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Demokratie in Gefahr: Wie das Internet die Wahrheit granularisiert
27.05.2016 Social Media disruptiert unsere Demokratie. Fernab des Filterbubble der digital Erfolgreichen und Globalisierungsgewinner granularisiert sich die Wahrheit - und mit ihr die gesamte Gesellschaft.
All diese Informationen stammen aus einer völlig seriösen Quelle: Aus dem Internet (das bekanntlich immer recht hat) und von Freunden aus Facebook (dito).
Der Nacken von unsereins bekommt in den vergangenen Monaten ein Schleudertrauma vor lauter Kopfschütteln - und das Kichern bleibt einem im Halse stecken (wie nun bei den knapp 50 Prozent für den bekennenden Rechtsaußen Norbert Hofer von der FPÖ). 86 Prozent der Arbeiter und Arbeitslose, die von der Wissensgesellschaft und dem digitalen Plattformkapitalismus nur die Schattenseiten zu spüren bekommen, verabschiedeten sich auch real in eine politische Parallelwelt.
Weil gleich mehrere Entwicklungen zusammenkommen, halte ich die Granularisierung der Wahrheit für brandgefährlich. Sie kann eine Gefahr für unsere Demokratie werden:
- Die Echtzeitfalle: Internet-Kommunikation verstärkt die Aufregungsamplitude. Demagogen wie Donald Trump sind nicht zuletzt deswegen so erfolgreich, weil sie Gedanken und politische Aussagen auf 140 Zeichen twittergerecht verkürzen und dadurch die 90-Sekunden-Aufmerksamkeitsspanne eines Tweets optimal ausnützen. Zudem sorgen Polit-Bots - Social-Media-Agenten - für noch höhere Aufregungsamplituden, weil sie Resonanz durch (scheinbare, Maschinen-)Resonanz verstärken. Die Folge: Politischer Diskurs innerhalb einer Gesellschaft wird ersetzt durch Aufregung. Und Aufregung durch noch mehr Aufregung. Teilen statt lesen. Was dann mit dem Hundebaby geschah, rührte mich zu Tränen.
- Die abgehängte Mehrheit: Je schneller sich der technische Fortschritt entwickelt, umso mehr Menschen werden von ihm abgehängt. Unwissen führt zu Ablehnung, Vorurteilen, Verschwörungstheorien. Unglücklicherweise handelt es sich bei dem "abgehängt werden" um einen strukturellen Faktor, der auch in Zukunft nicht verschwinden wird (iBusiness: "Warum der Fortschritt der Zukunft nicht für alle sein kann"). Gesellschaften noch mehr als Menschen müssen technischen Fortschritt verdauen. Wenn solche Entscheidungen allerdings (durch einen immer schneller werdenden Fortschritt) nicht mehr im Jahres- sondern im Wochentakt gefällt werden müssen - dann erzeugen wir entweder hochgradig gestresste und damit kranke Gesellschaften - oder aber das gesellschaftliche Lernen, dass man eben nicht jeden technischen Jump mitmachen muss. So wie heute schon fast alle ein Smartphone haben - aber deutlich weniger Menschen eine Smartwatch - und noch weniger Menschen eine Smartbrille.
- Die Relevanz-Spirale: Social Media verengt das Denken: Seit iBusiness im Frühjahr 2011 zuerst vor der drohenden Relevanzspirale gewarnt hatte, haben sich durch die verbesserten Algorithmen die individuellen Filterbubbles verstärkt: Man entfolgt den Pegida-Freund oder den Gutmenschen und sieht nur noch, was man ohnehin meint und glaubt. (iBusiness: "Relevanzspirale: Wie Social-Media-Algorithmen das Denken verengen"). Aber Filter-Algorithmen schließen aus dem Verhalten von heute auf Interessen von morgen. Das führt zu einer Verkürzung und Vereinfachung der Wirklichkeit.
- Der digitale Lügenhobel: Dubiose Quellen gab es schon in Vor-Internet-Zeiten. Aber nie waren Verschwörungstheoretiker und rechte Verlage so präsent: Parlaments-TV gegen PI-News; Kölner Stadtanzeiger gegen Kopp-Verlag - alles ist nur denselben Klick entfernt. Die Entmythologisierung von Medienmachern und Wissenschaftlern sorgt für "Lügenpresse" und Impfgegner. Je komplexer die Welt wird, um so relativer wird Wahrheit. (iBusiness:
Internet zwischen Demokratie und Diktatur: "Social Media ist eine Bedrohung").
- Die dekonstruierte Wahrheit Es gibt immer mehr Wahrheiten - Native Advertising und russische Staatspropaganda, meinungsstarke Blogger und Postillion, Klimagegner und Content-Targeting brechen, individualisieren und dekonstruieren Wahrheit. Der immer hektischer werdende Multi-Monolog der Positionen relativiert für viele auch Wahrheiten, die eigentlich nicht relativierbar sind ("Die Amerikaner sind tatsächlich auf dem Mond gelandet." "Es gibt tatsächlich eine globale Klimaerwärmung". "Impfungen sind sinnvoll.") Am Ende bleibt nur ein globales Netz übrig, gefüllt mit granularisierten Mikromeinungen und unzusammenhängenden Grüppchen, die keine Basis mehr haben, einen Dialog zu führen. Befeuert durch Meinungsmacher aus Medien, PR, Politik und Industrie, die in 1:1-Kommunikation die Kakophonie der granularisierten Wahrheiten (zum Beispiel so und so ) verstärken.
Wo aber alles 1:1-Kommunikation ist, wird gesellschaftlicher Diskurs unmöglich. Wo mediale Geschwindigkeit über differenzierte Debatte triumphiert, wird Demokratie nur als Fortschrittsverhinderer wahrgenommen. Wo Fortschritt, Globalisierung und Demokratie nur den Wissensarbeitern, Geld- und Digital-Eliten Positives bringen, da setzen die Abgehängten auf Stillstand, Rückschritt und Führer. Heißen sie nun Strache oder Putin, Petry oder Erdogan, Orban oder Trump.

