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Die Zukunft an POS und POI: Branchen-Streit um das iPad
10.11.2010 Sind Tablet-PCs das Ende herkömmlicher Kioskterminals? Oder gehört derjenige, der so etwas ernsthaft als Alternative in Betracht zieht, zu denen, "die ohne Besteck essen"? Die preiswerten Tablets könnten am Point of Sale und Point of Information die Rolle übernehmen, die bislang Touch-Terminals innehatten - und manche von deren Problemen lösen, die ihren Einsatz bislang verhindert haben. Der Streit geht ans Selbstverständnis der Digital-Signage-Branche.
Mit dem Vordringen der Tablet-PCs gibt es nun erstmals eine Geräteklasse, die die beiden Hauptargumente eines Kioskterminals - Standard-Computer und Touchscreen-Monitor - zu niedrigen Preisen auf den Markt bringen. Vor allem das iPad von Apple ab 500 Euro hat den Markt mit seinen Millionen-Stückzahlen geöffnet. Andere Anbieter wie Dell und Samsung mit seinem 670 Euro teuren 'Galaxy' werden folgen und die Preise in Zukunft noch weiter in den Keller treiben.
Kein Wunder, dass sich nun für die Tablet-PCs die ersten Zubehör-Anbieter bereit machen, um die Geräte zu POS- und POI-Systemen aufzubohren. Arktis.de beispielsweise stellt für knapp 200 Euro Tischständer und Bodenständer für Apples iPad vor. Die White-Rabbit-Systeme eignen sich, um den Tablet-PC für den Point of Sale umzurüsten. Damit erhalten Händler schon für 700 Euro eine Alternative zum herkömmlichen Indoor-Touch-Kioskterminal.
Auch Zubehör-Hersteller Belkin hat seit kurzem Accessoires im Angebot, die dem iPad einen sicheren Stand zum Beispiel an einem Tresen verschaffen sollen: Der 'Grip 360°' (59,99 Euro) ist eine Haltevorrichtung mit Handschlaufe und Standfuß. Er soll wahlweise als Handhalte-Hilfe, Schutzhülle oder Standvorrichtung für das iPad dienen. Das 'Flipblade' (24,99 Euro) ist ein zusammenklappbarer Aluminium-Fuß, mit dem der Tablet-PC im Quer- oder Hochformat aufgestellt werden kann.
Dringen jetzt Tablet-PCs in die bislang klar umrissene Kiosk-Nische vor? Die Branche ist gespalten.
Dieser Ansicht widerspricht beispielsweise Peter Dombrowski , Director Business Development beim Digital-Signage-Systemhaus SDI Gesellschaft für Medientechnologie mbH . Er sieht Tablet-PCs als günstige Alternative. Sofern sie mit der richtigen Applikation ausgestattet sind und vernünftig in ein Konzept integriert werden. Er glaubt an das Ende der proprietären Systeme: "Ich denke, auch die Belastbarkeit der Tablet-PCs wird dem Einsatz im Feld standhalten und so die Kombination Touch-Displays und PC ablösen."Was für ihn beim Einsatz von Touch-PCs spannend wird ist die Nutzung: Wird das Tablet im Store frei platziert oder wird man es dem Kunden in die Hand geben - so wie es bereits Restaurants tun, die das iPad als Speisekarte verwenden.
Während Klaus Prokop , Geschäftsführer der Wiener Creative media interactive gmbh , an den Fortbestand des Terminals glaubt ("trotz des reichen Angebots an Inhalten im Web, der geänderten Art und Weise, sich Informationen aus demselben zu beschaffen bis hin zu mobil nutzbaren Informationssystemen wird der Kiosk weiterhin bestehen bleiben") sieht Swen Topp , Vertriebsleiter bei der Memedia Agentur für neue Medien ihr Ende.
"Die Zeit der klassischen POS-Terminals (kleiner Screen + Tastatur) geht unserer Meinung nach im breiten Segment vorbei", ist Topp überzeugt. Die Produkte in Nischen-Segmenten würden aber weiterhin ihre Lebensberechtigung in der Art des Aufbaus haben - beispielsweise bei Bankomat). Topp weiß aus Erfahrung: "Durch die technischen Möglichkeiten der neuen Touch-Technologien und die Verbesserungen von Software und Umsetzungen, werden Systeme geschaffen mit einem größeren Anspruch auf Design, Emotion und Bedienbarkeit."
Mit der neuen Tablet-PC-Generation kämen zusätzlich, mit den richtigen Anwendungen und Ideen, kleine und kostengünstige Alternativen auf den Markt, um mit dem Kunden am POS und POI interaktiv zu kommunizieren. "Das iPad hat hier auch einen Trend gesetzt, da es als schick und modern angesehen wird, sich mit dieser Art der Technik zu umgeben", argumentiert Topp im Hinblick beispielsweise auf Lifestyle-Shops.
"Wer so etwas ernsthaft als Alternative in Betracht zieht, der isst auch ohne Besteck"
Gunther Schöllchen , Geschäftsführer des Kioskterminal-Herstellers ide-tec KG hingegen ist gnadenlos in seiner Ablehnung: "Wer so etwas ernsthaft als Alternative in Betracht zieht, der isst auch ohne Besteck, weil es mit den Fingern billiger ist." Er hält das Apple iPad für " ein nettes Spielzeug für den Heimanwender", das bestenfalls für eine zeitlich begrenzte Promotion-Aktion geeignet ist. "Aber sicherlich ist es kein professionelles Informationsmedium für den öffentlichen Bereich", argumentiert er. Sein Argument: Professionalität ist alles.Dem stimmt Klaus Prokop zu: "Tablet-PCs als billige Alternative? Sehr wohl. Da Technik immer leistungsfähiger und zugleich billiger wird, steht dem Einsatz von Tablet-PCs nichts im Wege." Allerdings schränkt er ein: "Wobei Kriterien wie Bild-/Videoqualitäten, Mehrschirmlösungen oder sichere Verbauung (vandalensicher wäre übertrieben) wesentliche Rollen bei Kiosksystemen spielen."
Schöllchen hat hier allerdings schlechte Erfahrungen gemacht: "Immer wieder tauchen Anfänger im Milieu auf, die versuchen, Consumerware in professionelle Anwendungen zu integrieren. Das sind dieselben Dilettanten, die TV-Panels im 24h-Bereich einsetzen und sich dann wundern , warum spätestens nach sechs Monaten Feierabend ist."
Der Auffassung, dass Tablet-PCs keine Chance im Kioskmarkt haben, widerspricht Martin Klässner , Consultant für Out-of-Home-Marketing grundlegend: "Wenn ich mir den Bereich Einzelhandel und Retail anschaue, gibt es dort einige Ansatzpunkte, die mit einem iPad als technischer Basis kostengünstiger als bisher umgesetzt werden können." Denn er hat positive Erfahrungen: "Wir haben bereits ein Pilotprojekt durchgeführt und sind von den Ergebnissen begeistert." Seiner Meinung nach ist das iPad derzeit sehr wohl eine sinnvolle Alternative für Projekte am POS, sofern es in ein zusätzliches Sicherheitsgehäuse integriert ist, wie er einschränkt.
Wenn es allerdings um plakative Inhalte geht, sind für ihn aber bisherige klassische Systeme nach wie vor die erste Wahl. Sein Fazit: "Das iPad kann sehr wohl unter gewissen Gesichtspunkten als günstige - und gute - Alternative eingesetzt werden, jedoch nicht für alle Einsatzgebiete." Hersteller seien in Zukunft gefordert, hier sinnvolle Anwendungsszenarien gemeinsam mit ihren Kunden zu entwickeln und umzusetzen.
Der Consultant und Senior Account Manager bei SinCorNet , Gerhard Reith sieht ebenfalls die Zeit der Kioskterminals nicht ihrem Ende zugehen: "Nur das Medium passt sich neuen technischen und sozialen Entwicklungen an", ist er überzeugt. Tablet-PCs seien "abhängig von deren Remote Management" dennoch eine preiswerte Alternative: "Nehmen Sie einen günstigen All-in-one-PC mit Touchscreen und Sie haben für zirka 500 Euro eine Ipad-Alternative auch mit Microsoft Windows oder Linux". Er empfiehlt Herstellern, auf den Tablet-Zug aufzuspringen und dezidierte Systeme anzubieten - "kleiner was das Rechenwerk angeht, flexible Monitor-Größen, energiesparender sowie mit Anbindung an neue Zahlungssysteme."
"Die Zeit der Kioskterminals war noch nie da"
Für Peter Dombrowski war der Godot-Markt Kioskterminal bislang noch nie da: "Wenn man mal von Geldautomat und Bahnkarten absieht, hat sich das Thema nie richtig durchgesetzt." Aber jetzt, mit preiswerterer Hardware, sei die Zeit reif: "Das ganze Thema Kiosk hat auf jeden Fall noch Potenzial und könnte jetzt erst richtig entwickelt werden, weil endlich Hardware, Software und Bandbreite zur Verfügung stehen." Der Vorteil der Smartphone-Zeit sei, dass der Kunde nun das Verhalten gelernt hätte: Berühre ein Display und es tut sich etwas. "Das setzt der Kunde heute fast schon voraus."Die spannende Frage sei allerdings, wie sich das Verhältnis zwischen mobiler und stationärer Nutzung von Touch-Displays verändere: "Mit den Smartphones wird hier auch noch ein zusätzlicher Mitbewerber kommen, da habe ich nämlich immer mein Kioskterminal in der Tasche und das mit direktem Rückkanal."
Dombrowski ist sich aber sicher: "Die Zeit für Kioskterminals beginnt also gerade erst."
Am: 10.11.2010
Zu: Die Zukunft an POS und POI: Branchen-Streit um das iPad
Und wie sieht es überhaupt aus mit der Akzeptanz auf Seiten der Kunden? Wenn ich auf Messeständen Kioskanwendungen sehe (dort trifft man sie ja am ehesten an), hält sich die Begeisterung der Messebesucher meist sehr in Grenzen. Ist ja schön, wenn die Hardware günstiger wird, aber solange sich die Kunden für Kioskanwendungen nicht sonderlich interessieren, wird sich diese Technik auch nicht auf breiter Front durchsetzen.
