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Neandertal Digitale Wirtschaft: Die rückschrittlichste Branche Deutschlands
17.05.2016 Die Internetbranche kann sich mit zwei Superlativen brüsten: Den niedrigsten Frauenanteil in der Unternehmensführung sowie die größten Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern. Und die Chancen auf mehr Gleichberechtigung in Zukunft stehen überraschend schlecht - zeigt die iBusiness-Studie zum Frauenanteil in der Interaktivwirtschaft.
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Wieder haben wir verschiedene Frauenanteile in Führungspositionen in der Interaktivwirtschaft ermittelt und sie mit entsprechenden aktuellen Zahlen aus der Gesamtwirtschaft verglichen. Eines hat sich seit der ersten Erhebung nicht geändert: Der niedrigste Frauenanteil in der kompletten Analyse fällt erneut auf einen Bereich in der Internetwirtschaft: Die Geschäftsführer der Top-30-SEO-Agenturen aus dem iBusiness-Ranking, also die 30 mit den höchsten Sichtbarkeitsindizes, sind nur zu 2,4 Prozent weiblich. Absoluter Spitzenreiter. Sogar die Vorstände aller im TecDax gelisteten Unternehmen - und damit ausgewiesenermaßen eine besonders Technik-affine Branche - ist weiblicher. Auch wenn sie ebenfalls nur auf mickrige 3,0 Prozent Frauenanteil kommen.
Die gute Nachricht der Erhebung aus 2016 lautet: Der Frauenanteil in den Geschäftsführungen der 50 größten Fullservice-Internetagenturen scheint langsam zuzunehmen. Zumindest zeichnet sich in den vergangenen vier Jahren ein minimaler Aufwärtstrend ab (2013: 2,8 Prozent, 2014: 2,4 Prozent, 2015: 4,1 Prozent, 2016: 5,0 Prozent). Die Zahlen lassen vermuten, dass Frauen es leichter haben, in großen Agenturen beziehungsweise Agenturnetzwerken an die Spitze zu kommen. Dafür spricht zum einen, dass die Agenturen in den Top 50, die für die Studie ausgewertet werden, immer größer werden. Zum anderen zeigt sich an der Auswertung aus 2016, dass in den größeren Agenturen mehr Frauen an der Spitze sitzen:
Je größer die Agentur, desto weiblicher das Management
- Rang 1 - 10: drei Frauen
- Rang 11 - 25: drei Frauen
- Rang 26 - 50: eine Frau
Die fünf Prozent Frauen im Top-Management sind nicht annähernd repräsentativ für die Verteilung von Frauen und Männern auf allen Ebenen der Agenturen: Denn hier liegt der Frauenanteil bei knapp 40 Prozent. Deutlich unausgewogen zeigt sich die Verteilung ebenfalls bei der Detailauswertung nach Tätigkeitsbereichen. In den technischen Anwendungsfeldern findet sich kaum eine Frau, während im Bereich 'Administration/Verwaltung' (Backoffice, Buchhaltung, ...) die Frauen die Mehrheit stellen. In die Nähe der Gleichberechtigung kommt der weibliche Teil der Interaktivbranche dann ausschließlich noch im Content-Bereich und Design.
Mehr Geschäftsführerinnen in KMUs als bei Onlineshop-Betreibern
Eine minimale Verbesserung gibt es auch bei den CEOs von Onlineshops: Unter den 50 größten Shops in Deutschland sind in diesem Jahr 12,2 Prozent Geschäftsführerinnen und weibliche Vorstandsmitglieder (2015: 11,1 Prozent). Die Frauenquote hier liegt immerhin deutlich über der der Agenturen, aber noch deutlich unter dem Frauenanteil von Geschäftsführerinnen in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland. Der Anteil frauengeführter KMU beträgt immerhin 19,4 Prozent, besagt das aktuellste KfW-Mittelstandspanel .Wenig getan hat sich bei den Start-up-Gründerinnen. Laut dem aktuellen Deutschen Start-up Monitor waren 2015 rund 13,0 Prozent der Gründer weiblich. Nach einem Einbruch auf 10,0 Prozent im Vorjahr, hat sich die Geschlechterverteilung damit wieder auf das Niveau von 2013 eingependelt. Fortschritt sieht anders aus.
Die meisten Machos sitzen in der Berliner Start-up-Szene
Allgemein zeichnet sich die Start-up-Branche als immer frauenfeindlicheres Terrain ab. So zeigt eine Studie, die die Hochschule Aalen , Jobspotting und BerlinStartupJobs.com Mitte Mai dieses Jahres herausgegeben haben, dass der Gender Pay Gap in Start-up-Unternehmen größer ist als in der Gesamtwirtschaft. Konkret verdienen Frauen in Berliner Start-ups 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Zum Vergleich: Nach Schätzungen von Eurostat liegt das durchschnittliche geschlechterspezifische Lohngefälle in der EU bei 16,4 Prozent, in Deutschland beträgt es laut Statistischem Bundesamt 22,4 Prozent. Die ach so liberale und aufgeschlossene Gründerszene ist also wesentlich ungerechter Frauen gegenüber als die meisten traditionellen Wirtschaftszweige.Diese Lücke lässt sich selbst mit Tätigkeitsunterschieden nicht erklären. Denn die Studie hat ebenfalls die geschlechterspezifischen Gehälter der einzelnen Tätigkeiten untersucht. Hier zeigt sich, dass Frauen in allen Bereichen schlechter bezahlt werden (außer beim nicht näher spezifizierten Punkt 'andere'). Besonders gravierend sind die Gehaltsunterschiede im Management, in der Software-Entwicklung und im Produkt- beziehungsweise Projekt-Management. Es zeigt sich also: In Start-ups verdienen Frauen nicht nur allgemein wesentlich weniger als Männer. Sie bekommen auch für die gleiche Arbeit ein deutlich niedrigeres Gehalt als Männer. Die Annahme, dass sich mit den nachwachsenden Generationen die Gleichberechtigung nach und nach durchsetzt, ist also ein Trugschluss. Im Gegenteil: Die größten Machos sitzen in jungen Digitalunternehmen - das lassen zumindest die Zahlen vermuten.
Rednerinnen: Der Frauenanteil liegt zwischen null und gut der Hälfte
Leicht nach oben hat sich der Anteil der Rednerinnen auf Interaktivkonferenzen entwickelt. Bei der Auszählung der Speakerinnen aus ausgewählten Kongressen des Messe- und Kongress-Ranking 2016 (ausgewertet wurden Etablierte, Agenda-Setter und Markttreiber) liegt der Frauenanteil bei 17,4 Prozent (2014 und 2015: jeweils gut 14 Prozent). Allerdings gibt es auch hier besonders männlich dominierte Veranstaltungen wie die Neocom (2,2 Prozent Rednerinnen-Anteil), die Inside 3D Printing Conference (1,7 Prozent) und der Spitzenreiter, der Münchner Digital Signage Summit , der 2015 keine einzige Frau auf dem Panel hatte. Allerdings ist hier Besserung in Sicht: Für die diesjährige Veranstaltung sind zumindest zwei Frauen im Programm eingeplant. Ein positiver Ausreißer ist der Content Day in Salzburg, auf dem im April 55 Prozent Frauen sprachen.Ein weiterer, wenn auch nur minimal positiver Trend zeichnet sich bei den Erstsemestern im Informatikstudium ab. Der Frauenanteil der Studienanfängerinnen in diesem Fach hat sich laut dem Bitkom von 18,9 Prozent in 2011 auf 22,2 Prozent heute erhöht. Das ist zwar deutlich mehr als in anderen technischen Studiengängen wie Maschinenbau (12 Prozent) oder Elektrotechnik (14 Prozent), bietet aber angesichts der rund 40.000 offenen Stellen für IT-Spezialisten in der deutschen Wirtschaft noch viel Luft nach oben.
Eine Strategie, den Frauenanteil in typischen MINT-Studienfächern wie Informatik zu erhöhen, sind Frauenstudiengänge, wie sie unter anderem die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin , die Hochschule Bremen und die Jade-Hochschule Wilhelmshaven anbieten. Hintergrund ist laut der Initiatoren, dass sich Frauen aufgrund der noch immer existierenden gesellschaftlichen Bedingungen und Geschlechtervorstellungen das Studium sonst vielleicht nicht zutrauen würden. Denn Studien haben gezeigt, dass Menschen, die sich Dinge nicht zutrauen, diese tatsächlich schlechter können. Dieses Problem gebe es auch bei MINT-Studiengängen. Damit Frauen die Barriere überwinden und sich nicht von oftmals wesentlich selbstbewussteren Männern einschüchtern lassen, bietet man ihnen ein separates, oder zumindest teilweise separates Studienangebot.
Mehr Selbstbewusstsein durch Frauenstudiengänge in MINT-Fächern
Außerdem legen die Universitäten Wert darauf zu kommunizieren, dass sie mit dem Stoff bei null anfangen und nicht etwa erwarten, dass man schon mal einen PC auseinander- und wieder zusammengeschraubt hat. Die Erfahrungen aus knapp zwei Jahrzehnten Frauenstudiengänge im MINT-Bereich fallen laut dem Bitkom, der dazu die Broschüre "MINT-Frauenstudiengänge in Deutschland" veröffentlicht hat, durchweg positiv aus. Die Erfolgsquote in den Studiengängen sei überdurchschnittlich. Bis heute haben mehr als 1.000 Frauen diese Studiengänge erfolgreich durchlaufen.Dem Vorurteil, dass sich Absolventinnen von Frauenstudiengängen im Beruf nicht gegenüber Männern durchsetzen könnten, entgegnet Ulrike Schleier vom Frauenstudiengang der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven gegenüber dem Portal Studis-online.de : "Das Gegenteil ist der Fall. Studien haben gezeigt, dass viele Frauen, die mit großem Selbstbewusstsein ihr koedukatives Studium beginnen, im Laufe der Jahre kleiner gemacht werden." Und Gerlinde Schreiber vom Frauenstudiengang der Hochschule Bremen fügt hinzu: "Die Frauen festigen im Frauenstudium ihre eigenen und für sie effizienteren Zugangswege zur Problemlösung und treten dadurch schon nach wenigen Semestern auch in Männergruppen selbstbewusster auf, wodurch sie deren Respekt ernten." Das habe auch eine Auswertung nach den ersten fünf Jahren als Modellprojekt gezeigt.
| Genderneutrale Wortwahl in Stellenanzeigen | ||
|---|---|---|
| Männlich konnotierte Begriffe | Weiblich konnotierte Begriffe | |
| Aktiv | Bedächtig | |
| Direkt | Emotional | |
| Ehrgeizig | Freundlich | |
| Führung | Leidenschaftlich | |
| Individuell | Unterstützend | |
| Objektiv | Vertrauen | |
| Überdurchschnittlich | Zwischenmenschlich | |
| Berücksichtigung genderspezifischer Präferenzen für Jobattribute | ||
| Von Männern präferierte Jobeigenschaften | Von Frauen präferierte Jobeigenschaften | |
| Aufstiegsmöglichkeiten | Abwechslungsreichtum | |
| Autorität | Angenehme Arbeitsbedingungen | |
| Führungstätigkeit | Eigene Fähigkeiten einbringen | |
| Gehalt | Leistung | |
| Quelle: Checkliste für genderneutrale Stellenanzeigen, TU München | ||
Leitfaden für genderneutrale Recruiting-Prozesse
Denn schon die Formulierung der Stellenausschreibung kann entscheidend sein, ob eine Frau oder ein Mann den Job bekommt - weil sich Frauen im Zweifel gar nicht erst bewerben. Das hat ein Forschungsprojekt gezeigt, bei dem Wissenschaftlerinnen der Technischen Universität München (TUM) die Auswahl und Beurteilung von Führungskräften untersucht haben. Wer sich also mal wieder darüber ärgert, keine Frau einstellen zu können, weil sich keine oder kaum welche beworben haben, sollte seine Formulierung überdenken. Wie das funktioniert, zeigt der Leitfaden zur gender-sensitiven Personalauswahl und -beurteilung in der Wirtschaft der TUM inklusive Checkliste . Dass die Strategie funktioniert, zeigt ein Beispiel von der Unternehmensberatung Accenture , das die Computerwoche beschreibt. Die Personalabteilung hat alle Stellenanzeigen "gegendert" und konnte dadurch die Zahl der Bewerberinnen "kontinuierlich steigern".Der nächste Schritt ist, die Interviews vorurteilsfrei zu führen. Das bedeutet zum Beispiel, die Zurückhaltung von Frauen genauso richtig deuten zu können, wie das forsche Auftreten eines Mannes. Auch bei der genderneutralen Personalbeurteilung hilft der Leitfaden der TUM weiter. Zum Beispiel besagt er, dass man sich bei der Entscheidung zwischen mehreren Bewerbern an Regeln entlanghangeln und nicht das Bauchgefühl entscheiden lassen soll. Denn letzteres öffne Stereotypen erneut die Tür und führe dazu, dass nicht kompetenz-, sondern sympathie- oder klischeebasiert ausgewählt wird.
Klar ist auch Sympathie ein entscheidendes Kriterium. Vielleicht in Agenturen und anderen Internetunternehmen aufgrund des großen Anteils an Teamarbeit sogar in besonderem Maße. Aber für Klischees ist in der Interaktivbranche kein Platz. Das beste Personal zu finden, ist die wichtigste Herausforderung in Zeiten, in denen Wachstum zum kritischen Erfolgsfaktor für Agenturen und Shopbetreiber wird. Deshalb ist es das Ziel, nicht den Bewerber einzustellen, der am lautesten "Hier" schreit, sondern den oder die Hidden Champions aus der Masse zu identifizieren.


