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Voice Commerce: An welchen Grundvoraussetzungen es noch fehlt
17.08.2021 Eignen sich soziale Reize als Designelemente in einem Sprachassistenten, um höhere Zufriedenheit und Vertrauen für den digitalen Verkaufskanal zu erzeugen? ECommerce-Experten und Forscher sind dieser Frage nachgegangen.
Die Verbreitung von Geräten mit Sprachassistenz-Funktionen, wie z. B. Googles Assistant oder Amazons Alexa, führt zu einem rasanten Anstieg der NutzerInnenzahlen. Für Unternehmen eröffnet dies einen weiteren Verkaufskanal. Zudem wird es damit notwendig, Potenziale, etwa den Aufbau eigener sprachbasierter Verkaufskanäle (Voice Commerce), gezielt anzugehen. Derzeit steht der breiten Nutzung von Voice Commerce-Angeboten allerdings noch fehlende Zufriedenheit mit dem Kauferlebnis und mangelndes Vertrauen bei NutzerInnen entgegen.
Sprachassistenten gelingt es kaum, Vertrauen bei NutzerInnen zu erwecken, komplexere Vorgänge als beispielweise eine Wettervorhersage durchzuführen. Das Interaktionserlebnis wird durch die NutzerInnen meist nicht als ausreichend zufriedenstellend empfunden. Jedoch: Vertrauen und Zufriedenheit sind sowohl im traditionellen Handel als auch im E-Commerce zentrale Voraussetzungen für den Erfolg von Produktempfehlungen sowie den Aufbau positiver Kundenbeziehungen. Es geht, sowohl analog wie auch digital, um ein positives Einkaufserlebnis für die Kunden und Kundinnen.
Soziale Reize als Fundament für ein natürliches Einkaufserlebnis
Im lokalen Geschäft ist die Erzeugung eines besonderen Einkaufserlebnisses, basierend auf Vertrauen und Zufriedenheit, durch soziale Elemente der persönlichen Interaktion möglich. Sprachassistenten können ein solches Erlebnis noch nicht bereitstellen. Im Voice Commerce könnten aber soziale Reize ein natürlicheres Kauferlebnis vermitteln. An menschliche Interaktionsweisen angelehnte Designelemente adressieren soziale Bedürfnisse von Individuen. Beispiele für solche Designelemente sind:- auditive Elemente, z. B. Tonhöhe, Sprachtempo
- verbale Elemente, z. B. lexikalische Vielfalt, Lob durch den Sprachassistenten
- unsichtbare Elemente, z. B. Reaktionszeit
Höhere Zufriedenheit, aber weniger Vertrauen in Integrität
Die Studienergebnisse zeigten ein differenziertes Bild: soziale Reize, die den Assistenten menschlicher wirken lassen, führen zwar zu einem natürlicheren Kauferlebnis. Damit wirken sie sich positiv auf die Zufriedenheit der NutzerInnen aus. Hinsichtlich der Kompetenzwahrnehmung sind jedoch keine Unterschiede wahrnehmbar. Allerdings zeigen sich Unterschiede auf der moralischen Ebene.NutzerInnen bringen menschlicheren Assistenten im Kaufprozess zwar insofern mehr Vertrauen entgegen, dass diese in ihrem Interesse handeln (Wohlwollen). Dafür nehmen sie den Assistenten aber als weniger "ehrlich" wahr (Integrität). Der Verlust an Integrität entsteht möglicherweise dadurch, dass NutzerInnen einen bestimmten Reiz oder eine Reiz-Kombination als absichtliche Manipulation empfinden oder die verschwimmende Grenze zwischen Menschlichkeit und Maschine als suspekt empfunden wird und schließlich zu Misstrauen führt.
Konsequenzen für Unternehmen
Unternehmen konnten in den vergangenen Jahren lernen, dass sich Sprachassistenten rapide verbreiten. Die sich daraus ergebende Möglichkeit des Voice Commerce zeigt jedoch eine langsame Schrittgeschwindigkeit auf dem Weg zur Massentauglichkeit. Gleichzeitig ist Voice Commerce ein Feld, das durchaus Zukunftsfähigkeit als Verkaufskanal aufweist. Für Unternehmen, die Sprachassistenten und Voice Commerce einsetzen wollen, ergibt sich daraus die Empfehlung, die Auswirkungen sozialer Reize als Designelemente von Assistenten präzise zu evaluieren und differenziert zu verwenden. Es sollte nicht pauschal das Ziel einer gesteigerten Menschlichkeit verfolgt werden. Einheitsstrategien erhöhen das Risiko der Zielverfehlung. Daher ist intensives Testen der Auswirkungen der einzelnen Designelemente in der Zielgruppe essenziell und ein Training der Natural Language Processing (NLP)-Engine für ein adäquates Matching auf NutzerInnenanfragen notwendig. Um dies zu gewährleisten, müssen Unternehmen ausreichend Ressourcen in der Fach-, Konzeptions- und IT-Abteilung einplanen. So gelingt dann auch der Ausbau auf dem besonderen Kanal des Voice Commerce und eine gesteigerte Erreichbarkeit der NutzerInnen.Die iBusiness-Autoren:
Fabian Reinkemeier ist Consultant bei elaboratum, New Commerce Consulting, mit den Schwerpunkten Conversational ArtificIal Intelligence, (verhaltenswissenschaftliche) E-Commerce-Konzeption und User Experience. Diverse Erfahrungen im Bereich digitale Assistenten sammelte er unter anderem durch Konzeption und Projektleitung von Chatbot-Projekten einer führenden deutschen Versicherung. Fabian Reinkemeier leitet die Conversational User Interface-Taskforce bei elaboratum, parallel ist er als Doktorand und Dozent an der Universität Göttingen tätig.
Dr. Philipp Spreer ist Principal Consultant bei elaboratum. Er ist Autor des Fachbuchs PsyConversion und leitet den elaboratum Standort Hamburg.
