Jetzt zum Webinar anmelden
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
OMR 2026: Zwischen Tech-Messe und Fachfestival für Realitätsverweigerung
20.04.2026 Die Branche feiert sich an der Elbe bei Deutschlands hippestem Digital-Festival - um zu vergessen, wie lebensbedrohlich ihre Probleme sind, raunen Experten.
Nichtsdestotrotz sind die Straßen teils gesperrt oder werden umgeleitet, um die Besucherströme zu kontrollieren - vor allem die großen Verkehrsachsen direkt an den Hallen. Gleichzeitig sind öffentliche Verkehrsmittel und Straßen deutlich stärker ausgelastet als üblich. Und auch abseits des Messegeländes ist das Event präsent: Hamburg wird für die Dauer der Veranstaltung zu einer Art "Pilgerstätte der digitalen Szene", mit zahlreichen Side-Events, Partys und Networking-Veranstaltungen in der ganzen Stadt. Hotels, Bars und Restaurants sind entsprechend stark belagert und wer um die Zeit ein Zimmer in der Stadt braucht, um seine kranke Oma zu besuchen, der kann der Großmama die Genesungswünsche und eine Entschuldigung eigentlich direkt aus der Heimat zumailen.
Trotz - oder gerade wegen - dieser dichten und teilweise hektischen Zustände gilt das OMR Festival als wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Die Messe gehört zu den größten Digital-Events Europas und ist langfristig bis mindestens 2034 in Hamburg gesichert. Natürlich nur, wenn das nicht die letzte OMR wird, wie ein Experte todernst prognostiziert. Aber der Reihe nach.
Das OMR Festival 2026 findet am 5. und 6. Mai statt, den Treffpunkt der Digital-, Marketing- und Medienszene in Europa werden 67.000 geschätzte Besucherinnen und Besucher sowie rund 1.000 Aussteller aufsuchen. Im Zentrum des Events steht ein prominent besetztes Konferenzprogramm, das Business, Technologie, Popkultur und Politik zu einem gewaltigen Content-Konstrukt zusammenschweißt: Da referiert die Football-Legende Tom Brady, der Einblicke in Markenaufbau und Unternehmertum gibt, neben Supermodel und Unternehmerin Heidi Klum, während Regisseur Roland Emmerich über langfristigen Erfolg, Storytelling und die Bedeutung von Innovation sprechen wird - allesamt keine Persönlichkeiten, denen man Ahnungslosigkeit auf dem Feld des Geldverdienens vorwerfen kann.
Prominente Großverdiener erklären, wo der Barthel den Most herholt
Darüber hinaus ist das Festival stolz darauf, Akteure aus unterschiedlichsten Bereichen zusammen: Neben Tech- und KI-Expertinnen wie Meredith Whittaker treten dieses Jahr auch politische Vertreter wie Lars Klingbeil auf. Insgesamt umfasst das Line-up mehr als 800 Speaker, die aktuelle Trends, Herausforderungen und Zukunftsthemen der digitalen Wirtschaft diskutieren.Die geheime Zutat der scharfen Sauce namens OMR Festival ist eine Verbindung aus Fachkonferenz und Entertainment, die jede Dmexco wie einen Fachkongress für Buchhaltung aussehen lässt. Neben Vorträgen und Masterclasses sorgt ein umfangreiches Musik- und Rahmenprogramm für Festivalcharakter. Künstler wie SSIO, ZAH1DE und Mark Forster treten auf. Insgesamt zeigt das OMR Festival 2026, wie stark die Grenzen zwischen Marketing, Technologie und Popkultur verschwimmen, wenn internationale Stars den Branchenexpertinnen Klinke und Clicker in die Hand drücken.
Liest man die Ausstellerliste der OMR 2026 und schnuppert auch ein wenig zwischen den Zeilen, so zeigt sich ein klar konturiertes Bild der digitalen Marketingbranche - und zugleich ihrer aktuellen Verschiebungen. Rund 1.000 Unternehmen präsentieren sich in Hamburg, von globalen Plattformkonzernen über spezialisierte Softwareanbieter bis hin zu jungen Start-ups. Auffällig ist dabei vor allem die Dominanz technologiegetriebener Anbieter: Große Player wie Google oder SAP stehen exemplarisch für die Infrastruktur des digitalen Marketings, während eine breite Masse an SaaS- und MarTech-Unternehmen operative Lösungen für Kampagnensteuerung, Datenanalyse oder Automatisierung liefert.
Der typische Aussteller ist damit kein klassischer Werbedienstleister mehr, sondern ein technologieorientiertes Unternehmen, das ein spezifisches Problem im Marketing-Funnel adressiert. Besonders stark vertreten sind Tools für CRM, Tracking, Attribution sowie Content- und Social-Media-Management. Ergänzt wird das Bild durch E-Commerce-Anbieter, Agenturen und Plattformen der Creator Economy - ein Hinweis darauf, wie unentwirrbar sich Marketing, Commerce und Content inzwischen verknotet haben.
Inhaltlich verdichten sich mehrere Trends: einer davon ist Künstliche Intelligenz (hier darf man sich gerne ein in nordisch Platt in den Seemanns-Bart gemurmeltes, sarkastisches "Überraschung, Überraschung!" vorstellen). Sie ist zum zentralen Treiber geworden und findet sich quer durch nahezu alle Produktkategorien - von automatisierter Kampagnensteuerung bis zur Content-Produktion. Parallel dazu rückt der Umgang mit Daten stärker in den Fokus, insbesondere vor dem Hintergrund des Endes klassischer Tracking-Methoden. Viele Anbieter positionieren sich daher rund um First-Party-Daten und neue Messmodelle.
Die großen Probleme werden stumm-gefeiert
Gleichzeitig zeigt die Ausstellerstruktur die fortschreitende Plattformisierung des Marktes auf und die darin deutlich werdende Abhängigkeit von US-Konzernen darf man als digitales Spiegelbild der westlichen Abhängigkeit von arabischen Brennstofflieferanten und somit durchaus kritisch sehen. Zahlreiche Lösungen bauen direkt auf den Ökosystemen von Google, Meta oder Amazon auf. Hinzu kommt eine Professionalisierung der Creator Economy: Influencer-Marketing wird zunehmend softwaregestützt und performance-orientiert gedacht. Allerdings finde das keiner alarmierend, zumindest nicht, wenn man ins Konferenzprogramm schaut. Da wundert sich auch ein Branchenurgestein wie Thomas "Mr. Media" Koch, Marketing-Experte und Berater : "Während wir auf Konferenzen über Attribution, KI und Programmatic diskutieren, übersehen wir das Offensichtliche: Wir finanzieren mit unseren Mediabudgets die Zerstörung der Medienvielfalt!" Koch meint die Finanzierung eben jener Erdöllieferanten des Webs, den Plattformen, die kein Geld mehr für andere Medien übriglassen, was die Grundlage der eigenen Arbeit unterminiere: "Doch in den kleinteiligen Vorträgen fehlt das gänzlich - das große Bild sucht man vergebens."Auch das allgemeine Staunen und Raunen über KI könnte für seinen Geschmack kritischer beleuchten, denn wenn "KI nicht nur Prozesse automatisiert, sondern Millionen Konsumenten ihrer Kaufkraft beraubt, sägt das Marketing an dem Ast, auf dem es sitzt - und wundert sich anschließend über sinkende Werbewirkung." Doch die "Branche feiert sich auf Bühnen und Panels, während sie gleichzeitig ihre eigenen Jobs, ihre Zielgruppen und die demokratische Infrastruktur aufs Spiel setzt." Für Koch ist die OMR damit Teil einer Veranstaltungs-Ökonomie, die keine Transformation beleuchtet, sondern "kollektive Realitätsverweigerung" betreibt. Das Festival, so verschärft Koch seine Sorge zu einer gewagten Hypothese, müsse aufpassen, nicht das letzte zu werden, wenn die Ignoranz gegenüber der bevorstehenden KI-, Krisen- und Plattform-Apokalypse so weiter bestehe.
Ralf Scharnhorst , langjähriger Media-Experte in verschiedenen Rollen und Chef der Beratung m42m GmbH spaziert nach eigener Aussage gerne über die Messe, er "versuche zu erraten, welches Problem die dortigen Stand-Inhaber-Unternehmen lösen. Was wohl passiert, wenn man sie das fragt?" Das Tamtam des festivals indes liegt ihm eher fern: "Ich bin ja so eher der Informations-Nerd als der Entertainment-Junkie. Daher werde ich versuchen, mich von all den One-Hit-Wonders auf der Bühne fern zu halten: von Heidi Klum und Tom Brady kann ich nichts lernen, das ich für mich anwenden kann." Was er dagegen sehr schätze, seine beispielsweise "die schlauen Analysen von Pip Klöckner - auch wenn er sie so dicht packt, dass es eigentlich besser ist, es später als Video anzusehen, um mal kurz zurück spulen zu können." Die "Masterclasses" indes spare er sich ganz - "Dauerwerbesendungen kann ich auch woanders sehen. Was die OMR einzigartig macht: die Masse der Menschen, damit die Networking-Möglichkeiten und die Festival-Stimmung - und darauf freue ich mich."
