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KI und

Wo bleiben die smarten Assistenten?

10.06.2024 Liebe KI-Revolution: Wann kommen Assistenten, die mehr können als Wecker stellen? Vielleicht nie: Advertising und Konzern-Gier bauen dem Fortschritt unüberwindbare Hürden. Es sei denn...

Warten auf Go-Live: Machbar sind smarte Assistenten spätestens seit der KI-Revolution. Wieso gibt es keine? (Bild: Sebastian Halm/ Midjourney)
Bild: Sebastian Halm/ Midjourney
Warten auf Go-Live: Machbar sind smarte Assistenten spätestens seit der KI-Revolution. Wieso gibt es keine?

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TL;DR
Solange das Web in Ökosystemen und Werbepartnerschaften funktioniert, laufen KI-Agenten an Krücken.
Wieso befassen sich Menschen mit KI? Wieso wollen sie so etwas? Wenn KI keine Untergangsängste auslöst, macht sie vor allem ein Versprechen: Sie macht das Leben leichter und angenehmer, sie schenkt uns Zeit: Wenn die smarte Maschine etwas für uns tut, können wir uns anderen Dingen widmen. Die Manifestation dieses KI-Versprechens in der echten Welt sind die Agenten und Assistenzlösungen: die Alexas, die Google Assistants, die Siris. Doch irgendwie geht es hier seit Jahren scheinbar einen Schritt vor und zwei zurück.

Google stellte 2018 auf der I/O seinen erweiterten Agenten Duplex vor, der selbstständig Anrufe tätigen konnte, also auf das Kommando: "Mach mir einen Friseurtermim in San Francisco" nicht nur verstand, sondern auch analog buchen konnte: Mit einer computergenerierten, menschenähnlichen Stimme klingelte Duplex bei Abwesenheit von Online-Buchungsmöglichkeiten (2018 noch ein größeres Problem) durch und führte die Aufgaben aus. Doch nie wieder hörten wir danach von Duplex.

Die Technologie war manchen NutzerInnen schlicht zu gruslig, doch das Hauptproblem war offenbar, so Techcrunch  , ein Klassiker bei der Einführung neuer, vernetzter Technologien: Es gab zu wenig Partner, mit denen das Ganze funktionierte. Wollte man anstelle des Anrufs beim kleinen Laden nebenan stattdessen ein Auto bei einer großen Vermietung buchen, so griff Duplex nur auf die zahlenden Partner des Agenten-Betreibers Google zu.

Heute sieht es ähnlich aus: Agenten sind vor allem entweder auf Smartphones zu Hause oder stecken in den verständigen Speakern von Smart-Home-Anbietern. Doch kann man mit ihnen einen Urlaub buchen? Organisieren sie für einen den Business-Trip inklusive Übernachtung? Oder kann ein Agent eine Gartenhütte bauen lassen: inklusive Vermessung, Materialeinkauf und Dienstleister-Beauftragung - komplexe, aber in Zeiten von KI machbare Jobs also. Nein. Das hat einen Grund.

Und hier stoßen wir auf die Kernfrage NACH der Agentenzukunft: Technisch sind wir weiter denn je, die KI-Revolution ist da - frisst sie abermals ihr aussichtsreichstes Kind, den virtuellen Assistenten? Oder kurz gesagt:

Kommen jemals die Alles-Könner-Assistenten? Drei mögliche Antworten.

Antwort eins: Niemals! Außer in einem Bereich

Es wird nicht an der Künstlichen Intelligenz scheitern - wieso sollte die nicht irgendwann hinbekommen, was der Advertising-Kosmos seit Jahren macht: Alles so automatisieren, dass es in Millisekunden klappt. Es werden die Systemhürden sein, die Agenten zum Scheitern bringen. Ich kann keinen Business-Trip buchen lassen, denn mein Agent hat nur Partnerschaften mit einem Hotel, dass es in meiner Stadt nicht gibt oder bietet nur Mietwagen an, zu deren Abholstation ich eine halbe Stunde laufen muss und so weiter und so fort, bis man den ganzen Mist entnervt selber bucht.

Technisch ist alles recht einfach, die neuen Sprachmodelle (LLMs), so sagt Professor Andreas Moring, der International Management, E-Commerce und Kommunikationswissenschaft an der International School of Management (ISM) in Hamburg   lehrt, "diese Technologien können Nachfragen stellen, um Präzisierung bitten und so dialogisch Aufgaben erledigen - das ist ein ganz anderes Niveau als vor noch zwei Jahren." Aber es werde immer so sein, dass Bots auf manche Teile des Webs, der Welt oder ganze konkurrierende Ökosysteme nicht zugreifen können werden, so Moring: "Selbst wenn Transparenz vorgeschrieben wird, steht noch der Datenschutz davor, die EU kann ja Verordnungen wie den AI Act erlassen, das interessiert Google und Apple dann wenig, die USA oder China ebenso: Ich kenne kein Beispiel wo internationale Standards funktionieren."

Also gibt es stattdessen einfach ein Dutzend Agenten, von dem dann ein halbes übrigbleibt, die dann aber viel mehr können müssen als heute noch? Vielleicht nicht einmal das - denn was ist ein Agent wert, wenn man nur mit bestimmten Dienstleistern (Werbepartnern des Agenten-Betreibers) in streng limitierten Grenzen (Preise, verfügbare Zeiten etc.) buchen kann? Viel wahrscheinlicher ist eine andere Agentenzukunft.

"Ich sehe das Potenzial eher in den Unternehmen selbst: Da wird es unternehmensinterne Kommunikations- und BusinessManagement-Avatare geben, die für mich Jobs erledigen", glaubt Moring. Zumal moderne Anwendungen kaum noch Hürden wie Silos oder die Grenze zur analogen Welt respektieren: ChatRTX   und claudeAI   sind potente KIs, mit denen man auf seine Firma LLMs maßschneidern kann, die Datenbestände systemunabhängig durchforsten oder PDFs lesen können. "Der Assistent kann Daten nach verschiedenen Fragestellungen durchgehen, in verschiedenen Szenarien durchkalkulieren, Texte schärfen, Zahlen prüfen - da wird in 3-5 Jahren viel passieren", sagt Moring. Beispielhafte Anwendungen könnten verschiedene Parteien nutzen:
  • Projektentwickler, die eine Lösung bauen müssen,
  • Unternehmensberatungen, die Firmenprozesse durchleuchten wollen,
  • ein Zulieferer, der mit verschiedenen Standorten kooperieren muss.

Antwort zwei: Vielleicht. Mittels monumentalen gesellschaftlichen Umdenkens


Deutlich hoffnungsvoller ist Digitalexperte, Marketing-Fachmann und Rektor der Hochschule Stralsund  , Professor Ralph Sonntag, der sich Agentenlösungen wünscht, die in einer Art sozialen Pakt der Gesellschaft dienen und dabei KI in den Dienst der Menschheit stellen. Was man heute als idealistisch weglächeln kann, war de facto einmal das lange vergessene Anfangsversprechen der Digitalisierung, die versprach, "niemals Böses zu tun", "Informationen unter den Fingerspitzen" abrufbar zu machen, Menschen zu verbinden und elitäre Machtmittel zu demokratisieren.

"Plattformen, die am offensten sind, werden das meiste Vertrauen bekommen, die restriktiven vom Benutzer abgestraft werden", lautet seine Hoffnung auf eine quasi Nachfrage-gesteuerte Beseitigung der Systemhürden für Agenten, Druck von unten gleichsam, der eines Deckels von oben bedarf: "Da muss auch eine Regulierungsbehörde die Konzerne dazu bringen, ihre Walled Gardens zu öffnen." Reflexartige Drohungen der Konzerne, dann eben Dienste nicht anzubieten oder Inhalte zu deindizieren, sieht Sonntag eher gelassen: "Ein Google ist ja nicht verpflichtet seine Dienste allesamt in der EU anzubieten - nur könnten die Aktionäre verärgert reagieren, wenn man geschlossene Systeme dem Umsatz vorzieht."

Sonntag plädiert dafür, das Web und Agenten nicht allein Konzernen zu überlassen, sondern auch als Job des Staates zu sehen: "Infrastruktur wie Strommasten und Autobahn sind im Wesenskern wie das Web und werden vom Staat bereit gestellt. Heute müssen es Web und KI sein."

Antwort drei: Ein Kampf ohne absehbares Ende steht an (aka: Fast so weiter wie bisher)


Für Informatiker, Datenschutz-Aktivist   und Mathematiker Christian Bennefeld haben Apple und Amazon und Co das Agententhema schlicht verpennt, vor allem die Chance, den bestehenden Lösungen mittels KI den Turbo einzubauen. "Apple hat mit OpenELM ein winziges Open Weights LLM rausgebracht", sagt er. Dort stehen 270 Millionen bis 3 Milliarden Parameter den mit 175 Milliarden von ChatGPT-3.5 scheu gegenüber. "Von ChatGPT-4, das sicher nochmal doppelt oder gar zehnfach mehr Parameter hat, mal ganz abgesehen." Doch der Vorsprung von OpenAI ist nicht das Einzige, was die GAFA-Dickfische vom Durchbruch auf dem Agentenfeld abhält, sagt Bennefeld.
  • Training dauert, frisst Daten und ist kleinteilig fummelig bei der Fehler-Austreibung.
  • Alignment - die Ausrichtung der Antworten in Richtung des erwünschten Ergebnisses, inklusive der Unterdrückung anstößiger oder gefährlicher Inhalte: Ein LLM soll ja keine Bombenbauanleitungen zeigen. Kostet sehr viel Zeit.
  • Rechenzentrumskapazitäten, um Millionen (oder gar Milliarden) NutzerInnen zu bedienen. Teuer. Dauert. Schwierig.

Das größte Problem werde aber die Qualität sein, sagt Bennefeld: "Denn Siri und Alexa werden zur Haus-Automatisierung verwendet. Wenn da ein LLM Mist baut, etwa pausenlos die Garage öffnet, den Garten sprengt oder die Lautstärke aufdreht, weil es etwas falsch verstanden hat, ist nicht nur die Aufregung groß: Das kann dann schwere Konsequenzen bis zur Lebensgefahr nach sich ziehen."

Bennefeld geht davon aus, dass Apple mit einem eigenen KI-Agenten aufwarten wird, der auf den Endgeräten selbst läuft und dass Amazon in Open Weights Modelle investieren dürfte (also in Modelle frei zugänglicher und veränderbarer Gewichtungen der neuronalen Verbindungen), und alle großen Techkonzerne nicht um Partnerschaften, etwa mit OpenAI, herumkommen werden. Es geht also in diesem Szenario, alle gegen alle und manche gemeinsam gegen den Rest, weiter.

Ja, was stimmt denn jetzt: Versuch eines Fazits

Vermutlich werden wir Realisationen aller drei möglichen Antworten erleben: Zum einen geschlossene Systeme - der Apple-Agent, der Google Assistent - die unzureichend vernetzte Agenten für immer unter ihrem Potenzial verharren lassen. Ebenso wird es firmeninterne Agenten geben. Die können die paradoxe Lage ausnutzen, dass sie einerseits extrem beschränkt (nur mittels der Unternehmensdaten innerhalb des Unternehmens) agieren können. B2B-Agenten werden in einem begrenzten Rahmen das maximale Potenzial abrufen können, zu dem KI-Assistenten in der Lage sind. Schließlich wird auch Regulierung manche Hürden entfernen und die Anbieter verdonnern, ihre Agenten nicht nur im eigenen Ökosystem operieren zu lassen. Aber das schränkt natürlich die Monetarisierbarkeit ein - plötzlich muss man Dienstleister sichtbar machen oder vernetzen, die keine Kohle dafür abdrücken. Daher werden die Konzerne das Agententhema stiefmütterlich weiterführen oder Leistungen in regulierten Räumen wie der EU streichen.

Wenn ein Agent für den Mainstream kommen wird, dann wohl nicht aus Europa: Nur die großen Datenspeichergiganten wie Google, Amazon, Microsoft verfügen aber über die Möglichkeiten (die erforderlichen) großen Datenmengen zu speichern und sinnvoll zu verwalten", sagt Klause Kuenen, "Wie sich das auswirkt haben wir im letzten Jahr gesehen, als Google innerhalb weniger Monate den KI Agent Gemini aus dem Handgelenk schüttelte." Überträgt man das auf ein europäisches Unternehmen, bleibe wenig Erfolgsaussicht: "Seit mehreren Jahren wird bereits an einer europäischen Suchmaschine als Pendant zu Google gearbeitet ? ohne nennenswerten Erfolg."
Der allumfassende Agent erscheint mehr denn je als Utopie (oder Dystopie, je nachdem wie man es nimmt) - oder komplett unrealisierbar, nimmt man die EU-Perspektive ein.
Thema: Wo bleiben die smarten Assistenten?

Kommentar von Sebastian Halm

Und wer braucht das? (Wird man ja noch fragen dürfen)

Technische Machbarkeit hin und Monetarisierbarkeit her: Wer braucht Agenten überhaupt?

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 (Sebastian Halm/ Midjourney)
Bild: Sebastian Halm/ Midjourney
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