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"KI-Agenten scheitern an 90 Prozent aller komplexeren Aufgaben"
25.08.2025 KI-Agenten werden von der Industrie als das Next Big Thing gefeiert, umwälzend wie zuletzt nur die App-Technologie. Aber wie weit sind sie heute tatsächlich und was werden sie morgen wirklich können? Wir sprachen mit Thomas Porwol, bei DDB Tribal zuständig für digitale Innovationen.
Aber die Erfolgsstory setzt sich nicht unendlich fort. Es gibt erste Anzeichen, dass KI die hohen Erwartungen enttäuschen könnte. OpenAI schreibt weiter Milliardenverluste, weil Finanzierungsmodelle weit weniger Geld einbringen, als Betrieb und Forschung kosten. Die Börsen-Shootingstars des Jahres, etwa Palantir, Nvidia und Microsoft, erleiden plötzlich Kursrückgänge und die MIT -Studie "The GenAI Divide: State of AI in Business 2025" fand jüngst heraus, dass 95 Prozent aller derzeitigen KI-Anwendungen nicht zu mehr Umsatz geführt haben.
Sind KI-Agenten also überhaupt der erwartete Quantensprung hin zu Kostenreduktion und Gewinnexplosion oder müssen wir uns auf lange Phasen der Implementierung und Eingewöhnung in den Unternehmen einstellen? Oder sind KI-Agenten gar auf lange Sicht viel zu teuer in der Anwendung, weil sie etwa bei dauernder Nutzung die Energiekosten enorm hochtreiben?
Wir sprachen mit Thomas Porwol , der als Managing Partner bei der Werbeagentur DDB Germany digitale Innovationen und Kundenerlebnisse entwickelt, über Potenziale und Herausforderungen einer Technologie, die auf viele ähnlich umwälzend wirkt wie zuletzt die Einführung der App Stores.
Welche Aufgaben werden KI-Agenten im E-Commerce kurzfristig übernehmen können?
Thomas Porwol: Die Entwicklung verläuft in zwei deutlich unterscheidbaren Phasen: kurzfristige Effizienzgewinne durch unterstützende Rollen und mittelfristig autonomere Aufgaben - begrenzt durch Energiekosten und technische Zuverlässigkeit. Nächstes Jahr werden vor allem unterstützende Rollen der KI-Agenten dominieren. Intelligenter Kundenservice entwickelt sich zur kompetenten Verkaufsberatung, automatisierte Content-Erstellung für Produktbeschreibungen läuft bereits heute in industriellem Maßstab. Ein oft übersehener Bereich ist die Retourenvermeidung. Zalando berichtete von einer Reduzierung um bis zu 40 Prozent durch virtuelle Umkleidekabinen in einem spezifischen Pilotprojekt, relativierte diese Zahl jedoch wegen der begrenzten Stichprobengröße. Realistischer und bereits heute messbar ist die Senkung größenbedingter Retouren um 10 Prozent - ein signifikanter Fortschritt bei einem der kostenintensivsten E-Commerce-Probleme.Und wohin werden sie sich mittelfristig entwickeln?
Zwischen 2026 und 2028 könnten autonomere Aufgaben folgen, aber die Realität ist nüchterner als oft dargestellt. Selbst Walmart und Maersk nutzen Bots nur für kleinere Lieferanten mit standardisierten Transaktionen - alle bekannten Anwendungsfälle bleiben Bot-zu-Mensch-Szenarien. Das Grundproblem bei Agent-zu-Agent-Verhandlungen ist nicht nur technisch, sondern strategisch: Kein Unternehmen möchte seine Preisuntergrenzen und Verhandlungslogik vollständig einer Maschine anvertrauen. Pactum hat zwar APIs für Machine-to-Machine-Verhandlungen entwickelt, diese wurden aber laut Angaben des Unternehmens aufgrund geringer Nachfrage noch nicht implementiert.Wichtig wird die KI-Variante von SEO, um Shops in die Empfehlungstexte der KI zu bringen. Lassen sich KI-Agenten dafür einsetzen?
KI-Agenten können bereits heute automatisch GEO (Generative Engine Optimization) betreiben. Plattformen wie Profound analysieren kontinuierlich, wie Marken in ChatGPT oder Perplexity erscheinen und optimieren die Sichtbarkeit eigenständig.KI-Qualitätskontrolle mit Langfuse
Zu den größten Wachstumsmärkten im KI-Umfeld zählen Überwachungsdienstleistungen. KI-Agenten drohen ähnlich viel zu phantasieren wie ihre großen Brüder, die Chatbots und Suchmaschinen auf Basis von Künstlicher Intelligenz. Das Berliner Start-up Langfuse hat eine Open-Source-Software entwickelt, die Entwicklern ermöglicht, KI-Anwendungen zu überprüfen und deren Qualität zu bewerten, um die Zahl der Fehler zu minimieren. Die undurchsichtige und unvorhersehbare Arbeitsweise von KI-Tools soll mit den sogenannten LLMops nachvollziehbar werden, um die Qualität künftiger Ergebnisse zu erhöhen. Zu den Kunden der Berliner Firma gehören Merck , Sumup , Telus , Twilio und Samsara .
Wie kann man sicherstellen, dass KI-Agenten nicht anfangen zu phantasieren, weil sie zu wenige Daten für bestimmte Prompts haben? Falschen Kaufentscheidungen ist da Tür und Tor geöffnet.
Die Sorge ist berechtigt. Halluzinationsraten liegen bei 3 bis 27 Prozent der Antworten, ChatGPT produziert bis zu 47 Prozent erfundene Referenzen. Air Canadas Chatbot versprach fälschlicherweise Rückerstattungen , McDonald's AI-Drive-Thru bestellte unkontrolliert Chicken Nuggets für 250 Dollar. Die primären Ausfallmodi umfassen HTTP-Timeouts und API-Rate-Limiting, Kontextfenster-Erschöpfung, falsche Tool-Auswahl, Agent-Koordinations-Zusammenbrüche und endlose Schleifen. Hier hilft mehrstufige KI-Verifizierung. Gemeinsam mit Human-in-the-Loop-KritikerInnen erreichen Multi-Agent-Verifizierungssysteme bereits 30 Prozent Verbesserung der üblichen Abschlussraten. Ein Agent trifft Entscheidungen, ein zweiter überprüft sie, ein dritter validiert die Logik. Einige dieser spezialisierten Agenten für Anomalieerkennung und Überwachung sind produktiv im Einsatz. Noch begrenzen sich diese auf kritische Industrieanwendungen, aber die Annahme wächst.Agenten müssen also ständig überwacht werden. Das ist aufwändig.
Am Markt entstehen spezialisierte Dienstleistungen für KI-Auditing - Unternehmen wie Parloa und UiPath bieten Simulationsumgebungen. KI-Agenten sollten rigoros in simulierten Umgebungen getestet werden, bevor sie eingesetzt werden.KI-Reklamationsmanagement bei Fiege
Der Logistik-Dienstleister Fiege nutzt KI-Agenten , um Reklamationen automatisiert zu bearbeiten. Mehr als 25 Kunden werden bereits mittels Künstlicher Intelligenz entlastet: von der Schadensaufnahme über die Reklamation beim Spediteur bis hin zur Schadensbearbeitung, falls die Reklamation unbeantwortet bleibt oder der angeforderte Schadensausgleich nicht beglichen wird. Fiege bearbeitet derzeit mehr als 10.000 Schadensmeldungen und Transportverluste pro Monate im B2C-Bereich mit KI-Agenten. Der menschliche Aufwand kann damit nach eigenen Angaben um gut 70 Prozent reduziert werden.
Sind digitale Einkaufsassistenten also nichts als überzogene Phantasien?
Nein, aber die Vision wird durch harte Realitäten gebremst: Vertrauen, Energieverbrauch und technische Komplexität. Zahlungsdatensicherheit ist ein zentrales Thema. Mastercard und Visa entwickeln zwar "Agent Pay"-Protokolle für sichere Transaktionen, aber wer möchte einem System vertrauen, das so einfach zu täuschen ist wie aktuelle LLMs? Zusätzlich schaffen heterogene Systeme Probleme. E-Commerce-Websites haben unterschiedliche Strukturen, APIs und Checkout-Prozesse. App-to-Agent-Kommunikation läuft noch nicht reibungslos - verschiedene Apps nutzen unterschiedliche Datenformate und Sicherheitsstandards. Die Zahl der gemeldeten API-Sicherheitsvorfälle war im letzten Jahr signifikant und über alle Anwendungen hinweg zu verzeichnen.Wie kann dem entgegengewirkt werden?
Kleinere, lokal betriebene Sprachmodelle wie Phi-4 könnten hier helfen. Sie wären energieeffizienter, datenschutzfreundlicher und weniger fehleranfällig als Cloud-basierte Systeme. Ein lokaler Agent auf dem eigenen Gerät kennt persönliche Präferenzen, muss aber keine sensiblen Daten übertragen.Klingt nach einer ganzen Mannschaft von KI-Agenten.
Die praktische Lösung dürfte tatsächlich ein Netzwerk spezialisierter Mini-Agenten sein: Einer überwacht Milchvorräte, ein anderer kennt Buchvorlieben, ein dritter vergleicht Preise. Amazons Rufus verarbeitet laut eigenen Angaben bereits Millionen von Fragen erfolgreich - aber nur im Amazon-Kontext mit sauberen Daten.Welche Zukunftsphantasien wecken KI-Agenten mittelfristig, um das Online-Shopping selbst attraktiver zu machen?
Bis 2030 könnte E-Commerce deutlich persönlicher und bequemer werden. Möglich wird das durch die Verbindung von Sprachsteuerung, visueller KI und intelligenter Datenanalyse. Ein Beispiel: Nach einem langen Arbeitstag reicht es, dem Assistenten kurz ein bevorstehendes Meeting zu nennen. Die KI gleicht dann per Kamera die Garderobe mit dem Kalender ab und empfiehlt direkt passende Outfits. Alles läuft nahtlos ab, ohne dass man sich durch endlose Produktlisten klicken muss. Solche hyperpersonalisierten Erlebnisse rücken mit jedem Technologiesprung näher an die Praxis.KI-Absatzprognose bei Otto
Mehr als ein Drittel seiner gut 20 Millionen Produkte verwaltet Otto mit Hilfe mehrerer KI-Agenten. Sie prognostizieren Absatzmengen aufgrund historischer Daten des Online-Shops sowie aktueller Ereignisse wie der Wettervorhersage, den saisonalen Trends, Werbeaktionen oder dem aktuellen Geschäftsklimaindex. Auch die Koordination zwischen den einzelnen Otto-Lagern obliegt den KI-Agenten, dazu tragen sie zur Entlastung im Retouren-Management bei. Nachbestellungen werden ab bestimmten Mengen von Menschen kontrolliert. AI Forecasting strafft die Lieferkette, indem Produkte an jene Verteilpunkte geschickt werden, die am nächsten zu den erwarteten Bestellungen liegen. 30 Milliarden Prognosen pro Monat liefern die KI-Agenten, 2,5 Millionen Artikelnummern werden täglich analysiert und ihr Absatz für die kommenden 450 Tage vorhergesagt.
Werden Kunden- und Shop-Agenten Preise untereinander aushandeln können?
Beim Preisaspekt bleibe ich skeptisch. Die These, dass Einkaufs- und Verkaufsagenten in Echtzeit Preise verhandeln, ist ziemlich steil. Das würde bedeuten, dass beide Seiten entsprechende Systeme haben, Preisstrukturen aufgeben und komplexe Verhandlungslogiken implementieren. Wahrscheinlicher sind dynamische Preisanpassungen basierend auf Nachfrage und Verfügbarkeit, die bereits heute in vielen Shops funktionieren.Welche Rolle werden KI-Agenten im Social Commerce spielen?
Social Commerce setzt seinen Höhenflug fort. TikTok-Shopping erzielt heute schon Milliardenumsätze durch die direkte Verknüpfung von Produkten und Videos. Der nächste Schritt wäre, dass nicht mehr der Nutzer oder die Nutzerin, sondern der KI-Agent beim Scrollen automatisch passende Produkte auswählt. Das klingt faszinierend, setzt aber ein neues Maß an Vertrauen und Kontrolle voraus, das die Branche erst noch schaffen muss.Werden KI-Agenten Aufgaben auch über einen längeren Zeitraum selbstständig ausführen können, etwa durchgehend für die nächsten drei Monate?
Die Fähigkeit zur Langzeitautonomie wächst exponentiell, wird aber praktisch durch Zuverlässigkeit und Energiekosten begrenzt. Basierend auf der Beobachtung, dass sich die Dauer der Aufgaben, die ein KI-Agent zuverlässig bewältigen kann, etwa alle sieben Monate verdoppelt, wäre die Fähigkeit für monatelange Projekte bis 2028 theoretisch plausibel. Die Praxis sieht anders aus: Heutige Systeme scheitern bei Aufgaben über vier Stunden in über 90 Prozent der Fälle.Woran liegt das?
Jeder Fehler löst Kaskaden aus. Technische Grenzen sind real: API-Timeouts, Systemausfälle und Netzwerkprobleme unterbrechen längere Prozesse. Ein Agent, der drei Monate autonom Lagerbestände verwalten soll, müsste mit hunderten unterschiedlicher Lieferanten-APIs kommunizieren, Marktpreisschwankungen bewerten und unvorhersehbare Ereignisse handhaben. Die praktische Lösung liegt in geführter Autonomie: Menschen geben strategische Leitplanken vor, Agenten führen aus. Konkret bedeutet das: Definition von minimalen und maximalen Lagerbeständen, Budgetgrenzen und Lieferantenkriterien. Der Agent arbeitet innerhalb dieser Parameter und meldet sich bei Abweichungen.Man kann Agenten nicht allein arbeiten lassen.
Nein, aber Kontrolle erfolgt nicht täglich, sondern bei definierten Ereignissen - etwa wenn Bestände kritische Grenzen erreichen. Architektonisch setzen sich ereignisgesteuerte Modelle durch: Der Agent ist nicht "always-on", sondern wird durch spezifische Trigger aktiviert, erledigt seine Aufgabe und ruht wieder. Das spart massiv Energie und reduziert Fehlerrisiken.Super-Agenten bei Walmart
Der weltgrößte Einzelhändler will innerhalb von fünf Jahren die Hälfte seines Gesamtumsatzes (2024: 648 Milliarden US-Dollar) im Internet erwirtschaften. Derzeit liegen sie noch gut unter 20 Prozent. Helfen sollen KI-Superagenten, spezialisiert auf Verbraucher, Mitarbeiter, Lieferanten und Verkäufer sowie Software-Entwickler. Bisher gab es eine Vielzahl an kleineren Agenten, jetzt die Reduktion auf vier mit erweiterter Kompetenz. In der Shopping-App von Walmart berät auf Wunsch bereits Sparky die Kundschaft bei ihren Einkäufen. Amazon hat vor eineinhalb Jahren seinen Shopping-Assistenten Rufus vorgestellt, inzwischen ist er in Deutschland sowohl in der App als auch auf dem Desktop verfügbar. Weit kommt man allerdings nicht damit bisher. Seine Empfehlungsqualität etwa liegt deutlich unter der des Such-Algorithmus'.
