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So, liebe Kinder: Welche Rolle das Internet in Deutschlands Wirtschaft wirklich spielt
20.04.2012 Heute, liebe Kinder, spielen wir im Unterricht "Malen nach Zahlen". Die Aufgabe: Wir nehmen uns ein deutsches Internet und ein deutsches E-Commerce und malen daraus ein deutsches Wirtschaftswunder. So richtig schön in Schwarz-Rot-Gold und mit vielen Prozentzeichen und einem ganz großen Bruttoinlandsprodukt. Kevin, du auch!
Bild: Jürgen Treiber/PIXELIO
| Jetzt holt mal eure Rechenhefte raus. Nein, Peter, das Pausenbrot lassen wir erst einmal im Ranzen. Schlagt es bitte auf - nein Kevin, nicht die anderen damit schlagen, sondern aufklappen, Dein Heft. Jetzt malen wir eine ganz schöne Deutschlandkarte und da schreiben wir "Bruttoinlandsprodukt" hinein.
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| Richtig, Michael, das Bruttoinlandsprodukt verrät uns beispielsweise das Bundeswirtschaftsministerium . Das ist das, was wir alle in einem Jahr erwirtschaften. Ja Sonja, auch du und dein Papa. Und das ist so viel: 2.570 Milliarden Euro im Jahr, das reicht für mehr als drei Rettungsschirme. Richtig Kevin, einen Schirm brauchen wir nicht, heute scheint ja die Sonne. Und über Deutschland scheint auch die Sonne. Die wirtschaftliche zumindest. |
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| Dass wir so reich sind, das liegt auch am Internet und am E-Commerce. Und das wollen wir gemeinsam heute lernen. Ja, Michael, ich weiß, dass Opa Schulze immer sagt, dieses Internet sei nur vorübergehend und dieser Onlinehandel geht vorbei. Aber Opa Schulze ist auch schon ganz alt und glaubt auch noch, dass Deutschland den Weltkrieg gewonnen hat. Den ersten. Tatsächlich ist die Internetwirtschaft in Deutschland 75 Milliarden Euro schwer. Das hat die Boston Consulting Group herausgefunden. |
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| Diese 75 Milliarden entsprechen immerhin drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2011. Richtig, Sonja, das ist genauso viel wie die FDP hätte, wenn morgen Bundestagswahlen wären. Und die sitzen immerhin noch in der Bundesregierung. "Sitzen" ist übrigens ein gutes Stichwort, Kevin, das solltest du auch wieder tun. Hinsitzen nämlich und zuhören. Genau wie die FDP, übrigens. Aber die stellt ja nur den Wirtschaftsminister und muss deswegen nur Hoteliers zuhören. |
| Die Boston Consulting Group prognostiziert ein durchschnittliches jährliches Wachstum der deutschen Internetwirtschaft von acht Prozent, demnach wird sie bis 2016 auf 118 Milliarden Euro anwachsen. Das sind dann schon vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ihr seht, liebe Kinder, die Internetwirtschaft ist gar nicht so klein. Ein Viertel der Automobilindustrie in Deutschland, beispielsweise. Und die ist mit 287 Milliarden Euro immerhin die größte Industriebranche des Landes. Und 2016 wird sie dann fast so groß sein wie die deutsche Chemieindustrie. Ja, Kevin, das ist die, die deine Stinkbomben herstellt. | |
| Dabei ist eigentlich das Internet noch viel größer als die Automobilindustrie und die Chemieindustrie zusammen. Wenn man nämlich rechnet, wie viel Geld die Unternehmen beim E-Procurement ausgeben. Richtig, Michael, das ist die elektronische Beschaffung. Aber du sollst im Unterricht nicht in Wikipedia spicken. Auf Basis von Bitkom-Zahlen kann man für 2011 den Procurement-Umsatz auf eine halbe Billion Euro in Deutschland hochrechnen. Richtig Kevin, das reicht für einen ganz kleinen Rettungsschirm, einen 'Merkel-Knirps'. | |
| Wenn man das E-Procurement dazu rechnet, dann kommt man auf einen Anteil von 19 Prozent, den die gesamte digitale Wirtschaft an der deutschen Volkswirtschaft hat. Also fast ein Fünftel. Nein, so viel werden die Piraten bei der nächsten Bundestagswahl wohl nicht bekommen. Und wie das mit dem E-Commerce ist, Michael? Eine gute Frage. Wer weiß, was E-Commerce überhaupt ist? Richtig, Sonja, das ist Handel im Internet. Also müssen wir uns zunächst anschauen, wie das in Deutschland so ist mit dem Handel. | |
| In Deutschland sind im Einzelhandel 2011 in rund 400.000 Unternehmen mit fast 3 Mio. Beschäftigten 414 Milliarden Euro umgesetzt worden, sagt der HDE . Damit ist der Einzelhandel die drittgrößte deutsche Branche. Das ist ziemlich viel. Nein Sonja, das liegt nicht nur an deiner Mutter, selbst wenn die ganz oft shoppen geht. | |
| Der Bundesverband Versandhandel sagt nun, im Jahr 2011 sind insgesamt 21,7 Milliarden Euro im Internethandel umgesetzt worden. Das entspricht einem prozentualen Wachstum gegenüber dem Vorjahr von 18,5 Prozent. Damit wurde erstmalig die 20-Milliarden Euro-Grenze beim Onlineumsatz mit Waren gesprengt. | |
| Damit liegt der Anteil des durch die Versandhandelsbranche induzierten Onlinehandels am Einzelhandel bei 5,2 Prozent. Aber diese vom BVH verbreitete Zahl ist wohl zu niedrig. Denn erstens schätzt selbst der HDE den Onlineumsatz höher ein. Und zweitens vergisst der BVH den Long Tail. Ja, Kevin, ich weiß, was das auf deutsch heißt. Da brauchst du gar nicht zu kichern. Der Long Tail ist eine Erfindung des E-Commerce und bedeutet, dass ganz viele kleine Onlineshops ganz wenig Umsatz machen. Weil das aber so viele sind, wird das in der Summe ganz schön viel. | |
| Ende 2011 sind iBusiness-Berechnungen zufolge insgesamt im deutschen Markt 980.500 Unternehmen im ECommerce-Umfeld aktiv. Diese Zahl setzt sich zusammen aus: 605.000 Affiliate-Anbietern, 371.000 Anbietern von Onlineshops sowie 105.000 gewerblichen Ebay-Händlern, davon 50.000 Powerseller. Und die alle machen E-Commerce. Am schwierigsten zu berechnen ist die Zahl der Pureplayer, also der eigentlichen Onlineshops. Jetzt nehmen wir das Rechenheft und rechnen es eben selber aus: | |
| Das Statistische Bundesamt zählt 3,1 Mio. Unternehmen in Deutschland, die Umsatzsteuer zahlen. Reduziert um nicht relevante Branchen wie Soziales und Sport kommt man auf 2,7 Mio. Unternehmen. Eine Unternehmens-Erhebung kommt zu dem Ergebnis, dass davon 62 Prozent eine eigene Homepage betreiben. Von diesen bieten wiederum 24 Prozent die Option "Onlinebestellung" an. Daraus lässt sich errechnen, dass rund 408.000 Unternehmen selber Onlinehandel betreiben. Zieht man die ausschließlich Ebay-aktiven Unternehmen davon ab, landet man bei 371.000 Onlineshops. | |
| Ja, Michael, du hast recht: Die meisten dieser 371.000 Onlineshops sind klein. Sehr klein. Sehr viele davon haben einen Shop, ohne dass sie Werbung dafür machen. Also müssen wir herausrechnen, wie viel wirklich seriöse Shops es in Deutschland gibt. Ja, Sonja, das ist ein guter Hinweis: Wer auf Google Adwords-Anzeigen schaltet, meint es zumindest relativ ernst. Hier hat zum Glück SEM-Analytics-Anbieter Xamine mal sämtliche Suchanzeigen durchgesucht und kommt auf eine Zahl von 293.000 per Adwords beworbene Domains in Deutschland. | |
| Ein Drittel davon - 100.000 Domains - enthält in seinen Anzeigentexten Wörter wie "kaufen" oder "shop" - ist also ein Onlineshop. Was immer noch eine erkleckliche Anzahl ist, selbst wenn man die Zahl der Onlineshops dergestalt eindampft. Der Gesamtumsatz der Top-1000-Onlineshops, der den BVH-Zahlen zugrundeliegt, ist also zu niedrig angesetzt, weil er nur den größeren - sichtbaren - Teil des ECommerce-Marktes abbildet. Rund ein Drittel des gesamten Umsatzes steckt Hochrechnungen zufolge im Long Tail. | |
| Deswegen sollte man den ECommerce-Umsatz 2011 in Deutschland richtigerweise auf 30 Milliarden Euro taxieren. Und hör auf zu lachen, Kevin. Folgt man dieser Long-Tail-orientierten Hochrechnung, dann kommt in Wirklichkeit jeder 14. Euro, der im deutschen Einzelhandel verdient wird, aus dem Onlinehandel. Der E-Commerce in Deutschland ist für 7,3 Prozent des gesamten deutschen Einzelhandelsumsatzes gut. | |
| Richtig Sonja, warum spreche ich denn so lange über den E-Commerce, wenn es doch die Internetwirtschaft allgemein ist, die so einen großen Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat? Weil der E-Commerce so wichtig ist für die Internetwirtschaft. Also Kinder: "Für das Internet ist also der E-Commerce wie für das Auto der ....?" Nein Kevin, "Fuchsschwanz" ist falsch. Nein, Michael, "Mercedesstern" ist es auch nicht. Richtig, Sonja: "Motor". Der E-Commerce ist der Motor des gesamten Internet-Business. | |
| Wenn man sich die Typologie der Internetbranche ansieht, also systematisch sämtliche existierenden Internet-Geschäftsmodelle in ein übersichtliches Raster abbildet, dann entstehen fünf Regionen: Communication, Commerce und Content sowie Dienstleistung und Tools. Dabei zeigt sich, dass die Monetarisierung sämtlicher Internet-Geschäftsmodelle in letzter Konsequenz stets über den E-Commerce stattfindet - alle anderen Modelle sind dem E-Commerce quasi vorgelagert. Ohne E-Commerce funktioniert am Schluss die gesamte Internet-Wertschöpfung nicht. Was in der Konsequenz bedeutet, dass der ECommerce-Markt - je nach Rechnung - bereits Treiber ist für ein Zwanzigstel bis ein Viertel des gesamten deutschen Bruttoinlandsprodukts. |
Nicht beim Klingeln rausrennen, sondern erst eure Plätze aufräumen. Und morgen gehen wir in den Zoo. Da darf dann jeder ein kleines SEO streicheln und wenn wir Glück haben, dann sehen wir einen Nonliner-Graurücken. Die sind inzwischen ganz selten geworden. Nur in den Vorstandsetagen gibt es noch ein paar. Aber nicht wieder mit Apps füttern, Kevin! Sonst werden sie böse und beißen oder werfen mit ACTA.
