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Echokammern: So gefährlich ist Donald Trumps Social-Media-Vermächtnis
01.02.2021 Wer Radikale aus den Sozialen Netzen wirft, macht sie noch gefährlicher. Stimmt diese These? Die klare Antwort: Vielleicht. Aber die Chancen überwiegen. Fünf Dinge, die Sie über Echokammern wissen müssen.
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Donald Trump hatte den Schaden, in dessen Besitz man sich nicht mehr um die Bereitstellung des Spottes kümmern musste, und so witzelte das Internet, sein Smartphone sei nun buchstäblich zum Backstein geworden und längst pleite gegangene Unternehmen würden kurzfristig wieder online gehen, nur um Trump ebenfalls hinausschmeißen zu können. Doch fast zeitgleich tauchten auch Bedenken auf: Zum einen waren da die Stimmen, die in der Verbannung Trumps aus nahezu allen Winkeln des sozialen Webs ein Unrecht sahen. Gewichtiger und bedeutsamer war jedoch noch ein anderes Bedenken, das in diesem Kontext auftauchte: Die Frage, ob die Verbannung von Rechtsradikalen aus sozialen Netzwerken nicht gerade zu einer Konzentration von Antidemokraten in dunklen Winkeln des Webs führe.
Es ist die Furcht vor der Echokammer - dem virtuellen Raum, in dem Menschen nur noch mit Gesinnungsgenossen vernetzt sind und nicht mehr von korrigierenden tatsachenbasierten Informationen erreicht werden. Rund um eine virtuelle Kampagne, die nahezu in einem Staatsstreich in der mächtigsten Demokratie der Welt führte, ist eine Frage wichtiger denn je - denn die Antwort darauf entscheidet, wie künftig im Web mit Demokratiefeinden umzugehen ist: Erzeugt 'Deplatforming' - die Verbannung von Radikalen aus Social Media - tendenziell Echokammern, in denen sich die Verbannten nur noch schlimmer gegenseitig radikalisieren? Eine kommunikationswissenschaftliche Analyse einer These, die deutlich älter ist als das Web, in fünf Schritten.
Erstens: Die Furcht vor Echokammern ist kein Internet-Phänomen
Der Begriff Echokammern stammt aus Offline-Zeiten, erklärt Wolfgang Schweiger, Professor für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt interaktive Medien- und Onlinekommunikation an der Universität Hohenheim , genauer gesagt "stammt er aus den 80er-Jahren und aus der Politikwissenschaft und beschreibt (virtuelle) Räume, in denen Menschen mit ähnlicher Meinung zusammenkommen und sich in ihrer Meinung gegenseitig bestätigen und verstärken."Zweitens: Echokammer sind Symptome statt Verursacher
Echokammern sind Rückzugsorte für Menschen, die sich der Sozialisation für eine demokratische, diskursorientierte und informativ diverse Gesellschaft verweigern. Das, was Echokammern häufig als Effekt unterstellt wird, sind vielmehr ihre Ursachen. Namentlich ist das die kognitive Dissonanz - die Schere zwischen zwei Wahrnehmungen: Ein Mann findet einen Sportwagen toll (Gefühl 1), ist aber traurig, weil er ihn sich nicht leisten kann (Gefühl 2). Kommt er mit dieser Dissonanz nicht klar, überbrückt er die Kluft der Empfindungen mit einer Selbsttäuschung - beispielsweise redet er sich ein: "Das Auto ist Schrott, brauche ich nicht." In der Folge konzentriert er sich auf Infoquellen, die ihm diese Meinung bestätigen.Drittens: Es gibt genau so viele Hinweise auf den gegenteiligen Effekt
Die Filterblase ist eine Metapher. Sie beschreibt die wissenschaftliche Hypothese, dass Menschen in sozialen Netzwerken im Internet überwiegend Inhalte und Stimmen wahrnehmen, die ihrer Meinung entsprechen. Dazu gibt es aber auch eine Gegenannahme, Wolfgang Schweiger nennt sie den Netzwerkeffekt: "Für diese gegenteilige Hypothese spricht im Grunde genau so viel - sie unterstellt einen Netzwerkeffekt. Dabei geht man davon aus, dass wir heute sehr viel mehr unterschiedliche Quellen haben als früher und von denen auch besser erreicht wird. Sogar in vermeintlichen Echokammern." Denn de facto sind in Zeiten digitaler Displays in U-Bahnen und Bahnhöfen, von in Kneipen laufenden Fernsehern und Radios (wenn nicht gerade Lockdown ist) seriöse Newsquellen kaum zu vermeiden. Sogar Fake News benötigen oft die Referenz auf die realen Ereignisse, um ihnen ihre falsche Deutung aufzulegen.Viertens: Deplatforming wirkt
Die (nicht bewiesene, aber gefürchtete) Nebenwirkung der Echokammern-Bildung darf nicht von einem (nachgewiesenen) Faktum ablenken: "Wenn Demagogen und Verschwörungstheoretiker von Plattformen geworfen werden, treten sie zwar einen Marsch durch die Netzwerke an, bis sie eines finden, wo sie nicht herausgeworfen werden. Aber wir wissen, dass jedes Mal massiv Follower verloren gehen", sagt Jörg Haßler, Leiter der Forschungsgruppe Digital Democratic Mobilization in Hybrid Media Systems am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ein Trump verschwindet also nicht einfach mit 88 Millionen Nutzern im Dark Web - er ist große Teile seiner Fans erstmal los. Das führt nahtlos zum nächsten Punkt:Fünftens: Echokammern sind nicht steuerbare Einzelfälle, die Filterblase ist häufiger
Echokammern sind keine reale Entität, sondern ein metaphorisches Konstrukt. Es gibt keine Räume im Web, die Nutzer schlucken und radikalisieren, sondern 'Echokammer' beschreibt einen selbstgewählten Zustand der informationellen Isolation. Das bedeutet: Echokammern lassen sich weder errichten noch vermeiden. Nutzer wählen den Echokammer-Zustand auch dann, wenn die Trumps und Verschwörungstheoretiker dieser Welt noch online sind: "Hier ist zu unterscheiden zwischen zwischen quantitativer Forschung und Einzelfallbeobachtungen", sagt Jörg Haßler. "Tatsächlich ist die Mehrheit der Bevölkerung gegen dieses Phänomen weitgehend immun: Sie nutzt Massenmedien demokratisch aufgeschlossen. Drastischer fällt es bei Extremisten aus, bei AfD-Wählern, wo wir eine überdurchschnittlich geringe Mediennutzung beobachten. Aber: Selbst hier immer noch hohe Nutzung von Nachrichten." Selbst tendenziell antidemokratische Nutzer verschwinden also nicht automatisch in Echokammern. Also wer tut es? "Wir haben Einzelfälle von in hermetischen Inforäumen radikalisierten Menschen gesehen: Darunter fällt ein Breivik , auch der Attentäter von Halle. Menschen, die Ideologiefragmente aus Foren zusammengeschustert haben", sagt Jörg Haßler.Auf Deplatforming zu verzichten, weil man eine Radikalisierung nicht mehr zugänglicher Individuen fürchtet, würde also bedeuten: Die Einzelfälle würden weiter bestehen, gestörte Täter weiter ihre Resonanzräume suchen. Aber gleichzeitig verlöre man die Chance, noch lenkbare Nutzergruppen von demagogischen Botschaften zu trennen.
Aber wie wirkt man demokratisch auf noch lenkbare Nutzergruppen ein und verhindert, dass sie nach dem Deplatforming ihrer Meinungsführer denen in unerreichbare Bereiche des Webs folgen? Darum geht es in Teil II dieser iBusiness-Analyse.
