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Agentic Economy: Wie eine Stunde pro Woche Ihre Agentur retten kann

14.03.2025 Budget-Verhandlungen, Pitches, vielleicht die ganze Wirtschaft könnten bald Agenten erledigen. Das kann Horrorvision oder Utopia werden - Hauptsache, Dienstleister bereiten sich vor.

 (Bild: Sebastian Halm/Gemini)
Bild: Sebastian Halm/Gemini
Agentic Economy beschreibt die Automatisierung von Handels- und Verhandlungsprozessen. Akteure des Konzepts sind KI-Agenten, die selbstständig Aufgaben ausführen, Entscheidungen treffen und mit anderen Agenten oder Systemen mit minimalem menschlichen Eingriff interagieren. So das Ideal. Und so ausgeführt würde es oberflächlich betrachtet einen fundamentalen Wechsel dafür bedeuten, wie wirtschaftliche Prozesse ablaufen. Zwar gibt es bereits Teilautomatisierungen - etwa im Programmatic Advertising/Real Time Bidding. Doc Agentic Economy hat einen globalen Ansatz. De facto wäre dies aber weniger ein Wechsel der Paradigmen, nach denen Wirtschaft funktioniert, als eine Eskalation derselben.

Mangelnde Ethik eines Labormodells und die wirtschaftlichen Folgen

Denn Agentic Economy bedeutet natürlich vor allem Effizienzoptimierung. Eine Vokabel, die Klaus Kuenen immer wieder hört. Beim Professor für Onlinemarketing an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln   "klingeln da sämtliche Alarm-Glocken." Denn das, so Kuenen, ist das neoklassische Wirtschaftsmodell auf Steroiden: "Bei einer reinen Zieloptimierung auf Effizienz schickt ein Agent deine Firma sofort als Aktiengesellschaft auf die Caymans." Denn, so Kuenen, KI-Agenten sind Labormodelle und "berücksichtigen weder Rahmenbedingungen, Dynamik noch Veränderungen - man konzentriert sich auf ganz wenige Parameter. Sowas darf man nicht auf die Realität loslassen." Falls doch, werde das in einer weiteren Spaltung der Gesellschaft enden: Immer weniger besitzen immer mehr.

"Auf einem Agentic-Economy-Prozess Agenten muss immer stehen: Hier verhandelst du mit einem automatisierten Gegenüber", sagt Professorin Claudia Bünte. Die KI-Expertin an der Berlin University of Applied Science   vergleicht KI-Economy als ein Vertrauensgut, vergleichbar der Gentechnik in Lebensmitteln: "Hier muss klar gekennzeichnet werden, wenn etwas mit Gentechnik gemacht ist." Nahrung und Geldgeschäfte sind in ihrer Bedeutung für den Homo Oeconomicus, die prototypische Persona der Neoklassik, vergleichbar existentiell: "Wenn ich einen Preis aushandeln muss, will ich wissen arbeitet da ein Algorithmus oder Mensch als mein Gegenüber?"

Mit der Zeit komme schon die Akzeptanz für eine Agentic Economy, hört man da die Evangelisten der Innovation rufen. Geht man zurück zum Gentechnik-Beispiel, so zeigt sich: Das stimmt schlicht nicht: Im Beispiel der Gentechnik fanden in einer Eurobarometer Umfrage 1991 noch 58 Prozent der europäischen VerbraucherInnen die Gentechnik bei Lebensmitteln der Unterstützung wert. Im Ernährungsreport 2024 der Bundesregierung hat sich das Blatt gewendet, nun lehnen 70 Prozent der Befragten den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen ab.

Und automatisiert heißt auch nicht zwingend einfacher, glaubt Buente: "Wir machen dann weniger selbst, aber wir müssen es noch immer managen - und das ist schwieriger als es selbst zu machen." Buentes Team wertet gerade eine Studie zur KI-Nutzung aus und es zeigt sich: Statt vernetzter oder integrierter Systeme "haben sich ausgerechnet die Insellösungen verdoppelt." Denn kommen KI-Tools heraus, sieht sie sich jede Abteilung an. Effekt: Alle nutzen dann unterschiedliche Einzeltools. "Die Kunst das dann zu vernetzen und mit den Insellösungen etwas hinzubekommen, wird den Management-Aufwand erhöhen."

Mögliche Szenarien für eine kommende Agentic Economy

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
20%
Best-Case-Szenario

Kollaborations-Netze

Agenten sind auf reinen KI-Plattformen unterwegs und suchen, Probleme im Gepäck, automatisiert nach Lösungen. Eine Ära der wirtschaftlichen und Wissens-Kooperationen beginnt, die Allgemeinheit profitiert.

Aktiv
40%
Worst-Case-Szenario

Manager für die Automatisierung

Die Agentic Economy verlagert nur den Aufwand: Statt händisch Verhandlungen und Handel zu betreiben, machen das nun Algorithmen, die aber meist in Insellösungen stecken und ständige Supervision und Training benötigen.

Passiv
10%
Best-Case-Szenario

Menschliche Einwände

Ähnlich wie bei der Gentechnik schreitet die Akzeptanz der Agentic Economy nicht voran, sondern macht auch bei klarer Kennzeichnung und Fakten-Validierung via Blockchain eher Rückschritte. Wirtschaft bleibt Menschsache.

Passiv
30%
Worst-Case-Szenario

Neoklassik auf Steroiden

Agentic Economy spaltet die Gesellschaft stärker über Voreingenommenheiten und ungleiche Machtverteilungen in der KI-Wirtschaft. Kapitalismus läuft egoistischen Amok, wer reich ist, kann automatisiert Wahrheiten schaffen.

Sie hält die KI-Nutzung dennoch für sinnvoll: "Bauchgefühl und Intuition kann eine KI in einer Agentic Economy nicht nachbauen: Wenn man 30 Jahre Dinge ausprobiert; das kann eine KI nicht." Aber Intuition reiche nicht, denn "KI bringt andere Sachen mit zur Party, erkennt Strukturen in unstrukturierten Daten." So erscheint Buente eine Kombination von Mensch und Algorithmus als "das Beste aus zwei Welten, Intuition und KI, das ergibt mehr als 1 plus 1." Marketing-Agenturen hätten das erkannt und seien schon massiv dabei, KI für viele Dinge wie Recherche zu nutzen: "Die Branche ist auf dem richtigen Weg. Es ist wichtig, sich weiter Tools anzugucken - man kann das einem Mitarbeiter als Aufgabe geben und der oder die soll sich dann die Entwicklungen eine Stunde pro Woche angucken."

Buente hält es für möglich, dass Agenturen das Pitching weitgehend in die Agentic-Economy verlagern: "Man muss viel pitchen und das in mehreren Stufen. Da kann ich mir ein automatisches Vorgehen gut vorstellen. Denn am Ende gewinnt ja nur Einer und die anderen haben lediglich Arbeitskosten." Hier könne ein Agenten-Verbund helfen, wieder wirtschaftlich zu arbeiten.

Risk of non invest statt Return of invest

Dass Maschinen mit Maschinen verhandelten, einen vollkommen automatischen Commerce gab es durchaus schon: Professor Ralph Sonntag sieht einen Vorgänger der Agentic Economy im Silent Commerce, etwa dem automatisierten Procurement, das Lager weitgehend ohne Zutun des Menschen aufgefüllt hielt. Der Digitalexperte, Marketing-Fachmann und Rektor der Hochschule Stralsund  : "Wenn Konzeption und kreative Aufgaben nun aber auf das Feld der Automatisierung wandern, dann ist nicht mehr der Mensch oder die Firma relevant, sondern Intelligenz der KI. Und dieses hängt von den verfügbaren Ressourcen ab." Die Frage lautet, wie viel muss man für ein KI-System ausgeben, damit es mehr Lösungsoptionen aufzeigt, aktueller und kreativer ist als das des Wettbewerbers. "Die Unternehmen, die viel in KI-Systeme Investieren, werden einen klaren Wettbewerbsvorteil haben." Somit müssten Agenturen und Unternehmen schon jetzt, mit Blick auf die Agentic-Economy, nicht nur den 'Return of Invest' sondern auch das 'Risk of non invest' beurteilen.

Statt einer automatisierten Ökonomie erscheint Sonntag eine automatisierte Kollaboration sinnvoller: "Ich stelle mir Plattformen und Netzwerke im Web vor, in denen KI-Systeme mit Tasks unterwegs sind und nach Partnern zur Lösung suchen." Eventuell finden sie dann jemanden, etwa eine Agentur oder einen Forscher, der über ähnliche Erfahrungen in angrenzenden Disziplinen verfügt, die KI reden miteinander und füttern sich. Im Business könnte das bedeuten, "eine Agentur hat ihre Agenten nicht nur für sich allein, sondern sucht Partner und verbindet sich in einem KI-Partnernetzwerk."

Doch bei solchen automatisierten Kollaborationen komme es darauf an, die Angaben einer Firma zu validieren - ist sie so liquide oder kompetent, wie der Agent, Unterhändler in der Agentic Economy, behauptet? "Vielleicht erleben wir hier dann ein Blockchain-Revival. Denn damit besitzen wir eine Technologie, um Fakten zu validieren."

Eins indes erscheint Sonntag gewiss: Kommt eine Agentic Economy, dann wird der, der am größten Hebel in der KI sitzt und am meisten Aussagen produziert, den Narrativ vorgeben.
Thema: Agentic Economy: Wie eine Stunde pro Woche Ihre Agentur retten kann

Kommentar von Sebastian Halm

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Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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