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Die Zukunft des Trolls: Was man gegen ihn tut. Wann er ausstirbt.
30.08.2013 Blogger schalten ihre Kommentarfunktion ab, Social-Media-Nutzer verzichten entnervt auf Diskussionen: Destruktiv-Kommentatoren - Trolle - treiben ihr Schindluder im Social Web. Ein Übergangsphänomen? Oder etwas, womit die Netzgemeinde leben muss? Ein Blick in die Troll-Psychologie erhellt die Perspektiven. Und sagt, was Publisher heute gegen sie unternehmen können.
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Während laut Mythologie die nordischen Trolle zu Stein erstarren, wenn sie das Sonnenlicht erfasst, hilft dies bei digitalen Trollen wenig. Auch andere Maßnahmen sind ob ihrer Nützlichkeit fraglich: Ob die Huffington Post beispielsweise mit ihrer ab Mitte September 2013 geplanten Einführung der Klarnamenpflicht bei ihrer Kommentarfunktion das Thema destruktiver Kommentare durch Trolle in den Griff bekommen wird, ist ungewiss.
Zwar werden dann weniger Trolle sichtbar, aber zugleich werde auch nachweislich die Beteiligung an Diskussionen weniger werden, wie Alex Buchanan vom Social Media Competence Center bestätigt. Zudem sei die Pro-Klarnamen-Position besonders unter dem Eindruck der gegenwärtigen Enthüllungen im Rahmen der NSA-Aktivitäten eher schwierig zu vertreten.
So glaubt Buchanan, dass unter der Maßgabe einer sich künftig immer weiter entwickelnden Mitmachkultur im Social Web, auch gesellschaftlich wie politisch relevante Entscheidungen getroffen werden könnten, etwa durch Wahlen und Volksabstimmungen. Hierzu benötigen wir zukünftig Systeme, "die den Sender einer Nachricht gleichzeitig einwandfrei identifizieren und anonymisieren können". In diese Richtung weist beispielsweise das Angebot von Disqus , sich unter Klarnamen zu registrieren, aber unter Pseudonym zu diskutieren. Der Nachteil, so Buchanan: "Das Trollen geht weiter, weil ich eben doch nach außen hin anonym bin."
Immerhin lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Pseudonyme offenbar in hohem Maße genutzt werden: So kommt eine Studie von Disqus zu dem Ergebnis, dass der größte Anteil von Kommentaren über Pseudonyme erfolgt. Zudem kommentieren Nutzer unter Pseudonym auch mit höherer Frequenz - 6,5-mal mehr als die anonymen Kommentatoren.
Für Buchanan steht fest: Den Nutzern sollte weiterhin erlaubt sein, anonym UND mit Klarnamen zu diskutieren. "Jeder sollte die Wahl haben, ob er gerne seinen Namen zusammen mit seiner Meinung irgendwo veröffentlichen möchte." Denn der Wille, anonym zu bleiben, könne verschiedene Gründe haben: Parteizugehörigkeit, bestimmter Beruf, Einwohner eines bestimmten Landes etc. Wer in einem undemokratischen Land lebt und seine Meinung äußert, möchte unter Umständen nicht, dass er Repressalien ausgesetzt ist. Wer sich in Sex-Foren tummelt oder auf Facebook kruden Hobbies nachgeht, will vielleicht nicht, dass diese an seinem Arbeitsplatz bekannt werden.
Die psychologische Dimension der Trolle
Aber die mögliche Anonymität des Internet dient eben auch als Deckmantel für die Trolle, die im Schutz der Anonymität ihr anderes, düsteres Ich im Netz zeigen. Der Psychologe John Suler von der Rider University in New Jersey sprach schon 2004 in dem Beitrag "The Psychology of Cyberspace" in diesem Zusammenhang von der "toxischen Enthemmung". Der Zustand der Anonymität ermutige Menschen zu Äußerungen, die sie in der realen Welt nie sagen würden.Laut Suler fühlt sich der Mensch über den Computerbildschirm in einer Art Schutzzone. Hemmungen, wie unsichere Stimme oder die Physiognomie, die im realen menschlichen Umgang eine Rolle spielen, entfallen. Auch die gesellschaftliche Stellung hat keine Bedeutung.
Hinzu kommt eine gehörige Portion Narzissmus, die den Troll antreibt. Lust an der öffentlichen Darstellung, die ihn für eine kurze Zeit in den Mittelpunkt hebt, wie die Infografik "The Psychology of an Internet Troll" verdeutlicht:
Für diesen Aufmerksamkeits-Kick reicht es ihm, in den Mantel der Anonymität gehüllt zu sein. Das Bedürfnis zu stören, genügt ihm als Motivation.
Experiment: Augenkontakt reduziert die provozierenden Kommentare
Ist aber die Anonymität des Netzes aufgehoben, verändert sich das Verhalten drastisch, wie Forscher der Universität Haifa im Fachmagazin Computers in Human Behavior über ein einschlägiges Experiment berichten : Die Forscher ließen 142 Studenten paarweise via Internet-Messenger über ein kontroverses Thema diskutieren. Mal blieben die Versuchsteilnehmer anonym und unsichtbar, mal wurden sie einander mit Namen und persönlichen Daten vorgestellt. Das Ergebnis: Beim direkten Blickkontakt verringerte sich die Anzahl der respektlosen und polemischen Kommentare deutlich und verbesserte die Atmosphäre mehr als alle anderen Einflussfaktoren. Sulers Erklärung: "In verschiedenen Medien präsentieren Menschen verschiedene Seiten ihrer Identität".Mehr noch: Laut einer Troll-Studie der US-amerikanischen Northwestern University , können sich Internetnutzer "an ihrer Anonymität im gleichen Maße berauschen, wie das etwa mit Alkohol oder durch Machtausübung geschehen kann". Die enthemmende Wirkung sei psychologisch und neurologisch durchaus vergleichbar, so die Psychologen Jacob B. Hirsh und Adam Galinsky
Die gemischte Gruppe der Trolle
Und das betrifft eine relativ heterogene Gruppe, wie die Forscherin Claire Hardakervon der Lancaster University erzählt. Die Vorstellung, dass es sich bei den Online-Trollen überwiegend um Männer im finalen Teeniealter oder in den frühen Twenties handelt, sei nicht zutreffend. Auch Frauen in im Alter von über 30 Jahren oder Männer der 60plus-Generation wurden bereits als Trolle ausgemacht.Die Bandbreite ihrer Motive reiche von reiner Langeweile bis zur Rache. Für Hardaker ist klar, dass es vor allem bestimmte Merkmale sind, nach denen Trolle ihre Opfer auswählen: "Wenn du muslimisch bist, ist der Angriff islamfeindlich, wenn du schwul bist, ist er homosexuellenfeindlich, wenn du eine Frau bist, ist er frauenfeindlich". Und letztere seien in besonderer Weise von Troll-Attacken betroffen.
| Fünf Maßnahmen gegen die Trollerei: |
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Löschen der Troll-Kommentare als letzter Ausweg
Trolle sind nicht neu, macht Marketing- und PR-Berater Mathias Priebe klar. Stinkefinger habe es auch vor Social Media gegeben. Wer jemals an einer Service-Hotline gearbeitet hat, könne das bestätigen. Der Unterschied in Foren und Blogs sei allerdings, "dass die verbalen Attacken nachlesbar sind."
Das Internet als Medium begünstigt das Trollen, "da hier der Zugang zu verschiedenen Diskussionen sehr leicht ist und Beiträge schnell verbreitet werden können", bestätigt auch Sarah Weidner vom Institut für Informationswissenschaft und Sprachtechnologie der Uni Düsseldorf Unter Umständen könne anonym getrollt werden, jedoch sei dies nicht zwingend der Fall, da einige Trolle durchaus ihre Klarnamen beim Trollen verwenden.
Welche Maßnahmen sich nun im Einzelnen eignen, um gegen die Trollflut einzuschreiten, hängt unter anderem auch von der Zielgruppe der jeweiligen Website oder des Forums ab. Für Timur Celikkesen, Gründer von Gamingjunkies.de ist es beispielsweise sinnvoll, die Trolle mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und dabei vor allem Humor als richtige Umgangsform einzusetzen. Denn: "Ein konsequenter Ausschluss von Trollen oder ihren Kommentaren wird auch von den anderen Nutzern meist als Zensur empfunden. Daher ist ein offener Umgang, der für alle einsehbar ist, besonders wichtig", betont Celikkesen. So könne mittel- und langfristig die Kultur der hauseigenen Community zu einem ausgewogenen Umgang mit Trollen führen.
Je nach der Schwere der Attacke reiche die Bandbreite der Reaktionen von ignorieren, mit Humor nehmen, über geschickt kontern bis zu Kommentar einfach löschen. "Das sollte nur der letzte Ausweg sein", ist Priebe überzeugt. Denn Trolle entlarven sich meist selbst und es sei "immer hilfreich, andere Nutzer einzubeziehen, etwa mit einer Frage: 'Wie denken Sie über die Einlassungen von XYZ?'"
Bei offensichtlich bösartigen Kommentaren, "den Nutzer ausblenden und anschließend im Kommentarfeld einen kurzen Beitrag an ihn richten und die Löschung/das Ausblenden erklären", schlägt Moritz Jäger von Venture Pursuit PR vor: "Bitte entschuldige, aber deine Wortwahl passt hier so gar nicht rein".
Anders argumentiert der Social-Media-Experte: "Die einzige Maßnahme zur Bekämpfung von Troll-Kommentaren", argumentiert Buchanan, wäre eine "Beitrag-melden-Option, die ab einer bestimmten Anzahl von Meldungen den Kommentar ausblendet." Somit hätte man die "Masse als reinigendes System eingesetzt", das funktioniere bei Facebook auch. Einzelne Foren arbeiten erfolgreich mit solchen 'Troll-Punkten', die Nutzer oder Beiträge automatisch oder manuell sperren.
Und dies wird wohl auch beim Kurznachrichtendienst Twitter so funktionieren: Die jüngste Debatte um die britische Labour-Abgeordnete Stella Creasy, der über Twitter Vergewaltigung und Mord angedroht wurde, brachte das Microblogging-Portal unter Zugzwang: Verstärkte Maßnahmen gegen das Vorgehen von Trollen standen im Raum. Eine Online-Petition, die mehr als 100.000 Nutzer befürworteten, forderte einen "Missbrauch melden"-Button, den Twitter dann einführte.
Der beste Umgang mit Trollen scheint der altbewährte Rat "Don't feed the trolls!", also "Ignoriere die Trollkommentare!", zu sein, meint Weidner. "Ein Troll sucht gezielt Aufmerksamkeit, und wenn andere NutzerInnen diese aufbringen, fühlt er sich in einer selbst vergebenen Rollenverteilung, in der er der Stärkere ist, bestätigt und es kann passieren, dass ein Trollsturm entfacht wird, der nicht mehr unterbrochen werden kann", hält die Autorin der Bachelorarbeit über "Trolle im Internet" für möglich.
Trolle als evolutionäre Begleiterscheinung des Internets?
Weidner weist im Zusammenhang ihrer Nachforschungen auf eine Theorie von Netzaktivist Sascha Lobo hin, der in seinem Vortrag "Jüngste Erkenntnisse der Trollforschung" auf der re:publica das Internet als ein Ökosystem betrachtet hat. Darin existierten Konsumenten, Produzenten und Destruenten, wobei die Destruenten die Trolle darstellen und für die Evolution des Internets notwendig seien. "Diese Theorie ist sehr gewagt", meint Weidner. Ob Trolle tatsächlich wichtig für die Entwicklung sozialer Netzwerke und Diskussionsmöglichkeiten im Internet sind, kann aus Weidners Sicht nur beantwortet werden, "wenn Trollkommentare und deren Entwicklung über einen Zeitraum von mehreren Jahren untersucht werden."Dass sich die Trolle gewissermaßen von selbst auswachsen werden kann sich Weidner kaum vorstellen: Sie geht davon aus, das es immer Nutzer geben wird, "die Trollkommentare verfassen, um sich oder andere User zu amüsieren oder andere zu provozieren."
In dieselbe Kerbe schlägt auch der Psychologe Alexander Schestag von WP Care . Das Phänomen des digitalen Trolls sei Jahrzehnte alt, denn es stammt ursprünglich aus dem Usenet, das bereits 1979 entstanden ist. Und im Usenet wird bis heute munter getrollt - so es denn überhaupt noch genutzt wird. Trolle werde es immer geben, "weil es immer Menschen geben wird, die - aus welchen Gründen auch immer - eine virtuelle Gemeinschaft oder eine Diskussion innerhalb dieser stören wollen."
Von der Theorie des Schein-Trolls
Oder die Restgruppe zusammenzuzuhalten, denn eine weitere These Lobos, die er auf der re:publica 2011 vorgetragen hat, besagt, dass Trolle mit ihren Anti-Reaktionen die Struktur der Restgruppe von Diskutierenden stärken und damit die Community in ihren Grundfesten stabilisieren. "Gruppen, die von Trollen attackiert werden, entwickeln einen wesentlich höheren Zusammenhalt", so lautet die These Lobos. Damit hätten Trolle gar eine positive Funktion und würden doch eine evolutionäre Komponente erfüllen.
Schwierige Grenzziehung: Minderheitenmeinung und Trollerei
Auf einen weiteren Aspekt weist Schestag hin. "Die Grenze zwischen sinnvollen Beiträgen und Trollerei ist manchmal fließend und gar nicht objektiv ziehbar." So könne es etwa passieren, dass in einer Diskussion durchaus sinnvolle und völlig sachliche Beiträge geschrieben werden, die aber nicht die Mehrheitsmeinung der Mitdiskutanten oder des Autors des Blogbeitrags treffen. Sich sogar kritisch mit dieser auseinandersetzen. "So etwas passiert insbesondere dann sehr schnell, wenn das Meinungsbild in der Diskussion abgesehen von dieser Meinung nahezu homogen ist." Trotz aller Sachlichkeit wird dieser Beitrag dann schnell als störend empfunden, und es kann vorkommen, "dass man als Troll bezeichnet wird, obwohl lediglich eine legitime Minderheitenmeinung vertreten wird", gibt Schestag zu bedenken. Hier ist der verantwortliche Blogautor gefragt, "für eine faire Diskussionskultur auch gegenüber der Minderheitenmeinung zu sorgen", meint Schestag.Leider geschehe dies viel zu selten, da sich der Blogautor oftmals auf die Seite derer schlägt, die seine Position mehrheitlich unterstützen. "In solchen Fällen darf in Frage gestellt werden, ob die betreffenden Blogger wirklich an einer kritischen Diskussion interessiert sind" merkt der Psychologe an. Er glaubt, dass in diesen Fällen vielmehr unter dem Vorwand, gegen vermeintliche Trolle vorzugehen, versucht werde, eine kritische Diskussion zu unterbinden und nur Beiträge zuzulassen, die die eigene Position bestätigen. "So etwas ist im Sinne einer fairen und offenen Diskussionskultur in der Blogosphäre extrem kritisch zu sehen."
Auch Dr. Michael Kausch bedauert, dass "oftmals Kritiker als Trolle gebrandmarkt" werden, "nur weil sie emotional und dickschädelig auf eine wirkliche Schwäche des Angegriffenen reagieren." Ein Kunde, der einmal verprellt wurde, werde schnell zum "hochemotional agierenden 'Racheengel'", ist der Geschäftsführer von Vibrio überzeugt. In solchen Fällen sollte man, so Kausch,"den wahren Kern des Troll-Verhaltens finden und die Ursachen öffentlich benennen und abstellen." Unternehmen, die schlechten Kunden-Service bieten, würden einfach zurecht von Trollen verfolgt; "sie erzeugen ständig neue Trolle", sagt Kausch. Wer Blutrache geschworen hat, der wird einem kein Freund mehr werden. Aber die Ursachen der Blutrache müssten "mit offenem Visier bekämpft" werden, so der CEO von Vibrio.
| Typologie der Social-Media-Höhlenbewohner |
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Quelle: Hans-Joachim Gras, new-communication.de |
Es stellt sich die Frage, weshalb der Hinweis "Don't feed the Trolls!" von vielen Nutzerinnen und Nutzern nicht angenommen wird. Am naheliegendsten ist wohl, dass sich die Blog- und Forenteilnehmer emotional in einer besonderen Verfassung befinden und sich "durch die Trollkommentare so sehr beleidigt und verletzt fühlen, dass sie es nicht zulassen möchten, so einen Beitrag unkommentiert zu lassen", wie Sarah Weidner vermutet. Dies impliziert natürlich die Gefahr, dass der Schneeballeffekt eintritt, und auch andere Nutzer in diese Diskussion einsteigen, um einem getrollten Nutzer beizustehen. Ist diese Dynamik einmal losgetreten, findet genau das statt, worauf der Troll eigentlich aus ist.
Obwohl die globale Netiquette - ursprünglich entwickelt als Verhaltensempfehlungen im Usenet, mittlerweile für alle Bereiche in Datennetzen verwendet - insgesamt zur durchschnittlichen (Selbst)Regelung von Diskussionsprozessen im Internet entscheidend beigetragen hat: Gegen die vereinzelt auftretenden Trolle hilft auch die wahrscheinliche kulturelle Evolution der Internet-Bevölkerung nicht. Genauso, wie es immer jemand gibt, der "Peter ist doof" an eine Häuserwand schmiert, wird es wohl noch etwa so lange Trolle in den Kommentarspalten geben, wie es mythische Trolle in Utgard gibt. Hilft nur: Nicht füttern.

