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Blockchain: Wo bleibt die Disruption?
23.05.2019 Die Blockchain hat genug disruptive Kraft, um ganze Wirtschaftszweige umzukrempeln. Verwendet wird sie jedoch meist nur, um einfache Echtheitszertifikate zu erzeugen. Warum kann die Technik nicht halten, was sie verspricht?
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Ähnlich verhält es sich mit der Blockchain-Technologie. Bekannt geworden mit der Digitalwährung Bitcoin, soll sie ihre wahre marktverändernde Gewalt als äußerst stabile und robuste Datenbank entfalten, die ganze Geschäftsprozesse auf den Kopf stellen kann. Sagen Experten (siehe iBusiness Blockchain, entzaubert - Was sie wirklich verändern wird - doch auch zehn Jahre nach ihrer Erfindung hat sie im Alltag kaum Spuren hinterlassen. Woran liegt's?
- Technik
- Infrastruktur
- Marktakzeptanz / Anwendungsbeispiele
Automatisierung schafft "Internet der Werte"
Die kühnsten Utopien gehen aber weit über den Einsatz zur Rückverfolgbarkeit von Zulieferketten hinaus. Schließlich geht es darum, Intermediäre überflüssig zu machen. Welche Sprengkraft dahinter steckte, lässt sich am Beispiel von Telekommunikations- oder Stromanbietern studieren. Die Betreiber dieser Infrastrukturen erfüllen zwei Funktionen: Einerseits sind sie Investoren, Besitzer und Bereitsteller einer Infrastruktur. Andererseits Manager und Verwalter einer Ressource. Klingt, als wäre beides das gleiche, aber die Ebenen lassen sich trennen.Was kompliziert klingt, ist längst gängige Praxis. Das wird spätestens deutlich, wenn Telekommunikationsunternehmen im Roaming oder Energieanbieter bei der Stromdurchleitung zusammenarbeiten. Unternehmen A nutzt die Infrastruktur von Unternehmen B um eine Leistung zu Unternehmen C zu liefern. Zwar verfügt jedes Unternehmen wie eine Insel über die eigene Technik. Das übergreifende Netzwerk entsteht aber erst durch ein in Verträgen festgelegtes Regelwerk. Die Teilnehmer haben das Management an eine übergeordnete Instanz - das Regelwerk - übergeben, welche die Rolle eines Intermediärs übernimmt.
Verwaltung, Verträge, Regeln ... das ist nicht weniger als das Netzwerkmanagement. Und zugleich die ideale Spielwiese für Blockchain-Anwendungen. Lässt sich also die gesamte Verwaltungsebene eines solchen Netzes in die Cloud auslagern?
Blockchain-Utopie der völligen Selbstverwaltung
Wie ein solcher Ansatz aussehen kann, zeigt der US-Energieanbieter LO3 Energy . In dem New Yorker Stadtteil wird seit Frühjahr 2017 der Gegenentwurf zur zentralisierten Administration geprobt: Bei dem Experiment Brooklyn Microgrid versorgen sich mehr als 50 private Haushalte gegenseitig mit Strom. Dafür genügen einige handelsübliche Solarpanele, smarte Stromzähler, Stromleitungen sowie - als Herzstück des Ganzen - eine ausgeklügelte Abrechnungssoftware auf Blockchain-Basis.
Verbraucht ein Teilnehmer des Netzes mehr Strom, als er selbst erzeugt, bedient er sich einfach beim Nachbarn. Der Zähler protokolliert den Verbrauch und schreibt ihn in eine Blockchain-Datenbank, die zugleich als virtueller Kontostand dient. Die so verdienten Einheiten kann der Erzeuger nun selbst verbrauchen oder später gegen Geld eintauschen.
Die Teilnehmer haben einen selbsterfüllenden Vertrag, einen Smart Contract, geschlossen. Preis, Lieferbedingungen und Abrechnungsmodalitäten sind als Regel in der Software hinterlegt. Diese Software ist auf dem eigenen Rechner gespeichert, von den anderen Teilnehmern signiert und dient zugleich als Zugangsberechtigung, Verwaltungs- und Buchhaltungssystem. Statt einer zentralen Verwaltungsinstanz gibt es so nur gegenseitige Vertragsbeziehungen, deren Einhaltung von der Gemeinschaft kontrolliert ist. Mittelsmänner wie Stromkonzerne, Netzbetreiber oder Banken braucht es nicht mehr. Der Stromerzeuger bleibt bis zuletzt Eigentümer seines Produkts und verkauft es auf eigene Rechnung an den Endverbraucher. Peer-to-peer, von Kumpel zu Kumpel. Statt einer Einspeisevergütung gibt es eine dezentrale Abrechnung aller beteiligen Services.
In der Theorie kann so ein äußerst komplexes Netzwerk entstehen, dass sich ausschließlich selbst organisiert. Statt eines aufwändigen Netzwerkmanagements sorgt eine einfache Logik für Effizienz: Der Strombedarf (und der daraus resultierende Preis) schafft an der richtigen Stelle den nötigen Investitionsanreiz. Die Infrastruktur verwaltet sich selbst.
Die großen Energieversorger arbeiten an ähnlichen Konzepten. Auch dort müssen dezentrale Erzeugung, Spitzenlastspeicher - etwa in Elektroautos - und flexible Verbrauchssteuerung organisiert werden. Vattenfall beschäftigt sich etwa intensiv mit der Blockchain, um große Stromspeicher zu finanzieren, in die Haushalte ihre überschüssige Eigenerzeugung einzuspeisen und dann weiterverkaufen zu können. RWE will gemeinsam mit einem Start-up Ladestationen für Elektroautos auf Blockchain-Basis betreiben. Die Preise und andere Vereinbarungen würden in der Blockchain gespeichert, die Geschäfte automatisch ausgeführt - die Kosten dafür wären minimal.
Heile Blockchain-Welt - mit reichlich Schwächen
Trotzdem hinkt die Blockchain-Verbreitung weit hinter den ersten euphorischen Prognosen her. Nicht ein Markt wurde bis heute durch die Blockchain umgekrempelt. Bei nüchterner Betrachtung lässt sich das auf eine Reihe von Nachteilen zurückführen. Diese sind teils rein technischer Natur - haben teils aber auch ganz grundlegende systemische Auswirkungen.- Totale Transparenz
- Ressourcenverbrauch
- Performance
- Missbrauch
- Dezentralisierung ist keine Lösung
- Neue Intermediäre entstehen
Grenzen der Technologie
Unterm Strich zeigt sich: Die Blockchain kann einige spezifische Backend-Probleme lösen. Sie kann Lösungs- und Systempluralismus beseitigen und für hohe Transparenz sorgen. Die Kosten dafür sind jedoch hoch, die Unkontrollierbarkeit nicht immer erwünscht und Austausch des einen Intermediärs gegen einen anderen zu beliebig. Unterm Strich: Für die allermeisten Transaktionen genügt der Anscheinsbeweis. Die Blockchain-Technologie vereinfacht das nicht, sondern verkompliziert es. Betriebswirtschaftlich gesprochen: Die Kosten (in Form von Aufwand) würden den Nutzen (in Form von Sicherheit) übersteigen.Man muss deswegen gar nicht erst Gewohnheiten bemühen (die sich meist nicht schnell ändern) oder auf Akzeptanzprobleme aufgrund der komplexen Materie verweisen, um festzustellen: Blockchain-Technologie ist eine Technik zur Prozessoptimierung bei der Übertragung von Werten. So vielversprechend sie auch sein mag - unser Alltagsleben wird sie in näherer Zukunft kaum tangieren.
Vier Szenarien für die Blockchain-Zukunft
Disruption
Blockchain schafft Intermediäre in vielen Branchen weitgehend ab. Es entstehen neue direkte Ökonomien.
Nische
Einige, selektive Branchen stellen teilweise auf Blockchain um und schaffen vermittelnde Instanzen ab. Der Rest des Marktes adaptiert die Technologie nicht.
Backend
Die Blockchain bleibt und wandert in vielen Branchen ins Backend. Der Nutzer bekommt wenig mit, Intermediäre und Dienstleister werden NICHT überflüssig.
Flopchain
Der Hype verblasst, Blockchain erweist sich als eine verfehlte Technologie, die nach ein paar Testprojekten nahezu komplett wieder verschwindet.

