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Virtual Reality: Online-Shop der Zukunft oder nur Marketing-Tool?
03.09.2020 Dank Corona ist Virtual Reality aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Doch wo geht die Reise hin? Werden Online-Shops demnächst komplett virtuell? Oder bleibt VR eine weitere schöne Marketing-Option?
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Nun wurde der große Durchbruch von Virtual Reality - kurz VR - in den vergangenen Jahren mehr als einmal verkündet. Doch bislang waren die VR-Brillen zu schwer und zu klobig, die Bedienung zu kompliziert, die Anwendungen zu bescheiden, als dass die Technologie so allgegenwärtig werden konnte wie das Smartphone. Das ambitionierte Start-up Magic Leap hat sich inzwischen aus dem Consumer-Markt zurückgezogen, Facebook bemüht sich immer noch, VR zur nächsten sozialen Plattform auszubauen. Aber vielleicht bringt ja Apple neuen Schwung in die virtuellen Welten. Im Mai 2020 hat der iPhone-Hersteller NextVR gekauft und erweitert damit sein Portfolio um ein Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, Events wie Konzerte oder Sportveranstaltungen per Virtual Reality zu übertragen. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Amerikaner damit einen neuen Trend starten.
VR ist immer noch Nische
Doch noch ist VR ein Nischenthema. Die Marktforscher von CCS Insight vermelden, dass der Absatz von VR- und AR-Brillen im vergangenen Jahr bei rund zehn Millionen Stück lag, ein Plus von rund 20 Prozent. Im gleichen Zeitraum verkauften die Smartphone-Hersteller rund 1,5 Milliarden Geräte. In der Trendstudie "Zukunft der Consumer Technology" zeigt Bitkom, wie Verbraucher der virtuellen Realität (Virtual Reality, VR) gegenüberstehen. Der Umfrage zufolge liegt das Nutzerpotenzial für Virtual-Reality-Brillen erstmals bei über 50 Prozent der Bevölkerung: Aktuell nutzen 14 Prozent der Befragten zumindest hin und wieder eine Virtual-Reality-Brille. Weitere 37 Prozent wollen dies künftig tun. "VR-Brillen kommen aktuell vor allem bei Videospielen zum Einsatz. Aber gerade jetzt im Pandemiejahr punktet bei Nutzern das virtuelle Verreisen an unbekannte Orte", so Bitkom-Präsident Achim Berg. VR und Online-Shopping dagegen scheinen derzeit noch kein Dream-Team zu sein. Gerade mal drei Prozent der Befragten nutzen VR auch beim Shopping.
Entsprechend finden sich im Netz auch nur wenige Szenarien, die VR und aktives Verkaufen miteinander koppeln. VR ist vielmehr ein Mittel des Marketings. Selbst die Studie des TV-Shopping-Senders QVC "Handel 2036" ist nur vorsichtig optimistisch: Demnach kann sich jeder fünfte Deutsche (19 Prozent) (sehr) gut vorstellen, künftig in der virtuellen Realität shoppen zu gehen. Treiber wird die Generation Z sein, die mit digitaler Technik aufwuchs und VR als Fortsetzung des Spielens mit erweitertem Radius sieht.
Diesels VR-Shop für Händler
Virtuell shoppen könnte dann so aussehen wie bei der Modemarke Diesel . Dank Covid 19 switchte der Jeansanbieter von Händler-Event auf VR um. Dazu ließ die Jeansmarke einen virtuellen Verkaufsraum nach seinem Showroom in Mailand nachbauen. Die virtuelle Erfahrung beginnt mit einem digitalen Schaufenster. Das erklärte Ziel: eine emotionale Verbindung mit dem Betrachter herstellen. Das Schaufenster ist sozusagen der Teaser, der Auftakt zum eigentlichen Besuch im Showroom. Dort kann die neue Mode in 360-Grad-Rundumansicht gemustert werden. Der Kunde kann ganz nah in die Modelle hineinzoomen. Das detaillierte, hochauflösende Rendering soll die Berührung der Stoffe ersetzen und ein Gefühl wecken, wie die Materialien sich anfühlen könnten. Zusätzlich sorgen Stimmungsvideos der Frühjahrs- und Sommerkollektionen 2021 dafür, über die wichtigsten Looks der Saison zu informieren. Detaillierte 2D-Nahaufnahmen mit Produktbeschreibungen ergänzen die Präsentation. Um zu bestellen, gibt es eine benutzerfreundliche Oberfläche, die dem Einkäufer einen Überblick über seine Auswahl bietet. Während des virtuellen Besuchs ist ein Diesel-Anbieter live mit dem Einkäufer verbunden, um ihn durch den Kaufprozess zu führen.Das Diesel-Beispiel ist aus der Not heraus geboren und wendet sich zudem an eine spezielle Zielgruppe. Doch macht ein ECommerce-Store als reiner VR-Store aktuell Sinn? "Nein" sagt Kolja Pitz , Director Consulting bei der Digitalagentur i22 : "So spannend das Thema ist, aber dafür ist die Zeit noch nicht reif. Wir sind gerade erst an dem Punkt, an dem die Verkäufe für VR-Brillen hochschnellen. Denn die Kosten für neue Brillen sinken und die Leistungsfähigkeit steigt."
Französische Modemarke Lanvin auf dem virtuellen Laufsteg
Sinnvoll hingegen ist die Ergänzung von Webshops durch immersive Inhalte zu den Produkten. Produkterlebnisse können auf diese Weise enorm aufgewertet werden: von Showrooms für Premium-Produkte über VR-Kampagnenvideos bis hin zu 360 Grad-VR-Shoots der letzten Fashionkollektion. So hat es zum Beispiel die französische Luxusmodemarke Lanvin gemacht und ihre chinesischen Kunden am Auftritt auf der Pariser Fashion Week mit Hilfe von Virtual Reality teilhaben lassen. Zusammen mit dem chinesischen Lifestream-Partner Iqiyi wurde dem Publikum über Douyin , das chinesische Youtube, eine Cloud-Fashionshow geboten, in der die Kunden in der ersten Reihe saßen. Ein chinesischer Influencer kommentierte das Geschehen und lieferte Insights von behind the scene, also hinter den Kulissen der Modewelt. Kaufen konnten die Kunden die Produkte direkt über die Luxus-ECommerce-Plattform Secoo . "Ich als Kundin kann dann etwa direkt im Publikum einer Modenschau Platz nehmen und erlebe die aktuelle Kollektion auf eine völlig neue Art und Weise", erläutert Kolja Pitz von i22. Die Inszenierung hilft, Produkte besser begreifbar zu machen und sie zugleich zu emotionalisieren. Der eigentliche Kauf sollte der Einschätzung von Kolja zufolge aber in der gewohnten Shopumgebung stattfinden.Porsche "Taycan VR Experience"
Ebenfalls Showcharakter hat Porsches "Taycan VR Experience". Der erste rein-elektrische Porsche zog Anfang des Jahres 2020 in viele Autohäuser erst einmal virtuell ein. "Taycan VR Experience" nennt sich die Anwendung, mit der Kunden den neuen Porsche über eine Virtual-Reality-Brille aus nächster Nähe erleben und einen Blick unter die Karosserie werfen können. Die Aerodynamik des Taycan wird über einen eingeblendeten Luftstrom simuliert, den der Nutzer selbst steuern kann. Der Nutzer kann den Porsche von innen und außen entdecken und hinsichtlich der Lackfarbe individualisieren. "Der Informationswunsch unserer Kunden im Handel ist riesig - den können wir mir der VR Experience nun schon vor der physischen Markteinführung bedienen", sagt Robert Ader , Leiter Customer Relations bei Porsche. Die Taycan VR Experience ist ein spielerischer Pionier für Virtual Reality-Anwendungen im Handel. Die nächste Stufe ist die virtuelle Fahrzeugkonfiguration, an der das Marketing-Team von Porsche derzeit intensiv arbeitet und die in den kommenden Monaten in den Porsche-Zentren ausgerollt werden soll. Warum die Anwendung nicht auch für den Hausgebrauch auf dem Smartphone zur Verfügung steht, ist allerdings ein Rätsel.
