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Blockchain: Wo bleibt die Disruption?

23.05.2019 Die Blockchain hat genug disruptive Kraft, um ganze Wirtschaftszweige umzukrempeln. Verwendet wird sie jedoch meist nur, um einfache Echtheitszertifikate zu erzeugen. Warum kann die Technik nicht halten, was sie verspricht?

 (Bild: Pixabay)
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Bild: Pixabay unter Creative Commons Lizenz by-sa

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TL;DR
Die Blockchain ist eine disruptive Technik, die in der Verwaltung langfristig die Effizienz erhöhen kann. Kurzfristig lässt sich jedoch vor allem der hohe Trust in die Technik gut vermarkten.
Manche Trends erobern die Welt im Sturm, andere entwickeln sich schleichend. Smartphones zum Beispiel haben unseren Alltag in kürzester Zeit radikal umgekrempelt. Augmented Reality, Virtual Reality oder Voice Recognition dümpeln dagegen vor sich hin. Nicht, dass sie tot wären. Im Gegenteil: Sie machen sogar beeindruckende Fortschritte und niemand würde ihr Potenzial absprechen. Nur: Bislang haben sie den Alltag wenig verändert.

Ähnlich verhält es sich mit der Blockchain-Technologie. Bekannt geworden mit der Digitalwährung Bitcoin, soll sie ihre wahre marktverändernde Gewalt als äußerst stabile und robuste Datenbank entfalten, die ganze Geschäftsprozesse auf den Kopf stellen kann. Sagen Experten (siehe iBusiness Blockchain, entzaubert - Was sie wirklich verändern wird - doch auch zehn Jahre nach ihrer Erfindung hat sie im Alltag kaum Spuren hinterlassen. Woran liegt's?

  1. Technik
Die Technik selbst hat ihre Feuertaufe bestanden. Immerhin 95 Milliarden US-Dollar werden derzeit in der Blockchain verwaltet, wenn man allein die Marktkapitalisierung der Währung Bitcoin im Mai 2019 zugrunde legt. Das ist ein gewaltiger Vertrauensbeweis. Und auch wenn es rund um die Kryptowährungen immer wieder zu spektakulären Pleiten und Ganovenstücken kam, muss man doch festhalten: An der Blockchain-Technik lag es nicht. Eher an der umgebenden Peripherie und halbseidenen Dienstleistern.

  1. Infrastruktur
Inzwischen gibt es cloudbasierte Frameworks - etwa von IBM   und Microsoft   - mit denen sich mit geringem Aufwand Applikationen auf Blockchain-Basis nutzen lassen. Mit Ethereum gibt es auch eine Verrechnungseinheit, die nicht primär als Spekulationsobjekt genutzt wird (siehe iBusiness-Analyse Wie DApps der Blockchain zum Durchbruch verhelfen). Gerade die leichte Bereitstellung der Services sollte eine Verbreitung stark vereinfachen. Schließlich werben die Anbieter damit, dass sich auf relativ leichte Art und Weise Apps erstellen lassen. So soll schnell ein hoher Trust erzeugt werden können.

  1. Marktakzeptanz / Anwendungsbeispiele
Das disruptive Potenzial der Blockchain liegt darin, Intermediäre überflüssig zu machen. Banken, Makler, Vermittler und Notare braucht es nicht mehr, wenn sich Werte und Rechte elektronisch und beweissicher transferieren lassen. Der Luxuswarenabieter Moët Hennessy - Louis Vuitton (LVMH)   hat gerade erst eine Anwendung vorgestellt, in der virtuelle Echtheitszertifikate abgebildet werden. Ein potenzieller Käufer kann die Herkunft eines Louis Vuitton  -Produkts leicht überprüfen. Die Plattform heißt Aura und wird von ConsenSys   auf Basis der "Privat-Blockchain" Quorum (einer Entwicklung des Bankriesen J.P. Morgan  ) realisiert.

Typischer Anwendungsfall: Eine Lieferkette wird mittels Blockchain auf Plausibilität geprüft.
Typischer Anwendungsfall: Eine Lieferkette wird mittels Blockchain auf Plausibilität geprüft. (Grafik: Microsoft)
Auch im Lebensmittel- und Textilbereich sollen digitale Zertifikate den Produkt-Ursprung in Zukunft sichern. Der Schweizer Natur- und Heilkräuter-Händler Golisan   nutzt dazu die Plattform iVault von Vault Security  , der österreichische Textilfaser-Produzent Lenzing   setzt eine Lösung des Hongkonger Anbieters TextileGenesis   ein, um den Ursprung der Rohstoffe sicher dokumentieren zu können.

Automatisierung schafft "Internet der Werte"

Die kühnsten Utopien gehen aber weit über den Einsatz zur Rückverfolgbarkeit von Zulieferketten hinaus. Schließlich geht es darum, Intermediäre überflüssig zu machen. Welche Sprengkraft dahinter steckte, lässt sich am Beispiel von Telekommunikations- oder Stromanbietern studieren. Die Betreiber dieser Infrastrukturen erfüllen zwei Funktionen: Einerseits sind sie Investoren, Besitzer und Bereitsteller einer Infrastruktur. Andererseits Manager und Verwalter einer Ressource. Klingt, als wäre beides das gleiche, aber die Ebenen lassen sich trennen.

Was kompliziert klingt, ist längst gängige Praxis. Das wird spätestens deutlich, wenn Telekommunikationsunternehmen im Roaming oder Energieanbieter bei der Stromdurchleitung zusammenarbeiten. Unternehmen A nutzt die Infrastruktur von Unternehmen B um eine Leistung zu Unternehmen C zu liefern. Zwar verfügt jedes Unternehmen wie eine Insel über die eigene Technik. Das übergreifende Netzwerk entsteht aber erst durch ein in Verträgen festgelegtes Regelwerk. Die Teilnehmer haben das Management an eine übergeordnete Instanz - das Regelwerk - übergeben, welche die Rolle eines Intermediärs übernimmt.

Verwaltung, Verträge, Regeln ... das ist nicht weniger als das Netzwerkmanagement. Und zugleich die ideale Spielwiese für Blockchain-Anwendungen. Lässt sich also die gesamte Verwaltungsebene eines solchen Netzes in die Cloud auslagern?

Blockchain-Utopie der völligen Selbstverwaltung

Beim Brooklyn Microgrid ersetzt die Blockchain Netzwerkmanagement und Verwaltungsebene eines Energieversorgers. (Bild: Screenshot iBusiness)
Bild: Screenshot iBusiness
Beim Brooklyn Microgrid ersetzt die Blockchain Netzwerkmanagement und Verwaltungsebene eines Energieversorgers.

Wie ein solcher Ansatz aussehen kann, zeigt der US-Energieanbieter LO3 Energy  . In dem New Yorker Stadtteil wird seit Frühjahr 2017 der Gegenentwurf zur zentralisierten Administration geprobt: Bei dem Experiment Brooklyn Microgrid   versorgen sich mehr als 50 private Haushalte gegenseitig mit Strom. Dafür genügen einige handelsübliche Solarpanele, smarte Stromzähler, Stromleitungen sowie - als Herzstück des Ganzen - eine ausgeklügelte Abrechnungssoftware auf Blockchain-Basis.

Verbraucht ein Teilnehmer des Netzes mehr Strom, als er selbst erzeugt, bedient er sich einfach beim Nachbarn. Der Zähler protokolliert den Verbrauch und schreibt ihn in eine Blockchain-Datenbank, die zugleich als virtueller Kontostand dient. Die so verdienten Einheiten kann der Erzeuger nun selbst verbrauchen oder später gegen Geld eintauschen.

Die Teilnehmer haben einen selbsterfüllenden Vertrag, einen Smart Contract, geschlossen. Preis, Lieferbedingungen und Abrechnungsmodalitäten sind als Regel in der Software hinterlegt. Diese Software ist auf dem eigenen Rechner gespeichert, von den anderen Teilnehmern signiert und dient zugleich als Zugangsberechtigung, Verwaltungs- und Buchhaltungssystem. Statt einer zentralen Verwaltungsinstanz gibt es so nur gegenseitige Vertragsbeziehungen, deren Einhaltung von der Gemeinschaft kontrolliert ist. Mittelsmänner wie Stromkonzerne, Netzbetreiber oder Banken braucht es nicht mehr. Der Stromerzeuger bleibt bis zuletzt Eigentümer seines Produkts und verkauft es auf eigene Rechnung an den Endverbraucher. Peer-to-peer, von Kumpel zu Kumpel. Statt einer Einspeisevergütung gibt es eine dezentrale Abrechnung aller beteiligen Services.

In der Theorie kann so ein äußerst komplexes Netzwerk entstehen, dass sich ausschließlich selbst organisiert. Statt eines aufwändigen Netzwerkmanagements sorgt eine einfache Logik für Effizienz: Der Strombedarf (und der daraus resultierende Preis) schafft an der richtigen Stelle den nötigen Investitionsanreiz. Die Infrastruktur verwaltet sich selbst.

Die großen Energieversorger arbeiten an ähnlichen Konzepten. Auch dort müssen dezentrale Erzeugung, Spitzenlastspeicher - etwa in Elektroautos - und flexible Verbrauchssteuerung organisiert werden. Vattenfall   beschäftigt sich etwa intensiv mit der Blockchain, um große Stromspeicher zu finanzieren, in die Haushalte ihre überschüssige Eigenerzeugung einzuspeisen und dann weiterverkaufen zu können. RWE   will gemeinsam mit einem Start-up Ladestationen für Elektroautos auf Blockchain-Basis betreiben. Die Preise und andere Vereinbarungen würden in der Blockchain gespeichert, die Geschäfte automatisch ausgeführt - die Kosten dafür wären minimal.

Heile Blockchain-Welt - mit reichlich Schwächen

Trotzdem hinkt die Blockchain-Verbreitung weit hinter den ersten euphorischen Prognosen her. Nicht ein Markt wurde bis heute durch die Blockchain umgekrempelt. Bei nüchterner Betrachtung lässt sich das auf eine Reihe von Nachteilen zurückführen. Diese sind teils rein technischer Natur - haben teils aber auch ganz grundlegende systemische Auswirkungen.

  • Totale Transparenz
Blockchains sind alles andere als anonym. An jedem Block hängt die komplette Historie. Es lässt sich jederzeit ablesen, durch welche Hände er bereits gegangen ist. Jeder kann den Inhalt der Datenbank einsehen - und damit auch den Kontostand, sofern er die Adresse kennt. Um Anonymität herzustellen sind weitere Verschleierungsmaßnahmen notwendig. Bei vielen Anwendungen ist das nicht gewünscht.

  • Ressourcenverbrauch
Die Kosten für eine Blockchain sind nur auf den ersten, flüchtigen Blick gering. Tatsächlich wird eine weltweit verteilte Milliardeninfrastruktur genutzt. Allein der Stromverbrauch für das Bitcoin-System erreichte auf dem Höhepunkt des Hypes (2018) einen Verbrauch von 24,52 Terawattstunden. Grund ist das ineffiziente Miningsystem, ein Designfehler, der wachsende Rechenleistung durch wachsenden Rechenbedarf kompensiert. Zwar sind andere Abrechnungseinheiten weit weniger energiehungrig. Trotzdem: Kleinsttransaktionen sind problematisch.

  • Performance
Aufgrund ihrer Konzeption sind Blockchains nicht besonders performant. Datenbanken wachsen schnell und es dauert mehrere Minuten, bis ein Eintrag sicher gespeichert ist. 2017 - als der Bitcoin Rekordpreise erreichte - konnten weltweit gerade einmal rund 300.000 Transaktionen täglich abgewickelt werden. Der Stromverbrauch dafür betrug etwa 64,5 Millionen Kilowattstunden - pro Tag! Mit einer solch schwachbrüstigen Performance und solchen Kosten disqualifiziert sich eine Blockchain für viele Anwendungen von selbst.

  • Missbrauch
Blockchains sind sehr stabil gegen Veränderungen. Das schützt vor Manipulationen. Ermöglicht aber auch Missbrauch. So ist es sehr schwierig, ungültige Transaktionen rückgängig zu machen. In der Regel gelingt das nicht, der Missbrauch bleibt bestehen. Zudem sind Transaktionen erst sicher, wenn sie durch eine bestimmte Anzahl von Rechnern bestätigt wurden.

  • Dezentralisierung ist keine Lösung
Nicht immer ist eine dezentrale Struktur überhaupt erwünscht. Die Aussicht auf ein sich selbst organisierendes Telekommunikations- oder Stromnetz mag auf den ersten Blick faszinierend sein - ob eine dezentrale Struktur aber ebenso viel Stabilität bietet wie eine zentrale Planung, muss dahingestellt bleiben. Viele Regulierungshürden schützen vor Missbrauch, Instabilitäten und ungesunden Macht-Akkumulationen. Es ist oft gar nicht wünschenswert, diese abzuschaffen.

  • Neue Intermediäre entstehen
Die Blockchain schafft auch nicht wirklich den Bedarf ab nach einem Dienstleister für den technischen Setup und nach einem Vermittler für den Streitfall. Die Großbank J.P.Morgan stellt die Anwendung für Louis Vuitton bereit und schützt die Datenbank vor fremden Einblicken. Das Brooklyn Micro-Grid hat sich dem Zugriff von Energiekonzernen entzogen - aber dem Blockchain-Betreiber LO3 Energy ausgeliefert. Schon befindet man sich wieder in IT-Problemen und umgeben von nicht abschaffbaren Intermediären - ein wenig wie vorher.

Grenzen der Technologie

Unterm Strich zeigt sich: Die Blockchain kann einige spezifische Backend-Probleme lösen. Sie kann Lösungs- und Systempluralismus beseitigen und für hohe Transparenz sorgen. Die Kosten dafür sind jedoch hoch, die Unkontrollierbarkeit nicht immer erwünscht und Austausch des einen Intermediärs gegen einen anderen zu beliebig. Unterm Strich: Für die allermeisten Transaktionen genügt der Anscheinsbeweis. Die Blockchain-Technologie vereinfacht das nicht, sondern verkompliziert es. Betriebswirtschaftlich gesprochen: Die Kosten (in Form von Aufwand) würden den Nutzen (in Form von Sicherheit) übersteigen.

Man muss deswegen gar nicht erst Gewohnheiten bemühen (die sich meist nicht schnell ändern) oder auf Akzeptanzprobleme aufgrund der komplexen Materie verweisen, um festzustellen: Blockchain-Technologie ist eine Technik zur Prozessoptimierung bei der Übertragung von Werten. So vielversprechend sie auch sein mag - unser Alltagsleben wird sie in näherer Zukunft kaum tangieren.

Vier Szenarien für die Blockchain-Zukunft

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
5%
Best-Case-Szenario

Disruption

Blockchain schafft Intermediäre in vielen Branchen weitgehend ab. Es entstehen neue direkte Ökonomien.

Aktiv
25%
Worst-Case-Szenario

Nische

Einige, selektive Branchen stellen teilweise auf Blockchain um und schaffen vermittelnde Instanzen ab. Der Rest des Marktes adaptiert die Technologie nicht.

Passiv
60%
Best-Case-Szenario

Backend

Die Blockchain bleibt und wandert in vielen Branchen ins Backend. Der Nutzer bekommt wenig mit, Intermediäre und Dienstleister werden NICHT überflüssig.

Passiv
10%
Worst-Case-Szenario

Flopchain

Der Hype verblasst, Blockchain erweist sich als eine verfehlte Technologie, die nach ein paar Testprojekten nahezu komplett wieder verschwindet.

Thema: Blockchain: Wo bleibt die Disruption?

Kommentar von Dominik Grollmann

Der Bitcoin ist Fluch und Segen zugleich

Der Bitcoin und die Blockchain - beides ist untrennbar miteinander verbunden. Deswegen lässt sich an der Kryptowährung auch ablesen, woran es bei der Blockchain hapert.

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Dominik Grollmann, iBusiness-Analyst (Dominik Grollmann)
Bild: Dominik Grollmann
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