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Die richtige Unternehmens-Strategie für Google Plus
12.12.2011 Anfang November hat Google sein soziales Netzwerk für Unternehmen geöffnet und Google Plus-Pages eingeführt, die explizit für Unternehmen und Marken gedacht sind. Für Google-Plus-Fans ist das Netzwerk der neue Stern am Social-Media-Himmel. Google-Gegner sehen das Netzwerk wiederum dem baldigen Tod geweiht. Wie wichtig Google Plus für Unternehmen ist, hat iBusiness ausgelotet.
Außerdem will Google die Pages auch in seine Suche integrieren, so dass Nutzer diese direkt in der Google-Suche finden und zu ihren Kreisen hinzufügen können. Im nächsten Schritt soll zudem Direct Connect eingeführt werden: Wird einer Suche ein "+" vorangestellt, führt Google den Nutzer direkt zur passenden Google Plus Page und fügt diese auf Wunsch automatisch den Kreisen des Nutzers hinzu.
Das Angebot für Unternehmen ist konsequent, schließlich ist der Run auf Googles Netzwerk seit dem Start sehr hoch. Laut der aktuellen Erhebung der Bitkom sind bereits rund sechs Prozent der deutschen Onliner Mitglied des neuen Google-Netzwerkes. Damit hat es Google Plus binnen kürzester Zeit in die Top-10 der sozialen Netzwerke in Deutschland geschafft. Neben den Platzhirschen Facebook und Twitter sollen Unternehmen nun auch Google Plus in ihre Social-Media-Strategie einbeziehen. Denn soziale Netzwerke sind für ein Unternehmen mittlerweile unverzichtbar, aber kein anderes Netzwerk hat soviel Einfluss auf die Google Suche, auch wenn vieles noch Beta ist.
Obwohl Googles Netzwerk medial extrem gepusht wird, raten Social-Media-Experten Unternehmen hierzulande jetzt nicht überstürzt zu handeln, sondern Google Plus im Auge zu behalten und zu testen. Kommunikationsberater und Reputation Manager Klaus Eck rät Unternehmen sich in jedem Fall den eigenen Unternehmensaccount auf Google Plus zu sichern und "kleine Sachen zu machen". Sich auszuprobieren sei vor allem aus Suchmaschinen-Gründen wichtig. Ein gut gepflegtes Profil und eine ansprechende Markenseite auf Google Plus sind viel mehr wert als nur eine weitere Maßnahme in Sachen Social-Media-Marketing.
Wer ein gutes Social SEO betreibt - also eine gründliche Optimierung seines Markenauftritts in Googles Netzwerk - wird mit besserer Sichtbarkeit belohnt werden. Immer mehr Signale zeigen an, dass Suche und Soziales vom Suchgiganten enger verzahnt werden. Deswegen gehen die Auswirkungen der Unternehmensseiten weit über das soziale Netz Plus an sich hinaus. Sie werden Konsequenzen für Suchmaschinenmarketing und Sichtbarkeit in den SERPs haben.
Eck weist jedoch deutlich darauf hin, dass in Google Plus bisher wenig Kommunikation über Unternehmen stattfindet. Auch David Nelles , Senior-Social-Media-Strategist bei Ketchum Pleon , rät Unternehmen in Bezug auf Google Plus jetzt nichts zu übereilen. Es müsse sich erst mal etablieren und Unternehmen sollten die Entwicklung im Auge behalten. Zur Recht weist Nelles darauf hin, dass Google im Bereich Social Media in der jüngsten Vergangenheit schon eine Menge Dienste gestartet und auch wieder eingestellt hat.
"Google ist ein Suchunternehmen, dem soziales Know how bisher fehlte", umschreibt es Felix Beilharz vom Deutsches Institut für Marketing vorsichtig. Und tatsächlich scheint bisher ein Fluch auf allen Bestrebungen von Google zu liegen, wenn es darum geht, das Kerngeschäft zu verlassen und im Bereich Social Media ein Bein auf den Boden gegen Facebook zu bekommen. An Versuchen dazu hat es nicht gefehlt:
- Buzz sollte dem Microblogging-Dienst Twitter das Leben schwer machen. Das ging daneben: Twitter erfreut sich steigender Beliebtheit, während Buzz über einen Kreis von Nerds nie hinaus kam.
- iGoogle wollte dem Hang vieler Nutzer zur Personalisierung ihres Auftritts Rechnung tragen. Doch Personalisierung wird beinahe überall angeboten. Die meisten Nutzer konnten auf iGoogle verzichten.
- Wave wurde als eigenständiges Produkt beerdigt. Leider hätten sich nicht genügend Tester für das Produkt begeistern lassen, gestand Senior Vice President Urs Hölzle im Blogeintrag zerknirscht. Nun soll das Kollaborationstool in andere Produkte integriert werden.
- Google Latitude gehört in der Gruppe der Social-Media-Dienste zur Unterabteilung 'Location Based Services': Das Prinzip heißt: "finde Freunde in deiner Umgebung". Wurde nicht im gleichen Maß angenommen wie etwa Foursquare , das über die reine Funktion der Lokalisierung von Freunden hinaus Empfehlungen von Bars, Kneipen und Restaurants zuließ. Für Ortsfremde eine gute Orientierung. Zudem enthält Foursquare weitere Anreize: Wer sich immer wieder am selben Ort einloggt, kann dort zum virtuellen Bürgermeister aufsteigen und eventuell in seiner Lieblingskneipe mit einem Freigetränk belohnt werden.
- Orkut ist bislang das einzige reine soziale Netzwerk aus dem Hause Google. Erfährt starken Zuspruch in Lateinamerika, sonst nur Eingeweihten ein Begriff.
Entsprechend ermahnt Felix Beilharz Unternehmen in Sachen Google Plus zur Ruhe. Denn das Netzwerk ist noch sehr jung und es gebe bisher kaum Erfahrungen. Zudem gibt er zu bedenken, dass die Nutzerzahlen zwar sehr schnell steigen, aber die Rate der Abbrecher sehr hoch ist. Diese wenig erfreuliche Tatsache untermauert beispielsweise die Plattform Gplusmarketing.de . Dort wird bereits seit Anfang September 2011 darüber berichtet, dass nur etwa 17 Prozent aller Nutzer bei Google Plus auch tatsächlich aktiv sind, also zumindest irgendwann einmal einen Post abgesendet hatten. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass 83 Prozent aller Nutzer inaktiv sind und Google Plus - zumindest aktiv - nicht nutzen. Auch die Besucherzahlen an sich sinken zuletzt - ein weiteres Indiz dafür, dass die Akzeptanz oder der Reiz von Google Plus bei den Nutzern abnimmt.
Ganz ähnlich sieht das Hans-Jürgen Even , Geschäftsführer TWT Interactive GmbH . Denn es ist nicht mal zwei Monate her, dass Google Plus seine Unternehmens Seiten eingeführt hat. "Daher ist die Frage nach der Relevanz vielleicht noch etwas verfrüht, wenn man bedenkt, dass jede neue Plattform eine Anlaufphase zur Etablierung braucht", erklärt Even. Jedoch zeige Google Plus bereits heute Ansätze, die insbesondere für die B2B-Kommunikation enormes Potenzial versprechen. "Wie bei allen anderen Social Media Kanälen geht es auch hier zur Steigerung der Visibilität um eine klare Zieldefinition und Strategie - der Selbstzweck "dabei zu sein" reicht nicht aus".
Was den Content in Google Plus betrifft, scheint es noch kein Rezept für Unternehmen zu geben. Häufig zu beobachten ist, dass die Unternehmen, die bereits auf Google Plus vertreten sind, ihr Profil via automatisierten Newsfeeds aus anderen sozialen Netzwerken speisen. Aus Sicht der Fachleute jedoch macht doppelter Content überhaupt keinen Sinn. " Die Inhalte 1:1 zu übernehmen ist ein fataler Fehler, denn Google Plus ist kein Synonym zu anderen Netzwerken", argumentiert Eck. Auch Beilharz ist der Ansicht, dass Unternehmen " eine speziell abgestimmte Contentstrategie mit eigenen Inhalten entwickeln müssen". Beilharz Einschätzung zufolge ziele Twitter auf Interaktion ab, während Facebook eher Dialog-orientiert und Google Plus laut Eck eher Content-getrieben ist.
David Nelles fügt hinzu: "Unternehmen beginnen jetzt gerade erst Facebook als Social Media Kanal ernst zu nehmen und ihre Auftritte dort zu pflegen". Aus Sicht von Nelles ist die Frage nach den Ressourcen ein weiterer Knackpunkt. Zwar hätten viele Unternehmen das Potenzial von Social Media erkannt und einige "leisten sich" Mitarbeiter, die speziell Netzwerke betreuen, aber das ist nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel.
Nach Evens Einschätzung unterscheidet sich Google Plus derzeit kaum von Facebook - Nutzer tauschen sich im Netzwerk aus und teilen Web-Inhalte. Doch dies sei zu kurz gefasst: Google hat aus den Fehlern von Facebook gelernt und setzt bereits mit seinen Circles neue Maßstäbe für das Teilen von Inhalten, die wiederum Facebook zu Adaptionen seiner Sharing-Systematiken veranlasst. Die Circles seien aber gleichzeitig auch die erste Herausforderung für Unternehmensseiten auf Google Plus: So lassen sich Unternehmensseiten erst dann mit Profilen von Personen vernetzen, wenn die Mitglieder diese bereits in ihren eigenen Circles aufgenommen haben. Im Unterschied zu Twitter bietet Google Plus ähnlich wie Facebook mehr Raum für Text und multimedialen Content. Bei der Zielgruppenanalyse sind dagegen Twitter und Google Plus vergleichbar. "Für Unternehmen heißt dies jedoch, ihre Botschaften und Inhalte nicht einfach eins zu eins über den jeweiligen Kanal zu streuen. Eine strategische Differenzierung für die Distribution eigener Inhalte sowie den Netzwerkaufbau ist wichtiger denn je, um die Vorzüge der jeweiligen Plattform auszuschöpfen.
So fragt sich auch Nico Lumma in einem Blogbeitrag : Wozu benötigt eine Marke oder ein Unternehmen derzeit eine Google Plus Page? Um zu zeigen: man sei früh dabei. "Ansonsten kann man Text, Bild, Video auf die Page posten und mit Nutzern interagieren. Es gibt keine Apps, kein Tüdelüt, kein Nix, kein gar Nix, was es nicht auch bei Facebook gibt, mit einer einzigen Ausnahme: die Integration in die Google Suche über Direct Connect."
Zusammenfassend resümiert er, dass Google Plus Pages jetzt vorhanden seien, aber irgendwas fehle, um mehr als nur ein weiterer Social Media Kanal zu sein, den man jetzt bespielen muß. "Ich hatte gedacht", bekräftigt Lumma, "dass zum Weihnachtsfest der große Push von Google Plus kommt und Marken hier neue Möglichkeiten gegeben werden, aber so ist das eben doch nur beta und nicht wirklich rund."
Dennoch müssen Unternehmen ihren Auftritt auf Google Plus unbedingt reservieren und das Profil anlegen, weil es einen sehr großen Einfluss auf die Suche hat. Denn wer nach dem Namen eines Plus-Mitgliedes sucht, erlebt das Gleiche wie jemand, der den Namen einer Firma googelt: Für Marken-Keywords haben die Unternehmensseiten wie auch die Profile eine verblüffend hohe Sichtbarkeit. Sie folgen direkt auf lange bestehende Webpräsenzen wie die eigene Homepage - wenn sie diese nicht sogar abhängen. Dieser Umstand zeigt die hohe Bedeutung auf, die Google seinem sozialen Projekt einräumt. Präsenz bei Plus wird belohnt. Es ergeben sich zwei Strategien, um davon zu profitieren:
- Sofort eine Marken-/Unternehmensseite anlegen, um von dem leichten Einstieg in die Höhenlagen der Suchergebnisseiten zu profitieren.
- Die Unternehmensseite sollte im zweiten Schritt testweise auf diverse Keywords optimiert werden. Das hohe Ranking für Markennamen gibt es aktuell quasi frei Haus. Es dürfte lohnend sein auszutesten, inwiefern sich dieser Effekt auch auf sinnverwandte Begriffe rund um Firma und Produkt ausweiten lässt. So lassen sich organische Suchbegriffe an das gute Ranking der Brand andocken und die Plus-Seite gewinnt auch für generische Begriffe an Sichtbarkeit.
Aber nicht allein wegen der Suche könnte sich Google Plus am Social Network-Markt etablieren, denn kaum jemand führt sich vor Augen, über welches Potenzial Google überhaupt verfügt. Felix Beilhart hat sieben Gründe identifiziert, warum Google Plus dennoch Erfolg haben wird:
Erfolgsgrund: Google-Suche
Die Google-Suche ist nach wie vor die meist besuchte Website der Welt. Internetnutzer auf der ganzen Welt sind es gewohnt, die jeweilige Google-Landesseite tagtäglich und meist sogar mehrmals pro Tag zu besuchen. "Googeln" hat es schon vor Jahren in den Duden und den alltäglichen Sprachgebrauch geschafft.
Google-Nutzer geben jeden Tag mehr als vier Milliarden Suchanfragen in den Suchschlitz ein. Diese unvorstellbare Zahl macht deutlich: Wenn Google nur einen Tag lang Werbung auf seiner Startseite schalten würde, würde das mit Sicherheit einen Massenansturm auf das Netzwerk bereiten.
Erfolgsgrund: YouTube
Auch die zweitgrößte Suchmaschine der Welt, YouTube, gehört zu dem Konzern. Jeden Tag sehen sich Menschen weltweit mehrere Milliarden Videos an und laden pro Minute 48 Stunden an Videomaterial hoch. Sobald Google anfängt, YouTube in Google Plus zu integrieren, wird das ganz neue Dimensionen eröffnen.
Erfolgsgrund: Blogger
Eine der weltweit größten Blogging-Plattformen, Blogger.com, ist ebenfalls in Googles Besitz. Auch diese Kunden lassen sich mit Google Plus-Werbung ansprechen. Außerdem kann Google die Blogs in Google Plus integrieren.
Erfolgsgrund: Googlemail
Der Google-eigene E-Mail-Dienst hat sich zu einem der weltgrößten Freemail-Anbieter gemausert. Mehr als eine Milliarde Adressen befinden sich im Datenbestand. Facebook musste den internen Mailing-Service erst mühsam aufbauen, Google könnte ihn direkt integrieren.
Erfolgsgrund: Chrome und Chrome OS
Noch etwas, das Facebook nicht hat: Einen eigenen Internetbrowser. Nicht nur, dass Google so von Millionen von Internetnutzern ganz genau weiß, welche Websites sie bevorzugen, welche Seiten wie oft und in welcher Reihenfolge besucht werden und was nach der eigentlichen Google-Suchanfrage geschieht. Google könnte auch den Browser ganz leicht in Google Plus integrieren - und tut dies teilweise bereits. Facebook dürfte es schwer fallen, einen ähnlichen Browser zu launchen.
Dazu kommt mit Chrome OS ein eigenes PC-Betriebssystem, das weiteres Datenmaterial liefert. Man stelle sich ein rechnergestütztes Social Network vor, das auch ohne Browser funktioniert.
Erfolgsgrund: Android
Auch im mobilen Markt ist Google mit seinem Betriebssystem Android führend. Weltweit das am stärksten verbreitete System, liefert es Google Daten zu Millionen von Mobile-Nutzern und bietet weitere extrem spannende Anknüpfungspunkte für Google Plus.
Erfolgsgrund: Maps und Streetview
Kaum ein Internetnutzer dürfte Google Maps noch nicht genutzt haben. Mittlerweile löst der kostenlose Kartendienst sogar häufig das altgediente Navi im Auto ab. Einfach das Android-Smartphone in die Halterung geklickt, schon meldet sich Google Maps zur Stelle und führt den Fahrer, wo immer er hin will - und Google Plus informiert auf Wunsch den eigenen Freundeskreis darüber. Und mit einem Blick auf Streetview können sich die Freunde auch besser vorstellen, wie es dort aussieht. Da wir ohnehin alle Google-Dienste verwenden, viele davon täglich und mehrfach, was liegt da näher als alle Dienste in einer zentralen Plattform zu integrieren und den Social Network-Nutzen gleich noch frei Haus mitzuliefern.
Google Plus konnte sich bis jetzt nicht durchsetzen, aber das zu erwarten wäre nach der überaus kurzen Zeit auch etwas zu viel verlangt. Wenn man sich jedoch ansieht, welches Potenzial der Konzern aus Mountain View hat, über welche gigantischen Datenmengen und Know-how-Erfahrungswerte er verfügt und wie schnell Google in den letzten Jahren an Innovationen gearbeitet hat, dürfte am Erfolg von Google Plus keinen Zweifel bleiben.
