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Crosschannel: Wann sich synchronisierte Daten am POS auszahlen
11.02.2020 Der Kunde verlangt es, der Handel kommt noch kaum hinterher: Die konsequente Umsetzung des Crosschannel-Handels scheitert noch vor allem an der Synchronisierung von Daten in Echtzeit. So schaffen Händler den Spagat zwischen individuellen Kundenansprüchen und Komplexität.
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Produktverfügbarkeit und Produktcontent
Die Verfügbarkeit von Produkten sicherzustellen, ist laut Sven Betz ein Thema, das lange vor der eigentlichen Kaufentscheidung - ob nun on- oder offline - über den Erfolg entscheidet. Betz ist Director IT Operations bei Internetstores , einem Multichannel-Anbieter für Bike und Outdoor. "Unsere Einkäufer müssen die richtigen Zeitpunkte für Vorbestellungen treffen und eine korrekte Mengenplanung machen. Lieferanten und Hersteller müssen die Ware rechtzeitig zu den avisierten Terminen liefern, und der gesamte Wareneingang in unseren Logistikzentren muss optimal durchgeplant sein", zählt er auf. Nur so könne man effizient arbeiten und Backlogs verhindern. Und natürlich müsse auch der Produktcontent gepflegt sein, um die Artikel online zu bringen.Dafür müssen alle Daten kanalübergreifend aktuell und in Echtzeit zur Verfügung stehen - ein absoluter Kraftakt. "Da die Bereitstellung von Echtzeitdaten am POS technisch aufwändig ist, muss sie klare Use Cases für die unternehmensinternen Prozessanforderungen oder auch Kundenbedürfnisse decken", fordert Florian Harr, Principal Consultant bei der ECommerce-Beratung Elaboratum . "Warum brauche ich als Händler überhaupt Echtzeitdaten am POS? Und welche Art von Daten sind im Einzelhandel wirklich sinnvoll?"
Waren- oder Kundendaten?
Er unterscheidet dabei zwischen zwei Arten von Daten: Warendaten und Kundendaten. Warendaten bilden Verfügbarkeiten im Filialgeschäft ab. Sie ermöglichen aber auch unter anderem digital verbesserte Beratungsleistungen im Hinblick auf Produktmerkmale, Demovideos, Anwendungen mit Augmented und Virtual Reality. Zudem können Preisdaten über digitale Preisschilder einfacher und gegebenenfalls sogar zentral angepasst und ausgesteuert werden. Bei Kundendaten ist insbesondere bei Nutzung eines Bonus-/Loyalty-Programms die Echtzeitverfügbarkeit von Kundeninformationen, wie beispielsweise Status, Punkte oder gebuchte Serviceleistungen von Bedeutung.Wo Echtzeitdaten fließen
Echtzeitdaten werden am POS vom Kassensystem, mobilen Beratungslösungen wie iPads, Preiskennzeichnungen und im Wareneingang konsumiert. Dabei fließen die Daten über verschiedene Kommunikationskanäle, erläutert Patrick Wilhelm, Senior Consultant bei Elaboratum:- Zwischen POS und Kunden, z. B. bei Kundenstatusinformationen, Kaufhistorie, Berechnung von Gutscheinen, Services.
- Zwischen verschiedenen Points of Sale, also in der Interfilialkommunikation bei Informationen zu Aktionen, evtl. Warenbereitstellung, Warenverfügbarkeit.
- Zwischen POS und Zentralsystemen, die die Warenverfügbarkeit über alle Standorte, Wareneingangsankündigungen und Warenbestellungen verwalten.
Dass diese beteiligten Systeme - von der Warenwirtschaft über Logistik, CRM, Kassensystem bis hin zum eventuellen Loyalty-Programm - alle miteinander kommunizieren und zudem alle Standorte über eine Breitbandanbindung sowie die Ausstattung mit entsprechender Hardware (Kassensystem, Tablets etc.) verfügen müssen, stellt einen technischen Aufwand und oft auch Hindernisse für die Verwendung von Echtzeitdaten am POS dar. Florian Harr nennt als Beispiel: "Heute können viele Kassensysteme immer noch nicht Barcodes auf einem Smartphone scannen, z.B. klassische Kassen beim Nahversorger (und wenn es geht, dann nur mit dem Handlesegerät)."
"Es war definitiv eine große Herausforderung unterschiedliche Lagerverwaltungs- und Kassensysteme so anzubinden, dass wir immer einen konsistenten Blick auf alle Bestände haben", schildert Sven Betz. Die Informationen laufen im ERP von Internetstores zentral zusammen. "Damit haben wir eine beinahe Echtzeit-View auf die Verfügbarkeiten", so Betz. "Die jeweiligen Schnittstellen unterscheiden sich zwar stark, aber unsere Bestandsinformationen sind niemals älter als 5 Minuten."
Das sei für einen Bike- und Outdoor-Anbieter auch essenziell, erklärt er. "Wir haben ein sehr breites Sortiment und versuchen als Experten auch im Longtail extrem gut aufgestellt zu sein. Das führt aber auch dazu, dass wir in Randgrößen oder Expertensortimenten oftmals nur wenige Artikel im Bestand führen." Hinzu komme die ausgeprägte Saisonalität im Bike- und Outdoor-Business: Gegen Ende einer Saison werden die Bestände natürlich dünner. Betz: "Entweder haben die Lieferanten keine Verfügbarkeiten mehr oder wir entscheiden uns bewusst gegen Re-Orders, da sich dann alles auf die neuen Modelle der nächsten Saison konzentriert. Ohne die Echtzeit-Bestände würden wir unzählige Stornos oder Teilstornierungen verursachen, was unsere Kunden massiv frustrieren würde." Für die eigenen Kunden habe Internetstores das gut im Griff, weil man Bestände in Echtzeit in die Onlineshops melde.
Next Stop: Headless ECommerce-Systeme
Für Software-Anbieter wie Commercetools heißt die Lösung: Headless ECommerce-System. Solche entkernten ECommerce-Anwendungen versprechen eine klare Trennung von Front- und Backend und damit höheres Entwicklungstempo und mehr Flexibilität.Denn während herkömmliche monolithische Systeme zwar den vollen Funktionsumfang eines Webshops bereit stellen (inklusive Verwaltung von Produktdaten, Kundendaten und Informationen), die Bestell- und Bezahlfunktion (Ordermanagement) übernehmen und die fertigen HTML-Seiten in Form eines Web-Shops für den Kunden bereit (Frontend) stellen, sind entkoppelte Headless Systeme in der Lage, diese Funktionalitäten zu trennen. Sie stellen im Kern das reine Ordermanagement bereit und bieten - wichtiger noch - ein leistungsfähiges Set an Schnittstellen (APIs), mit dem sich im Backend Systeme für Produktdaten (PIM), Kundendaten (CRM), Unternehmensdaten (ERP), Content (CMS) und Statistik (Analytics) anbauen lassen. Auch das Frontend ist nicht mehr Teil der ECommerce-Software, sondern wird als eigene Applikation entwickelt.
ECommerce-Experten sehen darin die Zukunft (wie bereits von iBusiness analysiert). Die Gegenwart vieler Händler sieht aber noch anders aus. Es ist vor allem eine wirtschaftliche Betrachtung: Kein Händler verkauft auch nur ein Stück mehr, weil sein Shopsystem headless anbietet. Interessant wird das erst, wenn der Händler damit konkrete Services verknüpft. Und das ist für die meisten wirtschaftlich noch nicht realisierbar.
"Die größte Herausforderung liegt zweifellos in der Kostenbetrachtung", räumt Hauke Rahm ein. Er ist Head of Customer Success bei Headless-Anbieter Commercetools . "Wenn alle Kanäle verbunden sein sollen, müssen sie voll digitalisiert sein", betont er. Idealerweise müsse bis zu jeder einzelnen Kasse jedes Endgerät mit einem oder mehreren Systemen funktionsfähig vernetzt sein. Bestenfalls gebe es für jede Frage genau eine "Source of Truth", also ein System, das die korrekten Angaben zu Produkten, Preisen, Inventar, Bestellung, Lieferungen usw. kennt.
"Die Vielfalt der Kanäle erschwert die Umsetzung an einigen Stellen", erklärt Rahm. Beispielsweise entfalle bei einem Kauf im stationären Handel unter Umständen die Lieferung. Damit verbunden seien dann wieder andere Prozesse in der weiteren Verarbeitung der Bestellung bzw. des Kaufs. Rahm: "Es bedarf einiger Überlegungen und aufwendiger Konfiguration, um hier die richtigen Entscheidungen für Datenmodelle und Prozesse zu treffen."
| Einsatzszenarien für die Verknüpfung von Daten am POS |
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80:20-Regel
Der entscheidende Faktor auf dem Weg zu echtem Crosschannel ist die Gleichförmigkeit vor dem Kunden, so Rahm: "Eine vollständige Harmonisierung der IT-Landschaft ist meistens nicht praktikabel. Wenn also die Entscheidung für Crosschannel gefallen ist, sollte im nächsten Schritt entschieden werden, wie dieser Ansatz vor Kunden präsentiert wird."Das Credo, künftig alle Maßnahmen am POS und im Netz stringent und übergreifend zu denken und umzusetzen, ist für kleinere und mittlere Händler überlebenswichtig, damit sie den Anschluss nicht verlieren. Um aber nicht "in Schönheit zu sterben", weil sie für jedes hypothetische Problem eine aufwändige Lösung finden, gilt auch hier wie so oft in der IT das 80/20-Prinzip, betont Rahm: "80 Prozent der Lösung kosten 20 Prozent des Projektes."Ein wesentlicher Grundsatz für die Synchronisierung ihrer Daten für On- und Offlinehändler: Komplexität minimieren. Betz: "Wir schauen uns sehr genau an, wo es sich lohnt Energie und Ressourcen zu investieren. Es gibt zwar nicht den einen Kunden, aber wir wissen schon sehr gut - auf Grundlage von Analysen und Daten - wo die Baustellen sind, um uns abzugrenzen oder besser zu werden." Man sei - wie jedes Unternehmen - davon abhängig, die eigenen limitierten Ressourcen effizient einzusetzen.
