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Chinas Weg ins Metaversum - Was Deutschland sich abschauen muss

01.02.2022 China marschiert mit der autoritären Regimen eigenen Dynamik ins Metaversum. Davon kann unser Land sich einiges abgucken; etwa wo Marken investieren sollten. Eine Analyse von Chinas Metaversums-Kurs.

Chinas größte Stadt, Shanghai (Bild: Pixabay /Excellentcc)
Bild: Pixabay /Excellentcc
Chinas größte Stadt, Shanghai

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TL;DR
Kultur, Gaming, Exportmärkte - Chinas Metaversumskurs wird auf vielen Ebenen spürbar werden
China befindet sich beim Metaverse auf der Überholspur. Für Peking ist es von geopolitischer Bedeutung, den Wettlauf um den virtuellen Raum zu gewinnen. Der Sieger hat die Chance, sich einen internationalen Wettbewerbsvorsprung zu verschaffen, Standards zu setzen und eine Infrastruktur zu entwickeln, an der sich der Rest der Welt orientieren kann.

Für China ist technische Führerschaft gleichbedeutend mit globaler Führerschaft. Dass die asiatische Nation zu technologischen Bocksprüngen fähig ist, haben die jüngsten Durchbrüche in der Raumfahrt schlagartig deutlich gemacht. Die Landung des ersten Raumschiffs auf der dunklen Seite des Mondes und der Einsatz des Rovers auf dem Mars. Peking erobert ständig Räume - auch den virtuellen.

Schon jetzt ist die Digitalisierung in China bei vielen Bereichen weit fortgeschrittener als im Westen. Es ist deshalb gut möglich, dass China beim Metaverse schon bald die Führung übernimmt. In den USA fehlt es an staatlicher Förderung und Koordination, die EU spielt keine nennenswerte Rolle und könnte beim Aufbau von Metaversen den Anschluss verlieren. Die europäischen Nationalstaaten können die enorme Herausforderung alleine nicht stemmen, einzelne Unternehmen wie der britische Hersteller des haptischen Ganzkörperanzugs Teslasuit oder das spanische VR-Startups Neurodigital Technologies mit seinen haptischen Handschuhen fungieren bislang nur als Zulieferer einzelner High-End-Komponenten.

Virtuelle Realität und Software

China konzentriert sich beim Metaverse zur Zeit auf die Entwicklung der entsprechenden Infrastruktur. Sie umfasst 5G-Kommunikationsnetze, Virtuelle Realität (VR), die Augmented Reality (AR) und die Kombination beider in der Mixed Reality (MR), WI-FI 6, mobile Geräte, Blockchain, Cloud Computing, Edge Computing sowie Künstliche Intelligenz und Graphikprozessoren (Graphics Processing Units, GPU). Bei der 5G-Infrastruktur ist das Land mit 1,3 Millionen Basisstationen bereits heute weltweit führend, und mit der Digitalen Seidenstraße wird China diese Führung international ausbauen.

Die wichtigste Basis der chinesischen Expansion ins Metaverse sind VR, AR und MR. China ist auf diesen Gebieten sehr aktiv und will bis 2025 weltweit führend werden. Dazu werden die Produktentwicklung im High-End gestärkt, das Angebot von Inhaltsdiensten erweitert und die Anwendungen, Formate und Modelle inklusive der CloudVR gefördert. Das Dokument Guiding Opinions of the Ministry of Industry and Information Technology on Accelerating the Development of Virtual Reality Industry   liefert den einheimischen Unternehmen dafür detaillierte technische Vorgaben. China arbeitet an der Schaffung eines industriellen VR-Ökosystems, indem es Behörden, Forschungszentren, Gründerzentren, Austauschplattformen und Unternehmen vernetzt.

Daneben setzt die Regierung beim Metaverse auf die Software. Der 14. Fünfjahresplan gibt vor, die VR-Branche durch die Mobilisierung personeller und finanzieller Ressourcen nachhaltig zu fördern, an Chinas Spitzenuniversitäten spezielle Software-Hochschulen einzurichten und Softwareentwicklern weitreichende Steuervergünstigungen zu gewähren. Peking betrachtet Daten als nationale strategische Ressource und schützt sie durch strenge Gesetze zur Cyber Security, zu personenbezogenen Daten und zum grenzüberschreitenden Datentransfer (Link zum früheren Artikel). Die neuen Algorithm Regulations  , die am 1. März 2022 in Kraft treten und in erster Linie zur Regulierung großer ECommerce- und Social-Media-Plattformen gedacht sind, werden auch die zukünftigen Betreiber von Metaversen betreffen. Die Regierung dürfte in diesem Jahr damit beginnen, den virtuellen Raum des Metaverse umfassend gesetzlich zu regulieren.

Die neuen Datenbörsen wie die Shanghai Data Exchange (SDE) dürften die Entwicklung des Metaverse durch chinesische Innovatoren weiter befeuern. Das gilt besonders für Unternehmen, die Trainingsdaten für KI-basierte Applikationen benötigen. Chinesische Anbieter werden die Unterstützung der Regierung und den zunehmend geschützten Inlandsmarkt nutzen, um auf Drittmärkten aggressiver zu konkurrieren - so wie bei der Informations- und Kommunikationstechnologie und den Hochgeschwindigkeitszügen.

Chinesische Metaverse-Projekte kommen Schlag auf Schlag


Die Metaverse-Aktivitäten überschlagen sich derzeit in China. Im Dezember 2021 gab die Stadt Shanghai bekannt, die systematische Erstellung virtueller Inhalte zu fördern, die Entwicklung neuer Terminals zur Vertiefung der Wahrnehmung und Interaktion zu unterstützen sowie industrielle Anwendungen zu erkunden. Im Januar 2022 verkündete Hefei, in den nächsten fünf Jahren die Industrien zukunftsorientiert auszurichten und dabei auch auf das Metaverse abzuzielen.

Im gleichen Monat kündigte die Stadt Wuhan an, die Integration von Metaverse, Big Data, Cloud Computing, Blockchain, Geodaten und Quantentechnologie in die Realwirtschaft zu fördern. Man wird eine nationale Pilotzone für die Entwicklung einer neuen Generation künstlicher Intelligenz einrichten und fünf Industrieparks für die digitale Wirtschaft schaffen, darunter den Xiaomi Technology Park.

Chinesische VR-Schwerpunkte

  • 3D-Kameras
  • Inside-Out-Tracking
  • Eindringlicher Klang
  • Sprachinteraktion
  • Eye-Tracking
  • Taktiles Feedback
  • Emotionserkennung
  • Gehirn-Computer-Schnittstellen
  • Rendering-Technologie

Hangzhou hat einen Sonderausschuss für das Metaverse eingerichtet, Wuxi einen Entwicklungsplan für die ökologische Industrie des Metaverse in der führenden Zone des Wissenschafts- und Innovationsgürtels in der Taihu-Bucht herausgegeben. Dort wird der Aufbau einer inländischen Demonstrationszone für die ökologische Industrie des Metaverse vorgeschlagen. Peking hat angedeutet, dass es die Bildung eines neuen Innovationskonsortiums für das Metaverse fördern und den Aufbau eines Clusters für die Metaverse-Industrie erkunden wird. Chengdu, nach Peking, Shanghai und Shenzhen das viertgrößte F&E-Zentrum für Kommunikationstechnologien, hat eine Metaverse-Industrieallianz gegründet und wird ein Metaverse-Zentrum an der Jiaotzu Avenue bauen.

Auch auf der nationalen Ebene springt das Land in die Zukunft. Im Dezember 2021 wurde das Metaverse Industry Committee unter der China Mobile and Communications Association (CMCA) gegründet, zu dem auch staatliche Industriekonglomerate wie China Mobile und China Unicom gehören. Und im Januar 2022 wurde im Datenzentrum Wuyuanling in Zhangjiajie in der zentralchinesischen Provinz Hunan das Metaverse Research and Development Center eingeweiht.

Ist das Metaverse nur ein Hype, der sich größtenteils in Luft auflösen wird, oder hat das virtuelle Universum für Unternehmen tatsächlich ein relevantes wirtschaftliches Potenzial? Diese Vorteile sprechen für die Zukunft:

Skalierung: Unternehmen können im virtuellen Raum des Metaverse ihr Geschäftsmodell stark skalieren, weil der Umsatz ohne den Einsatz nennenswerter zusätzlicher Ressourcen vergrößert werden kann. Der Verkäufer und die potenziellen KäuferInnen können über VR-Headset und Avatare in einem dreidimensionalen virtuellen Sales Shop weltweit präsent sein, die Kosten für Gelände, reale Shops und Reisen entfallen. Daneben können sie über Lizenzen und Teilnahmegebühren Umsätze erwirtschaften.

Neue Geschäftsmodelle: Das Metaverse ermöglicht neue profitable Geschäftsmodelle, beispielsweise die Lizensierung virtueller 3D-Trainingsprodukte, die unter einer virtuellen Marke vertrieben werden. Über die Blockchain und non-fungible Token (NFT) sind der Verkauf und die Lizensierung hochpreisiger Unikate möglich.

Profitabilitätssteigerung: Die globale immersive F&E-Kollaboration in Echtzeit ermöglicht Unternehmen die deutliche Steigerung ihrer Profitabilität.

Zugzwang: Das Vorpreschen der amerikanischen und chinesischen Technologiekonzerne im Metaverse verändert die Marktkräfte und setzt andere Marktteilnehmer unter Zugzwang - ähnlich wie beim frühen Internet (Web 1.0) und den sozialen Medien (Web 2.0).

Decoupling und Pandemie: Unternehmen können die Entkopplung der realen Volkswirtschaften umgehen oder wenigstens abschwächen, beispielsweise über virtuelle Messen. Dazu kommt, dass das Metaverse keine Viren kennt.

Wettbewerbsposition: Unternehmen, die Metaverse-Applikationen anbieten, verbessern ihre Position im internationalen Wettbewerb. Diese Potenziale werden bereits beim Austausch von Modemarken mit ihren Communities deutlich.

Re-Positionierung: Das Metaverse bietet Unternehmen die Chance, ihre Marke im virtuellen Raum neu zu positionieren oder eine Re-Positionierung vorerst ohne großen finanziellen Aufwand zu testen. Diese Möglichkeit ist besonders dann interessant, wenn westliche Luxusmarken in China unter Druck geraten, weil sie dort als zu individualistisch und dekadent wahrgenommen werden und sich jetzt als gemeinwohlorientiert positionieren müssen.

Technologiefortschritt: Schließlich treiben disruptive und High-End-Technologien wie schnelle 5G-Kommunikationsnetze, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing oder NTF/Blockchain Angebot und Nachfrage in den virtuellen Raum. Das Gleiche gilt für preiswerte Batterien, die über die E-Autos in den Markt kommen, für sehr große Rechenkapazitäten, kleine und leistungsfähige Mobilgeräte sowie High-End VR-Brillen, -Controller, -Tracker und haptische Handschuhe und Anzüge. Die Barrieren, die diesen Treibern gegenüberstehen, bringen weniger Gewicht auf die Waage. Dazu gehören fehlende technische Standards, ausstehende Gesetze und Regulierungen, die Etablierung nicht kompatibler konzerngebundener Metaversen und die Risiken bei Cyber Security und Datenschutz. Auch teure High-End-Geräte und der hohe Energieverbrauch des Metaverse wirken bremsend.


Die Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft: Learnings und Herausforderungen

Nun stellt sich die Frage: Was kommt auf deutsche Unternehmen zu?

a) Neue Wettbewerbskräfte

Chinesische Unternehmen haben erkannt, dass das Metaversum das Geschäft in vielen Branchen verändern und sich der Wettbewerb auch im virtuellen Raum abspielen wird - nicht nur wegen der Profite, sondern auch aus Kostengründen und der zusätzlichen Reichweite. Dazu kommen die Zwänge der Pandemie und der Druck, der von den amerikanischen Wettbewerbern ausgeht.

Das Metaversum ist für die internationale Expansion chinesischer Unternehmen geradezu prädestiniert. Es bietet ihnen die Möglichkeit, ohne Konfrontation neue Gebiete zu erobern und weiteren Raum zu besetzen - im virtuellen Raum weniger sichtbar und ohne Konflikte wie in der greifbaren Welt. Sie besetzen nach dem realen und dem digitalen jetzt den virtuellen Raum, der sich dem direkten Zugriff noch entzieht.

Chinesische Markenhersteller wie Haier   oder Lenovo   werden in Deutschland mit proprietären Plattformen auf den Markt treten oder die hierzulande verfügbaren chinesischen Basen wie Tencent Clouds   oder Alibaba Cloud   nutzen. US-basierte Plattformen wie Decentraland   oder Horizon Worlds dürften bei ihnen allein aus Gründen der Cyber Security und des Datenschutzes auf geringes Interesse stoßen. Deutsche Unternehmen stehen diesbezüglich vor einem Dilemma: Sowohl chinesische als auch amerikanische Plattformen sind nicht sicher, weil die jeweiligen Regierungen Zugriff auf die Daten der NutzerInnen haben. Auch bei Microsoft Mesh   laufen die Server in den USA, und hinter Azure China oder AWS China stehen chinesische Partner, über die der Staat Zugriff hat. Der Austausch mit China im virtuellen Raum wird in jedem Fall von der chinesischen Internetzensur (Great Firewall), der zu langen Reaktionszeit des Internet (Latenz) und der Einschränkung des grenzüberschreitenden Datenverkehrs bzw. dem Zwang zur Datenlokalisierung bedingt.

In China ist Baidus   Metaverse-Plattform XiRang der wichtigste Player. Der Tech-Gigant hat im Dezember 2021 mit dem Start einer Virtual-Reality-App seine ersten Schritte in der Metaverse-Industrie unternommen und tritt damit in die nächste Phase des Internets ein. Die App kann über ein Smartphone, einen Computer oder auch nur über eine VR-Brille aufgerufen werden. Die NutzerInnen, die bislang nur in China auf die App zugreifen können, erstellen ihren Avatar und interagieren mit anderen NutzerInnen in einer dreidimensionalen Welt, wobei bis zu 100.000 NutzerInnen am selben virtuellen Raum teilnehmen können.

Wie Baidu sind auch andere chinesische Digitalgiganten in das Metaversum vorgedrungen. Tencent, der Tech-Konzern aus Shenzhen, entwickelt mit Hilfe seiner Erfahrung im Bereich Videospiele seine eigene Metaverse-Plattform. Das Unternehmen besitzt mit WeChat die größte digitale Transaktions-App der Welt und wird seine Infrastruktur und Erfahrungen aus E-Commerce, Social Commerce und Werbung in einem Metaverse zusammenzuführen. ByteDance  , der Eigentümer von TikTok  , hat in mehrere Unternehmen in diesem Sektor investiert und den amerikanischen Hersteller des VR-Headsets Pico übernommen.

Chinesische Hersteller werden uns noch in diesem Jahr mit neuen leistungsfähigen High-End-Geräten überraschen. Im Westen bekanntere chinesische Hardwaremarken sind DPVR  , Pimax   und Nreal  . Günstige 5G-Smartphones werden von Xiaomi  , Oneplus   und Oppo   angeboten. Mehrere Unternehmen rund um das Gaming und Online-Communitys wie MiHoYo  , NetEase   (Mobile- und Online-Gaming), Bilibili   (Video-Streaming) und das von Tencent mitfinanzierte Start-up Soul (KI-gestütztes Social Networking) sollen bereits an eigenen Metaversen bauen. Soul kündigte eine App an, mit der NutzerInnen Avatare erstellen können.

Mittelfristig werden Anwendungen in Deutschland angeboten werden, die mit den massenhaften Daten, die den chinesischen Unternehmen im Heimatmarkt zur Verfügung stehen, trainiert wurden. Die Frage ist, ob eine mit chinesischen Daten trainierte KI wirklich für den europäischen Markt geeignet ist - Gesichter, Nutzerverhalten und Gewohnheiten unterscheiden sich stark zwischen Chinesen und Europäern.

Es gibt diverse wichtige Anwendungsbereiche, in denen chinesische Metaverse-Applikationen deutsche Märkte beeinflussen werden:
Tourismus: In China ist die Nutzung des Metaverse im Tourismus ein dominantes Thema. Chinesische Reiseveranstalter, Provinzen und Städte werden ihre attraktivsten Destinationen im virtuellen Raum zwar eindrucksvoll darstellen, dadurch im Ausland aber kaum Nachfrage nach China-Reisen generieren. Das Metaverse wird auch den aufwändigen chinesischen Fototourismus nach Europa schwächen, weil Chinesen die europäischen Destinationen jetzt virtuell erleben können. Betroffen wären deutsche Reiseveranstalter, die Hotellerie und Gastronomie, Kulturorganisationen und der Handel.

Messen und Ausstellungen: Sie spielen im exportstarken China eine gewichtige Rolle. Wenn reale und digitale Produkte im virtuellen Raum weltweit demonstriert und bewegt werden können, können chinesische Hersteller skalieren und Kosten senken. Die durch die Pandemie ohnehin belastete deutsche Branche wird durch das Metaverse noch mehr unter Druck geraten und mit eigenen virtuellen Räumen reagieren.

Handel: Chinesische Marken sind im Ausland meist unter dem Dach eines unspektakulären China-Zentrums gemeinschaftlich präsent. Diese Zentren werden im Metaverse durch glamouröse virtuelle Shoppingmalls ergänzt, welche die Marketingpower der Anbieter deutlich erhöhen. Dadurch nimmt der Wettbewerbs- und Preisdruck auf westliche Marken zu.

Shops: Bislang sind eigene reale Shops für Demo und Verkauf von Produkten in Deutschland nur für chinesische Großunternehmen finanzierbar, beispielsweise für die Hersteller der neuen E-Autos. Das Metaverse ermöglicht es mehr chinesischen Marken, einen standortunabhängigen virtuellen Shop zu eröffnen - zu Lasten deutscher Marken.

Kultur und Unterhaltung: Im Gegensatz zur japanischen steht die chinesische Kultur hierzulande nur bei Wenigen hoch im Kurs, entsprechende Angebote sind rar. China wird seine Soft Power durch das Metaverse in Deutschland stärker vermitteln, die deutsche Kulturwirtschaft bekommt asiatische Konkurrenz.

Gaming: In diesem Bereich wird China sehr schnell den Markt übernehmen. Bereits jetzt besitzen chinesischen Unternehmen Anteile an hier sehr beliebten Gaming-Plattformen oder Entwicklerstudios. Gleichzeitig ist die Gamingbranche die relevanteste Branche für die Entwicklung und den Einsatz eines Metaverse.

Training und Ausbildung: Im Fahrwasser der Spiele könnten interaktive Lehr- und Lernmodelle, die auf Technologien wie VR, AR und MR aufbauen, den deutschen Markt erschließen. Sie eignen sich auch für die berufliche Bildung und die szenariobasierte Ausbildung, beispielsweise die Visualisierung von Fahrvorgängen durch virtuelle Lehrszenarien.

Medizin und Gesundheit: Im Gesundheitswesen könnten chinesische Metaverse-Anbieter zukünftig preiswerte KI-gestützte Anwendungen zur Diagnose- und OP-Unterstützung sowie zur Schulung von Ärzten umfassen.

Industriegüter: Wie schnell preiswerte chinesische Angebote für Wartung und Service, Remote Assistance, Augmented Workflows und virtuelle Konferenzräume auf den deutschen Markt kommen werden, bleibt abzuwarten. Auch der Ersatz digitaler Zwillinge durch dreidimensionale virtuelle Zwillinge dürfte vorerst noch ein Thema für führende westliche Anbieter bleiben.

Deutsche Exportmärkte: Der Wettbewerb durch die chinesische Metaverse-Industrie wird sich in vielen Exportmärkten deutscher Unternehmen bemerkbar machen, besonders in der von China dominierten neuen asiatischen Freihandelszone Regional Economic Comprehensive Partnership (RCEP) und in den Host-Ländern der Digitalen Seidenstraße. In der südostasiatischen Region werden chinesische und westliche Metaversen gegeneinander antreten und um KundInnen und Marktanteile kämpfen.

b) Chinesische Markenoffensive

Märkte und Wettbewerb - auch unfairer Wettbewerb - werden sich schnell ins Metaverse ausbreiten. Die Marken- und Produktpiraterie wird den Unternehmen folgen und sich vom Fake-Markt der Realwirtschaft über die mit Fälschungen überfrachteten digitalen Internetmarktplätze ins Metaverse bewegen. Das wirtschaftliche Potenzial des neuen Raumes wird Counterfeiter anziehen, mit seiner Ausdehnung gewinnt der Schutz des geistigen Eigentums an Bedeutung. Im Vordergrund werden die Bekämpfung von Patent-, Marken- und Copyrightverletzungen sowie des Identitätsdiebstahls, beispielsweise durch Deep Fakes, stehen. Eine Frage ist, ob und wie immersive multidimensionale Raumerlebnisse rechtlich geschützt werden können. Das Metaverse ist ein verkörpertes Internet, das man sich nicht nur auf dem Bildschirm ansieht, sondern in dem man steckt und das man durch Immersion körperlich mehrdimensional erfährt.

Derzeit liefern sich Baidu, Tencent, Alibaba, ByteDance und NetEase mit massenhaften Metaverse-Markenanmeldungen ein Rennen, Tencent bringt es alleine auf rund 100 Anmeldungen. Baidu hat beispielsweise den Begriff Metaapp als Marke beantragt, Alibaba die Marke Ali Metaverse, bei NetEase ist es das NetEase-Metaverse. Die Markenanmeldungen der NetEase-Gruppe umfassen Namen, die das Wort Metaverse mit den Namen des Unternehmens und seiner Forschungs- und Spieleinheiten für künstliche Intelligenz kombinieren, beispielsweise Fuxi Metaverse und Leihuo Metaverse. Bisher haben in China mehr als 400 Unternehmen Marken für Begriffe im Zusammenhang mit dem Metaversum eingetragen, viele Anmeldungen umfassen Kategorien wie Designforschung, Kommunikationsdienste sowie Bildung und Unterhaltung.

Noch konzentrieren sich die chinesischen Unternehmen auf Dachmarken. Weil im Metaversum Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) dominieren, werden bei den virtuellen Kreationen sehr schnell Bildmarken in Form von Symbolen oder Designs ins Spiel kommen. Auch Farbmarken, Klangmarken und 3D-Marken werden an Bedeutung gewinnen. Dazu kommen Copyrights, Trade Dress und Geschmacksmuster als Schutz für digitale Artefakte. Im grenzenlosen Metaverse entstehen bei IPR-Verletzungen jedoch Probleme hinsichtlich des Gerichtsstandes und Vollstreckungsortes, und auch die Fragen der Cybersicherheit und des Datenschutzes gewinnen an Bedeutung. Technische Geräte wie 3D-Brillen, haptische Sensoren oder Technologien zur Erstellung von Bildern und Videos werden weiterhin durch Patente geschützt.

Die Regional Economic Comprehensive Partnership wird der chinesische Metaverse-Industrie strategische Vorteile bringen. Das Abkommen führt dazu, dass die Rechte am geistigen Eigentum auf allen RCEP-Märkten grundsätzlich geschützt und durchsetzbar sind, was wiederum Investitionen in Innovationen und den Austausch von Informationen, Wissen und Technologie in der Region fördern wird. Die Standardisierung von Regeln wird dazu beitragen, die Transaktionen zu rationalisieren, die Transparenz zu fördern und die Kosten der Geschäftstätigkeit zu senken. Dadurch werden kreative und innovative Industrien in der Region gefördert und die globale Wettbewerbsfähigkeit der beteiligten Länder erhöht - auch die Chinas.
Deutsche Unternehmen sollten ihr geistiges Eigentum durch die Metaverse-Brille sehen und bewerten. Sie sollten Marken in den für virtuelle Produkte relevanten Klassen registrieren, selbst neue virtuelle Vermögensgegenstände kreieren und für die Überwachung und Bekämpfung von IP-Verletzungen im virtuellen Raum Ressourcen bereitstellen.

c) Angriff auf Netzwerke und Daten

Neben dem Schutz des geistigen Eigentums im Metaverse müssen deutsche Unternehmen auf die Sicherheit der verwendeten Netzwerke und den Schutz sensibler Informationen und persönlicher Daten achten, ganz besonders im grenzüberschreitenden Datenverkehr bei immersiver kollaborativer F&E. Hacker werden in digitale Räume eindringen und unerkannt mithören, ausspähen oder Daten transferieren. Unternehmen müssen das Know-how und die Privatsphären schützen, die bei der Kommunikation von Avataren entstehen. Sie müssen verhindern, dass manipulierte und irreführende Bilder erzeugt und dadurch falsche Informationen oder unterschwellige Botschaften vermittelt werden und dass Angreifer gezielt Daten löschen. Die neuen chinesischen Gesetze zur IT-Compliance wie das Data Security Law (DSL) und das Personal Information Protection Law (PIPL) werden auch die Metaverse-Industrie herausfordern. Am 1. März 2022 treten die Algorithm Regulations in Kraft, die den Einsatz von Empfehlungsalgorithmen durch Unternehmen stark einschränken.

Daneben gibt es viele rechtliche Fragen, die im Metaverse entstehen:
  • Das Metaversum soll im Idealfall ein übergreifender digitaler, dezentral organisierter und monopolfreier globaler Raum werden: Welches Recht gilt bei Konflikten mit chinesischen Geschäftspartnern und wie kann es durchgesetzt werden?

  • Wer ist bei Rechtsverletzungen verantwortlich: Der Nutzer, Plattformbetreiber oder Anbieter? Oder gelten internationale Vereinbarungen?
  • Im Metaverse entstehen Werte digitaler Assets: Wem gehören sie, und wie können diese Werte rechtlich geschützt und verteidigt werden?
  • Die virtuellen Abbilder der NutzerInnen (Avatare) bewegen sich, kommunizieren und interagieren frei im Raum: Wie kann ich mir sicher sein, dass der Avatar, mit dem ich sensible Themen bespreche, auch wirklich die Person ist, für die sie sich ausgibt? Wie können Manipulationen, beispielsweise durch Deep Fakes, verhindert werden?
  • Die NutzerInnen können im Metaverse selbst Masseninhalte erstellen: Wer hat eine Berechtigung für den Zugang und die Nutzung?
  • Die TeilnehmerInnen agieren in fremden digitalen Räumen: Gibt es ein digitales Hausrecht bei einem nicht genehmigten Betreten?
  • Im Metaverse werden Blockchain, Non-fungible Token (NFT) und Künstliche Intelligenz (KI) zum Einsatz kommen: Welche rechtlichen Implikationen sind hier zu beachten?

To-Do für deutsche Marken: Sich jetzt vorbereiten


China ist dabei, in der sich schnell entwickelnden Metaverse-Industrie proaktiv strategische Positionen abzustecken, Raum zu besetzen und eigene Standards zu etablieren, um beim Übergang in das neue virtuelle Ökosystem First-Mover-Vorteile nutzen zu können. Die Blockchain, der digitale Yuan und nicht-fungible Token (NFT) werden als Katalysatoren wirken, ebenso der weitere Ausbau von 5G, die Entwicklung von 6G und die ständig wachsende Infrastruktur der Digitalen Seidenstraße. Dass die chinesische Regierung das Metaversum ebenso wie die Realwirtschaft kontrollieren wird, gilt als ausgemacht. Die KPCh wird es nicht zulassen, dass eine Parallelwelt entsteht, in der ihre Macht untergraben werden könnte. Zumindest in China, es wird aber ein separates Metaverse für das Ausland geben - so wie bei Douyin, das als separate Plattform TikTok auch Ausländern zur Verfügung steht, aber nicht mit der chinesischen Version verknüpft ist.

Wir empfehlen deutschen Unternehmen, das Metaverse als Metapher für ihre digitale Transformation zu betrachten und als Übungsraum für die Digitalwirtschaft zu nutzen. Sie sollten eine Task Force bilden, betroffene Bereiche und MitarbeiterInnen integrieren und verschiedene Zukunftsthemen zusammenführen. Dadurch können sie mit einem überschaubaren Aufwand neue Fragen entwickeln und bearbeiten. Am Anfang sollte immer die Frage nach konkreten Anwendungsfällen und dem durch Metaverse-Applikationen generierbaren Mehrwert stehen. Danach müssen klare Ziele definiert, Strategie und Konzepte entwickelt und kompetente Rechts- und Technik-Partner für die Umsetzung gefunden werden.


iBusiness-Autor Dr. Hans Joachim Fuchs ist Geschäftsführender Gesellschafter der CHINABRAND IP CONSULTING GMBH  
in München
Thema: Chinas Weg ins Metaversum - Was Deutschland sich abschauen muss

Kommentar von Sebastian Halm

Stärken sind da, Geld und Daten fehlen

Die einen haben mehr Geld, die anderen sind autoritär: Deutschland hat mächtige Konkurrenz aus Ost und West in Sachen Metaversum.

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iBusiness-Analyst Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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