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Corona und die neue Rolle der Innenstädte
09.07.2020 In Zeiten von Corona wird Distanz zu einem lebenserhaltenden Prinzip. Das merkt auch der Einzelhandel in den Innenstädten. Doch wie kann urbanes Leben in Zukunft aussehen, wenn die Zentren ihre Magnetwirkung verlieren?
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Der harte Shutdown hat überdeutlich gezeigt, wo die Herausforderungen für die städtische Infrastruktur liegen.
- Arbeit / Wohnen / Erholung: Die Kontaktbeschränkungen haben zunächst vor allem die Arbeit und das Soziale betroffen. Viele Menschen haben über Nacht ihre Einnahmequelle verloren. Andere waren zwangsweise im Homeoffice. Bedeutet: Selbst wer nicht in existentielle Not geriet, hatte oft mit schlechter Ausstattung und knappem Wohnraum zu kämpfen. Nicht selten kam der Verlust der sozialen Kontakte hinzu. Parks und Grünflächen haben zugleich für das Freizeitverhalten an Bedeutung gewonnen, während Clubs, Bars, Kultur, Festivals massiv an Bedeutung verloren.
- Bildung / Schule: Ebenso nachhaltig dürften die Veränderungen im Bildungssektor sein. Corona hat einerseits für einen Schub in Sachen Digitalisierung gesorgt. Andererseits haben sich auch die Grenzen aufgezeigt. Remote-Learning funktioniert - aber nicht unbedingt so intensiv wie Präsenzunterricht. Zudem sind Lehrkräfte und Eltern doppelt belastet. Die einen, weil sie eine Hälfte der Klasse vor Ort, die andere Hälfte zuhause unterrichten sollen. Die Eltern, weil die Kinderbetreuung entfällt. Trotzdem sind sich viele Lehrkräfte sicher, dass sie digitale Home-Schooling-Konzepte übernehmen wollen. Und müssen. Denn bis ein Impfstoff gefunden ist, werden die Schulkapazitäten nicht ausreichen, um die Klassenstärken so weit zu verkleinern, wie es Epidemiologen fordern.
- Verkehr / Mobilität: Binnen kürzester Zeit haben sich die Anforderungen an den Verkehr komplett gewandelt. Der ÖPNV ist zu einem ungeliebten Notbehelf geworden. Ein Verkehrskollaps ist lediglich ausgeblieben, weil sommerliche Temperaturen und Pop-Up-Radwege den Umstieg auf das Fahrrad erleichterten und die Mobilität generell zurückging. Letzteres hat auch gezeigt, wie viele leicht vermeidbare Fahrten - sowohl beruflich als auch privat - inzwischen zu unserem Alltag gehören.
- Innenstädte / Tourismus / Wirtschaft: Während des Shutdowns hatten Innenstädte komplett ihren Sinn verloren. Selbst wenn sich in Zukunft solch drastische Maßnahmen vermeiden lassen, beschädigen dennoch sinkende Mobilität, Veranstaltungsverbote sowie Abstands- und Hygieneregeln im Einzelhandel und der Gastronomie die Attraktivität der Innenstädte nachhaltig.
- Logistik (des Handels): Die jüngsten Zahlen des Onlinehandels belegen den Strukturwandel, den gerade der Handel vollzieht. Und auch in diesem Fall erwartet kaum ein Beobachter, dass es eine vollständige Rückkehr zu den Vor-Corona-Verhältnissen geben wird. Egal ob Mode, Lebensmittel oder Arzneimittel - Onlinehandel passt einfach besser zum derzeitigen Cocooning-Trend. Zudem standen die Zeichen auch ohne Corona schon auf Wandel. Der Shutdown hat sich in den Augen der meisten Beobachter eher als ein Beschleuniger einer bestehenden Entwicklung erwiesen. Der Leerstand im Einzelhandel wird zunehmen. Mehr Leerstand wird zu noch mehr Leerstand führen. Vor allem mittlere Lagen werden leiden.
- Medizinische Versorgung: Schwimmende Lazarettschiffe, Drive-In-Massentests und Messehallen, die zu provisorischen Krankenhäusern umfunktioniert werden, schienen noch vor kurzem gänzlich unvorstellbar. Inzwischen haben wir sie alle mindestens im Fernsehen gesehen. Die Pandemie erfordert auch in der Gesundheitsvorsorge ein bislang nicht gekanntes Maß an Flexibilität in der Planung.
Krise für die Urbanität
Das alles geht nicht spurlos an der Stadtentwicklung vorbei. Städte beziehen ihre Attraktivität ursprünglich aus Verdichtung, Nähe und belebten Plätzen. Corona führt dagegen zu Cocooning, Distanz und Isolation. Grünflächen gewinnen - urbane Flächen verlieren. Die Anforderungen und Ansprüche an das Zusammenleben ändern sich massiv. Zunächst ist es aber wichtig zu unterscheiden, welche Folgen kurzfristiger und welche langfristiger Natur sind.Kurzfristige Effekte
- Konjunkturelle Eintrübung, nachlassende Kaufkraft und Konsumlaune sowie der "harte" Shutdown mit Geschäftsschließungen und Kontakt- und Reisebeschränkungen sind punktuelle, kurzfristige Maßnahmen.
Langfristige Folgen
Die Kurzfrist-Effekte haben für manche strukturelle Änderungen aber langfristige Folgen. Sie wirken wie ein Durchlauferhitzer und beschleunigen die ohnehin anstehende Entwicklung. Das gilt insbesondere für:- Arbeitsleben: New Work-Ansätze mit selbständigen, virtuell vernetzten Teams und Remote Working haben sich in Corona-Zeiten bewährt und werden langfristig die Arbeitswelt prägen.
- Handel: Der stationäre Einzelhandel war schon vor dem Corona-Shutdown im Strukturwandel, die Krise ist zum Katalysator geworden. Viele Geschäfte werden sich nicht mehr erholen, Kunden werden in Zukunft viel mehr online kaufen. Der Leerstand wird zuerst nicht die Top-Lage erfassen, aber kleine und mittlere Städte, Vorstädte und Randlagen in den Innenstädten. Dort wird eine Abwärtsspirale einsetzen.
Beide städtische Lebensbereiche werden langfristig tangiert. Auch wenn es einen Impfstoff gegen CoVID19 geben sollte und die Pandemie vollständig überwunden ist, werden diese Folgen bleiben. Corona hat nur eine ohnehin bestehende Entwicklung beschleunigt.
Mittelfristige Folgen
Daneben gibt es mittelfristige Folgen, die zumindest wirken werden, bis ein Impfstoff gefunden ist und sich das Sozialverhalten wieder normalisiert hat.- Freizeit: Die Angebote werden sich eher in die Fläche entwickeln. Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, Kino, Theater, Bars, Diskotheken verlieren durch Distanzierungsmaßnahmen und Hygienevorschriften an Attraktivität. Zudem wird es schwieriger, deren Wirtschaftlichkeit herzustellen.
- Verkehr: Selbiges gilt für den Verkehr. ÖPNV verliert an Attraktivität, zugleich ist die Wirtschaftlichkeit bedroht. Zwar sinkt zugleich die Mobilität der Bevölkerung, trotzdem sind für den steigenden Individualverkehr neue Verkehrskonzepte notwendig.
Konnektivität für urbanes Leben
Zukunft der Innenstädte
Connectivity / Smart City
Verbindung ist die Gegenkraft zu Isolation. Wenn keine reale Verbindung möglich ist, tritt eine virtuelle an ihre Stelle. Städtische Infrastruktur wird durch Vernetzung ersetzt.
Soziale Isolation
Corona = Social-Distancing = soziale Isolation = sinkende Mobilität. Daran führt kein Weg vorbei. Zugleich sind Menschen aber soziale Wesen. Der Trend zu Cocooning erfährt daher eine Gegenkraft.
Beschleunigung / Katalysator
Menschen suchen keine Entschleunigung. Sonst würden Städte nicht wachsen. Vernetzung wird genutzt, um wieder eine Beschleunigung zu erreichen. Manche Prozesse laufen so sogar schneller ab.
Verlangsamung / Rückbesinnung
Urbanes Leben besteht aus Verdichtung und Beschleunigung. Kommt dieses zum Erliegen, führt dies automatisch zu einer Entschleunigung - wie es sich viele vom Landleben versprechen.
Es müssen neue Wege gefunden werden, um das Lebensgefühl wieder herzustellen. Daten, Vernetzung und Konnektivität werden dabei von zentraler Bedeutung sein. "Apps, halten das städtische Leben am Laufen - was wäre die Quarantäne ohne Lieferservice? Das Homeoffice ohne Zoom?", fragen die Autorinnen Doris Kleilein und Friederike Meyer , beide Fellows am Thomas Mann House 2020, in einem Beitrag für die taz . "Eine App, die Infektionsketten zurückverfolgt, wäre vor wenigen Wochen noch als der perfide, biopolitische Auswuchs eines Überwachungsstaates diskreditiert worden." Heute haben mehr als 15 Prozent der deutschen Bevölkerung diese App installiert.
Daten und Konnektivität werden das städtische Lebensgefühl zurückholen, wo es verloren geht. Werden Kontakt ermöglichen und für gesunde Distanz sorgen. Daten werden auch für die Stadtplanung entscheidend sein: Niemand weiß, wie lange der CoVID19-Krisenmodus halten wird oder wann die nächste Pandemie rollen wird. Wie also soll man eine Stadt unter diesen Voraussetzungen langfristig planen? Die Planung selbst muss beschleunigt werden, meinen Kleilein und Meyer. Die Lösung liegt in prozessorientierter Stadtentwicklung. "Städte entwickeln sich vor allem dann positiv, wenn die Bevölkerung an Prozessen teilhaben kann und die Probleme als ihre eigenen wahrnimmt", meinen sie.
Selbständige, eigenständige Planungseinheiten, vernetzt über einen gemeinsamen Datenzugriff - das ist der Schlüssel für eine moderne Stadtplanung. Heißt aber auch: Städte müssen sich aus der Umklammerung von IT-Giganten lösen. Leihroller-, Navigations- und Smartphone-Anbieter wissen oft mehr über das städtische Leben, als die Stadtplaner selbst. Diese Hoheit muss an die Stadtplaner, die Öffentlichkeit, die Allgemeinheit zurückübertragen werden. Einen Weg dorthin können Open-Data-Projekte weisen.
Coronahilfen für Kultur und Lebensgefühl
Aber was wird mit den Zentren der Städte, dem Lebensgefühl auf der Straße? Eine der größten Bedrohungen für Städte ist das Verschwinden der kleinen Läden, Studios, Theater, Clubs, Kinos, Kneipen, Restaurants. Wenn das Gros der Kleinunternehmer und Kulturschaffenden die Krise nicht übersteht, werden größere Player die leerstehenden Immobilien beziehen oder aufkaufen und den Städten droht die nächste Welle der Kommerzialisierung und Globalisierung. Deswegen ist es für die Stadtentwicklung besonders wichtig, denjenigen Unternehmen das Überleben zu sichern, die unter den mittelfristigen Folgen zu leiden haben. Langfristig sind sie überlebensfähig, weil sie keinem Strukturwandel unterliegen. Und langfristig sind sie überlebenswichtig, wenn es um die Attraktivität der Städte geht.Auch hier kann eine Lehre des Corona-Shutdowns helfen. "Die globale Just-in-time-Produktion hat sich überlebt", meint etwa der Stadtplaner Michael Braum , Direktor der Internationalen Bauausstellung Heidelberg . "Wir werden dezentraler, brauchen in unseren Städten Platz für FabLabs ebenso wie für 'Zwischenlager'. Lokale Produktionen werden boomen, individuelle Fertigungen werden durch die Digitalisierung eine Renaissance erleben. Autonomie und Abhängigkeit werden neu ausbalanciert werden, global denken aber lokal handeln. Das wird die Stadt verändern."
Wenn es ökonomisch wieder aufwärts geht, könnten gerade die belebten Wohngegenden davon profitieren. Gegenden, wo sich Wohnen, Freizeit, Bars und Einkauf in der diversen Straßenkultur mischen. Und zum Bummeln, Einkaufen und Essen einladen - ohne zentrale Shopping-Malls ansteuern zu müssen.
