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Die Zukunft des Trolls: Was man gegen ihn tut. Wann er ausstirbt.

30.08.2013 Blogger schalten ihre Kommentarfunktion ab, Social-Media-Nutzer verzichten entnervt auf Diskussionen: Destruktiv-Kommentatoren - Trolle - treiben ihr Schindluder im Social Web. Ein Übergangsphänomen? Oder etwas, womit die Netzgemeinde leben muss? Ein Blick in die Troll-Psychologie erhellt die Perspektiven. Und sagt, was Publisher heute gegen sie unternehmen können.

 (Bild: Kaemte / pixelio.de)
Bild: Kaemte / PIXELIO
Wenn Trolle die Kommentare behindern (Bild: Georg Schemainsky / pixelio.de)
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Wenn Trolle die Kommentare behindern

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Die iBusiness-Handlungsmatrix zeigt, wie langfristig die vorgestellten Aufgaben angegangen werden müssen.
Nach der nordischen Mythologie des vierten Jahrhunderts nach Christus hausen die Trolle, schadenbringende Riesen in Utgard. Nach der Internet-Mythologie des 20. Jahrhunderts hausen die digitalen Trolle in Kommentarspalten und Foren, in Social Networks und Blogs.

Während laut Mythologie die nordischen Trolle zu Stein erstarren, wenn sie das Sonnenlicht erfasst, hilft dies bei digitalen Trollen wenig. Auch andere Maßnahmen sind ob ihrer Nützlichkeit fraglich: Ob die Huffington Post   beispielsweise mit ihrer ab Mitte September 2013 geplanten Einführung der Klarnamenpflicht bei ihrer Kommentarfunktion das Thema destruktiver Kommentare durch Trolle in den Griff bekommen wird, ist ungewiss.

Zwar werden dann weniger Trolle sichtbar, aber zugleich werde auch nachweislich die Beteiligung an Diskussionen weniger werden, wie Alex Buchanan vom Social Media Competence Center   bestätigt. Zudem sei die Pro-Klarnamen-Position besonders unter dem Eindruck der gegenwärtigen Enthüllungen im Rahmen der NSA-Aktivitäten eher schwierig zu vertreten.

So glaubt Buchanan, dass unter der Maßgabe einer sich künftig immer weiter entwickelnden Mitmachkultur im Social Web, auch gesellschaftlich wie politisch relevante Entscheidungen getroffen werden könnten, etwa durch Wahlen und Volksabstimmungen. Hierzu benötigen wir zukünftig Systeme, "die den Sender einer Nachricht gleichzeitig einwandfrei identifizieren und anonymisieren können". In diese Richtung weist beispielsweise das Angebot von Disqus  , sich unter Klarnamen zu registrieren, aber unter Pseudonym zu diskutieren. Der Nachteil, so Buchanan: "Das Trollen geht weiter, weil ich eben doch nach außen hin anonym bin."

Immerhin lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Pseudonyme offenbar in hohem Maße genutzt werden: So kommt eine Studie von Disqus zu dem Ergebnis, dass der größte Anteil von Kommentaren über Pseudonyme erfolgt. Zudem kommentieren Nutzer unter Pseudonym auch mit höherer Frequenz - 6,5-mal mehr als die anonymen Kommentatoren.

Alex Buchanan, Social Media Competence Center


Für Buchanan steht fest: Den Nutzern sollte weiterhin erlaubt sein, anonym UND mit Klarnamen zu diskutieren. "Jeder sollte die Wahl haben, ob er gerne seinen Namen zusammen mit seiner Meinung irgendwo veröffentlichen möchte." Denn der Wille, anonym zu bleiben, könne verschiedene Gründe haben: Parteizugehörigkeit, bestimmter Beruf, Einwohner eines bestimmten Landes etc. Wer in einem undemokratischen Land lebt und seine Meinung äußert, möchte unter Umständen nicht, dass er Repressalien ausgesetzt ist. Wer sich in Sex-Foren tummelt oder auf Facebook kruden Hobbies nachgeht, will vielleicht nicht, dass diese an seinem Arbeitsplatz bekannt werden.

Die psychologische Dimension der Trolle

Aber die mögliche Anonymität des Internet dient eben auch als Deckmantel für die Trolle, die im Schutz der Anonymität ihr anderes, düsteres Ich im Netz zeigen. Der Psychologe John Suler von der Rider University   in New Jersey sprach schon 2004 in dem Beitrag "The Psychology of Cyberspace"   in diesem Zusammenhang von der "toxischen Enthemmung". Der Zustand der Anonymität ermutige Menschen zu Äußerungen, die sie in der realen Welt nie sagen würden.

Laut Suler fühlt sich der Mensch über den Computerbildschirm in einer Art Schutzzone. Hemmungen, wie unsichere Stimme oder die Physiognomie, die im realen menschlichen Umgang eine Rolle spielen, entfallen. Auch die gesellschaftliche Stellung hat keine Bedeutung.

Hinzu kommt eine gehörige Portion Narzissmus, die den Troll antreibt. Lust an der öffentlichen Darstellung, die ihn für eine kurze Zeit in den Mittelpunkt hebt, wie die Infografik   "The Psychology of an Internet Troll" verdeutlicht:
The Psychology of an Internet Troll

Für diesen Aufmerksamkeits-Kick reicht es ihm, in den Mantel der Anonymität gehüllt zu sein. Das Bedürfnis zu stören, genügt ihm als Motivation.

Experiment: Augenkontakt reduziert die provozierenden Kommentare

Ist aber die Anonymität des Netzes aufgehoben, verändert sich das Verhalten drastisch, wie Forscher der Universität Haifa   im Fachmagazin Computers in Human Behavior   über ein einschlägiges Experiment berichten  : Die Forscher ließen 142 Studenten paarweise via Internet-Messenger über ein kontroverses Thema diskutieren. Mal blieben die Versuchsteilnehmer anonym und unsichtbar, mal wurden sie einander mit Namen und persönlichen Daten vorgestellt. Das Ergebnis: Beim direkten Blickkontakt verringerte sich die Anzahl der respektlosen und polemischen Kommentare deutlich und verbesserte die Atmosphäre mehr als alle anderen Einflussfaktoren. Sulers Erklärung: "In verschiedenen Medien präsentieren Menschen verschiedene Seiten ihrer Identität".

Mehr noch: Laut einer Troll-Studie   der US-amerikanischen Northwestern University  , können sich Internetnutzer "an ihrer Anonymität im gleichen Maße berauschen, wie das etwa mit Alkohol oder durch Machtausübung geschehen kann". Die enthemmende Wirkung sei psychologisch und neurologisch durchaus vergleichbar, so die Psychologen Jacob B. Hirsh und Adam Galinsky

Die gemischte Gruppe der Trolle

Und das betrifft eine relativ heterogene Gruppe, wie die Forscherin Claire Hardakervon der Lancaster University   erzählt. Die Vorstellung, dass es sich bei den Online-Trollen überwiegend um Männer im finalen Teeniealter oder in den frühen Twenties handelt, sei nicht zutreffend. Auch Frauen in im Alter von über 30 Jahren oder Männer der 60plus-Generation wurden bereits als Trolle ausgemacht.

Die Bandbreite ihrer Motive reiche von reiner Langeweile bis zur Rache. Für Hardaker ist klar, dass es vor allem bestimmte Merkmale sind, nach denen Trolle ihre Opfer auswählen: "Wenn du muslimisch bist, ist der Angriff islamfeindlich, wenn du schwul bist, ist er homosexuellenfeindlich, wenn du eine Frau bist, ist er frauenfeindlich". Und letztere seien in besonderer Weise von Troll-Attacken betroffen.


Fünf Maßnahmen gegen die Trollerei:
  1. Löschen: Insbesondere wenn es sich um strafbare Aussagen wie Beleidigungen oder Volksverhetzungen handelt, dann besteht gar eine Pflicht zu Löschen. Wenn nicht, läuft man als Blogbetreiber Gefahr in Mitstörerhaftung zu geraten. Legitim ist das Löschen auch, wenn es sich um einen dauerhaften Störer einer Diskussion handelt. Mitdiskutanten fordern dies auch mitunter vom Site-Betreiber ein. Werden Blogs moderiert, können offensichtliche Trollbeiträge auch gleich auf den Index kommen. Quelle: Alexander Schestag

  2. Don'feed the troll: Ignorieren und gar nicht drauf eingehen gilt als das effektivste Mittel, um dem Troll die Lust am Stören zu nehmen. Schon wenn sie merken, dass niemand auf sie eingeht, vergeht ihnen schnell die Lust. Machen sie dennoch weiter, bleibt noch das Löschen und der Ausschluss durch die Moderation, denn für eine konstruktive Diskussion sind Trollbeiträge wertlos. Quelle: A. Schestag

  3. Klarnamenpflicht: Dies wird von einigen Experten nicht als effektiv angesehen, weil es auch genügend Fälle von Trollerei unter Klarnamen gibt. Außerdem: Wenn nur ein Vor- und Zuname angegeben werden muss, um Beiträge zu verfassen, können Trolle einfach einen Klarnamen erfinden oder sie können bei der Registrierung gleich mehrere Accounts erstellen. Quelle: A. Schestag / Sarah Weidner

  4. Paradoxe Intervention: Ein grundlegender Ansatz in der Psychologie. Hier verordnet ein Therapeut gezielt Handlungen, welche gegenteilig zum erreichenden Ziel stehen. Wenn die Community oder die Einzelperson die Rolle des intervenierenden Systems einnimmt und den Troll lobt und seine Beiträge für konstruktiv befindet, könnte es also passieren, dass der Troll es unterlässt, Trollkommentare zu verfassen, da die übrigen User nicht so reagieren, wie er es wünscht.
    Ob diese Strategie einen Lernprozess oder gar einen Lernerfolg auslösen kann, muss in der Zukunft wissenschaftlich untersucht werden. Quelle: Sarah Weidner

  5. Melde-Button: Kann sich als geeignete Prävention herausstellen, um so größere Troll-Attacken im Vorfeld abzuwürgen.

  6. Netiquette: Um eine eigene Guideline für die Qualität von Kommentaren aufzustellen nutzen die meisten Onlinemedien eine Netiquette. Darin ermuntern sie die Nutzer ausdrücklich sich an einer facettenreichen Diskussion zu beteiligen, machen zugleich aber auch deutlich, dass es einige Regeln gibt, die fundamental beim Verfassen von Kommentaren beachtet werden sollten. So erwartet beispielsweise Zeit Online   von den Kommentatoren einen "freundlichen, respektvollen Umgangston" und weist ausdrücklich darauf hin: "Lassen Sie sich nicht auf Provokationen anderer Nutzer ein".

Löschen der Troll-Kommentare als letzter Ausweg

Trolle sind nicht neu, macht Marketing- und PR-Berater   Mathias Priebe klar. Stinkefinger habe es auch vor Social Media gegeben. Wer jemals an einer Service-Hotline gearbeitet hat, könne das bestätigen. Der Unterschied in Foren und Blogs sei allerdings, "dass die verbalen Attacken nachlesbar sind."

Mathias Priebe, Marketing- und PR-Berater


Das Internet als Medium begünstigt das Trollen, "da hier der Zugang zu verschiedenen Diskussionen sehr leicht ist und Beiträge schnell verbreitet werden können", bestätigt auch Sarah Weidner vom Institut für Informationswissenschaft und Sprachtechnologie der Uni Düsseldorf   Unter Umständen könne anonym getrollt werden, jedoch sei dies nicht zwingend der Fall, da einige Trolle durchaus ihre Klarnamen beim Trollen verwenden.

Welche Maßnahmen sich nun im Einzelnen eignen, um gegen die Trollflut einzuschreiten, hängt unter anderem auch von der Zielgruppe der jeweiligen Website oder des Forums ab. Für Timur Celikkesen, Gründer von Gamingjunkies.de   ist es beispielsweise sinnvoll, die Trolle mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und dabei vor allem Humor als richtige Umgangsform einzusetzen. Denn: "Ein konsequenter Ausschluss von Trollen oder ihren Kommentaren wird auch von den anderen Nutzern meist als Zensur empfunden. Daher ist ein offener Umgang, der für alle einsehbar ist, besonders wichtig", betont Celikkesen. So könne mittel- und langfristig die Kultur der hauseigenen Community zu einem ausgewogenen Umgang mit Trollen führen.

Je nach der Schwere der Attacke reiche die Bandbreite der Reaktionen von ignorieren, mit Humor nehmen, über geschickt kontern bis zu Kommentar einfach löschen. "Das sollte nur der letzte Ausweg sein", ist Priebe überzeugt. Denn Trolle entlarven sich meist selbst und es sei "immer hilfreich, andere Nutzer einzubeziehen, etwa mit einer Frage: 'Wie denken Sie über die Einlassungen von XYZ?'"
Bei offensichtlich bösartigen Kommentaren, "den Nutzer ausblenden und anschließend im Kommentarfeld einen kurzen Beitrag an ihn richten und die Löschung/das Ausblenden erklären", schlägt Moritz Jäger von Venture Pursuit PR   vor: "Bitte entschuldige, aber deine Wortwahl passt hier so gar nicht rein".

Anders argumentiert der Social-Media-Experte: "Die einzige Maßnahme zur Bekämpfung von Troll-Kommentaren", argumentiert Buchanan, wäre eine "Beitrag-melden-Option, die ab einer bestimmten Anzahl von Meldungen den Kommentar ausblendet." Somit hätte man die "Masse als reinigendes System eingesetzt", das funktioniere bei Facebook auch. Einzelne Foren arbeiten erfolgreich mit solchen 'Troll-Punkten', die Nutzer oder Beiträge automatisch oder manuell sperren.

Und dies wird wohl auch beim Kurznachrichtendienst Twitter   so funktionieren: Die jüngste Debatte um die britische Labour-Abgeordnete Stella Creasy, der über Twitter Vergewaltigung und Mord angedroht wurde, brachte das Microblogging-Portal unter Zugzwang: Verstärkte Maßnahmen gegen das Vorgehen von Trollen standen im Raum. Eine Online-Petition, die mehr als 100.000 Nutzer befürworteten, forderte einen "Missbrauch melden"-Button, den Twitter dann einführte.

Sarah Weidner, Uni Düsseldorf


Der beste Umgang mit Trollen scheint der altbewährte Rat "Don't feed the trolls!", also "Ignoriere die Trollkommentare!", zu sein, meint Weidner. "Ein Troll sucht gezielt Aufmerksamkeit, und wenn andere NutzerInnen diese aufbringen, fühlt er sich in einer selbst vergebenen Rollenverteilung, in der er der Stärkere ist, bestätigt und es kann passieren, dass ein Trollsturm entfacht wird, der nicht mehr unterbrochen werden kann", hält die Autorin der Bachelorarbeit über "Trolle im Internet" für möglich.

Trolle als evolutionäre Begleiterscheinung des Internets?

Weidner weist im Zusammenhang ihrer Nachforschungen auf eine Theorie von Netzaktivist Sascha Lobo hin, der in seinem Vortrag "Jüngste Erkenntnisse der Trollforschung" auf der re:publica   das Internet als ein Ökosystem betrachtet hat. Darin existierten Konsumenten, Produzenten und Destruenten, wobei die Destruenten die Trolle darstellen und für die Evolution des Internets notwendig seien. "Diese Theorie ist sehr gewagt", meint Weidner. Ob Trolle tatsächlich wichtig für die Entwicklung sozialer Netzwerke und Diskussionsmöglichkeiten im Internet sind, kann aus Weidners Sicht nur beantwortet werden, "wenn Trollkommentare und deren Entwicklung über einen Zeitraum von mehreren Jahren untersucht werden."
Dass sich die Trolle gewissermaßen von selbst auswachsen werden kann sich Weidner kaum vorstellen: Sie geht davon aus, das es immer Nutzer geben wird, "die Trollkommentare verfassen, um sich oder andere User zu amüsieren oder andere zu provozieren."

Alexander Schestag, WP Care


In dieselbe Kerbe schlägt auch der Psychologe Alexander Schestag von WP Care  . Das Phänomen des digitalen Trolls sei Jahrzehnte alt, denn es stammt ursprünglich aus dem Usenet, das bereits 1979 entstanden ist. Und im Usenet wird bis heute munter getrollt - so es denn überhaupt noch genutzt wird. Trolle werde es immer geben, "weil es immer Menschen geben wird, die - aus welchen Gründen auch immer - eine virtuelle Gemeinschaft oder eine Diskussion innerhalb dieser stören wollen."

Von der Theorie des Schein-Trolls
Oder die Restgruppe zusammenzuzuhalten, denn eine weitere These Lobos, die er auf der re:publica 2011 vorgetragen hat, besagt, dass Trolle mit ihren Anti-Reaktionen die Struktur der Restgruppe von Diskutierenden stärken und damit die Community in ihren Grundfesten stabilisieren. "Gruppen, die von Trollen attackiert werden, entwickeln einen wesentlich höheren Zusammenhalt", so lautet die These Lobos. Damit hätten Trolle gar eine positive Funktion und würden doch eine evolutionäre Komponente erfüllen.

Der Anteil von Pseudonymen in den Kommentaren ist am größten
Der Anteil von Pseudonymen in den Kommentaren ist am größten (Grafik: Disqus) Quelle: http://disqus.com/research/pseudonyms/

Schwierige Grenzziehung: Minderheitenmeinung und Trollerei

Auf einen weiteren Aspekt weist Schestag hin. "Die Grenze zwischen sinnvollen Beiträgen und Trollerei ist manchmal fließend und gar nicht objektiv ziehbar." So könne es etwa passieren, dass in einer Diskussion durchaus sinnvolle und völlig sachliche Beiträge geschrieben werden, die aber nicht die Mehrheitsmeinung der Mitdiskutanten oder des Autors des Blogbeitrags treffen. Sich sogar kritisch mit dieser auseinandersetzen. "So etwas passiert insbesondere dann sehr schnell, wenn das Meinungsbild in der Diskussion abgesehen von dieser Meinung nahezu homogen ist." Trotz aller Sachlichkeit wird dieser Beitrag dann schnell als störend empfunden, und es kann vorkommen, "dass man als Troll bezeichnet wird, obwohl lediglich eine legitime Minderheitenmeinung vertreten wird", gibt Schestag zu bedenken. Hier ist der verantwortliche Blogautor gefragt, "für eine faire Diskussionskultur auch gegenüber der Minderheitenmeinung zu sorgen", meint Schestag.

Leider geschehe dies viel zu selten, da sich der Blogautor oftmals auf die Seite derer schlägt, die seine Position mehrheitlich unterstützen. "In solchen Fällen darf in Frage gestellt werden, ob die betreffenden Blogger wirklich an einer kritischen Diskussion interessiert sind" merkt der Psychologe an. Er glaubt, dass in diesen Fällen vielmehr unter dem Vorwand, gegen vermeintliche Trolle vorzugehen, versucht werde, eine kritische Diskussion zu unterbinden und nur Beiträge zuzulassen, die die eigene Position bestätigen. "So etwas ist im Sinne einer fairen und offenen Diskussionskultur in der Blogosphäre extrem kritisch zu sehen."
Auch Dr. Michael Kausch bedauert, dass "oftmals Kritiker als Trolle gebrandmarkt" werden, "nur weil sie emotional und dickschädelig auf eine wirkliche Schwäche des Angegriffenen reagieren." Ein Kunde, der einmal verprellt wurde, werde schnell zum "hochemotional agierenden 'Racheengel'", ist der Geschäftsführer von Vibrio   überzeugt. In solchen Fällen sollte man, so Kausch,"den wahren Kern des Troll-Verhaltens finden und die Ursachen öffentlich benennen und abstellen." Unternehmen, die schlechten Kunden-Service bieten, würden einfach zurecht von Trollen verfolgt; "sie erzeugen ständig neue Trolle", sagt Kausch. Wer Blutrache geschworen hat, der wird einem kein Freund mehr werden. Aber die Ursachen der Blutrache müssten "mit offenem Visier bekämpft" werden, so der CEO von Vibrio.


Typologie der Social-Media-Höhlenbewohner
  • Der Vertriebstroll (harmlos)
    Dieser emsige Vertreter versucht ständig seine Sichtbarkeit zu erhöhen und möchte Links und Traffic. Dazu klinkt er sich in viel frequentierte Kommentarspalten ein, murmelt kurz etwas von "Interessanter Post. Besonders wichtig ist in dem Zusammenhang…" um dann auf seinen Content zu verweisen. Dazu genügt ihm auch ein nur sehr loser thematischer Zusammenhang.

    Empfehlung: Sie haben die Wahl. Ob Sie den Vertriebstroll in die Diskussion einbeziehen und ihn dabei inhaltlich vorführen oder ob Sie ihn einfach ignorieren, ist mehr eine Stilfrage. Nur in seltenen Fällen wird er sich weiter an der Diskussion beteiligen. Größere Kommentar-Communities werden den Vertriebstroll in der Regel übrigens selbst zurechtweisen.

  • Der Ich-weiß-auch-was-Troll (lästig, aber manchmal nützlich)
    Diese liebenswerte Art nutzt thematische Diskussionen gern, um eigenes Wissen darzustellen und hofft daraus Achtung und Anerkennung zu ziehen. Leider ist dieses Bedürfnis nicht immer mit Fachkenntnis und Taktgefühl gepaart, was den Dialog mitunter anstrengend macht.

    Empfehlung: Geben Sie ihm die Anerkennung, nach der er lechzt. Nehmen Sie ihn ernst (ich weiß, das kostet Willenskraft). Es kann sich lohnen. Wenn Sie anerkennende Wort für seinen Input finden und ihn vielleicht auch noch mit weiteren Informationen füttern (weil er ja offensichtlich zum kundigen Fachpublikum gehört), kann der Ich-weiß-auch-was-Troll zum loyalen Botschafter für Sie werden.

  • Der Volltroll (gefährlich)
    Er kann vor allem gut kritisieren und er hat mehr Zeit als Sie. Die Standard-Trollmanöver (nicht überprüfbare Aussagen, Themenwechsel, Wechsel zwischen Sach- und Metaebene, Gegenfragen etc.) hat er alle drauf und macht ihm einfach Spaß, eine Diskussion so zu torpedieren bzw. zu dominieren.

    Empfehlung: Sie können den Volltroll nicht umerziehen und Sie können nicht gegen ihn gewinnen. Ihre Reaktion sollte abhängig vom Zahlenverhältnis der Community sein: Gibt es nur wenige Volltrolle unter vielen ernsthaften Diskutanten, ignorieren Sie ihn einfach. Sind es zu viele, sollten Sie ihm eine kurze, humorvolle gelbe Karte zeigen. Sollte er diese ignorieren, dürfen Sie ihn ohne weiteres blockieren und seine Kommentare entfernen.

Quelle: Hans-Joachim Gras, new-communication.de   


Es stellt sich die Frage, weshalb der Hinweis "Don't feed the Trolls!" von vielen Nutzerinnen und Nutzern nicht angenommen wird. Am naheliegendsten ist wohl, dass sich die Blog- und Forenteilnehmer emotional in einer besonderen Verfassung befinden und sich "durch die Trollkommentare so sehr beleidigt und verletzt fühlen, dass sie es nicht zulassen möchten, so einen Beitrag unkommentiert zu lassen", wie Sarah Weidner vermutet. Dies impliziert natürlich die Gefahr, dass der Schneeballeffekt eintritt, und auch andere Nutzer in diese Diskussion einsteigen, um einem getrollten Nutzer beizustehen. Ist diese Dynamik einmal losgetreten, findet genau das statt, worauf der Troll eigentlich aus ist.

Obwohl die globale Netiquette - ursprünglich entwickelt als Verhaltensempfehlungen im Usenet, mittlerweile für alle Bereiche in Datennetzen verwendet - insgesamt zur durchschnittlichen (Selbst)Regelung von Diskussionsprozessen im Internet entscheidend beigetragen hat: Gegen die vereinzelt auftretenden Trolle hilft auch die wahrscheinliche kulturelle Evolution der Internet-Bevölkerung nicht. Genauso, wie es immer jemand gibt, der "Peter ist doof" an eine Häuserwand schmiert, wird es wohl noch etwa so lange Trolle in den Kommentarspalten geben, wie es mythische Trolle in Utgard gibt. Hilft nur: Nicht füttern.
Thema: Die Zukunft des Trolls: Was man gegen ihn tut. Wann er ausstirbt.

Kommentar von Markus Howest

Lernprozess Fehlanzeige

Wenn Trolle nur eine evolutionäre Begleiterscheinung des Internets wären, müssten sie eigentlich längst versteinert sein. Trolle machen aber munter weiter, und werden es auch künftig tun.

Weiterlesen
Markus Howest, Redaktion iBusiness (J. Wenzl)
Bild: J. Wenzl
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