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ECommerce-Ausbildung: Onlinehändler wird anerkannter Lehrberuf

26.11.2015 Der Einzelhandel befindet sich aufgrund der Digitalisierung mitten in einem Transformationsprozess. Für Mitarbeiter im Handel heißt das: Grundlegend neue Aufgaben und Knowhow. Bislang scheiterten alle Initiativen, die ECommerce-Ausbildungslücke im Handel endlich zu schließen. Nun kommt endlich Bewegung in die Sache. iBusiness dokumentiert exklusiv, wie die aktuelle Marktsituation aussieht und was auf den Onlinehandel zukommt.

 (Bild: pixelheart/ Pixabay)
Bild: pixelheart/ Pixabay

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
Egal, welche Handelsstudie der vergangenen Jahre man liest, das Ergebnis bleibt immer das gleiche: Im Einzelhandel wächst inflationsbereinigt fast ausschließlich der Onlinehandel. Zwar ist der Anteil, welcher online erwirtschaftet wird, am gesamten Einzelhandelsumsatz mit 11,1 Prozent gering, aber er wächst und wächst. Zum Vergleich: 2012 lag dieser Anteil noch bei 6,2 Prozent. Der E-Commerce wird zunehmend zu einem Wirtschafts- und Jobmotor.

Das stetige Wachstums im E-Commerce, auch wenn es sich leicht abgeschwächt hat, lässt vermuten, dass der Onlinehandel auch in den kommenden Jahren weiter wachsen wird. Im Zuge dessen entwickelt der Onlinehandel einen enormen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Eine spezielle, anerkannte Ausbildung, wie etwa 'Kauffrau / Kaufmann im Onlinehandel', existiert jedoch zum Ärger des Onlinehandels nicht. Bereits seit einigen Jahren fordert daher eine Vielzahl von Unternehmen der Interaktivbranche einen Ausbildungsweg zum ECommerce- beziehungsweise Online-Kaufmann.

Entwicklung der ECommerce-Stellenanzeigen bei deutschsprachigen Agenturen auf iBusiness.de/jobs Januar 2014 bis November 2015
Entwicklung der ECommerce-Stellenanzeigen bei deutschsprachigen Agenturen auf iBusiness.de/jobs Januar 2014 bis November 2015 (Grafik: ibusiness.de/jobs)
Denn der IHK-Ausbildungsberuf Kauffrau/Kaufmann im Einzelhandel   erfüllt nach Ansicht der Experten bei weitem nicht das Anforderungsprofil  , das in der Onlinebranche gegeben sein muss. Zwar geht es im Onlinehandel grundsätzlich auch um nichts anderes als im stationären Einzelhandel - nämlich um den Handel mit Waren - aber zwischen den Schwerpunkten dieser beiden Handelswege liegen Welten. Bislang werden zwar Zusatzqualifikationen wie PC-Lehrgänge oder Schulungen für Softwarelösungen angeboten. Im Rahmen der Ausbildung zur Kauffrau/Kaufmann im Einzelhandel entfallen jedoch aktuell gerade einmal 60 von 880 Ausbildungsstunden auf das Thema E-Commerce. Es existiert kein zusammenfassendes Ausbildungsprofil, welches sich ganz speziell, umfassend und praxisorientiert dem Thema Internethandel widmet. Über Shopgestaltung, Suchmaschinenmarketing und Social Media, über Onlinewerbung und Payment-Verfahren, über Same-Day-Delivery und Product Information Managementsysteme erfahren die angehenden Einzelhandelskaufleute - nichts.

Ausbildungsanforderungen von Onlineshops in Stellenausschreibungen: Bei 58 Prozent der vakanten Jobs wird ein Studium vorausgesetzt.
Ausbildungsanforderungen von Onlineshops in Stellenausschreibungen: Bei 58 Prozent der vakanten Jobs wird ein Studium vorausgesetzt. (Grafik: HighText Verlag)
Um diese Ausbildungslücke zu schließen, hat der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel e.V (bevh)   bereits 2012 Gespräche mit dem Deutschen Industrie- und dem Handelskammertag  (DIHK) und Hauptverband des Deutschen Einzelhandels   (HDE) aufgenommen: "Unser Ziel ist eine Überarbeitung des Rahmenlehrplans, damit IHK-Einzelhandels-Kaufleute sofort in den vielfältigen Anforderungen des Online- und Versandhandels eingesetzt werden können", erklärt BEVH-Geschäftsführer Martin Groß-Albenhausen . Denn bisher sei der nachrückende Nachwuchs im Onlinehandel zum großen Teil akademisch geprägt. "Und wenn dieses neue Ausbildungsfeld den Hochschulen überlassen wird, wird neues Personal im wachsenden Segment Onlinehandel künftig teuer und rar", befürchtet der ECommerce-Experte.

Mit dieser Einschätzung liegt Groß-Albenhausen bisher absolut richtig. Das bestätigt eine aktuelle Auswertung des iBusiness-Stellenmarktes. Dort haben wir in einer Stichprobe von rund 100 Onlineshop die Ausbildungsanforderungen in den Stellenausschreibungen ausgewertet. Das Ergebnis: 27 Prozent der Shops erwarten keinen besonderen Bildungsabschluss von potenziellen Bewerbern während mehr als jeder zweite Onlineshop ein abgeschlossenes Studium für die Vergabe vakanter Stellen voraussetzt. In nur 15 Prozent der ECommerce-Stellenausschreibungen von Onlineshops wird eine Berufsausbildung erwartet. Noch drastischer zeigt sich diese Entwicklung bei Agenturen, die geeignetes Personal für den ECommerce-Bereich suchen. Auch hier haben wir eine Stichprobe von 100 ausgeschrieben Agentur-Jobs ausgewertet. Das Ergebnis zeigt, dass Agenturen bei knapp zwei Dritteln (62 Prozent) ihrer Jobangebote im Ecommerce-Bereich ein Studium als Einstellungskriteritum offeriert. In 27 Prozent der Stellenausschreibungen wird kein besonderer Bildungsabschluss erwartet während in 11 Prozent ist eine Berufsausbildung Zugangsvoraussetzung ist.

ECommerce-Kaufleute: Handelsverband erkennt die Notwendigkeit

Ausbildungsanforderungen von Interaktiv-Agenturen in Ecommerce-Stellenausschreibungen: Bei 62 Prozent der vakanten Jobs wird ein Studium vorausgesetzt.
Ausbildungsanforderungen von Interaktiv-Agenturen in Ecommerce-Stellenausschreibungen: Bei 62 Prozent der vakanten Jobs wird ein Studium vorausgesetzt. (Grafik: Hightext Verlag)
Der Arbeitgeber- und Einzelhandels-Hauptverband HDE   hielt in der Vergangenheit, trotz Bemühungen des BEVH und der steigenden Nachfrage an entsprechenden neuen Berufsbildern, an seinen bisherigen Ausbildungsplänen fest und setzte für den Onlinehandel nur auf freiwillige Zusatzqualifikation. Diese Haltung hat sich in den vergangenen Monaten zugunsten der Pionierarbeit des BEVH geändert. Nun hat der HDE in Zusammenarbeit mit anderen Verbänden ein Ausbildungskonzept für den 3-jährigen Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau für E-Commerce ausgearbeitet und vorgelegt. Das Ausbildungskonzept wird bereits von Unternehmen und Berufsbildungsorganisationen geprüft.

Die Ausbildung zum Onlinehändler soll also ein eigener Ausbildungsberuf werden, so die Vorstellungen des HDE. Zugleich soll es aber auch eine Spezialisierung innerhalb der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann geben. Wilfried Malcher vom HDE erklärt bereits im Sommer 2015: Das Ordnungsverfahren Einzelhandelsberufe habe bereits begonnen; der ECommerce-Beruf müsse noch politisch durchgesetzt werden. "Ziel ist, dass nicht nur die erneuerten Einzelhandelsberufe, sondern auch der zusätzliche und neue Beruf ECommerce-Kaufmann ab dem 1.8.2017 ausgebildet werden kann. Die neuen Verordnungen sollen daher Anfang 2017 auch im Bundesgesetzblatt verkündet werden."

Martin Groß-Albenhausen vom BEVH setzt sich Jahren für die Einführung eines anerkannten Ausbildungsberufes im E-Commerce ein.

Groß-Albenhausen zufolge wurde das Ausbildungskonzept bisher schwerpunktmäßig aus Sicht des Einzelhandels entwickelt, der Beruf soll aber auch andere Branchen einbeziehen, beispielsweise Groß- und Außenhandel, Tourismus, Telekommunikation und chemische Industrie. "Denn E-Commerce beginnt heute in der Fabrik und endet beim Endkunden", erläutert Groß-Albenhausen. Und damit ist "E-Commerce 'End-to-End'-Commerce, und vor allem dafür braucht es qualifizierte Mitarbeiter". Er ist überzeugt, dass E-Commerce im Großhandel und in der Industrie genauso stattfindet, "wenn nicht noch viel mächtiger als im Einzelhandel." Für solche völlig neuen Geschäftsmodelle jenseits des verfassten Einzel- und Versandhandels müssen ECommerce-Kaufleute ausgebildet werden. Daher gelte es laut Groß-Albenhausen in der Ausbildungsverordnung und im Rahmenlehrplan zu berücksichtigen, dass ECommerce-Kaufleute "von allen Unternehmen ausgebildet werden müssen, in denen ECommerce-Wertschöpfungsmodelle tägliche Praxis sind". Er ist überzeugt, dass es fatal wäre, "die Hürde der obligatorischen Ladenkasse in anderer Form erneut einzuziehen."
Wie Groß-Albenhausen erläutert, sollten (bisheriger Stand der Dinge) für Ecommerce-Kaufleute nach Vorstellung der Verbände folgende Handlungsfelder abgedeckt werden:

  • Shopmanagementsystem einsetzen
  • Shopbewirtschaftung umsetzen
  • Waren- und Dienstleistungssortiment entwickeln
  • Waren einkaufen/ Dienstleistungen vermitteln
  • Retouren- bzw. Stornomanagement
  • Kundenbindung fördern und Kundenservice im Onlinebereich einsetzen
  • Onlinemarketing umsetzen
  • Bezahlsysteme einsetzen
  • Controlling des Onlinebereichs durchführen
  • Wettbewerbsbeobachtungen durchführen und auswerten

Geht es also nach dem bisherigen Konzept können Kaufleute im E-Commerce künftig unter anderem:
  • ein Shopmanagementsystem betreiben/ weiterentwickeln (u.a. Usability)
  • Shopbewirtschaftung umsetzen
  • Waren- und Datenfluss darstellen und steuern,
  • Social Media für die Unternehmensinformation und die Kundenkommunikation nutzen (Kundenblogs, Krisenmanagement),
  • Kundenservice/ Kundenbindung im Onlinebereich anwenden, Zusatzverkäufe generieren
  • Retouren- bzw. Stornomanagement
  • Instrumente des Onlinemarketings einsetzen und weiterentwickeln (Suchmaschinenoptimierung, Affiliate, Newsletter texten und gestalten)
  • Sicherheit und Wirtschaftlichkeit von Bezahlsystemen beurteilen und deren Nutzung fördern
  • Instrumente des Controllings im Onlinevertrieb einsetzen (Online-Befragungen, Kundenpanels, Retourenquoten, Kundenwertentwicklung, Klicks u.ä. auswerten, Web-Analysetools)
  • den Marktauftritt von Wettbewerbern (stationär wie online) bewerten und Verbesserungsvorschläge für den Marktauftritt des eigenen Unternehmens erarbeiten
  • Verknüpfungen zwischen stationärem und Onlinebereich
  • rechtliche Anforderungen an den Onlinebereich
  • Datenschutz und Datensicherheit

Zum 15.12.2015 wird eine Rückmeldung des Kuratoriums der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung erwartet. Im Anschluss soll die Abstimmung des Eckwertevorschlags mit den Gewerkschaften über den DGB erwartet. Wenn die Ausbildungsordnung bis zum Sommer 2017 stehen sollte, dann stünden 2020 die ersten ausgebildeten ECommerce-Kaufleute zur Verfügung. Ein Inkrafttreten sei spätestens für den 1. August 2018 realistisch.
Thema: ECommerce-Ausbildung: Onlinehändler wird anerkannter Lehrberuf

Kommentar von Susan Rönisch

Ausbildung: Zukunft des Handels

Die jahrelange Diskussionen um die Einführung neuer Ausbildungsziele von Einzelhändlern mit stärkerem Fokus auf den interaktiven Handel hat sich gelohnt. Endlich kommt Bewegung in das Vorhaben, eine anerkannte Ausbildungen für den Berufseintritt in den Onlinehandel zu etablieren.

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Susan Rönisch (HighText Verlag OHG)
Bild: HighText Verlag OHG
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