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Spagat beim Storytelling: Medienhäuser investieren in Video und Print

04.06.2008 Auf zwei großen Konferenzen diskutieren internationale Publisher derzeit, wie sie die Erträge des Newsgeschäfts retten können. Während an Google und Yahoo ein Großteil der Einnahmen aus Nachrichten geht, macht nun selbst Ikea den Contentlieferanten das Leben schwer.

 (Bild: SXC.hu/David Resseguie)
Bild: SXC.hu/David Resseguie
Die Kunst, gleichzeitig in Papier und Online zu investieren und dabei mit einem Bouquet von Bewegtbild-Inhalten zu überzeugen, wird von der Branche derzeit heiß diskutiert.

In Göteborg macht man sich mit ein paar Studien Mut - um gleichzeitig genauer hinzuschauen. Das Netz sei ein wunderbarer Ort, wenn man wisse, wonach man suchte, ist Gavin O'Reilly überzeugt. Der Präsident des Weltzeitungsverbands World Association of Newspapers   (WAN) warnt jedoch: "Wir riskieren, dass unsere Dollars zu Pennies werden, wenn wir uns frontal in die digitale Welt stürzen." Etwa 60 Prozent aller Einnahmen mit Online-Nachrichten gingen an bloß zwei Unternehmen - Google und Yahoo. Auch wenn O'Reilly zur Vorsicht rät, feilen die WAN-Mitglieder an neuen Konzepten. An jedem der drei Kongresstage werden Thesen, Untersuchungen und Ausblicke präsentiert, die einige der 18.000 Zeitungen, 77 nationalen Zeitungsverbände, 12 Nachrichtenagenturen, 11 regionale und internationale Presseverbände sowie Zeitungsunternehmen und Führungskräfte der Zeitungen aus 102 Ländern evaluiert haben, um medial am Ball zu bleiben.

In der auf dem WAN-Kongress vorgestellten Studie 'World Digital Media Trends' heißt es, die Einnahmen aus Online-Werbung inklusive mobiler Geräte würden von 2002 bis 2011 auf weltweit etwa 105 Milliarden Euro steigen. Zeitungen könnten sich deshalb nicht allein auf Print verlassen, um finanziell zu überleben. In einigen Ländern "wird das Internet innerhalb von fünf Jahren die primäre Nachrichten- und Informationsquelle sein, während Zeitungen die dominierende Position verlieren, die sie mehr als ein Jahrhundert lang innehatten", heißt es in dem Bericht.

Die Zeitungshäuser müssten ihre Beziehungen zu den Werbungtreibenden weiterentwickeln, meint Tomas Brunegard , CEO der schwedischen Stampen Group  . Um die Anzeigenkunden richtig zu bedienen, müsse man neue Wege finden, appelliert er. Der Chef des Medienhauses, das in seiner Selbstdarstellung "unabhängige, glaubhafte und tapfere Medien" für die Gesellschaft einfordert, macht damit sich und seinen Kollegen Mut. Schließlich können Werbungtreibende nicht mehr nur einfach weg sein - sondern auch die Leser und Nutzer gleichzeitig mitnehmen. "Eine Neuheit ist, dass Anzeigenkunden die Konsumenten selbst erreichen können.

Für große Marken sind eigene Websites sehr attraktiv,"
so Brunegard. "Ikea's Family-Site   erreicht 90 Millionen Menschen - das ist sehr ernst für uns."Entwicklungen, die hierzulande bisher teilweise nur angedacht sind, hat die Nordjyske-Gruppe aus Dänemark 2001 umgesetzt: Einen neuen Newsroom-Plan mit verschiedenen Medien. Im heutigen 24-Stunden-News-Geschäft habe sich das Modell bewährt, so Per Lyngby , Nordjyske-Geschäftsführer   und -Chefredakteur. "Auf einmal können Sie viele unserer Zeitungsreporter im Fernsehen sehen. Sie haben gelernt, dass obwohl Print, Radio und TV unterschiedliche Medien sind, Journalism immer nur eines ist: Storytelling - unabhängig vom Medium", so Lyngby.

Der Däne freut sich nicht umsonst um TV-Präsenz und Vernetzung von Bewegtbild, Online und Print. Denn in einer von Decode   und TNS Global Research   erhobenen Studie für den Verlegerverband WAN, zeigt sich die Bedeutung von TV für jüngere Zielgruppen. Die Befragten - 3500 Leute im Alter von 15 bis 29 Jahren aus den USA, den Niederlanden und Finnland - vertrauen eben nicht der guten alten Tageszeitung, sondern dem Fernsehen.

Trotz der wachsenden Bedeutung des Internets sei TV nach wie vor die wichtigste Informationsquelle. Auch die Zeitungen können sich ihrer Aufmerksamkeit sicher sein, so der WAN. Im gleichen Atemzug gestehen die Verleger aber ein: "Das Nachrichtenangebot der Zeitungen hat mit den Interessen junger Leute wenig zu tun. Und wenn sich einmal ein Artikel mit jungen Leuten beschäftigt, dann in den meisten Fällen negativ. Der Umfrage zufolge sind die Hauptinteressen junger Menschen Musik und Film. Politik rangiert zwischen Platz 30 und 40." Neben dem Umbau der Verlagshäuser zu Medienmarken samt verstärkten Online-Aktivitäten hoffen die Blattmacher auf den Schulterschluss im Web 2.0. Soziale Netzwerke seien mögliche starke Kooperationspartner, ist man sich sicher.

Beim Hamburger Mediendialog werden vor allem Videos für Nachrichtenseiten besonders diskutiert. Einen ernsthaften Schritt hat die WAZ   vollzogen. Auf dem Nachrichten-Portal DerWesten   greift man seit einiger Zeit auf Content des WDR   zurück; heute wurde bekannt, dass die WAZ eine 24,9-prozentige Beteiligung an NRW.TV erworben hat, die sie gegebenenfalls ausbauen wird.

Auch wer keinen Sender sein eigen nennen kann, will: Videos, Videos, Videos. "Online-Video ist eine Überlebensfrage", glaubt Spiegel-Chefredakteur   Mathias Müller von Blumencron , was Rob Covey , Managing Editor von National Geographic   entspannter sieht. Er sieht in Webvideos eine wichtige Ergänzung, aber keinen Ersatz für Text und Bild. Einig sind sich alle über das Ziel: Mehr Reichweite! Für Bild-Chefredakteur   Kai Diecmann lautet das Ziel sogar Überholspur. Er will Bild.de vor Speiegel-Online positioniere. Für Deutschland beklagten mehrere Teilnehmer des Mediendialog, dass die Werbungtreibenden sich noch viel zu sehr um Werbung in Webvideo-Formaten drücke.

Doch während in Hamburg und Göteborg mit verschiedenen Rezepten nach mehr Reichweite auf allen Kanälen gesucht wird, wurde auch eine andere gewichtige Stimme laut. Die Nachrichtenagentur Associated Press   (AP) veröffentlichte in Göteborg eine eigene Studie, die es in sich hat. In der qualitativen Untersuchung, die mit anthropologischen Fragemethoden unter 18 bis 34-Jährigen stattfand, konstatiert AP die "Nachrichtenmüdigkeit". Durch die Überfrachtung mit News, wenden sich Kunden generell von Nachrichten ab, so die verblüffende Erkenntnis. Der "news fatigue" könnten Medien nicht durch dauernde Updates entgehen, sondern durch vertiefende Analysen, sondern auch "future news", aus denen Rezipienten mögliche Zukunftsentwicklungen und Auswirkungen von Nachrichtenphänomenen entnehmen könnten - ob mit oder ohne Video.
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