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Wachablösung: Welche neuen Kongresse und Messen wichtig werden
20.04.2011 Früher war alles einfach: Man ging auf die CeBIT und die Systems . Doch mit der Interaktivbranche wandeln sich auch die Pflichtveranstaltungen. Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel von Re:Publica und Internet World Kongress . Welche Messen und Kongresse für Profis der Digitalen Wirtschaft wirklich wichtig sind. Und welche wichtig werden.
So war die CeBIT bei ihrer Gründung eine innovative Jungspundmesse mit einem hohen Anteil an Turnschuhträgern, die von den wenigen Schlipsbesitzern von IBM, DEC und Nixdorf misstrauisch beäugt wurden. Inzwischen ist die ehemalige bunte Tochter der Hannover Messe eine behäbige alte Dame geworden, zu der ihre älter gewordenen Verehrer immer noch pilgern. Aber eher wegen der Erbschaft, nicht so sehr wegen ihres Sex-Appeals.
Die vier Wellen der Digitalen Wirtschaft haben auch verschiedene Messen und Kongresse hervorgebracht, die nun unterschiedlichen Geschäftszielen dienen. Während die Veranstaltungen der jüngeren Wellen ganz oder schwerpunktmäßig zukunftsgerichtete Trendsetter-Veranstaltungen sind, dienen die Veranstaltungen in reiferen Märkten der Auswertung bestehender Geschäftsmodelle. Oder, wie es Christian Soult in seinem Twitter-Bonmot über Internet World vs. Re:Publica schreibt: "Die Einen leben von der Fülle des Internets, die Anderen füllen das Internet mit Leben."
Tatsächlich sind die zeitgleich stattfindenden Veranstaltungen Re:Publica und Internet World ein gutes Beispiel für das sich Auseinanderentwickeln der Interaktiv-Branche. Unterschiedliche Geschäftsmodelle - Kongressmesse hier, Fachkongress mit Barcamp-Atmosphäre dort - und unterschiedliche Ansprüche - Social Web vs. Internet-Wirtschaft - buhlen um die Gunst der Teilnehmer. Beide mit Erfolg. Allerdings in unterschiedlichen Feldern.
Bereits im Jahr 2010 hat iBusiness das Branchen-Schisma Re:Publica versus Internet World Kongress ausgewertet. Damals wie auch dieses Jahr zeigt sich: Die Messe 'Internet World' wächst bei Ausstellern und Teilnehmern um 30 Prozent. Als Trendsetting-Veranstaltung taugt der Kongress allerdings - trotz 890 Euro Eintrittspreis - nicht. Hier entwickelt sich der 'Internet World Kongress' parallel zur CeBIT: Auf die geht auch jeder wegen den Messeständen - die Foren und Veranstaltungen nimmt in Hannover (außer den sich selbst vermarktenden Rednern) innerhalb der Branche keiner ernst.
Die Re:Publica ist mit 85 Euro Eintrittspreis und ohne die obligatorischen Messestände eher keine betriebswirtschaftliche Erfolgsgeschichte. Wohl aber eine kommunikative. Nirgends wird das so deutlich wie in Twitter. Über 16.000 Tweets pro Tag setzten die 3.000 Teilnehmer der Re:Publica - überwiegend Social-Media-Enthusiasten - ab, zählte Buzzrank . Die rund doppelt so vielen Teilnehmer der Münchner Konkurrenzveranstaltung twitterten auch. Aber wie es sich für die Internet-Rentnergeneration 30+ gehört, deutlich verhaltener, wie die Deutschen Twitter-Charts ergeben.
Die Analytiker von Trendistic zeigen ein ähnliches Bild. Sie belegen, dass Twitter während der drei Re:publica-Tage wie ein konferenzinternes Kommunikationstool genutzt wurde - und hinterher die Berichterstattung schnell abflaute. Viel aktuelle - auch externe - Noise mit wenig Nachhaltigkeit - auf diesen Punkt kann man die Außenwirkung der Berliner Social-Media-Konferenz bringen. Anders als die Internet World Messe, die weder in Twitter noch in Google News überhaupt auffindbar ist.
Hier ändert sich allerdings das Bild, wenn man sich ansieht, was in der Veranstaltungszeit in Google gesucht worden ist : Hier hat die Internet World die Nase vorne - selbst wenn man ins Kalkül zieht, dass es eine gleichnamige Technikzeitung in Deutschland und eine gleichnamige Messe in London gibt.
In Facebook finden über 2.200 Menschen Re:publica gut (wenn auch in der Geschmacksrichtung "2010": fehlendes Marketinggeld macht sich eben bemerkbar). Die (aktuelle) Fan-Page der Internet World Messe auf Facebook bringt es immerhin auf über 860 Fans.
Der deutsche Messemarkt: Es gewinnen fast nur die Kleinen
Die Visualisierung des deutschen Messemarktes ist ein zirkulierender Durchlauferhitzer: In der Mitte unten liegen die Veranstaltungen, die nach rechts (Wachstum) und oben (Größe) wandern, wenn sie an Marktbedeutung gewinnen. Als etablierte Massenveranstaltungen verlangsamt sich ihr Wachstum, bis sie (wie die Frankfurter Buchmesse ) anfangen zu schrumpfen, und durch Ausstellerschwund absinken und schließlich im unteren linken Verlierer-Segment landen.
Zu den etablierten Messen in der deutschsprachigen Digitalen Wirtschaft zählen neben Frankfurter Buchmesse und CeBIT die Nürnberger Spielwarenmesse , die Frankfurter Musikmesse , die Leipziger Buchmesse und die Euroshop . Der größte Aufsteiger in diesem Segment ist die Berliner IFA mit 97 Prozent und die Kölner Gamescom mit 72 Prozent Besucherwachstum.
Aber auch die Fachmessen Internet World Kongress, die Messe des Versandhandelskongress, die Mailorder World , die CRM-Expo , die seit diesem Jahr in Frankfurt ansässigen M-Days sowie eingeschränkt Dmexco , Anga Cable und Digital Signage Expo Europa gehören zu den wachsenden Messen, wenn man die Entwicklung der Besucherzahlen der vergangenen Veranstaltungen betrachtet.
iBusiness hat die Zahlen der jeweils aktuellsten Veranstaltung mit der jeweiligen Vorjahresveranstaltung verglichen. Für das Messemarketing eines in interaktiven Märkten aktiven Unternehmens ist es schlicht wichtig, wie groß die Veranstaltung ist:
- Zieht sie genügend Aussteller an?
- Wächst die Zahl der Besucher - also besitzt das Messethema eine steigende Attraktivität?
Der deutsche Kongressmarkt: Die Claims sind noch nicht verteilt
Der Markt der Kongresse verändert sich - und zwar schneller als der Messemarkt. "Die Re:Publica ist längst mehr als die größte deutsche Bloggerkonferenz in Deutschland", ist sich beispielsweise Blogger Klaus Eck sicher. Er sieht die Unterdog-Veranstaltung als kommenden Zentralmarktplatz: "Wo sonst in Deutschland hat man schon die Gelegenheit, sich mit zahlreichen Bloggern, Twitterern, Marketiers und PR-Verantwortlichen fachlich über die Zukunft des Internets, Datenschutz, politische Transparenz und vielen anderen Themen auseinanderzusetzen."In der Infografik über die deutschsprachigen Kongresse haben wir die Zahl der Teilnehmer und das Wachstum bei der Teilnehmerzahl auf die beiden Achsen gelegt. Dabei haben wir bei Kongressmessen nur diejenigen Kongressteilnehmerzahlen gewertet, die separat zu den Messebesuchern ausgewiesen sind. Kongressmessen ohne separate Ausweisung haben wir zu den Messen gepackt.
Deswegen ist die Zahl der Nur-Kongresse mit hohen Teilnehmerzahlen überschaubar: Erfolgreiche Messe-Veranstalter unterfüttern ihr Geschäftsmodell eben gerne mit einer Messe. Es sei denn, sie sind ganz oder überwiegend PR-Veranstaltungen für Unternehmen (wie der DLD für Burda ) oder für Standorte (wie die Medientage München und das Medienforum NRW ) - oder sie sind prinzipiell nicht betriebswirtschaftlich aufgestellt (wie die Re:Publica).
Markttreiber mit starkem Wachstum gibt es im Kongressbereich viele, relevante Verlierer allerdings auch: Der Deutsche Multimedia Kongress von BVDW und MfG hat seinen Zenith offensichtlich überschritten, aber auch die Next Conference , der Versandhandelskongress und der DLD sind im heftig umkämpften Konferenz-Markt nicht mehr State-of-the-Art: Wer nicht wächst, verliert.
Agenda-Setter wird man nur durch die Kombination aus zwei Faktoren:
- schiere Größe, um die gesellschaftliche Relevanz abzubilden
- deutliches Wachstum, um die Dynamik widerzuspiegeln
Am: 20.04.2011
