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Lütte Lage, Elf-elf: N-faktisches Zeitalter, Zukunft 2041
11.11.2016 Die Trump-Wahl zeigt: Wir leben in einem N-faktischen Zeitalter (nicht in einem postfaktischen). Aber die Zukunft 2041 wird gut.
Die Trump-Wahl und die N-faktische Zeit
Die Wahl des Populisten Donald Trump zum neuen US-Präsidenten - ist das der Beleg dafür, dass "das Zeitalter der Fakten vorbei ist" , wie die Zeit schrieb? Steckt doch hinter dem Siegeszug der Halb- und Nichtwahrheiten der Aufstieg von Donald Trump, der Ausstieg der Briten aus der EU und der Abstieg der Qualität des politischen Diskurses in Deutschland durch AFD und Pegida. Ich glaube nicht an "postfaktisch". Für mich gibt es ein N-faktisches Zeitalter. Und ich verrate auch, warum.Ich hatte an dieser Stelle vor einigen Monaten sogar davor gewarnt, dass die Granularisierung der Wahrheit zu einer Bedrohung für die Demokratie wird. Tatsächlich besteht das Problem aus vier unterschiedlichen Entwicklungen:
1. Die Echtzeitfalle:
Weil sich die Internet-Kommunikation von dem komplizierten hin zu einem chaotischen System entwickelt, verstärkt sich die Aufregungsamplitude. Demagogen wie Donald Trump sind nicht zuletzt deswegen so erfolgreich, weil sie Gedanken und politische Aussagen auf 140 Zeichen twittergerecht verkürzen und dadurch die 90-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne eines Tweets optimal ausnutzen. Zudem sorgen Polit-Bots - Social-Media-Agenten - für noch höhere Aufregungsamplituden, weil sie Resonanz durch (scheinbare, Maschinen-)Resonanz verstärken. Die Folge: Politischer Diskurs innerhalb einer Gesellschaft wird ersetzt durch Aufregung.2. Die Relevanz-Spirale:
Social Media verengt das Denken: Seit iBusiness im Frühjahr 2011 zuerst vor der drohenden Relevanzspirale gewarnt hatte, haben sich durch die verbesserten Algorithmen die individuellen Filterbubbles verstärkt: Man entfolgt den Pegida-Freund oder den Gutmenschen und sieht nur noch, was man ohnehin meint und glaubt. (iBusiness: "Relevanzspirale: Wie Social-Media-Algorithmen das Denken verengen"). Aber Filter-Algorithmen schließen aus dem Verhalten von heute auf Interessen von morgen. Das führt zu einer Verkürzung und Vereinfachung der Wirklichkeit.3. Die abgehängte Mehrheit:
Je schneller sich der technische Fortschritt in dieser globalisierten Welt entwickelt und beschleunigt, um so mehr Menschen werden von ihm abgehängt. Sie können der Entwicklung schlicht nicht mehr folgen. Dieses Unwissen führt zu Ablehnung, Vorurteilen, Verschwörungstheorien. Unglücklicherweise handelt es sich bei dem "abgehängt werden" um einen strukturellen Faktor, der auch in Zukunft nicht verschwinden wird (iBusiness: "Warum der Fortschritt der Zukunft nicht für alle sein kann").4. Die dekonstruierte Wahrheit
Es gibt immer mehr Wahrheiten - Native Advertising und russische Staatspropaganda, meinungsstarke Blogger und Postillion, Klimagegner und Content-Targeting brechen, individualisieren und dekonstruieren Wahrheit.Die Fakten sind nicht verschwunden. Sie sind ja auch noch da. Es wird sich auch für sie interessiert. Nur: Es sind nicht mehr dieselben Wahrheiten, auf die eine Gesellschaft aufbaut. Der immer hektischer werdende Multi-Monolog der Positionen relativiert sämtliche Fakten - auch solche, die für uns andere eigentlich nicht relativierbar sind ("Die Amerikaner sind tatsächlich auf dem Mond gelandet." "Es gibt tatsächlich eine globale Klimaerwärmung". "Impfungen sind sinnvoll.") Deswegen spreche ich lieber von einem N-faktischen Zeitalter, als von einem postfaktischen. Denn auch schon früher war es so, dass es immer mehr als eine Wahrheit gab ...
Doch am Ende bleibt in einem N-faktischen Zeitalter nur ein globales Netz übrig, gefüllt mit granularisierten Mikromeinungen und unzusammenhängenden Grüppchen, die keine Basis mehr haben, um einen Dialog zu führen. Befeuert durch Meinungsmacher aus Medien, PR, Politik und Industrie, die in 1:1-Kommunikation die Kakophonie der granularisierten Wahrheiten (zum Beispiel so und so ) verstärken. Selbst der Nach-Trumpwahl-Scherz ("9/11 und 11/9 - wirklich nur ein Zufall?") spielt hier mit.
Vielleicht sind Algorithmen ein Fehler, die die Wahrheitsgranularisierung verstärken (immerhin gegen Chat-Bots will die Bundesregierung künftig vorgehen ). Vielleicht müssen Medien ihre Rolle wieder verändern - weg von dem Massenklick-Geschäft, hin zum Dialog ("Spaltung der Gesellschaft" ist eine Vokabel, die ich viel gelesen habe, in den vergangenen Tagen). Vielleicht dürfen wir den einzelnen Nutzer nicht mehr alleine lassen in seiner 1:1-Welt - und müssen dafür sorgen, dass kommunikative Brücken entstehen.
Zukunfthing 2041: Eine spannende Veranstaltung
Gestern war für mich die spannendste Veranstaltung des Jahres: Der iBusiness Zukunfthing 2041. Mit knapp 150 Experten haben wir über die Zukunft der Agentur diskutiert. Über die Zukunft des E-Commerce, des Vertriebs und der Unternehmensorganisation. Es war sehr dicht, sehr anstrengend und sehr spannend. An alle Teilnehmer: Vielen Dank. Sie (und alle anderen) müssen sich jetzt noch ein bisschen gedulden. Aber versprochen ist versprochen: Wir werden die Fülle der Anregungen und Denkanstöße in den kommenden Wochen auswerten und in eine lesbare, nachvollziehbare Form bringen - und an der einen oder anderen Stelle auch noch erweitern. Seien Sie gespannt.Ich wünsche Ihnen eine schöne Restwoche - auch wenn es gerade kälter wird.

