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SEO-Branche und Corona: Erschöpft, aber optimistisch
02.06.2020 SEOs ziehen Bilanz aus über zwei Monaten Lockdown: Die Lage ist geprägt von erstaunlich viel Arbeit, zunehmender Erschöpfung - aber auch Zuversicht.
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Online-Meetings, kleine Aufträge und die allgemeine Erschöpfung
"Mein gesamtes Team und ich sind ehrlich gesagt sehr erschöpft. Seit Anfang der Krise sind die Projekte kleiner aber dafür umso zahlreicher geworden", sagt Severin Lucks, Geschäftsführer der Onlinemarketing-Beratung und SEO-Agentur Delucks GmbH . Die Folge seien weniger Planungssicherheit und mehr Stress. Auch die Anzahl an Online-Meetings habe zugenommen: "Also mehr Meetings als je zuvor. Dadurch können wir unsere Umsätze ganz gut halten, es geht aber an die Substanz."Erst kürzlich zum Team gestoßene Mitarbeiter der SEO-Agenturen haben es nun doppelt schwer, anzukommen - da ist nicht nur die Stress-Situation eines neuen Betriebs, sondern auch die Ausnahmesituation eines nicht regulär stattfindenden Betriebs: "Mit Videocalls können wir zumindest etwas persönliche Nähe erzielen, aber für ganz neue Mitarbeiter ist es nicht einfach", sagt Thomas Kaiser, Geschäftsführer der SEO-Agentur Cyberpromote , weil "dabei doch sowohl die Einarbeitung erschwert ist, als auch der Aufbau von Beziehungen untereinander."
Die Auftragslage wird bei vielen aktuell von kleinen Projekten und Kunden aufrechterhalten. So zeigt sich Severin Lucks zwar zuversichtlich, stellt aber auch fest, dass die "Projekte von Konzernen mittlerweile Mangelware (sind) - die großen Unternehmen zittern immer noch, die KMU dagegen geben merklich Gas." Ähnliche große Unterschiede im Verhalten der Kunden stellt auch Thomas Kaiser fest: "Manche Kunden hat es hart getroffen, andere hingegen haben Zuwächse." Leider gleichen letztere Kunden nicht die Verluste aus, "aber es dämpft den Abschwung ab. Es gibt Kunden die noch im Krisenmodus sind und sich primär mit anderen Dingen beschäftigen." Und ein Geschäftsführer stellt die paradoxe Situation fest, dass seine am Boden liegenden Kunden - etwa aus der Messe- und Tourismus-Branche - erwartbar wenig Geld ausgeben; aber auch der Handdesinfektionshersteller, bei dem der Laden floriert, gibt kein Geld her - denn der benötige buchstäblich kein Marketing aktuell und auf absehbare Zeit.
Die Beschäftigung vieler Kunden mit sich selbst hat indes zum weitgehenden Erliegen von Nebeneinkünften bei einigen Agenturen geführt: Redner-Jobs oder Berater-Aufträge sind offenbar kaum zu bekommen. Dagegen bleibt es bei einer guten Nachfrage für Online-Substitute von Präsenzveranstaltungen, also Webinare und Onlinekurse.
Homeoffice bleibt bei den meisten eine unveränderte Krisen-Normalität, doch einige planen schon, wie man den Betrieb organisieren kann, wenn Lockerungen schließlich möglich und machbar sind: "Da unsere Büros relativ großräumig sind, sehe ich auch keine Probleme für die kommenden Monate,
wenn das Home Office zurückgefahren wird - natürlich bei entsprechender Durchlüftung", schaut Thomas Kaiser in die Zukunft. "Es könnte im Herbst bei kalten Tagen dann wieder ein Thema sein, dass nochmals eine stärkere Home-Office-Phase anstehen wird. Aber das wäre dann auch alles kein Problem."
Insgesamt läuft der Betrieb im Homeoffice weiterhin für die meisten gut - die Branche profitiert weiterhin von der bereits in Prä-Corona-Zeiten gut etablierten Homeoffice-Kultur: "Homeoffice (einzuführen) funktionierte sehr gut - leicht und selbstverständlich - die Stimmung hat darunter nicht wirklich gelitten. Wir waren aber auch nie eine Tischkicker- und Abends-zusammen-Bier-Agentur. Job ist Job, und dann nach Hause", sagt Ömer Atiker.
Mitarbeiter-Gesundheit: Die Dmexco ist kein Thema
Der Schutz der Mitarbeiter-Gesundheit ist in vielen SEO-Agenturen nicht allein ein Gebot der Verantwortung, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor: "Ausfälle durch Krankheit sind doch erhebliche Kosten", sagt Thomas Kaiser, der genau deswegen davon ausgeht, dass Messen in 2020 kein planbares Instrument sein werden - weder als Marketing-Tool noch als Auftraggeber: "Ob Messen in diesem Jahr überhaupt noch funktionieren, bezweifle ich." Im Gegenteil rechne er mit einem nachhaltigen Effekt, unter dem Messen zu leiden haben werden: Woher sollen die Besucher kommen? "Das liegt nicht nur an der persönlichen Angst, sondern auch dem Risiko, dass Mitarbeiter sich infizieren und weitere anstecken." Thomas Kaisers Agentur zumindest habe "Messen nicht in Planung und fokussieren uns auf eine neue Marketingstrategie."Severin Lucks hat in seiner Agentur das Standbein SEO-Software-Entwicklung massiv eingekürzt - um 80 Prozent - es nun aber wieder um 50 Prozent erhöht: "Im nächsten Monat gehe ich wieder auf 100 Prozent. Kurzarbeit und Corona-Hilfen waren nicht nötig - mein gesamtes Team und ich verdienen nach wie vor dasselbe." Die Perspektiven sind - bei anhaltender Erschöpfung - durchaus positiv: "Seit Mitte Mai habe ich auch unsere eigenen Investitionen in externe Dienstleister deutlich erhöht - mehr als noch vor der Krise." Die Normalität ist also aktuell noch mehr Ahnung als Alltag - aber wenn man genau hinguckt, erkennt man sie am Horizont. Wenn es weiter vorwärtsgeht mit der Corona-Situation, ist die Branche eines Tages da.
