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Tablet-Publishing: Wie Apps in Zukunft aussehen

von sr

11.08.2011 Viele Apps für iPad & Co. vergraulen Nutzer, da sie schlichtweg unbedienbar sind. Das liegt daran, dass sich im jungen Tablet-Markt noch kein Design-Standard durchgesetzt hat. Das wird aber in den nächsten Monaten passieren. Und es ist bereits absehbar, welche Usability-Regeln dann gelten werden.

 (Bild: Net-a-Porter)
Bild: Net-a-Porter
 (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Auch was Onlineshopping betrifft. Deswegen erwarte ich beispielsweise, dass Onlineshops spürbar günstiger sind als stationäre Einzelhändler, eine deutlich größere Produktauswahl anbieten und virtuelle Store-Frontends kinderleicht bedienbar sind. Navigationsleisten gehören daher an den linken Seitenrand, die Suchmaske mittig an den Seitenkopf und das Impressum an das Seitenende. So sind es Internetnutzer schließlich gewöhnt. Doch auf Tablets ist alles anders. Doch leider nicht gerade besser.

Tatsächlich ist es eine wahre Qual, auf dem iPad   online einzukaufen. Wer dazu nämlich eine Shopping-App nutzen möchte, gibt in der Regel schnell auf. Vor allem, wenn man eine Anwendung zum ersten Mal startet. Denn aktuell gehorcht nahezu jede native iPad-App anderen Usability-Regeln. Ein Wildwuchs, der auch bei immer mehr Tablet-Apps für das Google  -Betriebssystem Android   zu beobachten ist. Obwohl der Tablet-Wildwuchs auf dem iPad aktuell sicherlich die seltsamsten Blüten treibt.

Der Amazon Windowshop   beispielsweise lässt Nutzer auf Sortimentsübersichtsseiten ('Bücher') sowohl seitlich als auch nach unten scrollen - ohne dass sich erschließt, warum das eigentlich so ist. Das Tablet-Magazin   von Asos   wiederum besticht zwar im ersten Moment durch hübsche Hochglanzfotos. Zum Content passende Produkte zeigen sich aber erst, wenn Nutzer die Visuals nach oben schieben - obwohl doch wichtige Informationen auf Anhieb - im Usability-Sprech "above the fold" genannt - zu sehen sein sollten.

Das alles aber ist noch nichts im Vergleich zur aktuellen iPad App   von La Redoute  . Hier wechseln Nutzer nämlich ständig zwischen Onlineshop und interaktivem Blätter-Katalog - je nachdem, wie der Tablet-PC gehalten wird. Eine schlüssige Begründung für dieses Flipover-Konzept   sucht man allerdings vergebens. Ausgenommen natürlich die Tatsache, dass Tablets über einen Lagesensor verfügen und solche Konzepte damit technisch möglich sind. Was die Fantasie vieler Kreativ-Chefs zu kitzeln scheint.

"Tablet-PCs verführen dazu, dass Marketing-Verantwortliche ihre wildesten Ideen ausleben", bemerkt zumindest André Morys , Gründer der auf Conversion-Optimierung spezialisierten Agentur Web Arts  . "Wo kleine Smartphone-Screens noch eine Reduktion auf das Wesentliche erzwingen, ist bei Tablet-Apps plötzlich alles möglich."

Reality-Check: Die meisten Tablet-Apps gleichen Usability-Wüsten

Der Design-Wildwuchs führt allerdings zunehmend dazu, dass Nutzer eine Navigation schlichtweg nicht verstehen und Apps entnervt von ihrem Tablet schmeißen. Zu diesem Fazit kommt jedenfalls die aktuelle Studie Usability of iPad Apps   der auf Usability-Forschung spezialisierten Nielsen Norman Group   (kostenloser PDF-Download  ).

 (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot

Das ernüchternde Fazit der Untersuchung: Zwar sind Anwendungen größtenteils für eine Bedienung mit dem Finger optimiert und daher Buttons beispielsweise so groß, dass sie sich auch einfach mit dem Zeigefinger treffen lassen. Da sich allerdings die Navigationsmuster von App zu App immer wieder stark unterscheiden, verlieren Nutzer schnell die Übersicht - schließlich finden sich in den meisten Apps klassische Bedienelemente wie Home-Button oder Suchmaske nicht an den von Websites gewohnten Stellen - wenn es sie überhaupt gibt.

Frustrierte Tablet-Nutzer können sich aber weder Online-Publisher noch Shopbetreiber leisten. Gut daher, dass sich auch auf Tablets langfristig bestimmte Designstandards durchsetzen werden - während andere Navigationskonzepte wieder in der Versenkung verschwinden. So wie sich eben auch beim klassischen Webdesign gewisse De-facto-Standards etabliert haben. Übernehmen lassen sich Web-Standards aber nur bedingt. Schließlich handelt es sich bei Tablets um ein junges Medium, bei dem aktuell mindestens sechs Faktoren das Screen-Design von Anwendungen beeinflussen:

  1. Bewährte Designkonzepte:
    Fast zwei Jahrzehnte Internet lassen sich auch auf neuen Medien wie Tablet-PCs nicht leugnen. Die Käufer von iPad & Co. sind also prinzipiell gewohnt, dass sich Navigationselemente entweder am Seitenkopf befinden oder am linken Seitenrand. Dort erwarten Nutzer daher prinzipiell auch andere Standardfeatures wie Home-Button oder Suchmaske.
  2. Rechtliche Vorgaben:
    Das Telemediengesetz   beispielsweise verlangt natürlich auch bei Tablet-Apps, dass der Hinweis auf ein Impressum "leicht erkennbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar" ist. Links zu Impressum, AGB und Datenschutzbestimmungen müssen zudem sofort als solche erkennbar sein ('sprechende Links').
  3. Nutzungssituation(en):
    Einen Einfluss auf das Screendesign hat natürlich auch, wo Verbraucher ein Endgerät nutzen. So hat der Desktop-PC seinen festen Platz am Schreibtisch, während das iPad vorwiegend zum Surfen auf dem Sofa verwendet wird. Ein mobiles Endgerät sind Tablets damit allerdings nicht, weswegen sich Gestaltungsmuster von Smartphone-Apps kaum klonen lassen.
  4. Angebote von First Movern:
    Der Mensch ist nicht nur ein Gewohnheitstier, er lernt zudem noch schnell. Gerade Apps von First Movern können daher das Screendesign künftiger Angebote prägen - schließlich finden sich Nutzer in bewährten Mustern besser zurecht. Kein Wunder also, dass die iPad-App von Amazon unter einigen Tablet-Experten bereits als Quasi-Standard für Shopping-Apps gilt.

  5. Technische Feinheiten:
    Tablets verfügen über Features wie Lagesensoren oder GPS, die sich - mehr oder weniger sinnvoll - in Anwendungen integrieren lassen. Dazu haben Tablets die Besonderheit, dass sich Inhalte sowohl im Quer- als auch im Hochformat abrufen lassen. Auch das ist ein Punkt, der beim Screendesign zu beachten ist.
  6. Design-Vorgaben der Hersteller:
    Wer eine App entwickelt, muss sich an bestimmte Vorgaben halten. Sonst werden Anwendungen entweder nicht freigegeben (Apple  ) oder von Nutzern verschmäht (Android  ). Designvorgaben liefern beispielsweise die iOS Human Interface Guidelines   oder die Android User Interface Guidelines  .

Wenn man nun all diese Faktoren berücksichtigt, lässt sich bereits mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen, in welche Richtung sich das App-Design in Zukunft entwickeln wird. Nicht zuletzt, da Publisher und Shopbetreiber ihre Apps ohnehin für dasselbe Format optimieren müssen wie ihre alt bekannten Websites.

App-Design: Querformat schlägt Hochformat

Zwar lassen sich Apps und Websites auf Tablets sowohl im breiten Quer- als auch im schmalen Hochformat abrufen. Allerdings kristallisiert sich zunehmend heraus, dass die meisten Nutzer ihr Tablet im breiten Querformat   verwenden.

 (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot

"Perspektivisch gibt es eine Erziehung in Richtung Querformat, das letztlich doch mehr Vorteile für den Nutzer bietet", weiß auch Johannes Ehrlich , Senior Interaction Designer der Online-Marketing-Agentur Mindbox   . "Die Usability ist im Querformat einfach besser, weil mehr Funktionen abbildbar sind."

Bei Seiten im Querformat liegt es zudem auf der Hand, Navigationsleisten entweder oben oder links zu platzieren - schließlich sind Nutzer dieses Bild gewöhnt. Bei Apps gibt es daher keinen Grund, warum man plötzlich auf dieses bewährte Designmuster verzichten sollte.

Eine Leiste am linken Seitenrand wird sich aber wohl nicht durchsetzen können. Wenn sich nämlich zentrale Navigationselemente am linken Rand befinden, tippen Nutzer unter Umständen aus Versehen auf die Buttons - schließlich müssen sie ihr Tablet ja beim Surfen an den Seiten mit den Händen halten.

"Aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit ist die Leiste oben sinnvoller", argumentiert auch Katja Brand-Sassen , Senior Usability-Consultant bei eResult   . Wenig sinnvoll erscheint ihr zudem, Navigationsleisten künftig am Seitenende zu platzieren - auch wenn das bei Smartphone-Apps durchaus üblich ist. "Bedenkt man häufige Nutzungssituationen der Tablet-PCs - auf dem Sofa sitzend, das iPad auf den Knien liegend - dann wird es auch schwierig, eine untere Navigationsleiste zu bedienen."

 (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot

Vielleicht aber ist es auch gar nicht unbedingt nötig, Navigationsleisten von vornherein - wie bei Websites - vollständig einzublenden. In der iPad App von eBay   beispielsweise öffnet sich die gewohnte Kategorienübersicht in einem Extra-Fenster, wenn Nutzer am Seitenkopf auf den Menüpunkt 'Stöbern' tippen. Auf diese Weise erreichen Publisher, dass der Tablet-Screen nicht durch eine kleinteilige Navigationsleiste überfrachtet wird.

"Bei Tablet-Apps sollte immer der gesamte Screen für den relevanten Inhalt genutzt werden", empfiehlt Mindbox-Designer Ehrlich. Geräte-Hersteller wie Apple raten zudem explizit dazu, dass App-Entwickler solche Popover-Fenster   in Anwendungen verwenden sollen.

Allerdings gehört auch in eine verkürzte Navigationsleiste ein Home-Button. Dieser wird künftig auch in Apps standardmäßig am linken oberen Seitenrand zu finden sein. Schließlich sind Nutzer das ebenfalls vom jahrelangen Surfen auf Websites gewohnt.

Kein Wunder also, dass First Mover wie Amazon   oder eBay   den Home-Button in ihren Apps links oben platzieren. Nicht durchsetzen wird sich allerdings ein Button mit dem Vermerk 'Startseite' oder ein Unternehmenslogo als Hometaste. Diesen Schluss legen zumindest die Developer-Guidelines der Tablet-Hersteller nahe.

Design-Trend: Die Lupe wird die neue Suche

Ein zentraler Aspekt der iOS Developer Guidelines ist beispielsweise, dass Entwickler nach Möglichkeit mit grafischen Metaphern   arbeiten sollen. Aus diesem Grund erinnert der von Apple entwickelte iBooks Store   optisch an ein Bücherregal. Für den Home-Button reicht daher künftig das Miniaturbild eines Hauses, was in ersten Apps bereits verwendet wird. Schließlich ist diese Grafik selbsterklärend und spart zusätzlich wertvollen Platz, den sonst ein Button der Marke 'Hometaste' aufbrauchen würde. Ein Unternehmenslogo spart zwar auch Platz. Die Nielsen-Studie zeigt aber, dass Nutzer ein Logo nicht als Hometaste erkennen.

Selbsterklärend ist dagegen das Symbol einer Lupe. Es reicht damit künftig in Apps völlig aus, eine Mini-Lupe in der horizontalen Navigationsleiste zu platzieren, um auf eine Suchfunktion hinzuweisen. Beim Klick darauf kann sich dann das Suchformular ebenfalls in einem Extra-Fenster öffnen. Auf diese Weise lässt sich erneut Platz einsparen, dazu kommen Lupengrafiken den Wünschen der Hardware-Hersteller und AppStore-Betreiber nach selbsterklärenden Steuerungselementen entgegen.

Auf eine Suchfunktion verzichten sollten Publisher und Shopbetreiber übrigens nie - auch wenn Tippen auf einer Touchscreen-Tastatur nur bedingt Spaß macht und Nutzer daher in Apps lieber stöbern als gezielt einkaufen. Die Lust am Stöbern verfliegt aber schnell, wenn sich Nutzern nicht erschließt, wie man erfolgreich durch das Sortiment navigiert. In der Windowshop-App von Amazon fehlen daher beispielsweise Hinweise in Form von Pfeiltasten, um Nutzern überhaupt erst einmal zu veranschaulichen, dass man sowohl horizontal als auch vertikal durch das Sortiment scrollen kann.

Nutzerführung: Blättern wird das neue Scrollen

Ein anderes Navigationskonzept verfolgt dagegen ShopStyle   bei seiner iPad-App. Hier können sich Nutzer zunächst durch einzelne Kategorien klicken, die auf dem Homescreen abgebildet sind. In den einzelnen Rubriken dann ('Stiefel') lassen sich Produktsortimente nur noch horizontal von rechts nach links durchwühlen - obwohl Nutzer in klassischen Onlineshops für gewöhnlich von oben nach unten durch Produktlisten scrollen.

 (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot

Es sprechen allerdings zwei Dinge dafür, dass sich auf Tablet-PCs horizontales Scrollen durchsetzen wird. Zum einen sind Nutzer es von Zeitschriften und Magazinen gewohnt, von rechts nach links durch Content zu blättern. Zum anderen verwendet etwa Apple bereits bei seiner hauseigenen App für iTunes   und im AppStore eine horizontale Scroll-Leiste, um Nutzer durch das umfangreiche Angebot an Songs und Software zu führen. Nutzer blättern damit durch Anwendungen, die auf jedem iPad vorinstalliert sind und daher die Tablet-Nutzung entscheidend prägen.

Auf Anhieb erschließen sich aber auch solche Blätter-Konzepte nicht. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass in den Apple-Apps an den Seiten jeweils Pfeiltasten zum Vor- und Zurückblättern angezeigt werden. Solche Navigationshilfen fehlen momentan noch in der ShopStyle-App. Laut einer Usability-Studie    von eResult übersehen Nutzer in der App daher immer wieder einzelne Funktionen  .

Screen-Design: Recht schlägt Kreativität

Ebenfalls auf den ersten Blick ersichtlich sein muss der Hinweis auf ein Impressum und gebenenfalls der Link zu AGB und Datenschutzbestimmungen. Bislang allerdings begnügen sich Publisher und Händler in der Regel damit, diese Informationen hinter einem Button mit der Bezeichnung 'i' (Information) zu bündeln. Das sieht zwar hübsch aus, ist allerdings nicht rechtssicher.

 (Bild: Screenshot)
Bild: Screenshot

Da der Gesetzgeber auch in Apps jederzeit einen sofort erkennbaren Link zum Impressum verlangt, sind viele Publisher aktuell sogar abmahngefährdet. "Der unter einem nicht aussagekräftigen Zeichen mögliche Link auf das Impressum genügt nicht", hat bereits das OLG Hamm   in einem Urteil entschieden   (Az.: I-4 U 225/09).

In der iPad-App von Merchandising-Spezialist CloseUp   finden Verbraucher daher auf jeder Seite am unteren Seitenrand sprechende Links zu AGB, Datenschutz, Widerrufsrecht und Impressum. Das alles sieht zwar grafisch nicht gerade spektakulär aus, gehört aber künftig in jede Tablet-App. Vorzugsweise mittig am unteren Seitenrand, damit Nutzer nicht aus Versehen auf das Impressum tippen, wenn sie ihr Tablet an den Seiten halten.

Sparen können sich Publisher dagegen künftig kurze Usability-Guides, die Erstanwendern die krude Nutzerführung ihrer App beim ersten Start erklären sollen. Das nervt nämlich nur.

"Tablet-Nutzer möchten nicht erst einen Guide durchwühlen, sondern direkt loslegen", warnt die auf App-Design spezialisierte Grafikern Kira Song von der Agentur AppAdvisors  . Und wenn Publisher und Shopbetreiber kommende Designstandards beachten, finden sich Nutzer ohnehin in einer App zurecht. Vorausgesetzt, dass sich Suchmaske, Navigationsleiste und Home-Button an den gewohnten Stellen befinden. Schließlich sind auch Tablet-Nutzer nur Gewohnheitstiere.

Thema: Tablet-Publishing: Wie Apps in Zukunft aussehen

Kommentar von sr

Kampf den Usability-Wüsten

Wirre Nutzerführung und schlechtes Screen-Design: Die meisten Apps für Tablet-PCs sind alles andere als einfach zu bedienen. Dabei lässt sich eine gute User Experience vergleichsweise einfach erreichen, wenn Publisher auf bewährte Web-Standards setzen. Wobei sich dann aber wiederum die Frage stellt, wozu man überhaupt noch eine App braucht.

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 (Boris Giesl)
Bild: Boris Giesl
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