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Strategiewechsel: Quelle will vom Versender zum Online-Marktplatz mutieren
15.09.2008 Eine Ära neigt sich seinem Ende zu. Das traditionsreiche Versandhaus Quelle sieht seine einzige Überlebenschance in einem grundlegenden Paradigmenwechsel seines Geschäftsmodells und will zum Online-Marktplatz umschulen. Der Katalog wird drastisch reduziert, externe Partner sollen einen Großteil des Sortimentes abdecken und das Stationärgeschäft auf ein Minimum reduziert. Agenturen und Dienstleister dürfen sich freuen, denn für sie wird es bei der Quelle sicherlich viele Aufträge geben.
Doch Quelle soll nicht einfach nur Deutschlands größter Online-Shop werden, sondern ein Online-Marktplatz im Stile von Amazon , Neckermann und Ebay . Dazu möchte er das Angebot künftig mit bis zu 50 Prozent "Quelle-fremden Sortimentsartikel" bestücken, skizzierte Sommer im Interview die Zukunft. Er bezeichnet den Strategiewechsel als die "wahrscheinlich größten Umwälzung ihrer Geschichte".
Sommer begründet den Strategiewechsel mit einer grundlegenden Verschiebung der Erlöskanäle. "Der Anteil des Internetgeschäftes, der heute bei 40 Prozent liegt, wird in wenigen Jahren zwei Drittel erreichen.". Künftig würden sowohl der stationäre Handel - die Quelle Technik-Center- und als auch die Kataloge als Vertriebswege an Bedeutung verlieren. Denn das Kataloggeschäft verzeichne jährlich einen Umsatzrückgang von fünf bis zehn Prozent. "Das Big Book der Quelle ist jedenfalls tot", ist Martin Groß-Albenhausen`, Versandhandels-Experte und Chefredakteur des Branchendienstes Versandhausberater , überzeugt. Dies sei "keine Spekulation, sondern pure Arithmetik". Indem die Quelle das Kataloggeschäft zurückfahre, lasse sich der normale Adressschwund auf Grund der geringeren Neukundenquote für Kataloge nicht mehr ausgleichen. Dies führe unausweichlich zu einem Abschmelzen der Nachfrage und damit auch des Seitenumfangs des 'Restkataloges'. "Good Wiederbuy", merkt Groß-Albenhausen lakonisch im Gespräch mit iBusiness an.
Jedenfalls deuten Sommers Worte in diese Richtung. Bis zu einem Drittel des bisherigen Quelle-Sortiments stehe auf den Prüfstand. "Warengruppen, die wir nicht rentabel anbieten, führen wir in der heutigen Form nicht weiter", so Sommer. Statt dessen sollen sogar Artikel der externen Marktplatzteilnehmer in den Katalog integriert werden.
Im Rahmen der strategischen Neupositionierung kündigte Sommer zudem weitere Verluste von Arbeitsplätzen an. Insgesamt hat die Versandhandelssparte Primondo rund 4.500 Arbeitsplätze vornehmlich im Dienstleistungsbereich abgebaut. "Wenn künftig ein Teil des Quelle-Sortiments nicht mehr von uns betrieben wird, kann das nicht ohne personelle Anpassungen beispielsweise im Einkauf geschehen", argumentiert Sommer. Auch von den 120 stationären Quelle-Technik-Centern, sei mit weiteren Schließungen zu rechnen, da Quelle über diesen Kanal "hohe Millionenverluste" einfahre.
Innerhalb der Versenderbranche stößt die Neupositionierung von Aufsichtsratschef Sommer kaum auf Überraschung. Wie Arthur Cichos-Clark , Unternehmensberater und Leiter der Xing-Gruppe 'Versandhandel' anmerkt, sei in Branchenkreisen schon länger intensiv diskutiert worden, dass sich bei Quelle etwas grundlegend ändern müsse. "Also eigentlich keine Überraschung", ergänzt er gegenüber iBusiness.
Auch der ein oder andere Multimedia-Dienstleister reibt sich vergnügt die Hände und hofft, dass auch für ihn beim Strategiewechsel der Quelle ein Stückchen vom Interaktiv-Kuchen abfällt. "Wir sind bestens aufgestellt, um die Quelle bei ihrer neuen Online-Strategie zu unterstützen und freuen uns, diesem Traditionshaus mit unserem Know-how unter die Arme greifen zu können", sagt Andreas Schwend , Managing Partner von dmc digital media center im Gespräch mit iBusiness.
Zu einem klaren Urteil kommt auch Laurent Burdin , Geschäftsführer Beratung von SinnerSchrader : "Der Konsument hat entschieden: online geht vor offline, Web vor Print, Webshop vor Katalog. Der Strategiewechsel von Quelle ist so gesehen richtig und auch mutig. Quelle braucht jetzt einen langen Atem für das neue Geschäftsmodell und ein gutes Verständnis der interaktiven Konsumentin".
Quelle ist bislang der erste Universalversender, der offen seine Abkehr vom Katalog im deutschen Markt bekannt gibt. Denn bereits vor drei Jahren war Neckermann.de, damals noch eine Tochter der KarstadtQuelle AG die heute Arcandor heißt, mit dem selben Ziel wie jetzt Quelle angetreten: Deutschlands größtes Internetkaufhaus zu werden. Doch bislang hat sich auch Neckermann nicht von seinem Hauptkatalog trennen wollen oder können. Zaghafte Ansätze hat der Frankfurter Versender jetzt in der Schweiz unternommen und auf den dicken Hauptkatalog verzichtet, wie iBusiness berichtete.
