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Tencent: Die Firma hinter der mächtigsten App der Welt

12.05.2022 Tencent ist mit WeChat für China geworden, was Facebook gerne für die Welt wäre. Wie tickt der Milliardenkonzern, der die wohl mächtigste Social-App betreibt und was können Europas Firmen von ihm lernen?

Das Tencent-Hochhaus: Imposanter Firmensitz in Shenzhen in China (Bild: Tencent.com)
Bild: Tencent.com
Das Tencent-Hochhaus: Imposanter Firmensitz in Shenzhen in China

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TL;DR
Tencent ist auch auf lange Sicht keine Größe, mit der europäische Firmen konkurrieren müssen, der Markt ist nicht zu vergleichen - aber das Unternehmen macht vor, was ein konsequentes Konzept erreichen kann.
Mit dem sorgsam angeheizten Hype um das Metaversum hat sich Meta   oder die Firma, die einstmals als Facebook   bekannt war, geschickt als Technologie-Konzern in einer neuen Zukunft positioniert - und das obwohl Meta weder der erste, noch der aussichtsreichste Konzern ist, um diese Zukunft für sich zu beanspruchen (iBusiness berichtete). Hier spielen bereits etablierte, mächtige Gamingkonzerne bedeutende Rollen. Das seit seiner gezielten Akquisen noch gewachsene Microsoft ist hier zu nennen; vor allem aber fällt dem aufmerksamen Betrachter ein Name auf, der in Europa wenig Prominenz besitzt, aber in Asien einen ähnlichen Popularitätsfaktor besitzt wie Papst, Madonna und Schwarzbrot zusammen: Tencent  .

Tencent hat die App gebaut, die alle westlichen Plattformen gerne hätten und mit China einen Markt erobert, an dem keiner mehr vorbeikommt. Die Strategie von Tencent ist eine andere als die der GAFAs, der Facebooks und Amazons  , die auf Werbung oder Commerce oder eine Mischung aus beidem setzen. Tencent hat es vor allem dank Kommunikation und Gamings geschafft, den Asienmarkt zu beherrschen. Wie wichtig aber wird Tencent für Europa und die Zukunft - die des Metaversums und die Zukunft der Interaktivbranche allgemein?

Was ist Tencent? Die DNA eines Giganten

Das 1998 gegründete Tencent ist, vor alle dank strategischer und breiter Investments, die größte Gaming-Firma der Welt. Es hat Beteiligungen an über drei Dutzend Game-Herstellern und die eigene Games-Sparte Tencent Games  , die sich in fünf hauseigenen Studios um die Entwicklung neuer Titel kümmert. Gaming ist ein massiver Bestandteil des chinesischen Megakonzerns. Der Rest des Wesens von Tencent wird von einer App ausgemacht, die sogar im Westen eine gewisse Berühmtheit hat, obwohl sie außer Exilanten und Touristen aus China kaum einer nutzt: Der Übermessenger WeChat/WeiXin  . Diese beiden Hauptumsatztreiber haben Tencent in 2021 knapp 80 Milliarden Euro Umsatz eingebracht, der praktisch ausschließlich auf dem China-Markt erzielt wurde (zum Vergleich: Facebook machte weltweit 112, Amazon   445 Milliarden Euro in 2021).

Tencent ist auf vielen Business-Feldern aktiv wie westliche Großkonzerne des Webs (etwa Amazon), indes sind die Schwerpunkte vollkommen anders gewichtet.
Tencent ist auf vielen Business-Feldern aktiv wie westliche Großkonzerne des Webs (etwa Amazon), indes sind die Schwerpunkte vollkommen anders gewichtet. (Grafik: HighText Verlag)
Tencent Music ist mit 615 Millionen Streaming-NutzerInnen der größte Audiostreaming-Dienst der Welt vor Spotify mit seinen 422 Millionen, erst wenn man zahlende Nutzerinnen und Nutzer als Währung verwendet, überholt Spotify die chinesische Konkurrenz mit 182 Millionen Abonnenten, Tencent kommt hier auf 76 Millionen (Quelle: Statista  ). Was seine Karriere, den kometenhaften Aufstieg und die immer breitere Aufstellung mit mehr und mehr Produkten und Services angeht, erinnert Tencent an einen anderen großen Konzern: Amazon. Letzterer war eine nur Bücher verkaufende, vermeintlich bescheidene Garagengründung (wenn auch die Legende vom Milliardenkonzern aus dem Nichts etwas wacklig ist, bedenkt man, dass der Gründer Hedgefonds-Manager war, der von seinen Eltern eine Viertelmillion Dollar für sein Business bekam). Tencent begann mit einem einzigen Messenger Service, OICQ, später wegen der Namensähnlichkeit zu ICQ in QQ umbenannt.

Wie Amazon hat Tencent eine große Webservices- und eine Cloudsparte, Tencent Cloud  . Doch die Unterschiede beginnen, wenn man fragt, was die eigentliche DNA des jeweiligen Konzerns ist, was macht seinen Wesenskern aus? Tencent hat hier zum einen wesentlich weniger Bestrebungen, die Weltherrschaft zu erobern. Hat Amazon seinen Namen gewählt, um den Anspruch symbolisch zu untermauern. der mächtigste (Waren)Strom der Welt zu werden. Tencent dagegen bedeutet (glauben wir Wikipedia  ) in wortspielhafter Anlehnung an den Namen des Gründers so viel wie die "schnell dahinreitende Information". Das eine will also ein Warenhaus sein, wie es die Welt noch nie gesehen hat, das andere ein Informationskanal. Doch ohnegleichen sind beide.

Während Amazon weltweit nicht nur zum wichtigsten Shop, sondern auch zur wichtigsten Produktsuchmaschine arriviert ist, hat Tencent für China das Gleiche in Sachen Kommunikation erreicht: "Vor 15 Jahren haben nur jüngere Menschen QQ genutzt, das Mutterprogramm von WeChat, das bis heute funktioniert; ebenso sah es lange beim seit 2012 existierenden WeChat aus; aber heute kommunizieren praktisch alle darüber", ", sagt Prof. h.c. cjlu. Yujie Yao vom China-Zentrum an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden  : "1,4 Milliarden Menschen kommunizieren mit TenCent Produkten. De facto sind die Festnetze in China abgemeldet, als Mobilfunk-Unternehmen bekommt man kaum einen Fuß auf den Boden." Was diese Dominanz der Kommunikation angeht, erinnert Tencent eher an ein Facebook als ein Amazon. Doch was Tencent in China ist, wäre Facebook in seinen kühnsten Träumen gerne - schafft es aber nicht.

Denn das chinesische Unternehmen hat massiven Einfluss auf dem Feld des bargeldlosen Bezahlens aufgebaut: "Gemeinsam mit Konkurrent AliPay kann man via WeChat in China praktisch alles bezahlen, bis hin zu Blumen am Straßenladen", so Yujie Yao. Weiß noch jemand, wie Facebooks große Währungsambition hieß, die wegen mangelnder Unterstützung krachend scheiterte? (Hier geht`s zur Auflösung.) Überhaupt ist WeChat eine Taschenmesser-Anwendung, die weniger einem Messenger vergleichbar ist als vielmehr einem digitalen Schweizer Taschenmesser, wie iBusiness schon vor Jahren aufgezeigt hat. So besitzt es mit den Mini-Programs eine Funktion, mittels derer man jedes Web weltweit ohne Download bedienen können soll, ein Schritt hin zu einem entgrenzten, anwendungs-agnostischen Web, von dem das Metaversum bislang nur träumen kann.

Was ist Tencent nicht: Die Unterschiede zu den großen Giganten des Westens

Auf anderen Feldern indes, auf denen die GAFAs massiven Erfolg haben, scheitert Tencent wiederum - etwa bei der Hardware: Das Unternehmen hat 2019 mit dem Xiaowei einen eigenen Sprachassistenten an den Start gebracht, auch wollte der fernöstliche Gigant digitale Bilderrahmen und smarte Displays unter das Volk bringen, so richtig haben wollten das die meisten Produkte (bislang) aber nicht. Anders sieht es bei Amazons populärer Alexa aus. Tencent versteht sich hier eher als der digitale Dienstleister, der Hubs, Services und Software im Hintergrund anbietet.

Dafür tut der chinesische Konzern Dinge, die GAFAs gar nicht tun: Es betreibt mit WeBank eine reine Online-Bank, hat gemeinsam mit FoxConn ein Startup Future Mobility für Elektroautos gegründet (Tencent ist übrigens auch Anteilseigner bei Tesla  ), baut eine Stadt auf, die sich komplett dem E-Sport verschrieben hat, inklusive einer eigenen ESport-Universität und eines Vergnügungsparks. Obendrauf kommen Kooperationen mit Kaffeemarken, Spielzeugherstellern wie Lego   - Tencent ist etwa das, was herauskäme, wenn man Zutaten von Amazon, Facebook, Disney  , Microsoft und Tesla in einen Mixer steckte. Doch wo genau möchte Tencent hin - nach Europa und in die USA?

Tencent-Strategie: Wo will der Konzern hin

Genau danach sieht es aktuell nicht aus: Tencent scheint sich sehr gut in seinem heimischen Markt eingerichtet zu haben, das monolithische Kommunikations-Machtgebilde, das es geworden ist, harmoniert offenbar auch recht gut mit dem autoritär geführten System, das weniger im Pluralismus eine Tugend sieht, als in einer Anwendung für alle, die alles kann. Theoretisch könnte der chinesische Staatsapparat via WeiXin nahezu alle Bürgerinnen und Bürger im Katastrophenfall mittels einer Message gleichzeitig erreichen, so etwas wäre in Europa undenkbar. "Tencent ist weniger auf Expansion bedacht, sondern scheint ganz zufrieden dort, wo sie sind", sagt Yujie Yao: "Das Klima für eine internationale Kooperation ist außerdem nicht gut aktuell." Seit September setzt China auf einen rigideren Abschottungskurs und verfolgt verstärkt Strategien für eine autarke Wirtschaft.

Relevant kann Tencent für Unternehmen werden, die in China agieren, doch auch hier trübt sich das Klima zunehmend auf staatliches Betreiben hin ein, wie das Handelsblatt   aufzeigt. Wer dennoch in China agiert, für den ist Werbung bei Tencent kein Muss, aber ein hilfreiches Medium, um Bekanntheit und Verkäufe zu generieren.

Tencent ist somit weniger reale Bedrohungsgröße oder Kooperationspartner, dafür ist der hermetische, unvergleichliche chinesische Markt zu unterschiedlich. Was Tencent jedoch beispielhaft vormacht, ist, wie die konsequente, fast bedingungslose Fokussierung auf ein Geschäftsmodell, eine übergreifende Strategie ein einzelnes Produkt zum Rückgrat eines Megakonzerns und interaktiven Kosmos machen kann: Die Messenger-App WeChat ist dank ihrer Vielseitigkeit unverzichtbar geworden, angehängte Geschäftsmodelle wie Payment oder Gaming sind beispielhaft sinnvoll integriert. Und die Tatsache, dass der Konzern abseits von Beteiligungen weitgehend die Finger vom E-Commerce lässt, gibt ihm eine schlanke Wucht. Deutsche Player könnten überlegen, was sie, unter den Vorzeichen des andersartigen deutschen Marktes, vergleichbar gut könnten und wie sich daraus nicht nur ein Ökosystem, sondern ein Konzernkonzept entwickeln lässt. Wenn das Metaversum eines Tages vom frommen Vorsatz in den Zustand einer realen Größe im Web arriviert, dann wird Tencent möglicherweise noch einmal eine ganz andere Macht im weltweiten Web werden.
Thema: Tencent: Die Firma hinter der mächtigsten App der Welt

Kommentar von Sebastian Halm

Der Wille zum großen Ganzen

Tencent und Amazon ticken anders, aber eines ist beiden gemeinsam: Der Wille, für ein großes Ganzes jenseits von Jahresbilanzen und außerhalb von Abteilungen und Märkten zu denken.

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iBusiness-Analyst Sebastian Halm (Timo Bierbaum)
Bild: Timo Bierbaum
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