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Studie belegt: Wer nach seiner Krankheit googelt, hat garantiert AIDS-Krebs

08.09.2015 Wer Dr. Google nach seinen Krankheiten befragt, ist sich hinterher für gewöhnlich sicher, binnen Stunden an etwas Unheilbaren zu sterben. Eine Analyse von mehr als 100 Ratgeberseiten belegt diese digitale Volksweisheit: Sie ermittelt die dürftige Qualität der veröffentlichten Gesundheitsinformationen. Und stellt fest, dass vor allem die Norddeutschen gesundheitsgoogeln - und dass die beliebteste Krankheit außergewöhnlich ist.

Dr. Google muss dringend in eine Schulung (Bild: Pixabay / Public Domain)
Bild: Pixabay / Public Domain
Dr. Google muss dringend in eine Schulung
Schilddrüsenvergrößerung ist mit durchschnittlich 294.000 Suchen pro Monat die mit Abstand meistgesuchte Krankheit der Deutschen im Internet. Erst dann folgen auf Rang zwei und drei die Volkskrankheiten Diabetes (140.220 Suchen pro Monat) und Hämorrhoiden (127.400 Suchen pro Monat). Das ist das überraschende Ergebnis der Studie "Praxis Dr. Internet", die die Central Krankenversicherung   veröffentlicht hat. Die Studie fußt auf einer Analyse von deutschlandweit mehr als 41,2 Millionen Google-Suchen (Zeitraum 11/2013-10/2014) und gibt Aufschluss über das regionale Krankheitssuchverhalten der Deutschen.

Demnach informieren sich Hamburger, Bremer und Berliner mit durchschnittlich 1 bis 1,18 Suchen pro Einwohner (Alter: 14-75 Jahre) im Jahr bundesweit am häufigsten über Krankheiten im Internet. Am wenigsten verbreitet ist das Krankheiten-Googeln hingegen in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Im Schnitt sind es in den ostdeutschen Bundesländern gerade einmal 0,3 bis 0,44 Krankheitssuchen pro Einwohner im Jahr.

Ausgehend von den meistgesuchten Krankheiten der Deutschen ermittelte die Studie, wie es um die Qualität der im Internet veröffentlichten Gesundheitsinformationen bestellt ist. Hierzu analysierte ein Ärzteteam mittels eines umfassenden Webseiten-Checks insgesamt 100 Ratgeberseiten und kam nach Prüfung von 24 Kriterien zu einem ernüchternden Ergebnis: Mehr als 30 Prozent der bewerteten Webseiten schnitten mit "mangelhaft" oder sogar "ungenügend" ab. Über alle 100 Webseiten hinweg wurde gerade einmal die Durchschnittsnote "ausreichend" (4+) erzielt. "Angesichts der Tatsache, dass etwa 80 Prozent der Internetsurfer Gesundheitsinformationen im Netz suchen, ist dieses Ergebnis mehr als bedenklich", klagt Studienleiter Dr. Markus Homann . Hier drohe, dass Gesundheitssurfer auf Grundlage falscher Informationen selbst Diagnosen erstellen und sich schlimmstenfalls selbst behandeln. Der Gesundheitsmanager spricht sich deshalb für verbindliche Standards für Gesundheitsinformationen im Netz aus.

Die meist gesuchten Krankheiten im Web

Chronische Krankheiten, psychische Leiden und gesellschaftlich tabuisierte Erkrankungen führen das Top-10-Ranking der meistgesuchten Krankheiten der Deutschen an. So landen neben Diabetes, Bluthochdruck, ADHS und Depressionen mit Hämorrhoiden und Magersucht gleich zwei Krankheiten in den Top 10, die zu den Tabukrankheiten gehören und offensichtlich eine deutlich höhere gesellschaftliche Relevanz haben, als es die Zahl an tatsächlichen Diagnosen durch Ärzte vermuten lässt:

(Grafik: Central)


Basis der Erhebung ist ein Krankheitenkatalog, der auf Grundlage öffentlicher Diagnosestatistiken sowie der Expertise eines interdisziplinären Ärzteteams erstellt wurde. Er umfasst sowohl die am häufigsten in deutschen Arztpraxen diagnostizierten Krankheiten als auch die wichtigsten Tabukrankheiten, die deutlich seltener zum Arztbesuch führen. Warum ausgerechnet die Schilddrüsenvergrößerung Spitzenreiter des Rankings ist und mehr als doppelt so häufig wie die Volkskrankheit Diabetes im Internet gesucht wird, erklären sich die Studienautoren damit, dass die Ursachen der Schilddrüsenerkrankung ebenso vielfältig wie die Therapieansätze sind. Damit sind hier auch die Verunsicherung und das Informationsbedürfnis bei den Patienten sehr hoch.

In den Stadtstaaten wird Dr. Google besonders oft gefragt

Mehr als 41,2 Millionen Mal suchten die Deutschen innerhalb eines Jahres nach Krankheiten im Internet. Dabei kommen im Bundesvergleich die meisten Krankheitssuchen pro Einwohner aus Hamburg, Berlin und Bremen. Das Schlusslicht bilden Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Warum gerade in den Stadtstaaten so häufig nach Krankheiten im Internet recherchiert wird, liegt nach Ansicht der Autoren neben soziodemografischen Faktoren wie Alters- und Bildungsunterschieden sowie dem Technik- bzw. Internetzugang auch an der Ärztedichte: "Diese ist im urbanen Umfeld der Stadtstaaten pro Einwohner am höchsten und führt zu mehr Praxisbesuchen, Diagnosen und Krankheitsrecherchen". Viele Arztbesuche scheinen viel Unsicherheit bei Patienten auszulösen, worauf gegoogelt wird.
(Grafik: Central)

Während die Top-10-Krankheiten in nahezu allen Bundesländern ähnlich häufig gesucht werden, ergeben sich auf den nachfolgenden Rängen zum Teil erhebliche Unterschiede. So verzeichnen etwa Brandenburg und Berlin, verglichen mit dem Bundesdurchschnitt, ein überdurchschnittliches Krankheitssuchvolumen für Brustkrebs. In Hamburg und Bremen wird nicht nur generell am häufigsten nach Krankheiten im Netz recherchiert, Bewohner der beiden Stadtstaaten suchen auch überdurchschnittlich oft nach psychosomatischen Erkrankungen. Hierbei leiden Erkrankte unter verschiedenen körperlichen Beschwerden, für die jedoch keine körperlichen Ursachen zu finden sind. Hamburg und Berlin verzeichnen außerdem, verglichen mit dem Bundesdurchschnitt, die meisten Google-Suchen für Akne. Und schließlich informieren sich Berliner überdurchschnittlich oft über HIV im Internet.

Bei welchen Krankheiten darüber hinaus in den einzelnen Bundesländern im Vergleich zum Bundesdurchschnitt ein höheres Suchvolumen generiert wird, zeigt die folgende Übersicht:

(Grafik: Central)


Der Affinitätsindex zeigt an, ob eine Krankheit im Vergleich zum Bundesdurchschnitt (Wert=100) häufiger (Werte über 100) oder seltener (Werte unter 100) gesucht wird. Hier sind jeweils die Top-3-Krankheiten pro Bundesland mit der höchsten Abweichung dargestellt.

Gesundheits-Webseiten: Nur neun sind "gut"

Unter den Informationsangeboten zu den zehn untersuchten Krankheiten schnitten die Webseiten zu den Themen Magersucht (3+) und Depression (3-) mit der Durchschnittsnote "befriedigend" noch am besten ab. Enttäuschend: Die Informationen über die übrigen acht untersuchten Krankheiten wurden jeweils nur mit "ausreichend" bewertet.
Notenverteilung im Einzelnen
Note Wie häufig erreicht?
Sehr gut -
Gut 9
Befriedigend 34
Ausreichend 24
Mangelhaft 30
Ungenügend 3

Die bewerteten Webseiten schnitten bei den formalen Kriterien und bei der Verständlichkeit insgesamt am besten ab. So wurde in der Kategorie Transparenz ein "gut" (2) und in der Kategorie Verständlichkeit ein "befriedigend" (3) erreicht. In der Kategorie Zuordnung rutschten die bewerteten Webseiten ganz knapp auf ein "ausreichend" (4+) ab, fielen jedoch bei den inhaltlichen Kriterien deutlicher zurück:

  • Innerhalb der Kategorie Vollständigkeit (Note: 4-) wurden die Variationsbreite an Symptomen und zum Teil auch die Therapieoptionen hinreichend beschrieben. Gleichwohl gab es bei mehr als der Hälfte der Treffer bei der Beschreibung der Therapieoptionen gravierende Lücken. So wurde zum Beispiel auf einer Internetseite zum Thema Diabetes die Insulintherapie erklärt, aber eine der häufigsten Therapieformen überhaupt nicht erwähnt: die medikamentöse Blutzuckereinstellung. Besonders oberflächlich wurde zudem auf allgemein bekannte unspezifische Symptome eingegangen. Bei 71 der 100 Ratgeberseiten fehlten entweder Hinweise auf andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen und auf die Gefahren bei ausbleibender Therapie oder sie waren unvollständig. Vor allem ist sehr bedenklich, dass nur auf knapp jeder dritten Ratgeberseite ein exakter Hinweis darauf zu finden war, wann Betroffene einen Arzt aufsuchen sollten.

  • In der Kategorie Belegbarkeit (4+) fehlte bei drei von vier Seiten der vollständige Beleg der Aussagen durch wissenschaftliche oder andere medizinisch relevante Quellen. Dabei wurde in der Hälfte der Fälle auf jegliche Quellenangabe verzichtet. Zudem waren die beschriebenen Therapien nur unregelmäßig evidenzbasiert und leitlinienkonform und es fehlte in fast allen Fällen ein Hinweis auf den Evidenzgrad. Dieser gibt einen Hinweis darauf, ob die Wirksamkeit einer Therapieempfehlung durch glaubwürdige und aussagekräftige Studien
    belegt werden kann. Auch auf gültige Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften und Arbeitsgemeinschaften wurde nur selten hingewiesen. Beispielsweise stellten zwei Internetseiten zum Thema ADHS sehr übersichtlich die Erkrankung mit ihren verschiedenen Symptomen und verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten dar, allerdings wurden weder Quellen zum Bezug der Informationen noch zur Wirksamkeit der Therapien angegeben.

  • Ausgewogenheit(4): Die Darstellungen waren in der Regel frei von weltanschaulichen Einflüssen, allerdings wurde häufig nicht darauf hingewiesen, dass es alternative Behandlungsmethoden gibt und welches Für und Wider dabei zu beachten ist. Ebenso wurden nur selten verschiedene Arznei-, Hilfs- oder Heilmitteloptionen dargestellt, deren Wirksamkeit bei einer Therapie nachgewiesen ist.
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