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E-Health (1): Wie die Zukunft der Medizin wirklich aussieht
16.07.2012 Die Medizin der Zukunft ist eine Medizin, bei der E-Health eine gewichtige Rolle spielen wird. Ob als Fernmedizin mit der Datenübertragung von Vital-Werten oder als Coaching- und Beratungsplattform im Internet. Es winken neue Geschäftsfelder und -modelle in einem Wachstumsmarkt ersten Ranges.
Zwei Bereiche der Telemedizin
- Doc2Doc
Ein Bereich der Telemedizin ist dabei der Bereich der Kommunikation zwischen den Ärzten, also etwa vom Internisten zum Chirurgen. Dabei geht es im Rahmen einer Zweitbegutachtung um die Fernbeurteilung zum Beispiel von Röntgenbildern, um Videoaufnahmen mit endoskopischen Geräten (Magenspiegelung) und dergleichen mehr. Zu diesem Bereich gehört auch die Aus- und Weiterbildung von Medizinern.
- Doc2Patient
Der zweite Bereich der Telemedizin hat mit der Kommunikation des Arztes mit dem Patienten zu tun, und auch das über räumliche Entfernung hinweg. Diese Anwendungen lassen sich unter den Oberbegriffen der Telediagnostik, der Teletherapie und des Telemonitorings fassen, manche zählen auch den noch eher exotischen Bereich der Telechirurgie hinzu.
Dominierend ist dabei Telemonitoring. Hier wird der Gesundheitszustand eines Patienten mit Hilfe der Telematik oder Fernmessung über Distanz überwacht. Besonders hilfreich ist dieses System bei chronischen Krankheiten wie Diabetes (Zuckerkrankheit) oder chronischer Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Hier ist eine regelmäßige und häufige Überwachung der Patienten aufgrund der langen Krankheitsdauer, ihres Gesundheitszustandes und der verordneten Arzneimittel notwendig. Erhoben und überwacht werden physiologische Parameter, bei der körpernahe Sensoren kontinuierlich sogenannte Vitalwerte wie beispielsweise den Blutdruck, den Puls oder das EKG (Elektrokardiogramm) des Patienten erfassen. Die ermittelten Daten werden zunächst in digitaler Form an eine Basisstation übermittelt und von dort aus an ein Telemedizinzentrum weitergeleitet, wo die Daten erfasst und von einem Arzt oder dem medizinischem Fachpersonal ausgewertet werden.
Im Rahmen der Telediagnostik wiederum greift der Arzt direkt auf die Daten des Patienten zu. Dies können bereits erfasste Angaben sein, wie Röntgenbilder, oder Werte, die an einem anderen Ort entstehen, etwa EKG oder Videoaufnahmen des Patienten.
Der Markt für E-Health und Telemedizin in Europa: Wachstum prognostiziert
Eine ganze Reihe von Studien prognostiziert dem Gesundheitsmarkt 2.0 ein kräftiges Wachstum. Eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger etwa geht von einem Wachstum von jährlich elf Prozent aus. Sie rekurriert auf dem derzeitigen Anteil von durchschnittlich zehn Prozent des Gesundheitssektors am Bruttosozialprodukt der europäischen Volkswirtschaften und sieht diesen wachsen: ""Durch das steigende Gesundheitsinteresse, den technischen Fortschritt und die Alterung wird dieser Anteil bis 2020 nach unseren Berechnungen auf rund 16 Prozent steigen", meint Dr. Joachim Kartte , Leiter des Kompetenzzentrums Pharma & Healthcare bei Roland Berger.Experten prognostizieren der Studie zufolge künftig ein deutlich beschleunigtes Wachstum: Bis 2014 rechnet die EU-Kommission mit jährlich elf Prozent für den gesamten E-Health-Markt. Das Segment Telemedizin und E-Care oder Ambient Assisted Living wird sich dann mit einer Wachstumsrate von 19 Prozent deutlich vom Rest des Markts abheben. Schon 2007 definierte die EU den E-Health-Markt als einen von sechs besonders zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigen. Die EU-Kommission erhofft sich hier bis 2020 rund 230.000 neue Arbeitsplätze in Europa.
In welchen Bereichen das Wachstum erfolgen wird
Eine regionale Studie der Fachhochschulen Lübeck und Flensburg ("Potenzialanalyse Telemedizin Südholstein" ) listet Komponenten telemedizinischer Lösungen auf. Danach geht es um:- Geräte, die am Patienten bestimmte Messungen vornehmen und die erfassten Daten übermitteln
- Hardware sowie Geräte zum Empfang und Versenden von Daten bei einer Datenannahmestelle und den beteiligten Leistungserbringern
- Software bzw. Softwareentwicklung für die Geräte am Patienten und für die Datenbank
- Leistungen für die Übermittlung der Daten zwischen Patienten, Datenannahmestelle und Leistungserbringern
- Beratungsleistungen und sonstige Dienstleistungen für alle Komponenten einer telemedizinischen Lösung
- den Betrieb von Datenverarbeitungseinrichtungen bei der Datenannahmestelle und den Leistungserbringern - wobei der Betrieb durch Dritte gemeint ist und der Betrieb natürlich auch durch die Datenannahmestelle und die Leistungserbringer selbst erfolgen kann
- Datenverarbeitung, Hosting und damit verbundene Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Datenbank, der Datenannahmestelle und den beteiligten Leistungserbringern
- Reparaturen von Datenverarbeitungs- und Telekommunikationsgeräten bei den Geräten am Patienten und den Geräten beziehungsweise der Hardware bei Datenannahmestelle und beteiligten Leistungserbringern
Vorteile der Telemedizin
Da die Beitragssätze eher wachsen als schrumpfen, suchen vor allem die Krankenkassen nach Möglichkeiten einer Kostenreduktion. Ein Ansatz dabei ist die weitgehende Vernetzung zwischen den einzelnen Anbietern oder ganzer Sektoren. Der Mannheimer Telemedizintechnikanbieter Vitaphone zum Beispiel rechnet mit Einsparungen von 1.200 Euro bei einem telemedizintechnisch betreuten Herzpatienten pro Jahr, weil viele Arztbesuche und eine Reihe von Klinikaufenthalten entfallen. Die Deutsche Bank Research-Studie listet die Vorteile von Telemedizin auf:- Im ambulanten Bereich - vor allem bei chronisch Kranken - ist eine schnellere Linderung der Beschwerden möglich, je besser ein Arzt in die Behandlung eingreifen kann. Durch die Therapie aus der Ferne können Arztbesuche entfallen und Medikamente schneller dem geänderten Krankheitsbild angepasst werden.
- Durch Anwendung der Telemedizin lassen sich bei chronisch Kranken die Prozesse bei der Versorgung optimieren. Nach Berechnungen des Fraunhofer-Instituts entfallen in Deutschland etwa 80 Prozent der Ausgaben für das Gesundheitswesen auf chronische oder Langzeiterkrankungen, was in etwa einem Wert von 200 Milliarden Euro entspricht.
- Für die Patienten geht es beim Thema Gesundheit nicht in erster Linie um Kosteneinsparung, sondern um Qualitätssicherung oder -steigerung. Qualitätssteigerungen werden insbesondere im Bereich des Telemonitorings dank engmaschiger Überwachung der Risikopatienten und dank einer optimalen Vernetzung der Gesundheitsstrukturen erreicht.
Wie sich die Versorgungsstrukturen durch Telemedizin verändern
Die Anwendung von Telemedizin wird das Verhältnis von stationärer und ambulanter Behandlung verändern. Der stationäre Bereich wird dabei an Bedeutung verlieren, die Patienten werden immer weniger Tage im Krankenhaus verbringen. Die Krankenkassen werden verstärkt mit Dienstleistern im Bereich der Telemedizin zusammenarbeiten, um die Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt zu betreuen und zu überwachen.Risiken und Hürden bei der Umsetzung
Die skandinavischen Länder sind bei der Telemedizin in Europa führend, dabei spielt die Bevölkerungs- und Arztdichte eine große Rolle. Deutschland liegt im Ranking der acht wichtigsten Länder im unteren Mittelfeld. Der flächendeckende Einsatz von Telemedizin muss noch einige Hürden überwinden wie:- Die Fragmentierung des Marktes. In Deutschland sind es rund 6000 Klein- und Mittelbetriebe, die eine Vielzahl von Lösungen anbieten, ohne untereinander kompatibel zu sein.
- Telemedizin wird derzeit nur in Ausnahmefällen von den Krankenkassen bezahlt, der Patient bezahlt die Gesundheitsleistungen aus eigener Tasche.
- Endgeräte der Telemedizin müssen einfach zu bedienen sein, um auch von älteren Patienten genutzt zu werden. Oft liegen bei ihnen Einschränkungen beim Sehen oder der Fingerfertigkeit vor.
- Telemedizin ist auf die Akzeptanz der Ärzte angewiesen. Für die Praxen ist die Anwendung der Telemedizin mit Investitionen in die Infrastruktur und mit mehr Verwaltung verbunden.
- Einige juristische Probleme wie der Datenschutz sind noch nicht gänzlich gelöst. Aufgrund des hohen Wertes der sensiblen Patientendaten auch in ökonomischer Hinsicht sind sie einem Missbrauchsrisiko ausgesetzt.
Ein Markt für kleine Unternehmen mit innovativen Produkten
Trotz aller Hürden wird der Siegeszug von E-Health nicht mehr aufzuhalten sein. Starke Wachstumstendenz weist dabei der Bereich der Telemedizin auf. Die DB Research-Studie kommt zu dem Schluss, dass der Trend zum verstärkten Einsatz der Telemedizin vor allem solchen Unternehmen zum Erfolg verhelfen wird, die mit innovativen Produkten auf den Markt drängen. Die Erschließung des neuen Marktes wird von kleinen und flexiblen Firmen vorangetrieben, die ihre Produkte und Dienstleistungen auf spezifische Kundenwünsche ausrichten können. Wo Standardisierungen möglich sind, werden sich auch große Marktteilnehmer stärker engagieren.Die Reihe 'E-Health' | |
|---|---|
| Teil 1: Neue Produkte Produkte | Ein Wachstumsmotor ersten Ranges. |
| Teil 2: Neue Anwendungen | Im Kampf gegen Diabetes und Übergewicht |
| Teil 3: E-Care und Ambient Assisted Living | Chancen und Barrieren in einem aufstrebenden Markt |

