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Zukunft Mobile Learning: Zwischen Trend-Optimismus und Investitions-Abstinenz
13.06.2012 Das Lernen unterwegs und mit mobilen Geräten ist heute in aller Munde. Einerseits wächst die Begeisterung für den Mobil-Sektor ständig, andererseits sind unternehmensweite Mobile-Implementierungen rar. Szenarien für einen Zukunftsmarkt-to-be.
Gründe für die unternehmerische Abstinenz oder das doch zumindest anhaltende mobile Zögern der ELearning-Branche liegen in Plattformfragen und wechselnden Standards begründet, in Sicherheitsfragen und wirtschaftlichen Bedenken. Die Frage, die sich die Personal- und Weiterbildungs-Entscheider stellen lautet gegenwärtig: Mobile Learning wird kommen, doch wie fängt man's an, ohne zu viel Lehrgeld zu bezahlen?
Die ersten mobilen Lernanwendungen funktionieren
Martin Raske , Global Head eLearning Solutions der Credit Suisse , stellt auf der SeLC das in seinem Unternehmen jüngst an den Start gegangene Pilotprojekt 'Mobile Learning for a mobile Workforce' vor, für das eigens eine neue Plattform entwickelt wurde.Den 200 ausgesuchten Anwendern stehen Learning-Nuggets in Form von Videos und anderen Inhalten für iPhone/iPad, BlackBerry, Android und Windows Mobile zur Verfügung und sie können eigene Inhalte einstellen und Diskussionsgruppen gründen. Allerdings sind die für den Testlauf benutzten Geräte nicht in die allgemeine IT-Infrastruktur der Credit Suisse eingebunden, womit die IT-Sicherheitsfragen für diesen Piloten ausgeklammert werden konnten.
Für dieses Projekt wurden im Unternehmen bereits vorhandene ELearning-Inhalte für die mobilen Geräte neu aufbereitet. "Der Aufwand und die Kosten entsprechen in etwa jenen, die auch bei der Neuproduktion eines ELearning-Kurses anfallen," resümierte Raske ernüchternd. Ganz abgesehen von dem Umstand, dass der Versuch herkömmliche ELearning-Kurse in Mobile Content umwandeln zu wollen, der Idee nahe kommt, Bücher "eben mal so" in ELearning-Module zu verwandeln. Denn Mobile Content muss auf jene Geräte zugeschnitten sein, mit denen er bearbeitet werden soll, wenn er die Akzeptanz und Anwendungsbereitschaft der Mitarbeiter fördern soll.
Die Präsentation von Christoph Pimmer über mobiles Lernen im Medizin-Alltag
Ein anderes Schweizer Vorzeigeprojekt in Sachen Mobile Learning hat das CYP, das Center for Young Professionals in Banking , 2012 aus der Taufe gehoben. Am CYP, das als Kompetenz- und Ausbildungszentrum für die Schweizer Banken 5.400 Auszubildende an zwölf Standorten betreut, lernt der neue Jahrgang der angehenden Bankfachleute nun papierlos und ausschließlich auf Tablet-PCs, wie Andrea Kuhn-Senn berichtete. Alle Inhalte wie das E-Book Banking Today 2.0 , die verwendeten elektronischen Medien und die CYP-Unterlagen sind dabei geräteunabhängig verfügbar. Die Bearbeitungsdaten der Lernenden jedoch werden in einer exklusiven Cloud gespeichert und bilden so die Dokumentation des Lernprozesses im Sinne eines Lernportfolios und damit einen Grundstein für lebenslanges Lernen.
Die Fragen, mit denen Mobil-Piloten aufgesetzt werden, ähneln sich
Mit welchen Zielen ein Mobile-Pilotprojekt auch aufgesetzt wird, es stellen sich immer wieder ähnliche Fragen:- Wie passt Mobile Learning in die bisherige Lernstrategie und -Lernumgebung?
- Welche Ziele sollen damit verfolgt werden (Performance Support, Produkttrainings, Assessments/Tests/Umfragen)?
- Unterstützt ein evtl. vorhandenes Learning-Managementsystem (LMS) auch Mobile Learning?
- Welche Endgeräte sollen zum Einsatz kommen?
- Welche Anforderungen stellen diese an Sicherheit und Netzwerkressourcen?
- Sollen private Endgeräte in die Firmen-IT-Struktur eingebunden werden?
- Werden Apple-Nutzer dauerhaft auf Flash-Anwendungen verzichten müssen?
- Wird genau dieser Aspekt den Android-Markt weiter beflügeln?
- Oder wird sich HTML5 in absehbarer Zeit zu einem verbindlichen Standard entwickeln?
- Aktuell gelten in größeren Unternehmen Blackberry-Geräte in Verbindung mit dem BlackBerry Enterprise Server von RIM noch als jene Ausstattung, die seitens des Unternehmens die größtmögliche Kontrolle über Geräte und Netzwerkressourcen bietet. Wird das von Dauer sein?
| Übersicht: Endgeräte für Mobile Learning | ||
|---|---|---|
| Gerät | Content-Kompatibilität | |
| Smartphones | Apple iPhone | HTML, Apps, kein Flash |
| Android Phones | HTML, Flash, Android Apps | |
| RIM Blackberry | HTML, Flash, Java, BlackBerry Apps | |
| Tablets | iPad | HTML, HTML5, Apps |
| Android Tablets | HTML, HTML5, Flash, Java, Android Apps | |
| BlackBerry Playbook | HTML, HTML5, Flash, Java, BlackBerry Apps | |
Fragen, die sich ohne Glaskugel beantworten lassen, liegen eher im Bereich des Nutzens und Mehrwerts, den Mobile Learning für ein Unternehmen leisten kann, als in einer Momentanalyse des aktuellen Gerätemarktes:
- Wo liegt der Fokus des eigenen unternehmerischen Lern- und Weiterbildungsangebots?
- Liefert Mobile Learning im Mix der Lernmodalitäten dazu einen relevanten Beitrag?
- Fördert es die Lernkultur im Unternehmen?
Dr. Martin Ebner , Dozent und Forscher an der TU Graz , betrachtet mobile Endgeräte als ubiquitär, denn sie verändern die Gesellschaft und seien zu "einem Teil unserer selbst" geworden.
Lern-Nuggets brauchen neue Inhalte
Lernen in Häppchen nach der Fünf-Minuten-Regel unter Nutzung der optimalen Aufmerksamkeitsspanne - so heißt der didaktische Grundsatz des Mobile Learning. Spontan genutzt, oft unterbrochen, nicht selten umgeben von Begleitgeräuschen - so die Rahmenbedingungen. Dieser Trend wird weit über das Tablet-Zeitalter hinaus greifen.Das Lernverhalten zeichnet sich zunehmend durch starke Vernetzung und unmittelbaren Zugang zu den Lernmitteln aus - sowohl, was die kleinen Wissenseinheiten angeht als auch die künftig zunehmenden Lernplattformen, über die auch größere Lerneinheiten mobil erschlossen werden können.
Mobile Learning folgt dem Gesamt-Trend, mobil Internet zu nutzen. Aber ohne den Mut, in neue Lernformen zu investieren, bleiben Content-Ruinen und Hardware-Baustellen, die Millionen verschlingen. Beides in der Geschichte des interaktiven Lernens wohlbekannte Phänomene. Christoph Hubertus , Chief Creative Officer bei Bassier, Bergmann & Kindler weiß als Designexperte: "Wir werden uns nicht klassische 30-Minuten-Trainings auf einem drei Zoll großen Bildschirm antun. Da fehlt die Emotionalisierung, das Involvement." Er ist davon überzeugt: Kurze Lerneinheiten, Games oder Audio Podcasts zum Wiederholen oder Verfestigen von Inhalten werden sich durchsetzen. Er sieht Mobile Learning "als informative Ergänzung zur erlebten Realität", etwa im konkreten Arbeitsumfeld.
Der ELearning-Dienstleister freut sich über das Ende des Godot-Markts. Jetzt, dann, irgendwann: Nach Jahren der Ankündigungen nehme das Thema Mobile Learning auf einmal immens an Fahrt auf, stellt Senior Consultant Franz Tauber bei M.I.T e-Solutions GmbH zunehmend fest. Die Verbreitung von Smartphones habe das Nutzerverhalten "durchgehend verändert". Die Mobile-Learning-Nachfrage bei Mitarbeitern in Unternehmen sei groß.
"Inhaltlich lassen sich alle Lerninhalte auch für Mobile Learning transformieren", sagt der freiberufliche ELearning- und Edutainment-Berater Matthias Herrmann . Entscheidend sei dabei das Aufsplitten des Lernstoffes in "überschaubare Häppchen". Für das Smartphone konzipiert können dies Podcasts, Videocasts, Ton-/Foto-Storys, kurze Texte, Schaubilder, Grafiken, klassische ELearning-Aufgaben und Spiele sein. Denkbar sei auch das Lernen in seriellen Formaten, so Matthias Herrmann. Die Versorgung mit laufend neuen Lerneinheiten sei ebenso sichergestellt wie das Nachschlagen in alten Einheiten. Zum besonderen Vorteil gerät der heiße Draht zwischen Trainer und Lernenden: Nach einem Seminar bleibe der Kontakt weiter bestehen, so Matthias Herrmann, "indem der Trainer beispielsweise kurze Infohäppchen, Auffrischendes an seine Follower twittert."
Am Ende stellt sich doch nicht die Technik-, sondern die Sinnfrage. Dr Martin Ebner betrachtet Mobile Learning sehr differenziert: "Mobile Learning zielt nicht darauf ab, dass Sie mit Ihrem Mobiltelefon lernen, sondern dass Sie dieses Gerät unterstützend einsetzen zu Ihrer persönlichen Informationsaufbereitung."
iBusiness-Autorin Thea Payome ist Chefredakteurin und Herausgeberin INFObases GmbH des Branchenportals CHECKpoint eLearning .

