehmen dürfte der Mindestlohn tendenziell am meisten tangieren. Denn die Gehaltstabelle der Start-up-Gehälter-Umfrage von Gründerszene   zeigt, dass zumindest Berufseinsteiger zum Teil mit Dumpinglöhnen unterhalb des Mindestlohns abgespeist werden. Konkret gaben weibliche Einsteiger, die an der Umfrage teilgenommen haben, einen durchschnittlichen Monatsverdienst von 1.058 Euro an, männliche von 970 Euro.

Alexander Hüsing, Deutsche-startups.de

Ganz zu schweigen von den Start-ups, die so jung und klein sind, dass sie in keiner Statistik auftauchen. Gerade unter ihnen sind viele, die neben den Gründern nur ein, zwei Praktikanten beschäftigen, weil sie über keinerlei Kapital verfügen. "Besonders in der Anfangszeit locken viele Start-ups mit Perspektiven statt mit Gehalt", bestätigt Alexander Hüsing, Start-up-Experte von Deutsche-Startups.de  . Diese Gruppe werde sich in Zukunft wahrscheinlich keine Praktikanten mehr leisten können. "Wenn die Gründer sich dann keine Unterstützung mehr leisten können, wird sich ihr Wachstum vermutlich verlangsamen", befürchtet er.

Auch die Medienbranche wird der Mindestlohn treffen. Die meisten kleineren Verlage oder PR-Agenturen sind auf die Unterstützung von Volontären oder Trainees angewiesen, sie zahlen aber auch oft nicht mehr als um die 1.000 Euro.

Praktikanten fürchten um ihre Praktikumsplätze

(Grafik: Absolventa) Quelle: http://www.praktikum.info/karrieremagazin/mindestlohn-im-praktikum
Wie die Unternehmen würde der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro wahrscheinlich die Praktikanten selbst treffen. Zwar wünschen sich laut einer Umfrage der Jobbörse für Berufseinsteiger Absolventa   acht von zehn eine Mindestvergütung. Doch die soll laut 72 Prozent der befragten Praktikanten zwischen 400 und 800 Euro liegen. Nur 19 Prozent sagen, dass sie höher als 800 Euro pro Monat sein soll. Trotz dieser wesentlich geringeren Mindestvergütung, die die Berufseinsteiger fordern, befürchtet fast die Hälfte (44 Prozent), dass die Firmen weniger Praktika anbieten würden. Demnach kann man nur mutmaßen, dass die Mehrheit der Praktikanten von einer gesetzlichen Bezahlung von um die 1.400 Euro gar nicht begeistert wäre. Eben weil sie den Wegfall von vielen Nicht-Pflicht-Praktika befürchten.

Vor allem freiwillige Praktika nach dem fertigen Studium stehen in der Kritik: Viele Experten argumentieren wie Ursula Vranken: "Fertig ausgebildete Akademiker sollten kein Praktikum mehr machen müssen", sagt sie. Doch in der Praxis sieht es oft anders aus. Gerade nach dem Bachelor-Studium fühlen sich viele noch nicht fit für den Berufseinsteig - und im Studium hatten sie wegen des straffen Studienplans kaum Zeit, längere Praktika zu absolvieren. Deshalb schließen sie sie nach dem Abschluss an und überbrücken damit die Zeit, bis sie eine feste Stelle finden. Laut der Studie Generation Praktikum 2011   der Jugend des Deutschen-Gewerkschafts-Bundes (DGB)   absolvieren insgesamt 38 Prozent der Studienabgänger nach ihrem Abschluss noch ein Praktikum, Volontariat oder ähnliches. Damit versuchen sie dem Ideal der durchschnittlichen Stellenausschreibung näherzukommen, die den 22-jährigen Studienabgänger mit zehn Jahren Berufserfahrung in einschlägigen Branchen und unzähligen Hard- wie Softskills fordert.

Der 22-Jährige mit fünf Jahren Berufserfahrung wird zum Auslaufmodell

Der Lohn für Praktikanten in der Internetbranche ist also nicht das eigentliche Problem. Sondern es ist der Zugzwang für Praktikanten, noch ein Praktikum zu machen, und noch eins, und noch eins, und noch eins: Vier Praktika macht jeder Absolvent, bevor er eine feste Stelle antritt, besagt die DGB-Studie.

Käme der Mindestlohn von 8,50 Euro, würden Interaktivunternehmen sicherlich weniger Pflicht-Praktikantenplätze anbieten. Das hieße dann aber wiederum, dass sie sich mit Studienabgängern mit weniger Berufserfahrung begnügen müssten. Denn dann wären nicht mehr vier Praktika das Maß der Dinge, sondern vielleicht nur noch eins oder zwei.

Gleichzeitig würden sicherlich mehr Berufseinsteiger Praktika im Ausland machen. Denn Bezahlung hin oder her, dort werden weiterhin unzählige Praktika angeboten. Dadurch besteht gleichzeitig die Gefahr, dass mehr qualifizierte Abgänger sich auch einen Job im Ausland suchen. Wer Praktikantenstellen also als eine Form von Recruiting-Maßnahme sieht, mit der die geeignetsten Kandidaten ausgewählt werden, wird in Zukunft wohl oder übel tiefer in die Tasche greifen und Praktikumsplätze zum vorgeschriebenen Mindestlohn anbieten müssen - oder Absolventen gleich auf Probe festanstellen.

Vier Szenarien zum Mindestlohn in der Interaktivbranche

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
15%
Best-Case-Szenario

Gehälter steigen von selbst

Die Koalition einigt sich darauf, dass der Mindestlohn nicht für Praktikanten, Volontäre und Trainees gilt. Doch nicht alles bleibt, wie es ist. Der Mangel an qualifizierten Bewerbern drängt die Internetunternehmen trotzdem dazu, die Praktikantengehälter nach und nach anzuheben. Das Niveau des Mindestlohns erreichen sie aber trotzdem nicht - zumindest bei den meisten Unternehmen.

Aktiv
25 %
Worst-Case-Szenario

Teure Praktikanten

Der Mindestlohn für freiwillige Praktika zwingt Internetunternehmen, nun das doppelte oder dreifache Gehalt für ihre Praktikanten zu zahlen. Schließlich wollen sie im Ringen um die besten Absolventen nicht das Nachsehen haben. Vor allem kleine und junge Unternehmen können sich die 1.400 Euro im Monat aber nicht leisten. Sie haben es in Zeiten des Fachkräftemangels immer schwerer, geeignetes Personal zu finden - und damit einen großen Nachteil gegenüber größeren Unternehmen, was ihr Wachstum hemmt.

Passiv
40%
Best-Case-Szenario

Aushilfe statt Praktikant

Der Mindestlohn kommt ohne Einschränkungen auch für freiwillige Praktika. Die Unternehmen schränken ihre Praktikumsangebote massiv ein und bieten nur noch günstige Pflichtpraktika. Um trotzdem den Nachwuchs kennenzulernen, stellen sie vermehrt studentische Aushilfen für 8,50 Euro an. Ihr Vorteil ist, sie kommen nur für wenige Stunden in der Woche und man lernt sie trotzdem gut kennen. Im Recruiting ersetzt die Aushilfe den Praktikanten. Als Hilfskraft bei größeren Aufgaben hilft sie aber nicht so wie früher der Praktikant. Gerade bei kleinen Start-ups hemmt das das Wachstum.

Passiv
20%
Worst-Case-Szenario

Einstiegsgehälter sinken

Auch in diesem Szenario kommt der Mindestlohn für freiwillige Praktika. Sie werden nicht mehr angeboten, weshalb die meisten Studenten am Ende ihrer Ausbildung nur noch ein Schulpraktikum und ein Pflichtpraktikum des Studiums vorweisen können. Unternehmen sind gezwungen, die Abgänger auch mit weniger Berufserfahrung einzustellen. Dadurch sinken die Einstiegsgehälter. Vor allem einige Start-ups können nur noch sehr niedrige Einstiegslöhne zahlen - oder müssen in der Anfangsphase ohne Hilfe auskommen. Gleichzeitig müssen die Unternehmen manche ganz einfachen Dienstleistungen, die vorher Praktikanten übernommen haben, teurer abrechnen.

Thema: 1.400 Euro für Praktikanten: Wie der gesetzliche Mindestlohn die Internetbranche verändert

Kommentar von Verena Gründel

Nicht-Bezahlen-Können und -Wollen liegen dicht beieinander

Die Branche beschwert sich in regelmäßigen Abständen über den Fachkräftemangel. Aber für Ausbildung und Recruiting tiefer in die Tasche greifen will sie auch nicht. Das zumindest suggeriert die Mindestlohn-Diskussion.

Weiterlesen
Verena Gründel, iBusiness (Privat)
Bild: Privat
Neuer Kommentar  Kommentare:
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Von: Markus Schreiner ,  tex Werbeagentur Pöhler Schreiner Nagel GmbH
Am: 12.02.2014

Zu: 1.400 Euro für Praktikanten: Wie der gesetzliche Mindestlohn die Internetbranche verändert

Es wird Zeit, dass es dem ein Ende gesetzt wird: mit Unanständigkeit Geld zu verdienen!
kein Bild hochgeladen
Von: Markus Schreiner ,  tex Werbeagentur Pöhler Schreiner Nagel GmbH
Am: 12.02.2014

Zu: 1.400 Euro für Praktikanten: Wie der gesetzliche Mindestlohn die Internetbranche verändert

Kann ein Wachstum auf Kosten von Praktikanten "gesund" sein? Es wird Zeit, dass dem ein Ende gemacht wird: mit Unanständigkeit Geld zu verdienen.

Das ist wie mit der Masttierhaltung: ein schlechtes Gewissen wegen schlechter Lebensbedingungen sorgen für schlechter Geschmack im Mund.
kein Bild hochgeladen
Von:
Am: 12.02.2014

Zu: 1.400 Euro für Praktikanten: Wie der gesetzliche Mindestlohn die Internetbranche verändert

Für Praktikanten und Azubis wird es sicherlich Ausnahmen vom Mindestlohn geben.
Siehe: http://www.focus.de/politik/deutschland/kein-anspruch-fuer-rentner-nahles-ausnahmen-csu-chef-seehofer-ruettelt-mindestlohn-1_id_3500450.html
Oder: http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.koalitionsvertrag-mindestlohn-gilt-nicht-fuer-lehrlinge.c4c52b3c-e7c0-46e4-baa0-702e32113bfe.html

In Frankreich (das den Deutschen ja quasi den Mindestlohn aufgezwungen hat) beispielsweise gelten Sonder-Regelungen für Praktika. Praktikanten steht hier nur 1/3 des gesetzlichen Mindestlohns zu. Allerdings muss nachgewiesen werden, dass es sich um ein Pflichtpraktikum im Rahmend des Studiums handelt.
Von:  Verena Gründel ,  Koelnmesse GmbH
Am: 13.02.2014

Zu: 1.400 Euro für Praktikanten: Wie der gesetzliche Mindestlohn die Internetbranche verändert

Hallo Frau Karahasanovic,

vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben Recht, für Azubis soll der Mindestlohn vermutlich nicht gelten. Azubi-Gehälter sind meiner Meinung nach auch eine andere Sache, darum soll es hier nicht gehen.
Im Mindestlohn-Abschnitt des Koalitionsvertrags werden Praktikanten nicht erwähnt. Wie oben beschrieben wurde die Einschränkung für sie kurzfristig entfernt. Deshalb ist bisher unklar, ob und welche Praktikanten vom Mindestlohn ausgeschlossen werden. Die CDU/CSU wünscht sich zwar zahlreiche Ausnahmen, auch sämtliche Praktika gehören dazu. Die SPD dagegen duldet kaum Ausnahmen - aber vermutlich, wie oben zitiert, stimmt sie für eine Ausnahme bei Pflichtpraktika während der Ausbildung. Das würde allerdings bedeutet, dass alle Nicht-Pflichtpraktika, was sicherlich die meisten sind, unter den Mindestlohn fallen würden.
Ich mag den Satz nicht, aber es bleibt tatsächlich abzuwarten.
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