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Finger weg von Tik Tok
04.12.2019 Der Hype um das Social-Video-Portal Tik Tok wird die Marketing-Welt auch 2020 begleiten. Doch die Empfehlung von iBusiness lautet: Vorsicht - und zwar aus gleich mehreren Gründen. Einer liegt in Hongkong.
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Im Fall der Tagesschau darf man davon ausgehen, dass sie nicht auf einem zentralen Kanal Minderjährige, Neu- und Ungeborene ansprechen wollte, als sie neulich mit erheblicher PR ihre Tiktok-Präsenz verkündete. Wahrscheinlich wollte man einfach jung sein beim Nachrichten-Flaggschiff der Bundesrepublik. Dementsprechend hatte man wohl in Hamburg wenig Ahnung davon, mit welchen Assoziationen Tiktok im Rest der Digitalwelt noch verknüpft ist - und handelte sich einen an Shitstorm-Dimensionen heranreichenden medialen Backlash ein: Neben dem als nicht vorhanden gescholtenen Datenschutz kritisierten Medien landauf landab vor allem, dass sich die Tagesschau mittelbar zum Komplizen eines tatsächlichen oder angeblichen Unterdrückertools machte: China hält den hiesigen Konzern anscheinend derart unter der Knute, dass das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens keinen Platz auf Tiktok finden und sich Tibetanische Unabhängigkeitsproteste dort eben so wenig ereignen sollen, wie auch der Eindruck vermittelt würde, im Hongkonger Tagesgeschäft sei alles in bester Ordnung.
Es ist ein Unterfangen, mit Risiken Werbung auf einem Netzwerk zu machen, das aktuell von offiziellen Behörden in den USA und Deutschland überprüft wird und im Verdacht steht, Nutzerdaten an die chinesische Regierung zu übermitteln. Ein anderes ist es, sich gezielt an die jüngeren und jüngsten Zielgruppen zu wenden. Sieht man zum einen davon ab, dass diese sich eventuell ja bewusst dort versammeln, wo sie von Advertisern in Frieden gelassen werden - so gelten für die Online-Werbung in von Minderjährigen frequentierten Umfeldern besonders strenge Regeln, "zum Schutz der Kinder, damit ihre Neugierde, Unerfahrenheit und Unwissenheit nicht ausgenutzt wird. Diese Richtlinien sind gesetzlich verankert, etwa im Wettbewerbsrecht (UWG), im Rundfunk- und Telemedienrecht (RStV, TMG), im Jugendmedienschutzrecht (JMStV)", informiert etwa das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend : "Ebenso ist festgelegt, dass sich Werbung und der eigentliche Inhalt der Seite nicht vermischen dürfen und dass Werbung deutlich erkennbar sein muss."
Es gilt also aus juristischer, aber auch aus Image-Hinsicht vorsichtig vorzugehen - welche Marke will wirklich als die Marke bekanntwerden, die in einem Kinder- und Jugendnetzwerk Inapp-Käufe und Abos vertickt? Bestimmt genug. Aber welche namhafte, seriöse Marke will ihren guten Namen in einer Reihe mit diesen Marktteilnehmern wissen?
Offenbar ist die Versuchung aber groß, zumal die jugendliche Zielgruppe einen langsamen Exodus beim Marketing-Favoriten Facebook anführt. Facebook verliert laut Emarketer nicht nur Nutzer in Deutschland, sondern dies geschieht auch deutlich schneller als von Analysten erwartet: Die Facebook-Nutzung in Deutschland fiel 2019 um 1,2 Prozent und wird bis Jahresende nochmal knapp ein Prozent fallen (auf knapp unter 26 Millionen Nutzer) - erwartet hatte man ein minimales Wachstum.
Dies sollte aber nicht zwingend dazu führen, nun mit Gewalt Werbebudgets zu Tik Tok hinüberzuschieben, auch wenn der gefühlte Handlungsdruck ob der Allgegenwart des Hypes steigt. Selbst wenn man die erwähnten Gefahren für das Markenimage auf moralischer Ebene ignoriert, bleiben für Advertiser genug Stolperfallen auf inhaltlicher Ebene: Deshalb rät etwa Felix Beilharz , Berater für Online- und Social-Media-Marketing, dass jeder, "der nicht explizit Teenager als Zielgruppe hat, mit 'beobachten und abwarten' gut bedient ist - das Risiko, sich lächerlich zu machen, ist einfach zu groß." Tik Tok ist für ihn ein Nischennetzwerk, aber kein Facebook-Killer, "weil es wirklich nur Teenies anspricht, Ü18 ist dort sehr dünn... und weil es eben nur Kurzvideos mit Musik/Audio sind, keine anderen Inhalte."
Statt auf Tik Tok zu setzen, können Marken eines der länger bekannten und genauer erforschten Netzwerke bedienen - anders als Facebook werden die meisten Netze 2019/2020 wachsen - und zwar
- Instagram um 10,4 Prozent auf 17,7 Millionen Nutzer. In 2020 wird es hier mehr Ü25-Nutzer geben als auf Facebook .
- Snapchat (für das genau so viele Vorbehalte gelten, wie für Tik Tok) wächst um 7,5 Prozent auf 10,6 Millionen Nutzer.
- Und Twitter wächst 4,3 Prozent auf vier Millionen Nutzer.
Die Wahrheit ist, dass in den vergangenen zwölf Monaten eine ganze Reihe Netzwerke als Facebook-Nachfolger gehandelt wurden. Keines ist es geworden oder zeigt ernste Anzeichen dafür.
| Aktuell aufstrebende soziale Netzwerke | |||
|---|---|---|---|
| Gestartet | Mitglieder | Charakteristik | |
| einst geplanter Januar-2019-Start, hängt in Alpha-Phase | - | Das Anti-Facebook mit explizitem Privacy-Ansatz musste das -Book aus seinem Namen tilgen, um einen kostenintensiven Prozess gegen Facebook zu vermeiden, im ersten Anlauf mit Crowd-Finanzierungskampagne gescheitert | |
| Ello | März 2014 | Angaben schwanken zwischen einer und drei Millionen | unkommerzielles Nischennetzwerk, aufgestellt als pintereste Künstler-Community |
| sarahah | Ende 2016 | 95 Millionen | kommerziell ausgerichtetes Netzwerk aus Saudi-Arabien, bei dem Nutzer anderen anonym Feedback geben sollen |
| Mastodon | seit 2016 | 2,2 Millionen Nutzer 2019 laut Homepage | Mikrobloggingdienst, dezentral, Open-Source-Zugangssoftware nötig, ähnelt Twitter , zuletzt stärkeres Wachstum in Indien |
| Diaspora* | Juni 2018 | 660.000 Nutzer registriert (Stand März 2018) | Import von Posts aus anderen Netzen möglich, aktuell kein Revenuestream, Download von Software für Zugriff nötig |
| Friendica | Mai 2018 | circa 3.000 registrierte Nutzer verzeichnet | Import von Posts möglich, Foren-Struktur, aktuell eher Collaboration-Tool, unkommerziell und informell von einer Handvoll Entwickler betrieben |
| Tik Tok | 2016 | 800 Millionen, davon 5,5 Millionen in Deutschland | chinesisches Netzwerk für Entertainment-Inhalte, Video-lastig, fusioniert mit Musical.ly |
| WT.Social | Ende Oktober 2019 | 200.000 Mitte November | Von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gegründetes Anti-Facebook, werbefrei konzipiert und mit Schnittstelle zu Wikipedia , konzipiert als politisches Netzwerk für intellektuelle Nutzer |
Vier Szenarien für die zukünftige Aufteilung des Social-Media-Marktes
Bunte Social-Media-Landschaft
Spezial- und Nischen-Netzwerke knabbern Facebook so lange aus allen Richtungen Reichweite weg, bis der einstige Gigant substanziell geschrumpft wird. Die Landschaft der Social Media wird bunt und granular: Viele kleinere und größere Netzwerke, aber nicht mehr DAS eine große Netzwerk.
DER Nachfolger
Es gibt in absehbarer Zeit ein neues, großes Netzwerk, das es an Reichweite und Nutzeraktivität mit Facebook aufnehmen kann und den Social-Media-Giganten vom Thron stößt. Im Prinzip findet damit ein Machtwechsel statt, für Werbetreibende, Marken und Nutzer ändert sich nur der Name des Ökosystems.
Bunte Landschaft mit dickem Kopf
Wie in Szenario 1 gibt es eine bunte, granulare Landschaft, doch verteilt sich hier die Reichweite nicht so gleichmäßig - 50 Prozent oder sogar deutlich mehr vom Social-Media-Markt kontrolliert weiterhin Facebook, das als dicker Kopf über allen anderen Netzwerken sitzt - doch es gibt zumindest mehr Alternativen, die besonders in der Nische von den Nutzern auch angenommen werden.
Facebook bleibt Facebook
Es ändert sich eigentlich nichts - die einzige, relevante Größe in Social Media bleibt Mark Zuckerbergs Netzwerk - und daran ändert sich allzu schnell auch nichts, Datenskandale hin, Hassrede her. Die Nutzer bleiben aus Mangel an bequemen Alternativen.
Denn selbst junge Nutzer müssen sich davon nicht zwangsläufig angesprochen fühlen: Man nehme den mit 25 Jahren durchaus gestandenen, aber doch näher als viele CMOs an der Jugend residierenden Youtuber Cr1TiKaL. Er etwa kam in einem humorigen Video zu dem Ergebnis, dass Tik Tok der zweithumorloseste Ort der Welt (nach Reddit ) sei und es dort buchstäblich nicht ein gutes Stück Content gebe. Die obersten drei Top-Kommentare unter diesem Schmähvideo sind absolut lesenswert, da sie einem ein gewisses Gefühl dafür geben, wie Tik Tok jenseits euphorischer Marketing-Berater-Oden wahrgenommen wird:
- "everyone hates tiktok" (7200 Likes für Nutzer 'Don't Censor Hentai')
- "I feel very uncomfortable watching little children trying to be 'seductive'" (300 Likes für 'sup_ monica')
- "tiktok is 99% bad shit and then 1% stuff that's so bad it's good" (740 Likes für Nutzer 'A2BS')
- Nutzer 'Core i9-9900K' schreibt: "What can I say... People are getting dumber and dumber" (400 Likes)
- 'smknbdha': "I could feel my brain cells dying as I watched this." (550 Likes)
Doch mal abgesehen vom konkreten Beispiel Tik Tok - es wird auch nach Tik Tok kein Netzwerk mehr geben, das so viele Nutzer versammelt wie Facebook. Der Nimbus von Social Media - alle Heilsbringer-Versprechen, die die Macher daran geknüpft haben - ist dahin. Statt des einen Netzwerkes für alle wird es nur noch viele Netzwerke für jeweils einige geben - Social-Media-Nutzung und damit Social-Media-Marketing fragmentieren sich. Wer hier Marketing machen möchte, braucht genaue Zielgruppenanalysen, sollten KPI ebenso wie eine Strategie festgelegt haben, die dem Kanal einen Platz und eine Rolle in der Customer Journey zuweist. Es bleibt kompliziert.
