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37 Wege, wie das Web Gesellschaften verändert

17.08.2011 Seit den Aufständen in Ägypten kursiert das Wort von der "Facebook-Revolution". Doch Social Media und Internet sind nur Verstärker, nicht Auslöser von Revolutionen. Und leicht wird die Waffe des Freiheitskampfs zum Werkzeug der Unterdrückung.

 (Bild: Mariam Soliman)
Bild: Mariam Soliman
Bild: Mariam Soliman unter Creative Commons Lizenz by-sa
 (Bild: Mariam Soliman)
Bild: Mariam Soliman
Bild: Mariam Soliman unter Creative Commons Lizenz by-sa
Sogar für den größten Internet-Freund dürfte klar sein, dass das Internet keine Revolution "macht", es kann nur den Ausdruck entsprechender Äußerungen unterstützen. Auch Panzer "machen" keinen Krieg, sondern Menschen machen ihn. Der Grund, dass Menschen politische Veränderungen fordern, ist nicht das schöne Internet, sondern die dem auftretenden Konflikt zugrunde liegende politische, wirtschaftliche und soziale Konstellation - einschließlich des Zustandes ihrer Freiheitsrechte, ob beschnitten oder nicht. Kommunikationstools sind Verstärker, nicht Auslöser sozialer Interaktion, wie neunetz.com   analysiert hat. Das Paradoxon daran ist, dass die Abschaltung des Internets, die Abschaltung von Mobilfunk oder SMS-Massenversand deutliche Symptome der Einschränkung von Freiheitsrechten sind, kausal konnten sie dennoch nicht sein für zeitlich vorhergehende Ereignisse der Massenbewegung mit digitalen Mitteln.

Welche Rolle das Web auch immer spielte, man sollte auch Mobiltelefonie nicht unterschätzen (Richard Gutjahr sprach ad-hoc von "Handy-Revolution"). Denn welches Werkzeug haben Menschen häufiger bei sich als Brille und Gebiss? Wir müssen uns nicht nur den modernen Businesskasper, sondern wohl auch den modernen, urbanen Ägypter - ein schönes Bild von Peter Glaser- als Statue vorstellen, die ein Handy am Ohr hat und so potenziell mit Menschen permanent "connected" ist. Wir haben weltweit circa 5 Milliarden Handys bei 7 Milliarden Menschen. Ist mehr Symbolkraft möglich, als durch zentrales Abschalten dieses weltverbindenden Kopf-Fortsatzes? Internet-Evangelisten wird die Antwort enttäuschen.

Der Finger am Abzug ist der Dislike-Button der Unterdrücker

Die größere Symbolkraft geht von Informationen über Spitzel, Hunger, Panzer und Tötungen aus, die sich auch ohne Internet wie ein Lauffeuer als Real-Life-Meme verbreiten. Eigentlich verbietet es sich sogar, hier von "Symbolkraft" zu sprechen, da sich die Kraft dem ursprünglichen Opfer dieser Handlungen gegenüber durchweg unsymbolisch zeigt. Wer wagt es, ein Veilchen am Auge wegen seiner "Symbolkraft" zu erwähnen? Nein, wer Panzer befiehlt, wer körperliche Gewalt ausübt, hat im Vergleich zum Internet das mächtigere Werkzeug. Das Befremdliche daran: Der Mausklick durch normale Bürger führt nur zum "(Dis-)Like", der Mausklick des Soldaten auch zum echten Tod.

 (Bild: SXC.hu/H Assaf)
Bild: SXC.hu/H Assaf


So eingeordnet, darf man die "Macht des Internets" nicht überschätzen. Die Bezeichnung "Facebook-Revolution" führt wohl viele Leser in die Irre: Man schafft es auch mit alten Medien, Massen zu mobilisieren (mehr dazu auf dem Blog von Funckhaus  ). Auch lässt sich nicht bestreiten, dass die Nutzung von Onlinediensten für Bürgerrechtler kontraproduktiv sein kann, vor allem in autoritären Regimes, die den Internetverkehr überwachen und sich geheimdienstlich in Onlinediensten bewegen.

37 Mechanismen des Internets zur Förderung gesellschaftlicher Veränderungen

Es ist weit verbreitet, das Internet einfach nur als ein neues Medium anzusehen. Das ist schon nicht richtig, weil es andere Medien enthalten kann, man muss es daher als "Meta-Medium" oder Container ansehen. Aber auch das Meta-Medium führt in die Irre, seit Menschen im Web (! - und nicht nur per Mail oder ICQ  ) miteinander kommunizieren. Ich denke, der Paradigmenwechsel von Inhalt zu Kommunikationsakten ist der eigentliche Wandel seit dem sogenannten "Web 2.0" - dazu aber mehr an anderer Stelle. Durch diese Kommunikation ist es besser, das Internet als "verschachtelten Kommunikationsraum" (etwa Chris Stöcker im SpOn  ) zu betrachten. Es zeigen sich nämlich etliche Besonderheiten dieses "verschachtelten Kommunikationsraumes", der gesellschaftliche Veränderungen fördert, und zwar unabhängig von der Staatsform.

Gruppe 1: Internetkommunikation mit Text, Hypertext, Rich Media
  1. Kommunikation im Internet ist fast immer schriftlich repräsentiert. Dies führt dazu, dass die Information weniger flüchtig ist als in anderen Formen wie dem Radio oder dem Telefonat. (Das wird sich mit Voice-/Video-Diensten eventuell ändern). Hierdurch erreicht die Information mehr Menschen. Sie kann auch von diesen solange abgerufen werden, bis sie besser verstanden wurde (zum Beispiel Replay-Funktion).
  2. Auch TV- und Radiosendungen werden mit dem Container Internet verbreitet - und sind im Unterschied zu den flüchtigen Originalen jederzeit als Konserve abrufbar. Auch hier gibt es also eine Tendenz zur dauerhaften Verfügbarkeit von Information.
  3. Schon nach kurzer Zeit liegen Nachrichten in unterschiedlichen Formaten vor. Durch die Wahl des Medientyps je nach generellen oder situativen Wahrnehmungsvorlieben hat der Nutzer bessere Chancen, die Nachricht zu verstehen. (Video, kurz? Oder Text, lang oder kurz? Oder doch Bildergalerie?).
  4. Eine Information wird häufig nicht durch Wiederholung, sondern als Referenz weitergegeben (technischer Link oder inhaltliche Referenz). Hierdurch bleibt sie in der Weitergabe-Kette gut erhalten, im Gegensatz zum verfälschenden "Stille-Post"-Effekt der nicht-digitalen Kommunikation.
  5. Durch die Ubiquität von Information werden die Innenverhältnisse einer Region nach außen sichtbar und umgekehrt die Reaktionen und Meinungen von außen von innen sichtbar. Dies führt zu einem wichtigen Effekt: Der Support aus dem Ausland bestärkt Bürgerrechtler auf ihrem Weg. Umgekehrt helfen Dienste von außen den Menschen innen, fragmentarisches Wissen zusammenzuführen und zu bewerten. Es gibt viele Dankes-Tweets aus Ägypten in diese Richtung, die "Sofa"-Aktivisten können durchaus Wirkung erzielen.
  6. "Verlängerung" von Medien-Infrastruktur (klassische Medien): Das Internet als Container für Medien trägt den Inhalt von TV- und Radiostationen noch als Archiv "in" einer Website, macht diesen bearbeitbar, "remixable" und verbreitbar (zum Beispiel via Videoplattformen wie Youtube  ).
  7. Abbildung von Medien-Infrastruktur (klassische Medien): wie oben, der Sender wird jedoch live gestreamt.
  8. Substitution von Medien-Infrastruktur: Bei Störungen der herkömmlichen Übertragungswege kann eine TCP/IP-basierte Parallelarchitektur die weitere Ausstrahlung der Inhalte sicherstellen (Beispiel: Satellit einer TV-Station wird durch Regime gestört).
  9. Substitution von Medien-Infrastruktur (digitale Medien): Das Internet als Medien-Container hat eine weitere Eigenschaft. Fällt eine Komponente aus, kann das Internet sie mit ein bisschen Infrastruktur ersetzen, wie das Beispiel des Accounts auf Twitter   Speak2Tweet   von Twitter und einer Tochter von Google  gezeigt hat, der Anrufe auf Mailboxen via Twitter zugänglich und im Web abspielbar machte (der Guardian   berichtete).
  10. Dezentralität von Daten gibt es an vielen Stellen im Web. Eine der wichtigsten ist: Während Statusmeldungen von Facebook und Twitter erstens nur zu den Bedingungen dieser Unternehmen zugänglich sind und zweitens diese beiden Systeme als zentrales System gut angreifbar sind, gibt es inzwischen offene Standards, die auch Backup-Funktion haben, falls ein anderes System ausfällt. Ein Beispiel ist doost.status.net  , entwickelt mit OStatus  . Folge ist: Wenn Twitter von einem Regime blockiert wird, weichen Nutzer aus (falls es überhaupt noch eine feste Zuordnung zu Plattformen wie Twitter geben wird). Das Internet wird auch hier redundant.
  11. Dezentralität des Netzes. Noch ist es nicht soweit, dass man das Internet nicht "ausschalten" könnte. Mit privaten Funknetzen (insbesondere größerer Reichweite) sowie einer Koppelung nach dem Freifunk-Prinzip wird jedoch irgendwann der Tag kommen, dass zumindest innerhalb eines technisierten Landes bzw. einer Region die Kommunikation möglich bleibt. Während das Handy-Mobilfunknetz zentrale Strukturen hat, die von einem Regime abgeschaltet werden können, wird es durch dezentrale Webtechnologie irgendwann nicht mehr möglich sein, diese Struktur zentral zu stören.

 (Bild: Kovus Boguta / www.kovasboguta.com)
Bild: Kovus Boguta / www.kovasboguta.com


Gruppe 2: Änderungen in Kommunikationsstrukturen und -geschwindigkeit

  1. Das Internet bietet n:n-Kommunikation, mehrere Personen können mehrere andere mit einer Information adressieren. Diese Peer-to-Peer-Struktur ist einer der wichtigsten Merkmale. Dennoch geht es zu weit zu sagen "Content was never king. Contact is." (wie etwa Shareable.net  ), weil es nur eines von vielen Merkmalen ist.
  2. Das Internet hat virale Mechanismen. Durch die Kombination von sozialen Beziehungen und Sharingfunktionen erreichen Inhalte durch Mausklick hohe Reichweiten.
  3. Vererbtes Vertrauen: Durch Ketten von Personenbeziehungen wird die Glaubwürdigkeit von Quellen verstärkt. Dem algerischen Twitter-Freund meines besten Freundes traue ich sogar mehr als der BBC   bei der Frage, ob Algerien das Internet gekappt hat, obwohl ich den Twitter-Freund nie gesehen habe.
  4. Echtzeit-Kommunikation führt zu einer ungekannten Verbreitungsgeschwindigkeit: Was eben in Kairo geschah, ist sofort an jedem Ort verfügbar. Das gilt anscheinend nicht nur für Bürger-Tweets, sondern für die gesamte Nachrichtenwelt, da sich der Prozess der Nachrichtenverarbeitung beschleunigt.
  5. Nachrichtenquellen sind keine Insiderquellen, sondern werden immer mehr jedermann zugänglich, seien es Breaking-News-Dienste, Nachrichtenagenturen, Journalisten-Tweets und - last but not least - berichtende Bürger. Hierdurch findet eine Verkürzung der Nachrichtenkette statt, was nicht nur Zeitvorteile bietet, sondern auch Fehlerquellen und Rauscheffekte reduziert.
  6. Content-Aggregation ist schon lange bei Suchmaschinen, RSS-Readern und Portalen wie iGoogle  , pageflakes  , netvibes   zu finden. Heute finden wir sie weit leistungsfähiger in Nischen, Beispiele sind tweetmeme  , rivva  , flipboard  , commentarist   und noch einige Dutzend mehr. Dadurch können Informationen von Absendern eher unbedeutender Reichweiten für jedermann sichtbar werden, der nicht viral angesprochen wird. Pointiert gesagt: Ein Bürgerkriegs-Dashboard entsteht für den beobachtenden Bürger, und er hat gleichzeitig die Chance, eigenen Inhalt auf dieses Dashboard oder fremden Inhalt hierhin zu befördern.
  7. Maschinelle Zugriffe (etwa verschiedene Tweetlisten mit verschiedenen Hash-Tags) auf alle Informationsquellen ermöglichen dem betrachtenden Bürger seinen eigenen "Gefechtsstand-Monitor": Auf zehn Browsertabs lässt sich eine Revolution besser verfolgen als die NASA   Apollo 11 verfolgen konnte. Es wird spannend, was passiert, wenn sich diese Mechanismen nicht nur auf Text beziehen. Poppt dann die wichtige Fernsehsendung als "Trending TV" oben rechts auf, neben den Videos meiner Freunde?
  8. Durch "Social TV" (Chat, Twitter) wird die Diskussion um TV-Inhalte angestoßen und der gesamte Prozess zeitlich verkürzt. Das Auditorium sieht, was im TV wichtig ist und kann die Information zeitlich parallel diskutieren und bewerten. Zur Erinnerung: Zu einer Abendsendung fand früher die Meinungsbildung erst am nächsten Werktag statt. Heute glauben wir nach zehn Minuten zu wissen, ob eine Show gut ist.
  9. "Public by Default": Bei Twitter gut zu beobachten, wie man nach einem einfachen Suchvorgang (Textsuche beziehungsweise Hashtag) oder Lesen einer Personenliste (Followerliste und Empfehlungsliste, zum Beispiel als Tweet "For <thema> follow @person1, @person2…") direkt die Tweets einer unbekannten und weit entfernten Person beziehen kann.
  10. Internationalität. Das klingt trivial und ist es auch. Wie allerdings dann ganze Gruppen (von ausländischen NGOs, Politikern und Unternehmen bis zu verschiedenen inländischen Personen) übergreifend vernetzt   sind, ist schon beeindruckend.

Gruppe 3: Neue Angebotsformen
  1. Zentrale Ad-Hoc-Inhalteangebote sind schnell aufgesetzt. Hierzu gehören natürlich die bekannten Angebote von Google und Tumblr, die unter "Public Relations" einzuordnen sind und daher künftig über Millionenbudgets verfügen werden. Was gibt es besseres für ein kommerzielles Unternehmen, als mit der richtigen (trojanischen) Idee für eine Woche die Aufmerksamkeit der halben Webwelt zu erhalten?
  2. Jedermann-Ad-Hoc-Inhalt: ein WordPress-Blog, ein Micro-Blog, eine Website, ein (weiterer) Twitter-Account wie @Anonymous123, eine Facebook-Fanpage, ein Wiki sind schnell aufgesetzt. Hinzu kommen weniger bekannte Dienste, die auf Flüchtigkeit angelegt sind und verschlüsselte Kommunikation erlauben (Beispiele Pastee  , snipt.org   oder One-Click-Microblogging-Dienste nach Machart von txt.io  ). Hier kommt aus der Programmierszene etwas auf die Politik zu, was noch nicht gesehen wird: Das Jedermann-Wikileaks ist da.
  3. Instant-Kampagnen: Innerhalb weniger Stunden entstehen Kampagnen-Websites, Unterzeichnerlisten, Shitstorms, Live-Reportagen etc., also spezifische digitale Ausprägungen von politischem Aktivismus. In Deutschland sehen wir sogar schon, wie eine Kampagnen-Mechanik recycelt wird: undnucdu.de   ist nun die schon mindestens dritte Version einer Website aus dem Umfeld von Nico Lumma, die nach immer demselben Prinzip funktioniert. Wie lange dauert es, bis es Instant-Kampagnen oder -Plugins gibt, die man sich wie Templates für WordPress   aussucht? Gibt es bald den Jimdo-Baukasten in einer Amnesty-Edition? Die Entwicklung beim Voting zeigt den möglichen Fortschritt.

 (Bild: Kovus Boguta / www.kovasboguta.com)
Bild: Kovus Boguta / www.kovasboguta.com


Gruppe 4: Verdichtung und Verstärkung

  1. Bei der Weiterleitung von Information findet eine Relevanz-Gewichtung mit Resonanz-Verstärkung statt: Der nach Lesermeinung wichtigste Tweet setzt sich durch (und je mehr Menschen votieren, desto stärker wird dieser Effekt).
  2. Das Internet hilft bei der Aggregation von Nutzer-Meinungen, ein Voting, das "Faven" bei Twitter und das "Bewerten" von Kommentaren oder eine Fanpage auf Facebook sind schnell und leicht eingerichtet und durchgeführt. Während oben noch die redaktionellen Inhalte aggregiert wurden, wird hier ein Stimmungsbild einer Personengruppe sichtbar.
  3. Sofern an vielen Stellen des Internets Meinungsäußerungen auftreten (Beispiel: 3 Leitkommentare in klassischen Medien, 7 in Blogs) entstehen durch die Bewertung, das Zitieren und Referenzieren und durch die Anzahl an Kommentaren übergreifende Kommunikationsräume, welche die Einzelplattform in den Hintergrund drängen. Wer einmal intensiv eine Netzdebatte verfolgt hat, kennt den Effekt. Erst sprießen Beiträge, dann beginnt Diskussion, es entstehen Repliken, Verweise et cetera - bis eine Debatte nach ein paar Tagen zum Erliegen kommt. Das würde man wohl einen sich selbst organisierenden Kommunikationsraum nennen, den kein anderes Medium so bietet, dass jedermann daran teilnehmen kann. Am Ende entsteht ein Bild dessen, was wichtig war und welchen Beitrag und welchen Autor man sich merken sollte.
  4. Anonyme Kommunikation als eine weitere Dimension der Kommunikation führt zu einer Klarheit bei der Meinungsäußerung, wie wir sie nicht einmal in freiheitlichen Demokratien bisher kannten: Nicht nur fällt die Rücksichtnahme auf eventuelle Repressionen durch das politische System weg, es entfällt auch der Hang, auf eventuellen sozialen Druck Rücksicht zu nehmen. Radikale Positionen sind eben auch in Deutschland leichter gesagt, wenn man anonym spricht. "Tod dem König!". Kein Wunder, dass ein U.S.-Senator inzwischen von Facebook fordert, anonyme Profile zuzulassen, wie Allfacebook   berichtete.
  5. Die verkappte Meinungsäußerung ist ein junges Phänomen des Social Sharing. Wer einen Link auf Facebook "teilt", wer Links auf einem Bookmarking-Dienst sammelt, wer einen Tweet retweeted, nimmt inhaltlich keine Stellung, sondern verweist nur auf diesen Link beziehungsweise Tweet. Er wird aber meistens eine ihm genehme Meinung häufiger verteilen als eine ihm nicht genehme. Folge: Trotz der formalen Neutralität ist bei Sharing die Wahrscheinlichkeit von Zustimmung höher als die von Ablehnung. "Tod dem König" von @Antagonist erzeugt auf Aggregationsebene (zum Beispiel Top-Tweets) schnell den Eindruck einer bewegten Menschenmenge, die dem Tweet zustimmt. Dieser Eindruck muss nicht richtig sein, es genügt aber die Gewissheit, dass etliche Nutzer den Retweet jedenfalls nicht für eine bloße Weitergabe halten, die vollkommen neutral ist. Vielleicht muss man aufgrund des offenkundigen Empfängerproblems, der in seine eigenen Vorurteilsfallen tappt, hier auch von einer versehentlichen Meinungsbildung sprechen.
  6. Kurzinformation auf Diensten wie Twitter führt durch den Zwang zur Verkürzung noch zu drei weiteren Effekten: Erstens gibt es Kurzformen der Zustimmung, zum Beispiel "+1". Zweitens werden komplexe Aussagen zwangsläufig zu kurzen Statements reduziert, die für Differenziertheit wenig Raum lassen: Die Welt ordnet sich in die Polarität von Pro und Contra. Drittens hat die Sprache häufig appellhaften, imperativen Charakter.
  7. All dies führt beim einzelnen Leser zu einer vorurteilskonformen Wahrnehmung und damit insgesamt zu einem "Aufputscheffekt": Nach zehn gleichartigen Tweets (sowohl neutral wie explizit zustimmend) zu einem Thema unterliegt man schnell dem Einfluss derer, die man für die vermeintliche Mehrheit hält. Es fühlt sich an wie das Beobachten eines digitalen Hammelsprungs: 7 links dagegen, 3 rechts dafür - auch ich bin dann dagegen.

 (Bild: Kovas Boguta)
Bild: Kovas Boguta


Gruppe 5: Verschiedenes

  1. Datenbankgestützte Zugangswege auf alle Informationen ermöglichen sekundenschnellen Zugriff auf Daten. So entstehen beispielsweise mit Hashtags Zugriffsmöglichkeiten auf "Big Data", wobei die Zuordnung von Hashtag und Inhalt durch Vereinbarung der Gruppe erfolgt und sehr dynamisch sein kann. Entsprechendes gilt zum Beispiel für Fotos von Kriegsschauplätzen mit Geokoordinaten.
  2. Es scheinen neue Rollen zu entstehen: Zum Demonstranten gesellt sich der Supporter, der eine Website zum Thema baut, aber nicht demonstriert. Vielleicht werden sich unter den Online-Supportern weitere Rollen ausdifferenzieren: der Bürger-Reporter, der Promotor, der Pusher, der Bomber (mit seiner DDoS-Kanone) und so weiter.
  3. Digitaler Klingelbeutel: Mit der Möglichkeit künftiger Handys, Micropayments vor allem via Near Field Communication abzuwickeln, werden Bewegungen in einer weiteren Dimension digitalisiert werden. Crowdfunding im Stile von spot.us, kickstarter, betterplace.org ist heute schon da, man wird jedoch "instant" zu Spenden aufrufen und auch Spenden vornehmen können. "Wir brauchen eine Videokamera - spendet hier" wird der neue digitale Klingelbeutel, flankiert von Facebooks virtueller Währung.
  4. Zusätzlich hilft das Internet noch bei der Organisation des Widerstands: Gruppen finden sich auf Plattformen, sammeln Informationen (etwa über inhaftierte Demonstranten - in einem Wiki als Ad-Hoc-Angebot) und verabreden sich, um nur einige Beispiele zu nennen.
  5. Aktivisten-War-Room: Was einzelne können, können Gruppen erst recht. Die digitale Aktivistengruppe ist geboren, die aus dem Wohnzimmer heraus Kampagnen steuert und entwickelt wie im Beispiel eines Videos   aus Kairo. Mit entsprechenden Kollaborationstools, etwa Google Docs  , Skype   etc. kann diese Gruppe sich auch virtuell managen.
  6. Alle Beteiligten bedienen sich echter Monitoring-Tools, um die Situation analysieren zu können und im eigenen Interesse in die Kommunikation einzugreifen. Das Internet ist also, weil (noch) dessen öffentliche Teile ungeschützt für die Kommunikation eingesetzt werden, transparenter als es Telefonie je war, weil jedermann die Kommunikation mit einfachen Mitteln beobachten kann.

Durch das Internet verändern sich kommunikative Prozesse sehr stark. Betroffen sind Inhaltsformen, Vernetzungsstrukturen, Nachrichtenketten, Verdichtungsmechanismen, Beschleunigungseffekte, Meinungsfindung, Aktivismusformen, Beobachtung/Monitoring und Finanzierung, um nur die wichtigsten Schlagwörter zu nennen.

Der kurze Weg zum Überwachungsstaat

Ägypten zeigt: Das Abschalten, das Überwachen und das Versenden von Nachrichten sind auch heute noch das Repertoire von Diktatoren. Was wir hier an Technik sehen konnten, steht so sehr am Anfang, dass sich ein Lob des "Internets an sich" verbietet.
Von einer Dystopie vom Stand der Technik her sind wir nicht allzuweit entfernt: Dass nämlich zusätzlich zu den heute erkannten Eingriffsgefahren die Anonymität der Internetkommentare von Spezialprogrammen zur Autorenerkennung aufgehoben wird, dass Maschinen zur systematischen digitalen Desinformation als digitale Nebelbomben eingesetzt werden, dass Software-Agenten anhand von Geokoordinaten hohe Personendichten erkennen können, dass künftig Mini-Drohnen Bürger überwachen. Wer sagt uns denn, dass ein hochtechnisiertes Unrechtsregime nicht eines Tages Facebook-Anfragen von Robots aus verschickt, Misstrauen schürende Inhalte verbreitet und die Tentakel des Internet of Things uns nicht in der eigenen Tiefgarage einsperren, weil wir am Nachmittag zuvor einer Facebook-Gruppe beigetreten sind oder etwas getwittert haben, was eine Sentinentanalyse nicht ganz so witzig fand?

Ich halte es für einen Fehler, aus aktuellen Ereignissen mit aktuellen technischen Möglichkeiten ausgerechnet in Afrika auf den Wert des Internets zu schließen. Über das Internet können wir vielleicht in 30 Jahren urteilen, wenn ein Despot die Hälfte seiner 50 Milliarden USD in die fünfte Generation von Überwachungstechnik gesteckt hat. Bis dahin heißt es: dezentrale und ausfallsichere Architekturen schaffen und den Austausch von Daten zu standardisieren und eventuell sogar als Anspruch zu regeln. Auch müssen wir mittelfristig darüber nachdenken, wie wir der Diskriminierung durch private Plattformen bei der Ausübung grundrechtsrelevanter Tätigkeiten vorbeugen.

Privatunternehmen weltweit in dieser Weise zu verpflichten ist ein rechtsdogmatisches und wirtschaftliches Minenfeld und es besteht hier auch kein Grund zur Eile, zumal die schwarzen Schafe nicht Google, Facebook oder Twitter sind. Es geht auch nicht unbedingt um den großen Wurf, wie man an Kleinigkeiten sieht, ob etwa Facebook einen https-Account anbieten muss. Doch sollte man diese Gemengelage im Blick haben, bevor es wirklich einmal zu Problemen kommt. Wenn sich das Internet und seine Player weiter so entwickeln, wird irgendwann die Frage kommen müssen: Wie können wir sicherstellen, dass das Betriebssystem der Menschheitskommunikation auch im Notfall und diskriminierungsfrei funktioniert?


iBusiness-Autor Christoph Kappes ist gelernter Jurist, hat das aber überwunden. Der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Fructus   hat in 18 Jahren rund 1.000 Projekte abgewickelt.

Thema: 37 Wege, wie das Web Gesellschaften verändert

Kommentar von Sebastian Halm

Verbietet die Beatles!

Das Internet ist den Mächtigen nicht geheuer. Das sieht man nicht nur in China, sondern auch hierzulande immer wieder.

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 (HighText Verlag)
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