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Reality-Check: Social-Media-Publishing in Verlagen

24.02.2012 Tageszeitungen und Nachrichtenmagazine binden immer stärker ihre Leser ein, machen sie zu Bürgerjournalisten. Wie deren Schwächen zum rettenden Anker für Verlage werden, zeigen die folgenden sechs Aspekte.

 (Bild: Thorben Wengert Pixelio)
Bild: Thorben Wengert PIXELIO
Wie Bürgerjournalisten die etablierten Zeitungen verändern (Bild: Thorben Wengert Pixelio)
Bild: Thorben Wengert PIXELIO
Wie Bürgerjournalisten die etablierten Zeitungen verändern
"Omar der Syrer" war Bürgerjournalist. Unter diesem Pseudonym arbeitete Maschar Tajjara unter anderem für den "Guardian  ", "Die Welt  ", die Nachrichtenagentur AFP  , für CNN   und Al-Dschasira  , wie Stern.de   berichtet. Der 24-jährige Student ist einer von hunderten Aktivisten, die seit Beginn der Proteste gegen das Assad-Regime in Syrien im März 2011 ihr Leben riskierten, um Fotos und Videos für Websites und Sender herzustellen, die um den Globus gingen. Er und seine Mitstreiter wurden zu Citizen Journalists. Anfang Februar wurde Omar in der syrischen Rebellenhochburg Homs von der Armee erschossen.

Ein Beispiel, wie sich Bürgerjournalismus international immer stärker verbindet mit politischen Freiheitsbewegungen. Ziel und Motivation der Citizen Journalists in Syrien ist es, ein wahres Bild der herrschenden Verhältnisse wiederzugeben, jenseits der Propaganda des Regimes. Iran, Tunesien, Ägypten, Syrien, Jemen: Wo öffentliche Medien nicht berichten können oder wollen, übernehmen Menschen vor Ort die Aufgabe der Informationsbeschaffung. Sie simsen und posten, sie facebooken und stellen Videos auf Youtube. Sie erzeugen Material, das später hauptamtliche Journalisten wieder einspeisen in die offiziellen Kanäle der Massenmedien.

"Quelle: Internet"



Schon immer gab es im Journalismus Informanten, die vermeintliche oder tatsächliche Missstände an die Medien weitergegeben haben. Aber das Leaking war noch nie so einfach, wie per Internet. Mit dem Anspruch gestartet, genauer hinter die Fassaden blicken zu können, um Missstände auflagesteigernd an die Öffentlichkeit zu bringen, hat darum beispielsweise das Nachrichtenmagazin Stern   seine Leser aufgerufen, brisante Informationen an die Redaktion über einen eigens eingerichteten Online-Briefkasten   weiterzuleiten. Damit steht das Nachrichtenmagazin keineswegs allein da. Immer mehr Medien bauen Inhalte ihrer Leser mit ein.

Anja Pasquay, Bund der Deutschen Zeitungsverleger (Bild: BDZV)
Bild: BDZV
Anja Pasquay, Bund der Deutschen Zeitungsverleger



So geht "eine Reihe regionaler Zeitungen sehr professionell mit dem Thema um", erzählt Anja Pasquay vom Bund der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV)  . Als Beispiele nennt sie:



Jeder der genannten Titel arbeitet dabei mit einem unterschiedlichen Akzent des Bürgerjournalismus: Während die Redaktion der Rhein Zeitung mit ihren und für ihre Leser twittert, bittet die Saarbrücker Zeitung ihre Leser um Fotos und Geschichten. Diese seien "extrem stark ausgesucht und bearbeitet und werden nicht honoriert", berichtet Pasquay. Das Hamburger Abendblatt wiederum stattet ausgewählte Leser mit Smartphones und Kameras aus und schickt diese als "Kiezreporter auf Themensuche".

Wieder einen anderen Ansatz verfolgt die Main-Post - sie positioniert sich als der "Ombudsmann für ihre Leser". In diesen Kanon passt auch die WAZ   mit ihren WikiLeaks oder auch die Gießener Zeitung  , die zweimal pro Woche als "Deutschlands erste Mitmachzeitung" entsteht.

Doch ob sich diese Form der Bürgerbeteiligung als Hinweisgeber, Quelle oder Informant auf Dauer durchsetzt - dies werden die folgenden sechs Aspekte näher beleuchten.

1. Die Öffentlichkeit wird kollaborativer

Anstelle von passiven Nachrichtenempfängern, die zustimmen und abwinken - maximal einen entrüsteten Leserbrief schreiben - gestalten heute die Leser ihre Medien mit. Soziale Netzwerke sind als Mitmachmedien angelegt - die Erfahrung, die Menschen online machen, macht sie andererseits auch empfänglicher für den Wunsch, auch klassische Medien mitzugestalten. Das macht zum einen die Öffentlichkeit lebendiger und versetzt zum anderen Journalisten in die Lage, mehr authentisches Material zur Verfügung zu haben. Doch trotz aller Vorteile, die durch das Internet besonders angeheizt wurden, ist ein mitdenkendes Publikum nicht einfach so da - nach dem Motto "Internet an und es geht los". Die neue Beziehung zwischen Lesern und Journalisten muss sich erst langsam entwickeln.

Helmut Heinen, BDZV (Bild: BDZV)
Bild: BDZV
Helmut Heinen, BDZV



Jede Zeitung hat einzelne Leser, die "bei bestimmten Themen viel klüger und besser informiert" seien als die Journalisten und Redakteure, meinte sinngemäß BDZV-Präsident Helmut Heinen bei der Auftaktveranstaltung des Medienforums 2011   in Köln. Die Zeitungen täten gut daran, sich dieses Wissen zunutze zu machen, so Heinen. Doch das sei im Grunde nichts Neues. Denn über viele Jahrzehnte hinweg waren die Leserbriefe nicht nur ein Kommentar auf das bereits Gedruckte, sondern sie waren immer wieder auch Quelle und Inspiration der Berichterstattung, führt Heinen aus.

Justus Demmer vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB)   meint, dass es sich mit dem Journalismus genau wie mit jedem anderen Handwerk verhält: "Man kann es als 'Hobby' betreiben und zu erstklassigen Ergebnissen kommen." Doch die Gewerke würden nicht ohne Grund professionell angeboten: "Gewährleistungsfragen, Terminzusagen, Nachhaltigkeit des Prouktes: All dies lässt sich auf einer professionellen Ebene verbindlicher verhandeln als auf der Basis 'ehrenamtlichen' Engagements", glaubt Demmer, für den daher die entscheidende Frage im Bürgerjournalismus die nach der Kontinuität und Berechenbarkeit ist. "Ebenso wie 'Bürger-Journalisten' sind ja auch 'Bürger-Schreiner', 'Bürger-Metzger' oder 'Bürger-Ärzte' vorstellbar", so Demmer.

Justus Demmer, RBB



Der Mann von RBB hält den Gegensatz von "Bürgerjournalisten" und "Profijournalisten" für künstlich. "Ebenso wie ich nicht meinen mir unbekannten Nachbarn in der U-Bahn bitten würde, mir den Blinddarm zu operieren, würde ich einen 'Anfänger' nicht ins Rennen schicken, um Sportberichterstattung in Echtzeit zu stemmen", spitzt Justus Demmer zu.

2. Open-Source-Journalismus ist kein Trend

Die aktuellen Daten der Medienforschung   zeigen: Wenn sich Menschen im Internet über das aktuelle Geschehen in Deutschland und der Welt informieren wollen, so nutzen sie in der Hauptsache die Onlineportale der großen Nachrichtenmagazine und Tageszeitungen wie Spiegel-Online  , Bild  , Welt-Online  , Heise-Online  , Süddeutsche Zeitung  , der TV-Sender und die Portale, die bei den Browser-Herstellern voreingestellt sind (Telekom   , MSN  ). Dies zeige, "dass Bürgerjournalismus bei der aktiven Suche der Nutzer nach übergreifenden Informationen nur eine untergeordnete Rolle spielt - im Bereich des Special Interest und Hobbyismus", argumentiert Medienwissenschaftler Dr. Jasper André Friedrich vom Comstrat Medienbüro Leipzig  .

Der Open-Source-Journalismus komme erst dann in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit "wenn er durch große Anbieter unterstützt wird, weil er marketingtechnisch interessant wird (große Nutzerzahlen über einen langen Zeitraum hinweg für Einzelangebote wie YouTube-Clips   oder Blogs) oder sich gut in ein bestehendes journalistisches Konzept einfügt", argumentiert der Medienwissenschaftler. Er meint, dass diese "proaktive Kommunikation im Internet naturgemäß nicht über die Ressourcen verfügt, über die im Normalfall professionelle Redaktionen verfügen". Das führt nach Friedrich zu dreierlei Konsequenzen:

  • Der Nutzer kann hier zum Beispiel keine wirklich aktuellen Nachrichten aus verschiedenen Bereichen erwarten,
  • selten nur objektiv erscheinende Berichterstattung und
  • noch seltener gutes journalistisches Handwerk.


Und doch argumentiert der Medienwissenschaftler - wie auch die meisten befragten Journalisten und Verlags-Profis aus einem zentralistischen Medien- und Informationsbegriff heraus: Profis in Redaktionen, die zentral Informationen erzeugen (oder zumindest sammeln), sie aufbereiten und an viele weiterleiten. Doch das Netz verändert nicht nur die Medienproduktion - sondern auch die Medienrezeption und die Medien selbst. Längst ist Twitter stets schneller als sämtliche Qualitätsmedien, wenn es darum geht, Informationen schnell zu bekommen - irgendeiner meiner Twitter-Follower hat schon den Link auf den Informationsschnipsel. Und längst entsteht aus der Menge der geposteten Informationsschnipsel eine eigene Form von Informationsarchitektur, für die es erst in zweiter Instanz Profis braucht: Die einordnen, analysieren oder bewerten. Doch das erledigen zunehmend auch Algorithmen der Suchmaschinen - oder aber einer der unzähligen Blogger und Twitterati. Um im Bild zu bleiben: Irgendein Nachbar, mit dem ich befreundet bin, ist eben professioneller Schreiner, Metzger oder Arzt.

Steffen Meier , Leiter des Verlagsbereichs Online im Verlag Eugen Ulmer   hält darum die Diskussion um den Open-Source-Journalismus für "temporär". Weil "heutzutage mehr Menschen öffentlich publizistisch tätig sind als jemals zuvor", sei noch kein Ende der Entwicklung in Sicht. Im Gegenteil: Es existiere längst eine "Spannbreite von Bloggern, Bürgerjournalisten bis hin zu Menschen, deren digitale Erfahrung sich vor einem Jahr noch auf E-Mails beschränkte und die heutzutage täglich Dutzende von Postings auf Facebook   hinterlassen". Viele der digital Publizierenden entwickeln sich zu eigenen Marken, "die in Reichweite und Relevanz mit traditionellen Verlagshäusern/-produkten durchaus mithalten können." Zumindest in der Summe. Denn auch hier gilt das Gesetz des Long Tail.

In deren Einbindung sieht Meier für Verlage auch eine "echte Chance". Doch genau hier fehle es Verlagen nicht selten an Offenheit, "Kleinkariertheit" greife teils um sich, wenn es um die Frage nach dem bisher geleisteten Umfang der journalistischen Erfahrung der Bürgerjournalisten geht.

Steffen Meier, Verlag Eugen Ulmer (Bild: Verlag Eugen Ulmer)
Bild: Verlag Eugen Ulmer
Steffen Meier, Verlag Eugen Ulmer



3. Die Chance des Bürgerjournalismus liegt in seinen Schwächen

Die Chance des Bürgerjournalismus liege gerade in seinen Schwächen, so die Sichtweise von Medienwissenschaftler Friedrich: Durch die "hoch personalisierte und subjektive Berichterstattung über sehr spezielle Themen" sei es möglich, die "Deutungshoheit über Spezialthemen für eine kurze Aufmerksamkeitsspanne zu erringen oder zumindest eine Deutungsalternative anzubieten, die im Wesentlichen von der 'Street Credibility' ihrer Kommunikatoren lebt", sagt der Medienexperte. Das betreffe auch die Berichterstattung aus "für den normalen Journalismus schwer zugänglichen Bereichen - wie Krisengebiete oder abgeschotteten Sozialverbünden" - hier liege das Feld und die Chance der Open-Source-Journalisten. Eben genau in den Krisenherden wie aktuell in Syrien und im vergangenen Jahr in Ägypten, Tunesien und Libyen.

Vorwurf: Leserbeiträge gehen auf Kosten journalistischer Qualität
Genau hier setzt aber auch die Kritik an den Beiträgen der Bürger an. Im Raum steht die Frage, ob nur Lesernähe und Authentizität vorgetäuscht wird auf Kosten der journalistischen Qualität. Wenn eine Redaktion einen Sachverhalt so übernimmt wie der Leserreporter es wahrgenommen hat, anstatt abzuklären, was wirklich der Fall war, "dann sind wir bei dem, was man Yellow Press nennt", sagt Medienwissenschaftler Professor Dr. Michael Haller und er spitzt zu: "Man klärt nicht auf - das ist Antijournalismus."
Redakteure und Journalisten müssten nach Meinung Hallers den jeweiligen Sachverhalt selber herauszfinden. Die Leserreporter klärten dies nicht, weil sie nicht recherchieren können. Sie seien rasch mit einer Meinungsäußerung bei der Hand, so Haller.

Das sieht Andrea Bleicher , Nachrichtenchefin der Zürcher Tageszeitung Blick  , die eine eigene Rubrik der Leserreporter eingerichtet hat, ganz anders: Bei den Leserreportern, die im Schnitt täglich 40 Hinweise an die Redaktion liefern, handele es sich um eine zusätzliche Quelle, die keine Gefahr für die Qualität der Zeitung darstelle. Man erfahre einfach mehr, als mit den angestellten und freien Reportern zu erreichen sei. Damit sieht sie den den klaren Vorteil der Leserreporter im schnelleren und umfangreicheren Aufspüren von Ereignissen und in der Gewissheit, genau zu wissen, was der Leser will.

Was veröffentlicht wird, untersteht strikten Auswahlkriterien der Redaktion. "Die meisten sind Hinweise auf Verkehrsdelikte", klagt die Frau der Nachrichtenredaktion. Selten seien es große Geschichten. Dies sei dann der Fall, "wenn etwa Leser viel schneller vor Ort sind als die Reporter." Mal top, mal flop, so die Erfahrung der Redaktion. Diese weiß, dass sie die Qualität ihrer Citizens einfordern muss: Drucke man einmal Unsinn, komme danach nur noch Unsinn oder gar Schlimmeres, kennt Bleicher die Negativspirale.

 (Bild: Institut für Kommunikationswirsschaft LMU München)
Bild: Institut für Kommunikationswirsschaft LMU München



Vorwurf: Unsaubere Quellen
Es gebe schon einige erfolgreiche Modelle des Crowdsourcing in Sachen Journalismus "wie es etwa die Bild-Zeitung mit ihren privaten Voyeuren vormacht", meint Medienexperte Friedrich. Auf dieser Ebene sei eine "fruchtbare Zusammenarbeit auch in Zukunft zu erwarten" - für den so genannten Qualitätsjournalismus bestehe jedoch nur "wenig Hoffnung, offene Quellen wert- und nachhaltig anzuzapfen", glaubt der Medienwissenschaftler.

Für Justus Demmer geht es auch beim Crowdsourcing oder bei der "kollaborativen Autorenschaft" darum, dass die Quellen sauber sind, die jeweils andere Seite zu Wort kommt und redlich berichtet wird. Denn "schließlich erwachsen aus den besonderen (Verfassungs-) Rechten der Presse auch besondere Pflichten, was Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt angeht - hier endet der Vergleich mit Hobby-Schreinern", resümiert Demmer. Womit wieder das Argument durchs Webdorf getrieben wird, das bereits vor mehreren Jahrzehnten in der Mediendiskussion aktuell war: Die Ausgewogenheit. Damals wie heute gab es diejenigen, die von allen Medien Binnen-Ausgewogenheit gefordert haben. Und diejenigen, die Ausgewogenheit durch die Vielzahl der Medien gewahrt sah. Die Vielzahl der Blogs sorgt für Transparenz und Qualität - das ist die aktuelle Argumentation.

Vorwurf: Blogs fehlt die Filterfunktion
Weniger hilfreich für Zeitungen und Magazine sind Blogs, "mit denen ausschließlich möglichst krasse Meinungen ihrer Betreiber ohne sachlichen, fachlichen oder faktischen Hintergrund transportiert werden", beschreibt Anja Pasquay. Hier fehle die Filterfunktion "Redaktion" der klassischen Medien; zugleich sei der Marktzutritt einfach, da dank Social Media jeder mit sehr geringem Aufwand (Kosten) zum Vertreiber von Inhalten werden kann, klagt Pasquay. Dass Journalisten dadurch ihre Monopolstellung verlieren, muss ihnen ja nicht gefallen. Akzeptieren werden sie es müssen.

4. Lokalredaktionen sind quasi Bürgerjournalisten

Lokalredaktionen (sofern es diese als redaktionelle Einheiten überhaupt noch gibt) sind per definitionem Bürgerjournalisten - "nur dass sie früher nicht als solche galten", meint Friedrich. Die Berichterstattung von Vereinsfesten und Karnevalsumzügen in der Vorstadt, die immer ihre Berechtigung hat, werde in den seltensten Redaktionen von festangestellten "Profis" realisiert - hier habe der Open-Source- / Bürgerjournalismus eine "lange Traditionslinie im Printbereich".

Ähnlich argumentiert Steffen Meier: Viele Lokalredaktionen hätten sich aus verschiedensten Gründen in der Vergangenheit immer mehr darauf beschränkt, etwa von Sport-, Garten- oder sonstigen Vereinen sowie Organisationen und Einzelpersonen Informationen anzufordern, "die dann bis hin zu orthografischen Bedenklichkeiten 1:1 abgedruckt wurden". Genau diese Vernetzung im Lokalen habe es schon immer gegeben, "sie wird nur mit Bürgerjournalisten enger und digitaler." Problematisch sei es, "wenn Lokalredaktionen diesen Bürgerjournalisten keine Plattform bieten" - dann werde, was heutzutage in Zeiten der "Demokratisierung der publizistischen Produktionsmöglichkeiten einfach sei, eben an diesen vorbei publiziert".

5. Bürgerjournalismus als Mittel der Leserbindung

Liegt im zusätzlichem Pool von Informationen und Quellen der eine Vorteil des Bürgerjournalismus, so liegt ein weiterer Aspekt in der Leserbindung. Dies geht auch aus einer Auswertung der Uni München   hervor, die zwei Jahrgänge der Bild Zeitung mit Blick auf die abgedruckten Fotos der Leserreporter analysiert hat. "Danach stammen zwei Prozent der abgedruckten Bilder von Lesern", sagt Anja Pasquay. Die Studie sei zu dem Schluss gekommen, "dass für die Medien interessante, hochwertige Fotos von Leserreportern die Ausnahme sind" und dass das Nutzen von Fotos aus der Leserschaft eher als "Mittel zur Leserbindung als zum Beschaffen von Veröffentlichungsmaterial" geeignet sei.

Sven Engesser (Bild: Institut für Publizistikwissenschaften Zürich)
Bild: Institut für Publizistikwissenschaften Zürich
Sven Engesser



Klar ist, dass bei den professionellen Zeitungen auch legitime ökonomische Interessen im Vordergrund stehen. Der Trend, Leser einzubinden, sei auch ein Werkzeug in Zeiten des Auflagenverlustes und des Leserschwundes, meint Sven Engesser vom Züricher Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung  . Denn je aktiver die Leser sind, umso enger werden sie an die Zeitung gebunden und desto treuer bleiben sie der Zeitung.

Drei verschiedene Formen des Bürgerjournalismus
nach Gabriel Gonzales , Projektleiter von Best of the Blogs der Deutschen Welle  :
  1. Spontane Äußerungen von gewöhnlichen Menschen in außergewöhnlichen Ereignissen wie Tsunami, Bombenanschlägen oder Attentaten. Menschen senden von vor Ort über digitale Kanäle Augenzeugenberichte über Twitter, Blogs, Videos, Fotos und sonstigen sozialen Medien.

  2. Bürgermedienprojekte stellen die zweite Form dar. In Projekten werden Menschen in der Nutzung digitaler Medien trainiert. Mit diesem Wissen und der Verwendung dieser Technologien werden sie befähigt, ihre eigene Welt zu beschreiben und über Sachen zu berichten, die ihnen am Herzen liegen. Ein anderes Projekt ist etwa voicesofafrica.org  , wo mittels mobiler Technologien über lokale Aktivitäten in Afrika berichtet wird.

  3. Die dritte Form ist der digitale Aktivismus. Durch die Nutzung von sozialen Medien können Graswurzel-Aktivitäten für soziale und politische Kampagnen koordiniert werden. Hierzu gehören etwa die politischen Aktivisten in Syrien, aber auch lokale Bürgerinitiativen.

6. Social Media als Treiber, Journalisten werden zu Vermittlern

Theoretisch kann jeder von zuhause aus einen Artikel online stellen, meint Sven Engesser. Das Verhältnis des Publikums zu den Medien habe sich "radikal verändert", gerade bei den jungen Erwachsenen. Lieber agieren, aktiver werden, sich selbst darstellen und präsentieren, heiße die Devise. Somit sei hier eine Weiterleitung des interaktiven Mantras der sozialen Netzwerke gegeben. Es sei ganz eindeutig, dass die Leser/Nutzer heute, insbesondere durch Web 2.0 "stärker Einfluss auf die Inhalte ihrer Medien nehmen und auch deren Wertigkeit mitbestimmen wollen", bekräftigt auch Anja Pasquay.

All das verändert zwangsläufig auch den Beruf des Journalisten. Er nimmt mehr und mehr die Rolle des Vermittlers ein, wird zunehmend zum "Organisator und Auswähler", sagt Engesser. Sie müssten sich viel mehr selber als Kommunikatoren verstehen, denn als Treiber über Aussagen von Vorgängen, skizziert Engesser das neue Rollenverständnis. Die Zeitung müsse lernen, die Leser als Kommunikationspartner in die eigene Publizität mit einzubauen.

"Die eigentliche Kunst ist das Kuratieren", so stellt sich Steffen Meier die Veränderung vor. Dies bedeute "weniger Kontrolle, aber mehr Sichtung, Orientierung, Verdichtung". Und was spricht dagegen, fragt Meier "die eigenen Leser zu Agenda-Settern zu machen, diese zu unterstützen, ihnen eine Plattform zu geben und als Moderator zu fungieren"? Meier hält nichts von Kontrolle "im überspitzt gesagt 'Orwellschen' Sinne", sodass nur der große Bruder Verlagshaus wisse, was richtig ist. Das bedeute aber nicht, unterstreicht Meier, dass Verlage keine juristische Kontrollfunktion hätten.

Auf jeden Fall sind erhebliche Berührungsängste seitens der hauptberuflichen und ausgebildeten Journalisten festzustellen, meint Medienwissenschaftler Friedrich. "Es ist wie überall, die Grenzziehung findet weniger aufgrund der Qualität des Bürgerjournalismus statt, sondern aus Gründen des Status." Wer mehr oder weniger einen Beruf erlernt / studiert hat, so Friedrich, lasse sich "nur ungern von 'Laien' die Butter vom Brot nehmen."

Wenn Statusfragen sich erübrigen

Statusfragen spielen spätestens dann keine Rolle mehr, wenn es darum geht an authentisches Informationsmaterial zu kommen. Sender und Redaktionen nehmen Video- und Fotomaterial dankend für ihre Berichterstattung entgegen, besonders wenn es kaum Alternativen dazu gibt. Dann ist es egal, ob es von einem Studenten oder einem Handwerker stammt.

Wie im Fall von Omar, dem Syrer, der seinen Weg zum Citizen Journalist allein dadurch gefunden hat, dass er der Weltöffentlichkeit die Wahrheit über die Zustände in seinem Land näherbringen wollte, damit diese nicht tatenlos zusieht.

Unter anderen, nicht so unmittelbar lebensbedrohlichen Umständen, kann auch hierzulande ein engagierter Bürger, der genauer hinsieht, genauer nachfragt, Missstände entdecken und aufdecken, die nur dank seines Hinweises und seines eventuell vorhandenen Materials über die Medien und die redaktionellen Filter an die Öffentlichkeit geraten. Ein unentbehrlicher Beitrag für eine transparente Gesellschaft.
Thema: Reality-Check: Social-Media-Publishing in Verlagen

Kommentar von Markus Howest

Bürgerjournalismus ist unaufhaltsam

Was in vielen Verlagen längst Realität ist, wird künftig noch weiter die Medien durchdringen - Journalisten werden zu Kommunikatoren, Bürger zu Informanten.

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Markus Howest (Edelfedern.de)
Bild: Edelfedern.de
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