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Wie Amazon mit 'Prime Now' DHL und Hermes in Deutschland angreift
16.07.2015 Deutsche Paketdienste sind alarmiert. Es sieht so aus, als wolle Amazon in Deutschland den Lieferdienst bald selbst übernehmen und zum Konkurrenten von Zustellern und Speditionen werden. Nach dem wochenlangen Streik dürfte die Logistik-Offensive von Amazon vor allem die Deutsche Post DHL treffen.
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Für in Deutschland aktive Logistik-Dienstleister, allen voran die Deutsche Post DHL , dürfte es DAS Horrorszenario sein - was nun offenbar Wirklichkeit wird: Nachdem Amazon bereits in England seinen Express-Lieferdienst Amazon Prime Now gestartet hat (iBusiness berichtete), unternimmt das Unternehmen offenbar auch in Deutschland konkrete Schritte: Im Handelsregister finden sich Einträge einer 'Amazon City Logistik Beta GmbH ' ( Amtsgericht München HRB 216392) und einer 'Amazon City Logistik Gamma GmbH' (Amtsgericht München HRB 218579). Unternehmensgegenstand ist die "Erbringung von logistischen Dienstleistungen, insbesondere Transport, Umschlag und Lagerung, und anderen Vertriebsleistungen, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen". Geschäftsführer ist der Amazon-Logistik-Manager Armin Cossmann . Auch Personal suchen die neuen GmbHs bereits.
Amazons Ausweitungen seiner Deutschlandaktivitäten im Bereich Logistik sind indes nichts Neues. Zuletzt machte der Onlinehändler Schlagzeilen mit seiner Amazon-Prime-Initiative, bei dem die Paket-Zustellung im Pkw-Kofferraum getestet wird, um Kunden ihre Bestellungen noch schneller und bequemer zu liefern. Die erste Phase wurde Anfang Mai 2015 mit einer Testgruppe in der Region München realisiert. Amazon arbeite auch in Deutschland daran, "Prime-Mitgliedern einen Zustellort zu bieten, der immer verfügbar und bequem ist: der Kofferraum ihres Autos", kommentiert Michael Pasch , Director EU Amazon Prime, das Projekt.
In den Ballungszentren in Großbritannien betreibt der Onlinehändler bereits eigene Schließfächer und Collect+-Stores, in denen Kunden bestellte Ware abholen können. Über den Zeitungslogistiker Smith-News können sich Amazon-Kunden zudem ihre Pakete auch an mehr als 500 Kioske und Läden liefern lassen und ihre Ware teilweise noch am selben Tag abholen. Sobald die Ware angekommen ist, erhalten die Kunden eine Mail.
Auch in Frankreich setzt Amazon zunehmend auf Lösungen, die die Dienste von Logistikern teilweise überflüssig machen. Demnach führt der Onlinehändler Gespräche mit mehreren französischen Einkaufszentren, um seine Click-und-Collect-Schließfächer dort installieren zu dürfen. Dort sollen die Kunden ihre bestellte Ware selbst abholen können.
Da ist es nur konsequent, den nach UK für Amazon zweitwichtigsten europäischen Markt mit neuen Logistikdienstleistungen anzugehen. Noch dazu, dass der Platzhirsch DHL mit Streik und hohen Kosten zu kämpfen hat.
Wie Amazon das Oligopol im B2C-Paketgeschäft durcheinanderbringt
Sollten sich die Meldungen bewahrheiten, könnte der Post und deren Paketzustellern ein wichtiger Umsatzbringer verloren gehen. Und der Onlinehändler hat schon einiges dafür getan: Millionen von Euros sin hierzulande in den Aufbau von Logistikzentren geflossen. Sieben Logistikzentren sind bereits eröffnet. Das heißt, anders als in den USA ist der Marktplatz durch seine Logistik-Strategie quasi in der Lage, jeden deutschen Kunden unter 150 bis 200 km zu erreichen. Oder umgedreht, der Kunde fährt zu Amazon. Und damit müsste keine Kunde mehr auf sein Produkt warten.So werden etwa 2,8 Milliarden Pakete in Deutschland jährlich verschickt. Den Großteil davon liefern der Marktführer Deutsche Post , Hermes und der Paketdienst DPD direkt bis zur Haustür der Privatkunden. Geschätzt bis zu 400 Millionen der insgesamt 2,8 Milliarden Pakete dürften von Amazon stammen. Die Versand-Zentren, über die Amazon auch in Deutschland den Großteil seiner 10.000 Mitarbeiter beschäftigt, sind die Basis des Logistikgeschäftes. Die eigene Zustellung würde die Versandkette hier schließen.
Kommt der Online-Gigant mit einem eigenen Zustelldienst, würde er für die etablierten Anbieter zum Konkurrenten. Das sieht auch der Händlerbund so, für den der Markteintritt von Amazon in die Logistik abzusehen war. "Dieser Schritt wird sicherlich einschneidende Auswirkungen auf die Logistik Branche mit sich bringen", erwartet Tim Arlt , Vorstandsmitglied Händlerbund. Aus seiner Sicht werden die Karten damit neu gemischt und "die Logistik Branche muss und wird die Rahmenbedingungen neu denken müssen." Als Verband plädiere der Händlerbund immer auch die Seite der Händler mitzudenken - Logistik funktioniert nur mit denen, die diese in Anspruch nehmen, umso wichtiger sei es die "Rahmenbedingungen für die Beteiligten der E-Commerce positiv zu gestalten."
Der Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste e.V. (BdKEP) begrüßt grundsätzlich die Logistik-Offensive von Amazon. "Amazon könnte das Oligopol im B2C-Paketgeschäft zugunsten von kleineren und mittleren Unternehmen der Logistik-Branche aufbrechen", freut sich Andreas Schumann, Vorsitzender BdKEP. Wenn Amazon die bereits bestehenden Lieferstrukturen nutzt, würde der Onlinehändler "regionalen Kurierdiensten den Zugang zum B2C-Paketmarkt öffnen und diese könnten so an der Wertschöpfung in ihren Regionen partizipieren", argumentiert der Logistik-Experte.
Wenn so ein großer Player den Markt betritt, bleibt natürlich die Frage, "wie Amazon mit den kleineren Unternehmen umgeht also wie sich das Verhältnis entwickelt." Fairness insbesondere durch den Preisdruck dürfe dabei nicht auf der Strecke beleiben. Neben dem Verband fordert Schumann Kunden und Versender auf, darauf zu achten, dass "die Beförderung von Warensendungen auskömmlich vergütet wird."
Nicht konkret äußern will sich Paket-Dienstleister Hermes zu Amazons Vorhaben. Der Dienstleister weist jedoch darauf hin, dass auch Hermes ursprünglich als Paketdienst eines einzelnen Versandhändlers - Otto - gegründet worden ist. "Von daher kennen wir durchaus die Chancen und Risiken, die eine solche Unternehmung mit sich bringt", erklärt Ingo Bertram , Manager External & Product Communications bei Hermes. Unabhängig von den Amazon-Plänen werde Hermes "heute und in Zukunft die Entwicklungen auf dem deutschen Paketmarkt genauestens beobachten, um unsere Services kontinuierlich auf die sich permanent verändernden Kundenwünsche anpassen zu können", sagt er weiter. Was man eben so sagt, wenn ein neuer Konkurrent droht.
Gelassener schätzt der Bundesverband Paket und Expresslogistik das eventuelle Vordringen Amazons in den Logistik-Markt ein: "Ein Unternehmen wie Amazon, das nicht aus der KEP-Branche kommt und dem somit das profunde Knowhow in diesem Bereich fehlt, wird vermutlich nicht die gleiche hochwertige Dienstleistung erbringen können, wie es die Kurier-, Express- und Paketdienstleister tun", erklärte Verbandssprecherin Elena Marcus-Engelhardt gegenüber iBusiness.
Aber gerade die Post dürfte zittern, denn Amazon ist der größte Kunde von DHL in Deutschland. Amazon ist mit seinen Millionen an Paketen und Päckchen, die das Unternehmen aussendet und überwiegend über die Deutsche Post an den Kunden bringt, eine wichtige Stütze für das Geschäft des Dax-Konzerns. Um seinen Großkunden nicht zu verärgern, soll die Post beim jüngsten Post-Streik sogar angeblich gezielt Amazon-Pakete aus den Sortieranlagen herausgepickt und schneller bearbeitet haben. Das ging aus einem Bericht der Tageszeitung 'Die Welt' hervor. Die Zeitung beruft sich dort auf Mitarbeiter-Aussagen.
Zu der konkreten Offensive wollte sich die Posttochter nicht äußern, da Amazon ja offiziell noch nichts dazu verlauten ließ. Doch alleine das Wegbrechen eines Teils der Lieferungen dürfte schmerzhaft für DHL sein. Amazon hingegen verbucht seit Jahren steigende Logistikkosten und versucht, sich angesichts zu erwartender Engpässe, breiter aufzustellen.
Amazon macht hier einen logischen Schritt: Befeuert durch den massiv wachsenden E-Commerce steigt die Bedeutung der Logistik in der Handelswelt. Sie wird zunehmend zum Erfolgsfaktor. Wer in Zukunft vorne dabei sein will, muss den Logistiktrends folgen. Und hier gilt Amazon bereits maßgeblich als Tongeber. Nun schließt das Unternehmen offensichtlich die letzte Lücke in seiner Handelskette und übernimmt die volle Kontrolle in der Logistik. Denn nur wer effizient versendet und retourniert, mit Service beim Kunden punktet und sich flexibel zeigt, wird langfristig Erfolg haben:
Drei Folgen der Amazon-Initiative für den deutschen E-Commerce
- Amazon wird direkter Konkurrent für Logistik-Dienstleister:
Ein nicht unerheblicher Teil der Pakete, die bisher über die herkömmlichen Paket-Lieferdienste zugestellt wurden, werden aus diesem Kreislauf gezogen und künftig durch Amazon selber zugestellt. - Amazon baut seine Position als Shop-Dienstleister aus
Gerade Amazon entwickelt sich immer stärker zu einer ECommerce-Plattform und wird damit reiner EBusiness-Enabler. Mit Ausbau der Logistik weitet Amazon gleichzeitig die Reichweite seine Verkaufsplattform immer weiter aus und verlängert seine Wertschöpfungskette weiter. Nicht nur die Zahl der angebotenen Artikel auf Amazon wächst, sondern auch die Zahl der Dienstleistungen für Shops: Und hier kaufen die Kunden. So hat Deutschlands größter Onlinehändler inzwischen als Marktplatz eine Marktdominanz erreicht, an der künftig kein Händler vorbeikommt. Und die nun weiter wachsen wird. - Der Preiskampf wird sich weiter verschärfen:
Wenn Amazon die Logistik selber übernimmt, wird das Unternehmen noch rentabler und effizienter wirtschaften können. Was wiederum im Umkehrschluss heißt, dass der Onlinehändler seine Produkte und Dienstleistungen günstiger anbieten kann, was den Preiskampf im Onlinehandel weiter verschärfen wird.
