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Cebit-Trends 2018: Zwischen Höhenflug und freiem Fall
15.06.2018 Findet die Cebit mit neuem Konzept zur alten Größe zurück? Die wichtigsten Cebit-Trends lassen Zweifel aufkommen. Denn: Auch wenn die Party irgendwie geil war - am Ende ist wenig geblieben.
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Auch inhaltlich gab es Achtungserfolge zu verbuchen: Netzpionier Jaron Lanier rechnete bei seinem Eröffnungsvortrag überraschend harsch mit den Geschäftsmodellen der Digitalwirtschaft ab. Der als harmloser Beitrag zur VR-Zukunft angekündigte Redebeitrag geriet so zu einer wohlkalkulierten und vielzitierten Provokation. Punktlandung - so schafft man es international auf die Agenda.
Festival gut - Mission geglückt?
Nach fünf Tagen Tech-Party lässt sich festhalten: Die neue Cebit - das sind humanoide Roboter, selbstfahrende Autos und fliegende Taxidrohnen, Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Wenn es nur um den Imagewandel geht, lässt sich den Veranstaltern kein Vorwurf machen. Sie haben hart gearbeitet und alle Register gezogen. Durchaus erfolgreich. Am neuen Konzept kommt niemand vorbei.
Nur: Die Neuerfindung der Cebit ist natürlich kein Selbstzweck. Dahinter steckt die schiere Not. Während zur Jahrtausendwende noch bis zu 850.000 Besucher auf die Messe strömten, um Neuheiten von mehr als 8.000 Ausstellern zu besichtigen, waren es 2017 gerade noch 200.000 Besucher und 3.300 Aussteller. Zahlreiche Änderungen und Neupositionierungsversuche konnten den Niedergang nicht stoppen.
Nun also der radikalste, vielleicht letzte Versuch. Schon die Eckdaten zeigen, dass es diesmal ums Ganze geht: Wenn sich der einstige Platzhirsch einen neuen Termin im Veranstaltungskalender sucht, macht allein das deutlich, dass aus dem Jäger längst ein Gejagter geworden ist. Die neuen Sterne am Himmel heißen Southbysouthwest, E3, CES, Mobile World Congress oder in Deutschland Online Marketing Rockstars, Gamescom, IFA und Dmexco. Aber auch Firmenevents wie SAPhire, Adobe Sumnit oder Dreamforce haben sich zu Publikumsmagneten entwickelt.
Die Frage lautet daher viel weniger: "Ist der PR-Rummel um den neuen Festivalcharakter geglückt?". Sondern viel mehr: "Konnte die Cebit mit ihrem neuen Format Relevanz gewinnen?"
Gefühltes Interesse niedrig - tatsächliches ebenso
Gefühlt war das Interesse an der Cebit deutlich geringer als in den vergangenen Jahren. Das zeigt auch eine (nicht repräsentative) Facebook-Umfrage, die iBusiness durchführte. "Gibt's die Cebit noch?" und "Nichts mitbekommen" gehören zu den mehr als einmal geäußerten Meinungsbeiträgen. Daneben fiel auf, dass der Festival-Charakter allenthalben gelobt wurde.| Cebit-Pressemitteilungen im iBusiness-Postfach | |
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| Cebit 2017 | Cebit 2018 |
| 331 PMs | 191 PMs |
| entspricht einem Minus von 43 Prozent | |
Kaum besser sieht das Ergebnis einer Google Trends Abfrage aus. Das Interesse an dem Keyword Cebit sinkt seit 2004 mehr oder weniger kontinuierlich. 2017 erreichte das Interesse nur noch 14 Prozent des Ausgangswertes von 2004 und sank 2018 auf nur mehr 13 Prozent. Ein ernüchternder Wert - vor allem wenn man bedenkt, dass die Messe wegen der Aufmerksamkeit um ihre Neuausrichtung einen erheblichen PR-Schub erhalten haben müsste.
Interesse am Suchbegriff 'Cebit' bei Google 2004 bis 2018 |
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Insofern fällt es auch etwas schwer, echte inhaltliche Messetrends auszumachen. Das Portfolio der Messe ist immer noch breit. Ein spitzer Fokus auf ein Kernthema ist schwer zu erkennen.
1. Messetrend: Digitalkritik wird schick
Online-Games, Social Media und digitale Medien gehören inzwischen zur Alltagskultur, Nerds und IT-Themen sind gesellschaftsfähig. Es steht daher wirklich nicht gerade zu befürchten, dass die kommende Generation Alpha dem Smartphone den Rücken kehren wird. Allerdings lässt sich beobachten, dass Faszination, Euphorie und hohe Erwartungen einem nüchternem Blick weichen. Digitale Geschäftsmodelle haben ihre Kehrseite - sei es steigender Konsum, Überwachung, Datenschutz, Entmündigung oder Kontrollierbarkeit. Netzpionier Jaron Lanier stand auf der Cebit für diesen Trend, als er in seiner Eröffnungsrede Social Media, "kostenlose" Geschäftsmodelle und die immer raffinierteren Methoden kritisierte, mit denen die Online-Industrie Menschen zu manipulieren versucht. Die Tech-Industrie trägt eine wachsende gesellschaftliche Verantwortung und muss sich dieser stellen.
2. Messetrend: Künstliche Intelligenz, Algorithmen und Machine Learning
Wie nötig dieser kritische Blick auf die IT ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man sich die Entwicklung in Sachen Künstliche Intelligenz und Machine Learning vor Augen hält. Während immer mehr Verantwortung an Maschinen übergeben wird, wachsen zugleich die Einflussmöglichkeiten derjenigen, die diese Maschinen kontrollieren. Machine Learning überträgt Maschinen Entscheidungsfähigkeit auf einem bisher unbekannten Niveau. Anhand einer unscharfen Mustererkennung sind Maschinen in der Lage, relevante Informationen aus großen, unstrukturierten Datenmengen herauszufiltern. Maschinen können damit in Lebensbereiche vordringen, die ursprünglich für die Automaten völlig ungeeignet waren. Mehr noch: Mittels Deep Learning können Maschinen selbstständig Muster und Eigenschaften erkennen. Dem Computer muss nicht mehr beigebracht werden, wie eine Katze aussieht, damit sie Katzenbilder finden kann. Die Maschine ist in der Lage, selbstständig die Gemeinsamkeit von Katzen zu entdecken. Damit sind Maschinen in der Lage, eigenständig Empfehlungen im Marketing, im Pricing, in der Logistik oder der Schadensprognostik zu erteilen.
Potenzial und Risiko der neuen Technologien liegen eng beieinander. Intel zeigt auf der Messe eine Lösung, die es Meeresbiologen ermöglicht, die Erforschung von Walen auf einzigartige Weise zu verbessern. Mit Kameras ausgestattete Flugdrohnen folgen den Tieren und können die einzelnen Meeressäuger in dem kurzen Moment des Auftauchens mittels Bilderkennung identifizieren. Mittels der ausgestoßenen Wasserfontänen untersuchen sie zugleich den Gesundheitszustand der Tiere. Das Szenario zeigt, wie nützlich Künstliche Intelligenz sein kann - und wie dicht die Kontrollmöglichkeiten werden.
3. Messetrend: Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Robotik
Flug-Taxen und autonomes Fahren waren aus kaum einem Cebit-Bericht wegzudenken. Und tatsächlich zeigt das Thema Mobilität besonders eindringlich, wie eng Künstliche Intelligenz und Robotik, Internet der Dinge und Industrie 4.0 inzwischen verknüpft sind. Auf der Cebit erklärte Marc Raibert , Chef des Roboter-Spezialisten Boston Dynamics gar, die Entwicklung der KI sei entscheidender als das niedliche Aussehen der Maschinen. Sein Unternehmen habe daher auch Maschinen in der Entwicklung, die optisch keinem Lebewesen mehr ähneln müssen, um vom Menschen akzeptiert zu werden - auch wenn das erste frei verkäufliche Produkt des Unternehmens, das im kommenden Jahr auf den Markt kommen soll, sicherheitshalber einem Hund nachempfunden ist. Zu sehen war das Spotmini getaufte Ding, das wohl mehrere tausend US-Dollar kosten wird und sich ausschließlich an den Privatkundenmarkt richten wird, allerdings nicht.
Emotionen sollen die Roboter aber nicht nur erzeugen, sondern auch lesen können. Maschinen sollen dadurch besser und unaufdringlicher auf Menschen reagieren können. An entsprechenden Konzepten arbeiten nicht nur die Hersteller von Schmuserobotern, sondern auch die Entwickler von Industriegeräten. Grund: Je besser Maschinen auf Menschen reagieren, desto einfacher lassen sie sich in die Arbeitsumgebung integrieren. Wenn Fertigungsstraßen geplant oder umgebaut werden müssen, sind hohe Kosteneinsparungen möglich, wenn für Mensch und Maschinen gemischte Bereiche genutzt werden können. Ein anderes Beispiel ist ein Auto, das Unterhaltungs- und Entspannungsprogramme zielgerichteter präsentieren kann. Entsprechende Konzepte zeigte das KI-Entwicklungsteam des Autobauers Daimler auf der Cebit.
4. Messetrend: Virtual und Augmented Reality
So richtig aus dem Quark kommen weder Virtual Reality (VR) noch Augmented Reality (AR). Die Messegesellschaft wird zwar nicht müde, das Thema zu bejubeln, kommt aber selbst nicht um die Einschätzung herum, es handle sich um "einen schlafenden Riesen", der den kommerziellen Durchbruch noch nicht geschafft habe. Nicht ohne voller Optimismus hinzuzufügen: "Das ändert sich jetzt." Ironischerweise wurden VR und AR bereits im Vorjahr mit einem fast wortgleichen Text eingeführt - geändert hat sich seither nichts. In diesem Jahr scheint es kaum anders: Zwar gab es erneut verbesserte Hardware zu sehen. Doch an entscheidender Stelle - den Anwendungen - gab es wenig innovative.
Der große Business-Case fehlt also immer noch. Obwohl die Technik inzwischen extrem leistungsfähig ist, fehlen Anwendungsszenarien, die über Videofilter, Animojis und Online-Games hinausgehen. AR bleibt dabei die aussichtsreichere Technik. Sie ist einfacher in Endgeräte (Smartphones) zu implementieren und in den Alltag zu integrieren (weil sie nicht immersiv ist). Sie ist daher billiger und bietet vielfältigere Anwendungsmöglichkeiten im Learning, im Tourismus, im Gaming, für polizeiliche Zwecke oder bei Navigation, Shopping und in vielen anderen Bereichen.
5. Messetrend: Digitalisierung
Eine ganze Vortragsreihe widmete die Cebit erneut der "Digitalen Transformation". Mindestens das vierte Jahr in Folge beherrscht dieser Dauerbrenner die digitale Agenda. Dabei zeigten sich zum Teil auch merkwürdige Blüten: Buchautor und Unternehmensberater Stefan Engseth empfahl dem Fachpublikum bei der Vorstellung seines Buchs "Sharkonomics" etwa ein besonders blutrünstiges Vorgehen. Die Methoden des Haiangriffs seien für Manager und Vorstände die ideale Blaupause, um alte Marktführer im Wettbewerb zu attackieren. Das Opfer beobachten und im Moment der Schwäche angreifen, lautet seine Strategie. Die Digitale Transformation bereitet dem Raubtierkapitalismus neuen Boden, eine radikal-darwinistische Lesart der Marktwirtschaft soll zum Geheimrezept des Erfolgs werden. Motto: Wann, wenn nicht jetzt, kann man die Wettbewerber erlegen? Zu einem Zeitpunkt, wo viele Unternehmen Schwächen zeigen?
Andere Herausforderungen der Digitalisierung fanden dagegen im Gegensatz zu den Vorjahren weniger Beachtung - etwa die Auswirkungen der Automatisierung auf den Arbeitsmarkt. Trotzdem zeigt die Messe: Digitale Transformation wird die Wirtschaft noch lange beschäftigen - und damit könnte das für die Cebit ein spannendes Thema bleiben. Fraglich bleibt jedoch, ob die Cebit dabei den richtigen Blickwinkel gefunden hat. Die Perspektive des Hais, der als Angreifer in der Digitalisierung auftritt, ist die des jungen Start-ups. Zumindest bislang trafen sich auf der Cebit eher die etablierten Unternehmen. Um im Bild zu bleiben: Die fetten, faulen Robben, denen geholfen werden muss, rechtzeitig ins Wasser zu kommen.
