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Der beste KPI der Welt: Die neun tollsten Wege, Klicks zu schinden

08.02.2016 Im Web kommt es für Publisher nicht auf funktionierende Geschäftsmodelle oder Leads an, Jeder Marketer weiß: Klicks sind die einzig wahre Währung. Neun idiotensichere Wege, wie Publisher es schaffen, dass Nutzer sich wahnsinnig klicken.

Diese Nutzerin, die auf einer deutschen Nachrichtenseite möglichst schnell zum Content gelangen will, macht es clever: Sie hat sich Proviant bereit gestellt. (Bild: Pixabay/CC0)
Bild: Pixabay/CC0
Diese Nutzerin, die auf einer deutschen Nachrichtenseite möglichst schnell zum Content gelangen will, macht es clever: Sie hat sich Proviant bereit gestellt.

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TL;DR
Klicks bedeuten gar nichts - aber trotzdem finden es viele Publisher wahnsinnig toll, ihre Homepage darauf zu optimieren. Ein Irrweg.
Im Onlinemarketing kursieren viele gefährliche Ansichten. ganz besonders wenn es um Key-Performance-Indices (KPI) geht. Da wird den Publishern der Floh ins Ohr gesetzt, KPIs seien ein komplexes Thema. Etwa in unverantwortlichen Texten wie diesem hier:

"KPIs sind ein wenig wie die Stammtischparolen zur Flüchtlingsdebatte: Die Kennzahlen, wie sie seit Anbeginn der Betriebswirtschaftslehre auch genannt werden sind immer eine grobe Vereinfachung(...) Die Tücke mit den Kennzahlen liegt darin, dass sie sehr häufig isoliert betrachtet werden, aber immer holistisch wirken: Sie sind Teil eines ganzen, eines komplexen Räderwerks und an einer Kennzahl herumzuschrauben, setzt ganz andere Räder mit in Bewegung, hat Folgen, die eine isolierte Betrachtung nicht offenbart. Doch das ist nur ein Teil des Problems: Man kann alles richtig machen mit der Analyse der KPIs und den daraus gezogenen Schlussfolgerungen - und trotzdem ganz danebenliegen, weil der Teufel ganz woanders steckt.(- Mehr von dem Quatsch gibt es hier zu lesen.)

Richtig ist vielmehr: All you need is Klick. Wenn der Nutzer klickt, ist alles gut. Klicks sind eine Währung, die man bei richtiger Seitenstrukturierung eins zu eins in Page Impressions übersetzen kann und eine Page Impression ist ja im Grunde das gleiche wie eine Ad Impression (eigentlich ist eine Page-Impression, wenn man es richtig macht auch 26 oder 38 Ad-Impressions, aber das ist ein ganz anderes Thema). Also lasset die Nutzerlein klicken und schon hat man ein funktionierendes Publishing-Geschäftsmodell. Falls es bei Ihnen also immer noch nicht Klick gemacht hat - hier sind neun Wege wie das geht.

1. Artikel aufspalten

Noch hat sich nicht überall herumgesprochen, dass man das Internet nicht umblättern muss. So etwas kann man als aufstrebender Online-Verleger oder New-Business-Verantwortlicher ausnutzen. Und so unterteilen bevorzugt die guten alten Qualitätsmedien wie etwa Die Zeit   ihre Artikel in mehrere Unterseiten. Manche bieten (Nutzern - oder der freundlichen Suchmaschine von nebenan) immerhin die Option an 'Ganzen Artikel auf einer Seite anzeigen'. Damit läuft man aber Gefahr, dass er beim Nutzer nicht mehr ganz auf den Bildschirm passt und dieser einen zweiten Monitor kaufen muss.

Wichtig zu beachten: Auf keinen Fall irgendeine sinnhafte Unterteilung in Unterseiten vornehmen - wie etwa nach inhaltlichen Aspekten - die die Form rechtfertigen würde. Die Grenze muss mitten durch den Artikel laufen, ohne erkennbare Motivation - sonst klickt die Sau ja nicht (siehe: "Klicksau: Aufzucht und Hege - Handbuch des Onlinewerbeverantwortlichen", 96. Auflage).
Die iBusiness-Prognose: Spätestens 2017 werden wir den ersten Artikel mit 12.000 Unterseiten auf Focus.de lesen, bei dem man sich von einem Buchstaben zum nächsten klicken muss. KPI! KPI!

2. Bildergalerien

So geht Native Advertising richtig: Content - Ad - Content - Ad; immer schön im Wechsel. (Bild: Focus.de / Screenshot)
Bild: Focus.de / Screenshot
So geht Native Advertising richtig: Content - Ad - Content - Ad; immer schön im Wechsel.

Mehrere Bilder auf einer Seite? Sowas machen nur Amateure wie Buzzfeed  , die keine Ahnung von Viralität oder Klickbaiting haben. Richtig ist es so: Jedes Bild bekommt eine eigene Unterseite, wer zum nächsten will, muss klicken.

Wichtig zu beachten: Alle paar Bilder muss eine Zwischenseite mit einer Display-Anzeige statt einem weiteren Motiv kommen. Mindestens alle fünf. Das ist Pflicht.
Die Kür ist: Wenn die Bildergalerien alle Bilder zeigen, nur nicht die, die in der Artikelüberschrift angekündigt waren. Etwa so: "Scarlett Johansson reitet nackt auf einem Esel durch ihren Garten" - dann zeigen sie eine Fotogalerie besagter Aktrice bei der Oscarverleihung, in Cannes oder ein Motiv aus einem Film - aber nicht den Vorfall selbst, zu dem es gar kein Bild gibt. Dass ausnahmsweise mal irgendwas passiert ist, ohne dass Paparazzi dabei waren, ist kein Grund auf die Bildergalerie zum Vorfall zu verzichten.
Die iBusiness-Prognose: Bald werden alle Ereignisse mit Katzenbildern illustriert. Die lenken entweder von unschönen News ab oder machen schöne noch schöner - inhaltlicher Bezug zum Thema ist sowieso eher hinderlich.

3. Native Advertising

Such den Inhalt! Such, Nutzer, such! So muss das ablaufen: Content gehört schön nach dem Sandwich-Prinzip verpackt zwischen je eine Lage Native Advertising auf jeder Seite, das nur schwer als solches zu erkennen ist. Kennen sie nicht auch diese langweiligen Nachrichtenseiten, die nach Schema F Meldung an Meldung reihen? Die Macher wissen natürlich nicht, dass die Leser vor allem Anzeigen wollen, die sie klicken können, statt Infos.

Wichtig zu beachten: Der Content-Anteil sollte 50 Prozent nicht übersteigen, sonst macht das Leser-Gehirn zu.
Die iBusiness-Prognose: Bald wird es in Ads eingebettete Native Ads geben: Native Native Ads. Um die sehen zu dürfen, muss man aber erst ein Video gucken und dazu eine Frage beantworten.

4. Virale Überschriften

Virales Do-it-yourself-Kit für Überschriften-Texter
10...Dingens (Content einfügen, Komma setzen),die dich zu Tränen rühren werdenNummer 3 ist einfach der Hammer
15...die dich die Welt mit anderen Augen sehen lassen werdenNummer 8 ist in Moskau verboten
79...die dich mit einer spontanen Verstärkung der Genitaldurchblutung Samba tanzen lassen werdenNummer 5 kommt nach Nummer 4
Als er nach Hause kam...Dingens (Content einfügen, Punkt machen).Doch die Reaktion darauf - ...wird dich zu Tränen rühren!
Als er diesen Obdachlosen anschnauzte...Doch was dann geschah - ...ändert einfach alles!
Eigentlich wollte er nur...Achte auf den Mann/Baum/Hund im Hintergrund - was der macht...lässt selbst hartgesottene Rocket-Internet-Mitarbeiter daumenlutschend nach Mama rufen!

Wichtig zu beachten: Da der Leser nicht dazulernt, kann man dieses Prinzip so oft wie man möchte verwenden, ohne dass es alt oder durchschaubar wird. Achten sie allerdings darauf, dass niemals ein Redakteur zwei oder mehr ihrer eigenen Viral-Überschriften hintereinander liest. Das könnte emotionalen Stress auslösen (wie vereinzelt schon vorgekommen  )
Die iBusiness-Prognose: ...wird verändern, wie sie die Welt sehen!

5. Unterbrecher-Werbung

Es ist ein Irrtum anzunehmen, Leser läsen Texte immer in einem Rutsch durch. Das ist doch Gift für Konzentrationsvermögen und Augen - vielmehr schätzen Sie es, kurze Lese-Pausen vom anstrengenden Content zu nehmen, dessentwegen sie auf die Seite kamen - und besonders schätzen sie es, wenn man ihnen beim Nehmen einer solchen Pause unterstützend entgegenkommt, indem man eine Display-Ad, ein Interstitial oder ein

 (Bild: Hightext Verlag)
Bild: Hightext Verlag

des Contents unterbrechen.
Die iBusiness-Prognose: Das schönste am Leben, das sind die Pausen - das bleibt auch beim relevanten Content so.

6. Popups mit Zeitzünder

Menschen lieben Überraschungen und nicht näher belegte Verallgemeinerungen. Deswegen überraschen Sie ihre Leser am besten mit Popups, die nach einigen Sekunden Aufenthalt auf ihrer Seite ein Newsletter-Abo nahelegen. Die Wirkung auf den Nutzer ist etwa vergleichbar mit der Freude eines Kampfmittelräumdienstmitarbeiters, an den man sich während einer Blindgängerentschärfung von hinten anschleicht, um unvermittelt 'PÄNG!' zu rufen. Emotion! Überraschung! Das ist es, was Werbung ausmacht.

Wichtig zu beachten: Schicken Sie das Popup auch Menschen, die Ihren Newsletter schon abonniert haben. Denen am besten sogar doppelt.
Die iBusiness-Prognose: Was 1997 gut war, bleibt auch 2017 gut - Fortschritt wird überschätzt, besonders im Advertising, pop-pop-pop!

7. 'Unsere Startseite hat sich aktualisiert'

Wenn der Nutzer gerade einen Artikel liest, ohne was zu klicken, dann läuft was schief. Offenbar denkt er gerade drüber nach, was so auf Facebook los ist und steht kurz vor dem Absprung. Ihre Seite muss werden wie Facebook: Geben Sie ihm einen klickbaren Hinweis, dass es "Neue Artikel auf DieserHomepageHier.de" gibt. Natürlich machen Sie es aber besser als Facebook und ersetzen dessen dezentes, rotes Hinweisnümmerchen in der Weltkugel oben links durch ein Banner, das einmal quer über den Content läuft wie ein überfahrenes Eichhörnchen über die A1.

Wow. Es gibt Neues - erstmal das angenehm über den aktuellen Text gelegte Banner wegklicken und dann mal schauen, was es Neues gibt. Hurra! (Bild: Stern.de / Screenshot)
Bild: Stern.de / Screenshot
Wow. Es gibt Neues - erstmal das angenehm über den aktuellen Text gelegte Banner wegklicken und dann mal schauen, was es Neues gibt. Hurra!



Wichtig zu beachten: Selbstverständlich ergibt es inhaltlich auch Sinn, jemanden der gerade was über das Leben an der Uni liest auf einen neuen Artikel zum Thema Senioren-Gesundheit hinzuweisen. Alle interessieren sich für alles.
Die iBusiness-Prognose: Es gibt auch auf iBusiness.de bald wieder neue Artikel. Aber wir sind selbstsüchtige, egoistische Drecksäcke und lassen die Leser selbst nachgucken. Macht doch euren Kram alleine!

8. Download hier - nein hier - hier jetzt aber - ganz in echt!

Die Seite Chip.de   hat das Prinzip des angetäuschten Downloads entwickelt und perfektioniert: Wer immer eine Anwendung, bevorzugt aus dem wirklich hervorragend sortierten und nutzvollen Freeware-Archiv der Seite, herunterladen will, der muss mindestens drei Mal eine 'Download starten'-Schaltfläche klicken bis er, von Unterseite zu Unterseite geführt, schließlich auf einer Seite landet, die ankündigt, dass der Download jetzt in einigen Sekunden automatisch startet. Denn die Kollegen haben verstanden: Wenn der Nutzer sagt "Download starten", dann meint er das bestimmt gar nicht so. Erst wer es dreimal sagt, meint es auch so.

Wichtig zu beachten: Nach oben hin lässt sich das Prinzip noch optimieren: Man kann den Nutzer auch vier, fünf oder sechs Mal klicken lassen, bis der Download startet.
Die iBusiness-Prognose: Chip.de macht das schon seit Jahrzehnten so. Der Download wird also bestimmt auch in Zukunft automatisch starten, wenn man nur oft genug manuell klickt.

9. 'Like uns, wenn du gerne von Publishern erpresst wirst'

Diese Popup-Knarre gehört an die Schläfe jedes Lesers gesetzt, der anfängt auf einer Seite zu verweilen: "Wenn du weiter lesen willst, like uns auf Facebook" - ein auf diese Weise zustande gekommener Like ist schließlich der aufrichtigste und wertvollste: Den Leser zur Klick-Schlampe zu machen, die Facebook-Posts schlucken muss, um als Lohn einen Artikel hingeworfen zu bekommen - das generiert eine Social-Media-Fangemeinde, die wertvoller ist, als jede organisch gewachsene Followerschaft.

Wichtig zu beachten: Stolz mit den Facebook-Zahlen in den Vorstand rennen und angeben wie toll das ist, dass man jetzt viel mehr Facebook-Fans hat. Um die genervten Leser, die nie wieder auf der eigenen Homepage auftauchen, soll sich wer anders kümmern.
Die iBusiness-Prognose: Likes werden auch in Zukunft ihren Wert behalten: Sie sind wertlos und bleiben es.

Wenn sie ihre Seite mit drei oder mehr dieser einfachen Klick-Tricks optimieren, sollten die ersten ihrer Nutzer schon bald mit geschwollenem Zeigefinger ächzend in der Notaufnahme sitzen. Aber keine Angst: Die bleiben Ihrer Homepage treu. Ist ja nicht so, dass Nutzer irgendwann billige Klickköder durchschauen. Aber falls doch... Na, daran wollen wir nicht denken.
Thema: Der beste KPI der Welt: Die neun tollsten Wege, Klicks zu schinden

Kommentar von Sebastian Halm

Die dümmste Währung der Welt

Ein Klick als Währung ist nicht wertlos, um den Erfolg einer Webseite oder eines Stückchens Content einzuschätzen. Aber wenn man ihn zum einzigen Organisationsprinzip einer Webseite hochjazzt, dann ist dies die dümmste Strategie und der Klick die dümmste Währung für Erfolg überhaupt.

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Sebastian Halm, Analyst bei iBusiness.de (HighText Verlag OHG)
Bild: HighText Verlag OHG
2. Teil: Warum Unterseiten? 3. Teil: ... die nächste Unterseite 4. Teil: ... der Kunde beschwert sich 5. Teil: ... auf Google schimpfen 6. Teil: Die Frage nach der .... 7. Teil: Zu guter Letzt bleibt die Erkenntnis....
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Sebastian Weinert
Von: Sebastian Weinert ,  comselect GmbH ,  Verbindungen
Am: 08.02.2016

Zu: Der beste KPI der Welt: Die neun tollsten Wege, Klicks zu schinden

Genial..Props an den Autor! Der fehlende Sarkasmnus fällt gar nicht auf.
kein Bild hochgeladen
Von:
Am: 08.02.2016

Zu: Der beste KPI der Welt: Die neun tollsten Wege, Klicks zu schinden

Wunderbarer Artikel, tolle BU, herzlichen Dank!
Nicolai Blank
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