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Zukunft des Handels: Streetlife statt Shopping-Mall
14.07.2020 Urbane Zentren werden sich massiv verändern, die Zeit der zentralen Einkaufsmeilen scheint abzulaufen. Doch wie werden die Innenstädte in Zukunft aussehen? Welche Rolle wird der Handel spielen? iBusiness hat die Potentiale untersucht.
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"Es werden 400.000 Einzelhandelsfilialen schließen müssen", meint etwa Einzelhandelsexperte Gerrit Heinemann (siehe iBusiness: Pleite trotz Coronakonjunktur- Auch auf Online-Shops kommen harte Zeiten zu). KarstadtKaufhof markiert in diesem Zusammenhang lediglich die Spitze des Eisbergs. Die Ursache sitzt viel tiefer, als es durch den Shutdown scheint - ist aber im Grunde überraschend einfach: Menschen wählen gerne den schönsten, entspanntesten und einfachsten Weg, um einzukaufen.
Das ist weder verwunderlich noch neu. Schon Supermärkte, Kaufhäuser, Shopping-Malls und Möbelfachmärkte wurden aus diesem Motiv geboren. Nur: Inzwischen sind einige dieser Konzepte eben selbst nicht mehr konkurrenzfähig.
- Das Warenhaus in der Innenstadt war oft die einfachste und bequemste Einkaufsmöglichkeit - solange es kein Amazon gab.
- Der kleine Schuhladen in der Vorstadt mit seinen mittleren Preisen und seiner mittleren Auswahl war eine gute Alternative zur Fahrt in die Innenstadt - solange es kein Zalando gab.
Was Corona ändert
Und nun auch noch Corona. Nur: Wie wird sich die Pandemie auf das Einkaufsverhalten auswirken? Werden die Innenstädte tatsächlich verwaisen, wie oft befürchtet wird? Welche Zukunft hat urbanes Leben überhaupt noch, wenn Home-Office, Online-Shopping und Kontaktverbote städtisches Leben weitgehend sinnlos machen?Zunächst gibt es natürlich Maßnahmen mit extrem kurzfristiger Wirkung, die - ein Bewältigung der Pandemie vorausgesetzt - schon bald wieder verschwinden werden. Genauso wahrscheinlich ist aber auch, dass andere Folgen unser Leben nachhaltig verändern werden. Corona wird nicht spurlos an uns vorübergehen. Diese Phasen lassen sich unterscheiden.
- Schock: Der Shutdown hatte zunächst für viele Händler eine extrem kurzfristige und heftige Wirkung. Von einem Tag auf den anderen gingen die Umsätze auf Null. Zunächst ist jeder Euro gut angelegt, der kurzfristige Schockwellen abzumildern hilft. Unkontrollierbare wirtschaftliche Kettenreaktionen sollen vermieden werden.
- Krise: Auf den Schock folgt eine längerfristig anhaltende Krise. Konjunktur, Konsumlaune, Einkaufsverhalten, Nah- und Fernverkehr ... fast alle Lebensbereiche sind empfindlich gestört. Es wird einige Zeit dauern, bis sich Wirtschaftskraft und Verbraucherverhalten wieder normalisiert haben. Die (Konjunktur-)Krise wird eine mittelfristige Wirkung entfalten. Überleben werden kreative, anpassungsfähige Konzepte, die zum Treiber des darauf folgenden Wachstums werden. Diese zu identifizieren und zu fördern, wird helfen, die Krise schnell zu überwinden.
- Wandel: Andere Lebensbereiche werden durch Corona nachhaltig verändert. Dezentrale Versorgung hat zum Beispiel einen neuen Stellenwert erhalten. Besonders betroffen sind aber all jene Lebensbereiche, bei denen sich schon vor Corona ein Wandel abgezeichnet hat. Der Shutdown wirkt wie ein Katalysator und beschleunigt die Entwicklung. Eine Rückkehr zur Prä-Corona-Situation ist nicht vorstellbar. Diese Veränderungen sind nachhaltig und können nicht aufgehalten werden.
Wie wird es für den stationären Handel weitergehen?
In einer Einflussanalyse hat iBusiness nun versucht, ein Bild zu entwickeln, wie die Corona-Pandemie die Lage des stationären Handels beeinflussen wird. Nicht nur in den kommenden Wochen, sondern in den nächsten Jahren. Kurz gesagt: Welche Rolle wird stationärer Handel erfüllen? Wie wird er sich entwickeln?
Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es zeichnet sich das Bild einer diversifizierten Stadt ab, in der Geschäfte weniger der Bedarfsdeckung, als dem sozialen Austausch, der Inspiration und der Interaktion dienen. Streetlife statt Shopping-Mall.
Es können eher entzerrte, dezentralisierte Flächen entstehen mit durchmischten Lebensbereichen. Die strikte Trennung zwischen Arbeiten und Einkauf in der Innenstadt und dem Leben in den äußeren Bezirken hat gute Chancen, sich zu überleben. Kleine und kreative Geschäftsideen dienen als Komplementärangebot des Mega-Kaufhauses Internet.
Onlinehandel ist nicht der Feind
Die überraschendste Erkenntnis aber vielleicht: Wenn es um die Anzahl der stationären Einzelhändler geht, hat der Onlinehandel einen deutlich geringeren Einfluss als häufig gedacht. Der Zusammenhang scheint eher umgekehrt zu wirken. Denn mehr Onlinehändler sorgen nicht automatisch für ein sich wandelndes Einkaufsverhalten. Weniger Stationärhändler dagegen schon. Was ja auch leicht nachvollziehbar ist. Dieser Zusammenhang beschreibt zugleich eine klassische Abwärtsspirale für den Handel: Je weniger Händler es gibt, desto unattraktiver wird stationärer Handel. Je unattraktiver er wird, desto weniger Händler.Wenn es aber nicht der Onlinehandel ist, der zum Ladensterben führt, was dann? Hohe Aktivwerte (und damit einen hohen Einfluss) haben der Analyse zufolge Faktoren:
- Social Distancing / Shutdown: Diesem extrem wirkkräftigen Faktor sind - wenig verwunderlich - alle anderen quasi ausgeliefert. Zum Glück handelt es sich dabei aber nicht um eine dauerhafte Entwicklung.
- Mobilität: Hat ebenfalls einen extrem hohen Aktiv-Wert. Dieser Posten lässt sich zudem wirksam beeinflussen, wie der hohe Passiv-Wert zeigt. Trotzdem gilt: Die Auswirkung einer Veränderung in der Mobilität ist größer als ihre Beeinflussbarkeit. Sie ist ein treibender Faktor.
- Urbanisierung: Die Verdichtung von Lebensraum bereitet ebenfalls einen fruchtbaren Boden für den Einzelhandel. Urbane Entwicklung ist aber zugleich eine ausgeprägte Folge von anderen Faktoren (Arbeitsort, Kaufkraft, Mobilität).
- Kaufkraft und Konsumklima: Dass die Kauflaune auf die Handelsumsätze wirkt, ist wenig erstaunlich. Überraschend ist dagegen, dass ein wachsender Konsum das On-/Offline-Kaufverhalten weniger beeinflusst als den Stationärhandel. Dies spricht dafür, dass der Online-Handel eher die Funktion der Bedarfsdeckung erfüllt, während spontanes und lustvolles Einkaufen (auch über die Umwege wachsende Mobilität und steigende Urbanisierung) dem Stationärhandel entgegenkommt.
- Homeoffice: Die Arbeitssituation ist ebenfalls ein entscheidender, wenngleich schwer zu beeinflussender Faktor. Dabei sind zwei grundsätzlich gegensätzliche Wirkungen denkbar:
- Zum einen kann Homeoffice eine Änderung des Einkaufsverhaltens zugunsten des Onlinehandels bewirken, weil es ihnen leichter fällt, Pakete entgegenzunehmen. Sie werden Online-Shopping häufiger zur Bedarfsdeckung verwenden.
- Andererseits steigt bei vielen Menschen das Kontaktbedürfnis. Weshalb die sozialen Aspekte beim Einkauf an Bedeutung gewinnen könnten.
- Lebenshaltungskosten und Kultur: Für diese Faktoren gilt sinngemäß das Gleiche: niedrige Lebenshaltungskosten sind ein Indikator für eine gute Geschäftslage, ein vielfältiges kulturelles und gastronomisches Angebot, ein Indiz für die soziale Bedeutung.
- Einzelhandelsumsatz: Zuletzt fällt auf, das der Umsatz des Einzelhandels eher von der Anzahl der Geschäfte getrieben wird, als umgekehrt. Es werden also nicht viele Läden gegründet, weil die erzielbaren Umsätze so hoch sind. Sondern die Umsätze werden steigen, wenn es mehr Läden gibt. Das deutet darauf hin, dass eher eine Vielzahl kleinerer Geschäfte (umgeben von Bars, Clubs, Kinos und Cafés) eine attraktive Lage ausmachen. Umsatzstarke Konsumtempel, Kaufhäuser und Fachmärkte scheinen dagegen an Bedeutung zu verlieren. Vermutlich weil viele Bedarfseinkäufe, die bislang im Kaufhaus, Elektrofachmarkt und Modehandel erledigt wurden, ins Netz verlagert werden.
So funktioniert die Einflussanalyse
In einer Einflussanalyse hat iBusiness untersucht, welche gesellschaftlichen Faktoren die Gesamtsituation am meisten beeinflussen werden, und welche selbst von anderen Faktoren beeinflusst werden. Oder kurz: Was sind die treibenden Kräfte, was sind die getriebenen? Welche Kräfte können gut beeinflusst werden und erreichen zugleich eine gute Hebelwirkung? Welche Kräfte können als Indikatoren für eine Veränderung dienen?Untersucht wurden dazu die Auswirkungen von:
- Anzahl Einzelhändler (stationär)
- Einkaufsverhalten (on-/offline)
- Investitionsklima
- Kaufkraft und Konsumklima
- Kulturelles / gastronomisches Angebot
- Lebenshaltungskosten
- Mietkosten (privat / gewerblich)
- Mobilität
- Energiekosten
- New Work und Homeoffice
- Social Distancing und Shutdown
- Urbanisierung / Städtewachstum
Die Einflussanalyse stellt dabei fest, welche Auswirkung die Veränderung eines Faktors auf die anderen hat. Beispielsweise: Beeinflusst die Kaufkraft die Anzahl stationärer Einzelhändler? Und umgekehrt: Beeinflusst die Zahl stationärer Händler die Kaufkraft? Wichtig dabei ist, dass nur direkte Zusammenhänge berücksichtigt werden. Dass die Zahl der Einzelhändler eine positive Wirkung auf den Arbeitsmarkt (und damit am Ende vermutlich auch auf die Kaufkraft) hat, bliebe daher unberücksichtigt.
Am Ende ergibt sich eine Matrix. Auf der Y-Achse gibt sie einen Aktiv-Wert an. Faktoren mit hohem Aktiv-Wert beeinflussen viele andere Faktoren. Ein hoher Passiv-Wert (X-Achse) zeigt dagegen an, dass dieser Faktor stark von anderen beeinflusst wird.
Daraus ergeben sich vier Kombinationsmöglichkeiten:
- Hebelfaktoren (gelb): Sie beeinflussen viele andere Faktoren (hoher Aktiv-Wert), lassen sich aber selbst kaum beeinflussen.
- Kritische Faktoren (grün): Sie haben einen hohen Aktiv- und einen hohen Passiv-Wert. Heißt: Sie werden stark beeinflusst und sie lassen sich stark beeinflussen. An ihnen lohnt es sich besonders zu arbeiten.
- Indikatoren (pink): Sie werden stark beeinflusst (hoher Passiv-Wert), beeinflussen aber ihrerseits wenige andere Faktoren. An ihnen lässt sich der Erfolg der Maßnahme besonders gut ablesen.
- Träge Faktoren (blau): Sie werden am wenigsten stark beeinflusst und beeinflussen ihrerseits andere Faktoren weniger. Sie sind nicht entscheidend.
