Jetzt zum Webinar anmelden
November 2026 · Unser Geburtstagsgeschenk
35 Jahre iBusiness.
Im November alles frei lesen.
Zum Jubiläum öffnen wir alle iBusiness-Inhalte: vom 1. bis 30. November, für alle, ohne Anmeldung und ohne Bezahlschranke.
Alle Inhalte im November kostenlosRegistrieren Sie sich kostenlos und abonnieren Sie anschließend den iBusiness-Newsletter. So bleiben Sie bei den Themen auf dem Laufenden, die für Sie zählen.
Rezo-Video: Was hätte die CDU denn sonst machen sollen?
28.05.2019 Eiertanz, Diffamierungen und ein 12-seitiges PDF: Die Schlappe, die die CDU bei den Europawahlen vor allem bei den Jungwählern kassiert hat, ist nicht allein auf das Rezo-Video zurückzuführen. Aber zu einem gewissen Teil schon. Dass die Partei falsch reagiert hat, erscheint klar. Nur: Was hätte sie anders machen können? Und: Was lernt man daraus?
HANDLUNGSRELEVANZ
|
|
Operativ |
Strategisch |
Visionär |
|
Technik |
|
|
|
|
Medien |
|
|
|
|
Wirtschaft |
|
|
|
|
|
heute |
morgen |
übermorgen |
Dann die erst aggressiven, dann zunehmend hilflosen Reaktionen der CDU , die in einem angekündigten, produzierten und doch nicht veröffentlichten Video des Jungabgeordneten Philipp Amthor gipfelten. Schließlich die Veröffentlichung des 12-Seiten-PDFs Wie wir die Sache sehen als Antwort. Samt dem anschließenden Absturz der CDU bei den Jungwählern von 27 auf 12 Prozent .
Für uns alle Nicht-Stein-Bewohner stellt sich die Frage: Wie hätte die CDU denn richtig reagieren können - anstatt Spott zu ernten für hilflose Reaktionen, wie die von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer auf Rezos Klima-Kritik ("Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab"; falsche Bibelwiedergabe im Original).
Die vier Probleme der CDU
Die CDU stand bei ihrer Krisenkommunikation so kurz vor der Europawahl gleich einem ganzen Bündel an Problemen gegenüber:1. Sie hatte ein inhaltliches Problem
weil die CDU- und GroKo-Regierungspolitik, zum Beispiel in Sachen CO2-Steuer einerseits inhaltlich als gegen die Jugendbewegung #FridaysforFuture gerichtet gesehen wird. Andererseits wurde die CDU zunehmend als jugendfeindlich und dialogavers wahrgenommen - spätestens, seit im Februar 2019 hunderttausende von Jugendlichen gegen das EU-Urheberrecht mit seinem Uploadfilter und seinem Leistungsschutzrecht mobil gemacht wurden - und die demonstrierenden Jugendlichen von CDU-Politikern als "Bots" und von Google gekaufte Aktivisten bezeichnet wurden. Das löste einerseits die Webkampagne #niewiederCDU aus. Andererseits sorgten herablassende und schmähende CDU-Kommentare für ein Déjà-vu im Nicht-ernst-genommen-werden.2. Sie hatte ein mediales Problem
weil die schiere Reichweite des Ursprungsvideos allein, kombiniert durch zahlreiche Folge- und Unterstützungskampagnen gepaart mit der kommunikativen Multiplikation durch die folgende Berichterstattung der Massenmedien eine derartige mediale Wucht generierte, dass ein Schweigen, ein Aussitzen oder ein Ignorieren keine Alternative mehr war - man wäre nur noch stärker in Erklärungsnot geraten.3. Sie hatte ein strukturelles Problem
Parteien bestehen aus Gliederungen und Einzelpersonen (aka: "Politiker"), deren Ware ausschließlich das Kommunizieren in der Öffentlichkeit ist. Was sie natürlich immer und überall tun. Mit durchwachsener Qualität und im Netz ohne kohärenter Strategie über die Gliederungen hinweg. So entstanden in kurzer Zeit eine Fülle von niederkompetenten Reaktionen (Webslang: "Kompetenz-Limbo") - und jeder noch so dümmliche Post eines CDU-Mandatsträgers zum Rezo-Video wurde von der Netzgemeinde genüsslich aufgegriffen und in der Luft zerrissen.4. Sie hatte ein handwerkliches Problem
Nicht jeder Mandatsträger und nicht alle Kommunikationsbetrauten in der CDU-Parteizentrale sind mit Facebook und Instagram und Xing und Youtube und Linkedin und Twitter so vertraut, wie es hauptberufliche Internet-Nutzer sind - wie die Youtuber, denen sich die CDU gegenübersah. Die von den CDU-Unterstützern gemachten handwerklichen Fehler sorgten also postwendend für internetweite Lacher und eine Bestätigung der These, die Union sei nach wie vor fest im #Neuland-Modus: So twitterte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak eine Gesprächseinladung an Rezo nicht als Thread, sondern als sieben Einzeltweets. Und der Doch-nicht-Youtuber Philipp Amthor (Webspott: "Ein alter weißer Mann gefangen im Körper eines 26-Jährigen") begründete die Nicht-Veröffentlichung seines Videos damit, ein "Video der Zerstörung" entspräche nicht dem Stil der CDU, man solle sich lieber zusammensetzen. Damit zeigte er, dass er die reale Bedeutung des Wortes "Zerstörung", wie sie in Youtuber-Kreisen verwendet wird (als höchst überzeugende Argumentation), nicht verstanden hat.Was die Branche rät
Wir haben herumgefragt, wie denn die CDU überhaupt hätte richtig reagieren können. Eine eindeutige Antwort auf unsere Frage haben wir nicht bekommen. Die Bandbreite reicht dabei von aktiv bis passiv. "Hätte gar nicht reagieren dürfen" meint Thomas Knüwer , Gründer der auch auf Krisenkommunikation spezialisierten Beratungsgesellschaft Kpunktnull und argumentiert: "Selbst große Mittelständler - und mit denen muss sich die CDU vergleichen lassen - besitzen Pläne, Prozesse und Strukturen für eine seriöse Krisenkommunikation. Eine Partei besitzt diese anscheinend nicht. Oder sie befolgt sie nicht. Oder die Pläne sind schlecht." Vielleicht hat die CDU das auch einfach nicht als Krise erkannt: Der Blogger ("Hamburger Wahlbeobachter ") und Politikberater Martin Fuchs , der unter anderem für die CDU, die Grünen und die Linke gearbeitet hat sieht das Problem darin, dass "viele ziemlich überrascht davon sind, dass für sie eigentlich unpolitische Akteure auf den Plan treten, die sie eigentlich nicht kennen."
Während Knüwer für jedes Unternehmen - auch die CDU - die Dreieinheit aus digitalkundigen Sprechern, Social-Media-Listening und dem Aufbau von Reaktionskanälen fordert (und deswegen wegen Nichtvorhandensein ihr Stillschweigen verordnet hätte), verweist Prof. Jens Junge , CDU-Mitglied und Gründer des Spieleportalbetreibers Mediatrust auf einen Videoclip der Berliner CDU-Nachwuchspolitikerin Jenna Behrends ("Rezo, du hast recht")
PR-Berater Norbert Nordbergh Diedrich empfiehlt ebenfalls eine Antwort auf Augenhöhe: "Ernsthaft, überlegt, glaubwürdig, mit Faktencheck, gerne auch emotional". Er sieht jedoch, wie so manch anderer der von uns Befragten einen Widerspruch zu der von der CDU praktizierten Kampagnentechnik und verweist auf den Slogan "Wer hat 'Atomkraft Nein Danke' Realität werden lassen - CDU": "Ganz besonders nicht parallel mit einer Motivkampagne, die mehr an Geschichtsfälschung erinnert als an Wahlkampf". Im Konrad-Adenauer-Haus leckt man die Wunden: "Wir haben zu langsam auf dieses Video reagiert, aber die Ressourcen, die wir in der Online-Kommunikation haben, sind viel zu gering, um mit jungen Menschen in Kontakt zu treten", gestand CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Montag ein.
Mehr als ein Befragter forderte eine Politikänderung durch die CDU an - ohne sie sei ehrliche Social-Media-Kommunikation auf Augenhöhe nicht zu gewährleisten. "Keine Antwort mit Worten, sondern mit Taten", forderte beispielsweise Sebastian Fiebiger, CEO des Portals Naanoo.com . Taten erwartet übrigens auch die interne CDU-Wahlanalyse, über die verschiedene Medien berichten: "Die Serie der Unentschlossenheit im Umgang mit Phänomenen wie 'Fridays for Future' und plötzlich politisch aktivierten YouTubern sowie vor allem der vorhergehende tiefe Einschnitt in der Wahrnehmung der CDU bei jüngeren Zielgruppen durch die Debatten zu den 'Uploadfiltern', einen vermeintlichen 'Rechtsruck' bei der JU sowie die medial sehr präsente, sogenannte WerteUnion führten gleichzeitig zu einer deutlichen Abkehr unter 30-jährigen Wählerinnen und Wähler".
Immerhin: Die CDU-Chefin räumte noch am Sonntag in der ARD Defizite in der Klimaschutzpolitik ein. Weder vertrete die Regierung sehr glaubwürdig, wie sie die Klimaschutzziele erreichen wolle, noch habe die Partei programmatisch schon die Antworten hierfür. Hier will sie nachbessern.
Lieber Meinungsfreiheit beschneiden als Social-Media-Strategie überarbeiten
Beim Internet allerdings, da verfällt sie lieber wieder in das alte Muster: Was ich nicht verstehe, das verbiete ich: Laut Medienberichten hat Annegret Kramp-Karrenbauer als Reaktion auf die Anti-CDU-Videos laut über eine Regulierung von Meinungsäußerungen im Netz vor Wahlen nachgedacht. Nach Gremiensitzungen der CDU sagte sie, wenn 70 Zeitungsredaktionen vor einer Wahl dazu aufriefen, nicht CDU oder SPD zu wählen, würde dies als "klare Meinungsmache vor Wahl" eingestuft.Man müsse darüber reden: "Was sind Regeln aus dem analogen Bereich und welche Regeln gelten auch für den digitalen Bereich." Nach heftigem Protest, auch aus dem Netz, ruderte sie am Abend zwar ein kleines bisschen zurück . Aber bis bei der CDU das handwerkliche Problem behoben ist - das Verständnis des Internets und das Verschmelzen von massenmedialer und persönlicher Kommunikation (Politsprech: #Neuland) und der freien Meinungsäußerung selbst für Youtuber - wird wohl unter dieser Kanzlerin-Wannabe noch einige Zeit vergehen.
Vielleicht sollte man den CDU-Funktionären solange das Internet wegnehmen . Zu ihrer eigenen Sicherheit.
