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Fernsehen war gestern: Wie die Bewegtbild-Revolution die Agentur-Landschaft verändert
09.06.2016 Fernsehen wandert online, lineares TV geht in VoD-Plattformen auf: Damit lösen sich TV-Publikum, Quote und Reichweite auf. Neue Werbeformate müssen her, um Inhalte zu finanzieren. Damit brauchen die Advertiser neue Konzepte und Agenturen. Sieben Trends.
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Bereits in seinen Analysen Wer der TV-Gamechanger sein wird und Wem die Video-Zukunft gehört hat iBusiness aufgezeigt, wie sich der Konsum von Filmen und Serien verändert: Weg von den Fernsehkanälen und dem Fernseher hin zu einer Vielzahl an Plattformen. Dabei ist lineares Fernsehen noch nicht tot, genauso wenig der Fernseher - aber linearer Konsum ist längst nicht mehr die einzige Art, der Fernseher nicht mehr das einzige Medium auf dem Bewegetbild geschaut wird. Nutzer von heute haben dank Netflix , Amazon Video und Maxdome die Wahl, wann sie Inhalte sehen wollen - Ganz abgesehen von den Mediatheken der Sender, die auch das zeitversetzte Sehen von TV-exklusiven Inhalten erlauben.
Die Folge ist das Ende der klassischen Quote und Reichweite: Zuschauer werden nach und nach zeitversetzt aggregiert, sitzen aber nicht mehr als geschlossene Gemeinde pünktlich wie in Zeiten des Durbridge-Straßenfegers geschlossen vor dem Lagerfeuer der Glotze.
Es ergibt also keinen Sinn mehr, von Quote und Reichweite zu reden. Dieser Trend schlägt sich bereits in Zahlen nieder: Für RTL war die TV-Saison 2014/15 die schlechteste seit vielen Jahren (berichtet Meedia ).
Was damit noch verschwindet, ist der Sinn des klassischen mehrminütigen Werbeblocks aus dem Fernsehen.
Das Ende des Werbeblocks - und wieso das ein Problem für Werbende und Agenturen ist
Zuerst wandern die jungen Zuschauer ab - dieser Prozess ist bereits in vollem Gang und lässt sich in Studien nachlesen: Junge Zielgruppen finden ihr Bewegtbild in Social Media, bei VoD-Plattformen - und sie haben, wie bereits erwähnt, eine Werbeallergie. Werbenden hilft es also nichts mehr, einen TV-Mediaplan für verschiedene Sender und Tageszeiten zu haben, wie ihn Mediaagenturen verkaufen.
In der Tat verzeichnen die Jahreszahlen des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) schon im vierten Jahr in Folge sinkende Ausgaben. Und sie legen nahe, dass die Werbenden Budgets aus Print abziehen, um sie in Mobile und in sichere Banken wie die Suchwortvermarktung zu stecken: Diese Genres wachsen 2015 stärker als TV. Kochs bitteres Fazit für die Mediaagenturen: "Mediaagenturen können nur noch darauf hinweisen, dass die Zuschauer dort sind, wo sie keine Macht haben"
Wie sich künftig Filme, Shows und Serien finanzieren
Auf der anderen Seite müssen die Bewegtbild-Inhalte - Serien, Filme - refinanziert werden. Durch die zurückhaltenden Video-Werbeinvestitionen ist das aber weder möglich, noch toleriert der Nutzer auf jedem Portal Werbung: Ist es bezahlpflichtig, wie die Netflixe und Amazon-Videos dieser Welt, ist Werbung nahezu ausgeschlossen (Nutzer: "Ich habe doch schon bezahlt, wieso sehe ich Werbung?"). Sind es kostenfreie Portale wie etwa Mediatheken, reagiert der Nutzer schnell empfindlich: "Bei RTL now etwa klagen viele Nutzer über zu viel Werbung", sagt Thomas Koch. "Beim Leanback-Medium TV lernt man damit umzugehen. Im Leanforward-Medium Online geht ein wenig Werbung, weil der Intellekt einem sagt, dass man sonst zahlen müsste. Aber lange Blöcke sind ausgeschlossen."In der Konsequenz muss für Online-Bewegtbild eine andere Form der Monetarisierung her als der Unterbrecherblock, sagt Jan Schlüter, Video-Experte und Mitbegründer der U.S. Technologie-Firma für Virtual-Reality-Broadcasting Hashplay.tv : "Man benötigt künftig einen Finanzierungsmix aus Werbung und Paid: VoD-Portale mit hochwertiger Fiction dürfen nicht kostenlos sein: Das ist wie ein Schild hochzuhalten 'Unsere Inhalte sind nichts wert' - man muss es also hinbekommen, die Inhalte sowohl bezahlpflichtig als auch bezahlbar zu machen."
Auf Portalen, die Werbung einbauen wollen, müsse ein Mix aus vertretbaren Unterbrechungen und anderen Formaten etabliert werden: "Product Placements oder Sponsorings sind denkbar - oder auch Namenssponsorings nach dem Vorbild der Allianz Arena". Künftig könnte es also Sendungen geben wie etwa 'Mercedes sucht den Superstar' oder 'Opels Next Top Model'. "Aber im Bewegtbild-Umfeld muss es gute Werbung sein, damit es funktioniert", sagt Schlüter.
Für Agenturen, die Werbung verkaufen, die Marken, die Werbung machen und für die Video-Portale, die gewinnbringend Inhalte anbieten wollen, geben sieben Trends den Weg in die Zukunft vor.
Trend eins: Ende von Reichweite und Werbeblock
Bewegtbild versammelt mit Ausnahme von Leuchtturmsendungen wie Sonntagabend-Krimi und 'Fußballnationalmannschaft spielt' nicht mehr das eine TV-Publikum vor den Geräten, das sich als eine Reichweite mit geschlossenen Werbeblöcken befeuern ließe.Trend zwei: Der Sender der Zukunft ist Viele
Künftig verteilt sich der Videokonsum auf TV, Mediatheken, VoD-Plattformen - es gibt keine Nachfolger der alten TV-Sender: Es kommen nur mehr und mehr Player dazu.Trend drei: Planlosigkeit statt Mediaplan
Bei den Marken löst das Verwirrung in Kombination mit hohem Beratungsbedarf aus: Der Mediaplan ist nicht mehr das Tool, Zielgruppen anzusprechen.Trend vier: Die Consulting-Agenturen und die operativen Handlanger-Agenturen
Agenturen der Zukunft müssen Berater sein, die dem Kunden eine plattformübergreifende Strategie mit Customer-Journey-Analyse und Crossmedia-Kampagnenplanung statt eines Mediaplans verkaufen. "Kunden brauchen die eine Agentur, die alles kann - und die sehe ich nicht am Markt", sagt Thomas Koch. "Vielmehr sehe ich großes Potenzial bei den McKinseys dieser Welt: Die bauen und verkaufen eine Strategie für das große Geld - die operative Umsetzung machen dann Agenturen als Dienstleister für das kleinere Geld."Trend fünf: Werbe-/Payment-Mix
Es wird künftig zur Refinanzierung von Bewegtbildinhalten einen Mix aus Payment (Bezahlschranke bei VoD-Portalen, Einzelabruf von Filmen) und Werbeformen geben, die minimalinvasiv vorgehen: Sponsorings, Branded Content - auch auf bezahlten VoD-Plattformen ist zumindest ein Mindestmaß an Advertising dauerhaft unvermeidlich, damit die Kosten gedeckt werden.Trend sechs: Granularisierung der Sender = Granularisierung der Werbebotschaften
Mit Werbung im Videoumfeld kann durch Targeting jeder Zuschauer individuell angesprochen werden: Somit kann jeder Nutzer einen anderen Spot sehen. Damit werden die Werbespots so kleinteilig, dass sie auch für kleine und mittelständische Unternehmen erschwinglich sind. Demnächst sponsert also eventuell nicht eine Forbes-500-Marke, sondern die Pizzeria ums Eck eine Werbepause in einer Mediathek.Trend sieben: Das Ende des 'Streugewinns'
Es gibt eine Unzahl an Portalen und damit keine großen Reichweiten mehr , die auf einen Schlag gebucht werden können - das bedeutet: Der Streugewinn - also die zufällig im Werbeblock mitadressierten Zuschauer, die eigentlich außerhalb der Zielgruppe stehen - hört endgültig auf zu existieren (wenn an dieser Vermarkter-Legende zur Aufwertung von Advertising-Fehlschüssen überhaupt jemals etwas dran war). "Es geht darum, aus der Marke und ihrer Werbung das Optimum herauszuholen: Streuverluste werden zu teuer, es gilt vielmehr, genau die Leute zu treffen, die ich treffen will und das hoch wirksam", sagt Thomas Koch.Vor diesem Hintergrund - einer Granularisierung des Bewegtbild-Konsums und der folgenden Auflösung von Reichweite und Werbeblock - benötigen Kunden für ihre Bewegtbild-Kampagnen also neue Agenturen: Die müssen kanalübergreifendes Knowhow haben und auf Basis von Zielgruppen und Customer-Journey-Analysen Strategien entwerfen, deren operative Ausführung dann an Dienstleister gehen kann (die SEO-, Social-Media- und sonstigen Agenturen). Die neuen Agenturen brauchen wiederum kluge Köpfe: Strategische Alleskönner, die Marktforschung, Kundenbetreuung, Technik und Kreativität gleichermaßen beherrschen.
Zu: Fernsehen war gestern: Wie die Bewegtbild-Revolution die Agentur-Landschaft verändert
Nur darf man Online-Video nicht mit TV in einen Topf werfen. Video-Marketing wird sich vom Print-Blog-Ads-Kuchen ein ordentliches Stück abschneiden. Die Zeit der Wackelvideos ist bei YouTube längst vorbei. Wenn die momentane Schwemme an schrecklichen selbstgestricktem Zeug, das mich an die ersten Webseiten vieler Unternehmen erinnert erstmal vorüber ist, werden ähnlich wie im Text-Web hochprofessionelle und gut aufgestellte selbst produzierende Agenturen überleben. Die größten YouTube-Stars haben längst alle ein professionelles Team im Hintergrund am werkeln.
Für Unternehmen bedeutet das, den richtigen Kanal für seine Zielgruppe zu finden. Das Problem ist momentan noch die fehlenden Kompetenzschittmengen. Filmproduktionen wollen und/oder können mit Seeding, SEO oder Video-Marketing-Strategien nichts anfangen. Content-Marketing Anbieter sind derzeit noch schlecht bis mittelmässig im erstellen hochklassiger Videoinhalte. So bald sich das ändert geht die Post ab.
Für Agenturen wird wohl ähnliche wie damals mit den Programmierern, Outsourcing nur eine vorübergehende Lösung darstellen. Heute hat jede besser Werbeagentur PHP Profis im Haus. So ähnlich wird das mit Video-Know How laufen müssen.
Wie ich darauf komme? Ich selbst komme als einer der wenigen "Älteren" aus beiden Bereichen. Im TV Studio gelernt, zeitweise mal Kameraassistent bei einem öffentlich rechtlichen Sender, mache ich seit 2003 Online-Marketing. Und 2010 hat meine Tochter mir YouTube gezeigt, weil sie zu der Zeit Fan-Videos für LeFloyd machte. Sofort habe ich das Potential erkannt für ein aus TV-Sicht lächerliches Budget, mir eigene Produktion zugelegt.
Besonders in den letzten 2 Jahren ist die Nachfrage nach guten Bewegtbild-Inhalten immens gestiegen. Egal ob moderner Imagefilm, der glaubwürdig und ohne Sprecher daher kommt, Content-Martketing-Videos mit Storytelling oder dezidierter YouTube Kanal; die Symbiose aus hochwertiger Filmproduktion und Online-Marketing Know How, wird irgendwann unverzichtbar. Eben genau so wie heute Online-Marketing, Webseiten, Blog oder Adwords unverzichtbar ist. Nur die Profis dafür müssen noch gebacken werden. Ich bin froh darüber jetzt bereits "zufällig" einer davon zu sein. Denn so langsam wird das bisherige "alle 3 Monate alles neu lernen" doch etwas mühsam ;)
Irgendwann wird Online-Video auch zu neuen wirklich treffenden Begrifflichkeiten führen müssen.
Denn bisherige sind einfach zu einseitig um vom Kunden verstanden zu werden:
Bewegtbild kommt aus dem Print-Werber Umfeld und ignoriert die Filmsprache
Branded Entertainment kommt aus dem Film-Umfeld und ignoriert die Priorisierung der Kundenwünsche, Stoyrtelling kommt aus dem Texter-Umfeld und ignoriert das emotionale filmische Storytelling ohne Worte.
Ich schlage vor Advertainment oder Entertizing ;)
Viele Grüße, Gerald Rusche

