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Zur Studie "Digitalagenturen im Umbruch"
Agenturinsolvenzen in Deutschland auch 2026 auf hohem Niveau
27.03.2026 Die Zahl der Agenturinsolvenzen in Deutschland ist im ersten Quartal 2026 kaum niedriger als zum Jahresende 2025. Das geht aus einer iBusiness-Auswertung des Insolvenzregisters hervor. Was das für die Zukunft der anderen deutschsprachigen Digitalagenturen bedeutet.
2025 waren es also doppelt so viele Agenturen, die den Weg zum Insolvenzgericht antreten mussten, wie im Jahr zuvor. Im Jahr 2024 zählte das Insolvenzregister 89 Pleiten.
Der Trend wird noch deutlicher, wenn man die gemeldeten Agenturinsolvenzen nach Quartalen auswertet. Hier zeigt sich, dass die Zahl der Insolvenzen seit Sommer 2024 von Quartal zu Quartal ansteigt. In den letzten drei Monaten des Jahres erreicht sie mit 65 Insolvenzen einen vorläufigen Höhepunkt.
Im ersten Quartal 2026 bleibt die Zahl der Agenturinsolvenzen in Deutschland auf hohem Niveau und schließt an die hohe Zahl des Vorquartals an. Gegenüber dem ersten Quartal 2025 bedeutet das einen Zuwachs von über 60 Prozent.
Digitalagenturgipfel.de 2026
Über Auswege aus der Agenturkrise und über Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle von Agenturen geht es auch bei unserem jährlichen Digitalagenturgipfel. Auf der virtuellen Veranstaltung diskutieren Fachleute und Agentur-CEOs über die Zukunft der Digitalagentur. Der Webcast des Digitalagenturgipfels 2026 ist online abrufbar .
- Digitalagenturen haben ein KI-Problem: Wenn Agenturgeschäftsführer schwärmen, dass KI das Beste ist, was der eigenen Agentur je passiert ist, ist diese These stark technokratisch-optimistisch geprägt. Denn ein Geschäftsmodell, das vor allem von der Vermietung von Arbeitnehmenden lebt, bekommt Probleme, wenn es auf eine Technik stößt, die durch die Rationalisierung (und Entwertung) eben dieser Arbeiten glänzt.
Ich hatte schon im Juli 2025 mal hochgerechnet, wie viel Agenturumsatz 2026 die KI frisst. Ergebnis: 80 Prozent des gesamten Agenturumsatzes sind potenziell bedroht. Der Dornenfaktor der KI-Chancen aktuell? Der durchschnittliche Umsatzeinbruch durch KI beträgt 33,6 Prozent. Das muss man strategisch erst einmal auffangen.
- Digitalagenturen haben ein Zeitarbeits-Problem: Was die KI frisst, muss die Beratung bringen. Hier sind höhere Tagessätze möglich. Und überhaupt: Wenn man den Kundenunternehmen Lösungen verkauft ("5 Prozent mehr Rendite in 12 Monaten"), anstatt Zeitarbeitsverträge ("140 Stunden für dieses Webprojekt"). Über diesen Ansatz wird aktuell viel in der Agenturlandschaft diskutiert. Problem daran: Er verschiebt das Problem - und ist zudem nicht für alle Agenturen geeignet.
Um eine Werkbank-Agentur, die bisher vor allem Webseiten oder Newsletter-Kampagnen gebaut hat, in eine strategische Agentur zu verwandeln, ist mehr als nur Mut erforderlich. Schließlich heißt das beispielsweise, künftig das Geschäftsmodell des Kunden zu analysieren, dieses zu einem Plattformmodell weiterzuentwickeln und dieses dann sowohl zu programmieren als auch unternehmensintern helfen, es um- und durchzusetzen. Dazu muss ich den Zugang zum Vorstand haben. Dazu muss ich das Geschäftsmodell des Kundenunternehmens intim kennen und weiterentwickeln können. Dazu muss ich die Prozesse beim Kundenunternehmen kennen und weiterentwickeln können. Und ich muss die nötigen (Plattform-)Technologien kennen und einsetzen können. Neben diesem Know-how brauche ich dann noch die Fachleute, die das alles Just in Time realisieren. Und ich brauche gegenüber den Auftraggebenden die Glaubwürdigkeit, dass ich das auch kann - schließlich ist es eine Arbeit am offenen Herzen des Kundenunternehmens.
- Digitalagenturen laufen in die technische Überforderung: Agentenbasierte KI, Multi-Agentensysteme: Robotik und autonome Maschinen, KI-native Entwicklung und KI-Sicherheitsplattformen, 6G Connectivity und Domain-spezifische Language Models (DSLMs), Präventive Cybersecurity, Digitale Herkunft und Souveränität - nicht nur der Techstack ändert sich immer schneller, auch die Anforderungen an die Agenturen. Viele Digitalagenturen investieren zwar in das KI-Knowhow ihrer Leute. KI-gestützte Text-, Bild-, Programmierzeilen- und Videoproduktion stehen im Vordergrund.
Das Ergebnis sind zwei Probleme: Erstens können gerade kleinere Agenturen den Schulungsaufwand für die wachsenden technischen Herausforderungen nicht stemmen - und sie sind auch kaum in der Lage, passende ExpertInnen einzukaufen. Und zweitens bleibt das KI-Knowhow in vielen Digitalagenturen an der (Frontend-)Oberfläche. Das führt dann oft zu der Transformation zu einer Werkbank-Agentur auf Speed, die (durch KI) sinkende Einzelhonorare durch höhere KI-Kosten eingekauft hat.
- Digitalagenturen haben die falschen Leute: Viele Digitalagenturen sind um die Jahrtausendwende gegründet worden. Die heutigen Mittvierziger bis Mittfünfziger, die man in den ersten Wachstumsjahren eingestellt hat, haben sich in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten in ihren Projektnischen eingerichtet. So manche oder so mancher mittlerweile Gutbezahlte steht dem technischen Veränderungsdruck hilflos oder gar unwillig gegenüber. Der Personalumbau ist nicht nur moralisch und arbeitsrechtlich herausfordernd. Es fehlt an Alternativen.
In einem Personalmarkt, der strategisch schrumpft (weniger Geburten, weniger Einwanderung, mehr Verrentung, mehr Firmengründungen), steigen die Kosten für jeden einzelnen Menschen. Knappe Ressourcen werden im Kapitalismus automatisch teurer. Das gilt insbesondere, wenn höhere Qualitätsanforderungen an die Mitarbeitenden und sinkende Zahl der verfügbaren Menschen zusammenkommen. Höhere Gehälter können sich allerdings nur diejenigen Unternehmen leisten, wenn sie eben kein lineares Geschäftsmodell haben, sondern - wie Plattformen - exponentiell skalieren können. Das ist auch dann ein Problem, wenn der digitale Arbeitsmarkt momentan von einer Arbeitssuchenden-Welle geflutet wird. Denn die Welle wird nicht bleiben und die Agenturen haben Leute, die sie nicht brauchen und kriegen nicht die Leute, die sie eigentlich haben wollen.
Was ich aktuell beobachte: Für die Entscheidungstragenden in den Digitalagenturen verändert sich gerade die Kundenbeziehung strukturell. KI erledigt auf Kundenseite mittlerweile einiges, was früher die Agentur erledigt hat. Und die KI beantwortet heute viele Fragen, die früher die Agentur beantwortet hat. Beides macht sie oft ausreichend gut. Denn KI produziert hervorragenden Durchschnitt. Für vieles, das Agenturen früher in Rechnung gestellt haben, genügt heute die KI. Sofern der "Passt scho'"-Faktor hoch genug ist.
KI-Agenten werden meiner Meinung nach weniger den (B2C-)Einkauf verändern, als vielmehr die Beschaffung. Das verändert vor allem das Procurement. Die KI verwandelt die Systeme zu einem Daten- und Identitätshub, der strukturierte Informationen für KI-Agenten bereitstellt.
Für Agenturen verschieben sich Budgets weg von Medienproduktion und Website-Programmierung in Richtung Daten und KI. Und statt SEO-Umsetzung und Performance-Optimierung gewinnt auf B2B-Kundenseite Branding an Bedeutung. Wenn Algorithmen die Auswahl vorbereiten, wird die Markenidentität zum entscheidenden Faktor, damit ein Unternehmen überhaupt in Betracht gezogen wird. Das bedeutet, dass künftig Werbung und PR wohl stärker von den Unternehmen nachgefragt werden. Ob das Geschäft die Digitalagenturen machen können (oder ob PR- und Werbeagenturen hier den Rahm abschöpfen), hängt von der künftigen Positionierung der Digitalagenturen ab.
Ihr
Joachim Graf
Herausgeber
