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Vier Technologien im Hype-Check: Nur eine ist ein Gamechanger

16.03.2022 Das Metaverse, die ewigen Nachwuchstalente Bitcoins, die hochgehandelten NFTs und das Fälschungstool Deepfakes: iBusiness prüft, welche Technologien wirklich den Markt verändern werden. Mit einer überraschenden Erkenntnis.

iBusiness checkt vier gehypte Technologien - welche hat wirklich disruptives Potenzial, welche kann zum Gamechanger werden? (Bild: cDuBBy / Pixabay)
Bild: cDuBBy / Pixabay
iBusiness checkt vier gehypte Technologien - welche hat wirklich disruptives Potenzial, welche kann zum Gamechanger werden?

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
TL;DR
Mit Ausnahme der Deepfakes besitzen die betrachteten Technologien wenig Disruptionspotenzial. Somit erweist sich nur die weitere Erosion des Wahrheitsgehaltes im Web als nachhaltiger Trend.
Vor fünf Jahren hat iBusiness in einer Analyse sieben KI-basierte Technologien auf ihr disruptives Potenzial hin untersucht. Nun sollen vier Technologien auf den Gamechanger-TÜV, die zum Teil relativ neu sind, zum Teil schon seit längerem für geteilte Prognosen verantwortlich sind:
Um das disruptive Potenzial dieser Technologien zu veranschaulichen, hat iBusiness eine disruptive Matrix erstellt. Die Matrix spaltet Disruption in sieben Teilaspekte auf:
  1. Mehrwert: Wie viel besser ist ein neues Produkt als bestehende Lösungen? Gibt es einen Anlass, überhaupt die neue Technologie zu adaptieren? Beispiel Mobile Payment: EC-Karten und Bargeld sind für die meisten Menschen okay. Der Mehrwert von Wallets ist gering, ergo kommt das Produkt in Deutschland nicht vom Fleck.
  2. Netzfaktor: Wie vernetzt ist eine Erfindung? Wie groß ist die kritische Masse an NutzerInnen? Erreicht man mit der Anwendung beispielsweise alle relevanten Kontakte? Beispiel: Alle sind bei Whatsapp. Deswegen haben es alle anderen OTT-Dienste schwer - sie kommen gegen den Vernetzungsgrad nicht an.
  3. Marktdruck: Erzeugt der Markt Druck, der VerbraucherInnen und EntwicklerInnen animiert, auf den Zug aufzuspringen? Existiert eine große Marketingkampagne? Gibt es attraktive Anwendungen? Wenn alle über die tolle neue Amazon-Video/Netflix-Serie reden, komme ich irgendwann nicht mehr drum herum, diese Dienste auch zu abonnieren.
  4. Usability: Kurz gefragt: "Funktioniert das Ding?" Eine miese Usability kann eine schlechte Bedienbarkeit bei ansonsten einwandfreier Funktion sein - oder etwas, das zwar einfach zu bedienen ist, aber schlicht nicht klappt: Die automatisch generierten Untertitel bei Youtube   etwa sind konzeptionell eine tolle Idee, nur generiert die Spracherkennung des Portals leider dauernd Hokuspokus.
  5. Coolnessfaktor: Ist es cool, das Produkt zu verwenden? Manchmal befindet man sich hier in einem Spannungsfeld, bei dem die Energie der Pole ganz schnell kippen kann: Handys waren anfangs verpönt, wer damit herumlief, irgendwie schmierig-großspurig; doch die latent neidische Bewunderung kippte alsbald und schuf einen Megatrend.
  6. Sicherheit: Ist die Technologie sicher gegen Missbrauch oder Hacker? Ist Kapital, das ich hier einbringe, sicher angelegt? Kann ich mich darauf verlassen, dass sie eine Zukunft hat - kurz: Der Faktor, der VerbraucherInnen, InvestorInnen und Markt das Vertrauen einflößt, das die Technik zum Erfolg braucht.
  7. Wechselkomfort: Was kostet es den Nutzer oder die Nutzerin, von seiner oder ihrer bestehenden Lösung umzusatteln auf ein neues Produkt? Mit Kosten müssen nicht materielle Kosten gemeint sein, oft genügt zu viel Mühe, um Erfolg im Keim zu ersticken. Kein Wunder, dass Apple für Smartphone-Konvertiten eine eigene 'Move from Android'-App programmiert hat: Das ist Software-gewordener Wechselkomfort.
Ist die disruptive Kraft eines Produktes/einer Lösung in einem der sieben Segmente groß, bildet die Matrix dies mit einer großen farbig ausgefüllten Fläche ab, wenig Markt-Sprengkraft schlägt sich in einer kleinen roten Fläche nieder. Das Ergebnis ist eine Visualisierung des Disruptionspotenzials: Je mehr farbig ausgefüllte Segmente der Kreis insgesamt besitzt, desto mehr Faktoren sprechen für die Gamechanger-Qualitäten der Technologie..

Disruptionsanalyse für das Metaversum

Ob man einen Videocall mit Zoom oder bei Meta macht, ist nicht wirklich cooler oder uncooler. Die Vernetzung, die das Metaversum braucht, ist in einem von verschiedenen Großkonzernen beherrschten Markt auch nicht gegeben. Der Mehrwert bleibt außerhalb von Nischen gering, dafür braucht man jedoch aufwändig zu handhabende Technologien wie VR-Brillen.
Ob man einen Videocall mit Zoom oder bei Meta macht, ist nicht wirklich cooler oder uncooler. Die Vernetzung, die das Metaversum braucht, ist in einem von verschiedenen Großkonzernen beherrschten Markt auch nicht gegeben. Der Mehrwert bleibt außerhalb von Nischen gering, dafür braucht man jedoch aufwändig zu handhabende Technologien wie VR-Brillen. (Grafik: HighText Verlag)
Heilsversprechen: Eine vernetzte virtuelle Welt ersetzt das fragmentierte Internet mit seinen Ökosystemen, Walled Gardens und unzähligen Social Media: Im Metaversum spaziert man aus Minecraft heraus und in Fortnite hinein, der Videocall mit der Firma ist ebenso nahe wie der virtuelle Kaffee, den man als Dortmunder in einem virtuellen Café mit seinem Freund in New York einnimmt. Es ist die Matrix, nur als Utopie statt als Dystopie.


Was ändert sich wirklich? Der verstärkte Bedarf nach virtuellen Substituten für reale Treffen ist ein Pandemie-Phänomen, bislang wurde er ausreichend von sozialen Medien und Videocall-Lösungen aufgefangen. Das Metaversum leistet hier kaum Neues. Interessant wird es vielleicht in Nischen wie B2B-Einkauf und dem Learning, wenn Wissensdatenbanken, Zulieferer und Simulationen miteinander verschmelzen: Ich schaue in einer virtuellen Repräsentation meines Flugzeuges nach, welches Teil kaputt ist, konsultiere Avionik-Fachliteratur in einer angeschlossenen Bibliothek, hole mir dann das Ersatzteil beim Fachhändler und schaue virtuell nach, ob es die Maschine wieder zum Laufen bringt.


Der wirkliche Disruptionsfaktor: Das Metaverse ist ein Nischenprodukt. In der fantastischen und SciFi-Literatur werden Metaversen meist von bösen Monopol-Konzernen errichtet und unterhalten: So einen Monolithen bräuchte es aber auch. Solange der Markt frei ist, wird es verschiedene virtuelle Räume geben, manche davon vernetzt, andere abgegrenzt. Disruptionspotenzial: Langfristig eher gering.


Disruptionsanalyse für Bitcoins

Der Traum, ein Bitcoin-Millionär zu werden, hat der virtuellen Währung einen Coolnessturbo eingebaut, das Mining von Bitcoins frisst Energie und Rechnerkapazitäten - komfortabel und von einfacher Usability ist hier gar nichts. Die erhoffte Anonymität entpuppte sich als leeres Versprechen, der Mehrwert liegt eher in der zugrundeliegenden Blockchain als im Bitcoin selbst. Die Technologie besitzt eine große Sicherheit und Vernetzung, internationaler Austausch ist machbar, aber aufwändig - und Sicherheit ist ein relativer Begriff: Geld auf dem Konto geht nicht verloren, wenn man sein Passwort für das Onlinebanking vergisst oder den Rechner verliert.
Der Traum, ein Bitcoin-Millionär zu werden, hat der virtuellen Währung einen Coolnessturbo eingebaut, das Mining von Bitcoins frisst Energie und Rechnerkapazitäten - komfortabel und von einfacher Usability ist hier gar nichts. Die erhoffte Anonymität entpuppte sich als leeres Versprechen, der Mehrwert liegt eher in der zugrundeliegenden Blockchain als im Bitcoin selbst. Die Technologie besitzt eine große Sicherheit und Vernetzung, internationaler Austausch ist machbar, aber aufwändig - und Sicherheit ist ein relativer Begriff: Geld auf dem Konto geht nicht verloren, wenn man sein Passwort für das Onlinebanking vergisst oder den Rechner verliert. (Grafik: HighText Verlag)
Heilsversprechen: Auf den Traum von der anonymen Währung baute der Traum vom nicht steuerlich nachverfolgbaren Millionärsdasein auf, auch in kriminellen Gefilden knüpfte sich manche Hoffnung an den Bitcoin.


Was ändert sich wirklich? Der Goldgräberrausch der Anfangstage ist längst der Erkenntnis gewichen, dass der Bitcoin genau so wenig wie das echte Geld auf der Straße liegt. Wert und Kursentwicklungen sind hochgradig anfällig für die Stimmungen des Marktes und rein abgeleitet, ohne echten Wert.


Der wirkliche Disruptionsfaktor:Spannend ist und bleibt die Blockchain, der Bitcoin ist der ehrenhafte, aber inzwischen korrumpierte Versuch einer neuen Währung. Andere werden folgen und es eventuell besser machen - und energieeffizienter, denn der Bitcoin ist eine Umweltsau. Disruptionspotenzial: Nischig, damit global eher.


Disruptionsanalyse für Non-Fungible-Tokens

Marktdruck und Vernetzung? NFTs sind in erster Linie ein Spielzeug für Millionäre oder Menschen mit zumindest ansatzweise zu viel Geld, die sich eventuell nicht darüber im Klaren sind, dass NFTs weder Kopierbarkeit noch Urheberrechte egalisieren - da geht also der Mehrwert dahin. Sie sind einfach erstellt - kostenlose Onlinedienste existieren - aber dann? Sie sind cool und angesagt, doch das Image beginnt bereits, in Foren und Social Media zu bröckeln.
Marktdruck und Vernetzung? NFTs sind in erster Linie ein Spielzeug für Millionäre oder Menschen mit zumindest ansatzweise zu viel Geld, die sich eventuell nicht darüber im Klaren sind, dass NFTs weder Kopierbarkeit noch Urheberrechte egalisieren - da geht also der Mehrwert dahin. Sie sind einfach erstellt - kostenlose Onlinedienste existieren - aber dann? Sie sind cool und angesagt, doch das Image beginnt bereits, in Foren und Social Media zu bröckeln. (Grafik: HighText Verlag)


Heilsversprechen: Die Mona Lisa? Die Blaue Mauritius? Das Original Kleine Schwarze von Channel? All das sollte es dank NFTs virtuell geben. Unverwechselbare einzigartige Objekte: So wie ich die Uhr am Handgelenk trage, die mein Großvater mir schenkte, trägt mein Avatar im Metaversum die Uhr, die ich ihm gekauft habe - ein virtuelles Unikat.


Was ändert sich wirklich? Weniger ändert sich, als viele glauben mögen. Denn NFTs sind schlicht und einfach nur virtuelle, zwar sicherheitstechnisch nahezu wasserdichte, aber dennoch nur schlichte Eigentumsdokumente. Man kann virtuelle Dokumente, an denen ein NFT klebt, weiterhin kopieren und auch das Urheberrecht bleibt beim Urheber.


Der wirkliche Disruptionsfaktor: Virtuelle Eigentumsnachweise können in gewissen Zusammenhängen - eventuell im Digitalen Rechtemanagement oder bei der Nachverfolgung von Logistikgütern - praktisch sein, aber dieses Problem lässt sich mittels Blockchain und ohne NFTs lösen. Disruptionspotenzial: Gering, alles Spannende gibt es bereits in der Blockchain.


Disruptionsanalyse für Deepfakes

Der Bedarf an gesprächswertigen Nachrichten spielt Fälschungstool sin die Hände, sie helfen den Mehrwert Aufmerksamkeit zu generieren. Zwar sind Deepfakes anspruchsvolle KI-Anwendungen und nicht leicht zu generieren, doch sie sind beispiellos gut darin, die Spuren zu verwischen, die den Fake verraten, es bedarf entsprechener KI-Lösungen zu ihrer Identifikation.
Der Bedarf an gesprächswertigen Nachrichten spielt Fälschungstool sin die Hände, sie helfen den Mehrwert Aufmerksamkeit zu generieren. Zwar sind Deepfakes anspruchsvolle KI-Anwendungen und nicht leicht zu generieren, doch sie sind beispiellos gut darin, die Spuren zu verwischen, die den Fake verraten, es bedarf entsprechener KI-Lösungen zu ihrer Identifikation. (Grafik: HighText Verlag)
Heilsversprechen: Deepfakes heben Falschnachrichten auf eine neue Ebene - sie bevölkern eine schmale Nische im Entertainment, wenn begabte Youtuber kurze Clips zusammenzimmern, in denen beispielsweise Burt Reynolds als James-Bond-Darsteller   auftaucht oder verstorbene Staatenlenker gemeinsam Lieder singen  ; ihre eigentliche Verwendung liegt aber darin, für Stimme und Bewegtbild das zu sein, was Photoshop bisher für das statische Fake-Foto war. Darüber hinaus tut sich noch eine Anwendung in der Pornografie auf, wenn Gesichter von SchauspielerInnen, die sich für dergleichen niemals hergeben würden, auf den Köpfen von PornodarstellerInnen angebracht werden - eine rechtlich und auf vielen anderen Ebenen bestenfalls fragwürdige Verwendung, ebenso wie die Fake News.


Was ändert sich wirklich? Stellte sich früher noch die Frage, ob ein statisches Bild authentisch oder gefälscht war, blieb das Bewegtbild solcher Skepsis enthoben: Bewegte, dynamische Aufzeichnungen, rein akustisch oder mit Video, waren ein sicherer Nachweis, dass etwas wirklich stattgefunden hatte. Das endet nun. Deep Fakes lassen sich zwar enttarnen und nicht alle sind gut gemacht, doch eine gekonnte Fälschung bedarf genau so intelligenter KI-Lösungen zur Enttarnung wie zur Herstellung. Die Zeit und die Mittel, diese Prüfungen vorzunehmen, stehen sicherlich nur den wenigsten Redaktionen zur Verfügung, geschweige denn den NutzerInnen sozialer Medien, die in der Regel als unkritische Multiplikatoren fungieren werden: "Ich habe es gesehen, also ist es echt!" Der Aufbau eigener Nachrichtenressourcen, der Korrespondent, die vertraute Quelle erhalten eine neue Wichtigkeit im Publishing.


Der wirkliche Disruptionsfaktor: Von Porno bis Tatsachen-Fälschung und noch ein paar harmlose Spaß-Videos bei Youtube: Die Anwendungsfelder für Deepfakes sind zu einem Drittel banal, zu einem Drittel schmierig und im letzten Drittel hochgefährlich für die Kommunikation von Fakten. Leider aber betreiben sie besonders letzteres hocheffektiv und dürften den Diskurs zunehmend zum Negativen prägen. Disruptionspotenzial: Hoch.

Thema: Vier Technologien im Hype-Check: Nur eine ist ein Gamechanger

Kommentar von Sebastian Halm

These: Zuckerberg glaubt selbst nicht dran

Für ein Metaversum gibt es bestimmt gute Gründe. Allerdings fallen die nicht mal seinen Erbauern selbst ein.

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iBusiness-Analyst Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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