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Arbeitsplatz der Zukunft: Kontinuität in der Cloud
24.06.2010 Unabhängigkeit ist das Zauberwort, wenn es um den Arbeitsplatz der Zukunft von Wissensarbeitern geht: Unabhängigkeit von Ort, Zeit und Endgerät - aber auch die Unabhängigkeit zu einer Vernetzung mit beliebigen Personen. Dabei helfen Cloud, Continuous Client und das Internet der Meetings.
Ein Paradebeispiel für diesen Cultural Shift in der Arbeitswelt ist der IBM-Mitarbeiter Luis Suarez, ein Experte für Wissensmanagement . Er lebt und arbeitet in einem kleinen Dorf auf den Kanarischen Inseln, sein Chef sitzt in Madrid und sein Team ist über den gesamten nordamerikanischen Kontinent verstreut. Sein Credo: "Ich bin nicht angestellt, um beschäftigt zu sein, sondern um gewisse Ziele zu erreichen. Die Zielerreichung ist die einzige Messgröße, die im Arbeitsleben zählen sollte."
Für Wilhelm Bauer , Chef des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, ist der Zusammenhang klar: "Arbeitsperformanz steigt unmittelbar mit dem Zugang zu Wissen." Durch die Vernetzung der Mitarbeiter mithilfe moderner Kommunikationstechniken ließen sich die kreativen Potenziale rascher, tiefgehender und wirksamer erschließen als durch eine zwangsweise räumliche Nähe. "Virtuelle Zusammenarbeit über ganze Wertschöpfungsketten hinweg wird die Denkarbeit dramatisch verändern."
Wie aber sieht der Future Workplace denn konkret aus? Der Versuch einer Arbeitsplatzbeschreibung:
Daten und Anwendungen in den Wolken
Die IT-getriebenen Arbeitsplätze der Zukunft werden sich nach einer Umfrage des Beratungshauses centracon bei IT-Managern und CIOs durch Eigenschaften wie ortsunabhängigen Zugriff, modulare Services, Endgeräte-Unabhängigkeit und die automatisierte Bereitstellung von Diensten auszeichnen. "Bislang wurde das Bild von infrastrukturabhängigen IT-Arbeitsplätzen beherrscht, aber sie passen heute schon vielfach nicht mehr zu den Anforderungen und werden den zukünftigen Erfordernissen noch weniger entsprechen", sieht centracon-Geschäftsführer Robert Gerhards einen deutlichen Wandel.Gestützt wird dieser Trend auch von anderen Studien: In einer Umfrage des gemeinsamen Projektes Imagining the Internet von Elon University und des Pew Research Center unterschreiben 71 Prozent von rund 900 befragten Internet-Experten die Aussage: "2020 wird die Mehrzahl der Beschäftigten nicht mehr auf einem klassischen PC arbeiten, sondern in Internet-basierten Applikationen wie Google Docs ihre Tätigkeit verrichten und mit Hilfe von Apps auf Smartphones." Die Studie von Elon University und Pew Internet Institute hat als größtes Risiko in Hinsicht auf das Cloud Computing als zentralem Arbeitsplatz-Paradigma aber die Frage der Sicherheit und Zuverlässigkeit ermittelt. Die Erwartungen sind in dieser Hinsicht extrem breit gestreut. "In der Zukunft werden wir nicht mehr wissen, wo unsere Daten liegen, und vor allem wird es uns auch völlig egal sein", glaubt wenig überraschend Hal Varian, Chefökonom von Google. Die Gegenposition nimmt R. Ray Wang ein, Partner bei der Altimeter Group, und einer der prominentesten Analysten im Bereich des Enterprise 2.0: "Cyberterrorismus wird zu einem fatalen Vertrauensverlust in das Cloud Computing führen und der PC wird seine volle Bedeutung zurückgewinnen."
Wesentlich wahrscheinlicher als eine dieser Extrempositionen ist das Eintreten einer Mischform. Die Zuverlässigkeit der Cloud dürfte dabei zum entscheidenden Faktor werden, ob der Arbeitsplatz der Zukunft eher PC- oder eher Smartphone-getrieben sein wird.
Integration von Kommunikation und Kollaboration
Eine Ahnung, wie der Client eines Future Workplace aussehen kann, liefert Google seit etwa einem Jahr mit seiner Software Wave. Die seit kurzem frei verfügbare Web-App kombiniert - und das ist der grundsätzlich neue Ansatz daran - kommunikative und kollaborative Werkzeuge, die zudem in Echtzeit zu benutzen sind. Das bedeutet, arbeiten mehrere Leute in Wave an einem Dokument, kann jeder die Tastatureingaben des anderen sehen, während dieser noch schreibt. Während sich Wave im Consumer-Umfeld aufgrund seiner geringen Verbreitung noch schwer tut, gibt es in Unternehmen - wo sich schnell eine Nutzerbasis schaffen lässt - bereits einige interessante Anwendungen: So nutzen sowohl Enterprise Collaboration Tools von Novell (Pulse) als auch von SAP (StreamWork) das zugrunde liegende Google Wave Federation Protocol.
In eine ganz ähnliche Richtung zielt IBMs Groupware-Sparte Lotus mit ihrem Project Vulcan. Der Unterschied zu Wave: Vulcan ist von vornherein auf eine Nutzung im Unternehmen hin konzipiert. Prinzipiell geht es bei Vulcan darum, ein intuitives Interface für die fragmentierte Lotus-Produktpalette zu schaffen, und damit sämtliche Informationsquellen individueller (Mail, Aufgaben, Feed) und übergreifender Art (Datenbanken, Anwendungen) in einen sinnvoll nutzbaren Stream zu aggregieren.
Die Betonung liegt auf sinnvoll nutzbar, denn mit der zeit- und raumunabhängigen Verfügbarkeit von Wissenquellen - seien es Dokumente, Datenbanken, Anwendungen oder Menschen - wächst auch das Problem der Informationsüberflutung. Fraunhofer-Experte Bauer: "Nichts ist unproduktiver als ein Overkill an Informationen."
Es kann bei der Wissensarbeit nicht darum gehen, möglichst viel Information bereitzustellen, sondern möglichst relevante Information. Und hier liegt die große Chance von Projekt Vulcan. Denn damit soll eine Klasse von Unternehmensanwendungen entstehen, die proaktiv bei der Auswahl und Zusammenstellung von relevantem Wissen hilft. IBM will seinen enormen Background im Bereich Information Management und Analyse dafür nutzen, um wichtige Informationen in dem Stream zu priorisieren oder dem Mitarbeiter zum Beispiel automatisch zusätzliche Informationen anzubieten, wenn ein Thema ihn vor Probleme stellt.
So sehr der Arbeitsplatz der Zukunft aber auf ein verteiltes Arbeiten ausgerichtet ist, die Technologie bringt auch massive Weiterentwicklung bei klassischen Arbeitssituationen, etwa Face-to-Face-Meetings. Ein regelrechtes Internet der Meetings ist das Ziel eines EU-Forschungsprojektes namens AMIDA (Augmented Multiparty Interaction with Distance Access).
Ziel von AMIDA ist es, das in Meetings gewonnene Wissen - das heute oft in Form dröger Protokolle in Aktenschränken verstaubt - digital zu erfassen, zu verknüpfen und vor allem wiederauffindbar zu machen. Erreicht wird das, in dem alle relevanten Informationen automatisch erfasst und wesentliche Keywords extrahiert werden:
- Eine Videoaufzeichnung wird in Hinblick auf soziale Interaktion analysiert und mit Annotationen versehen: Dadurch können Personen, die nicht an dem Meeting teilgenommen haben, später erkennen, an welche Person etwa eine Aussage gerichtet war.
- Die Wortbeiträge werden über eine Spracherkennung in Echtzeit transkribiert und auf Schlüsselwörter hin analysiert.
- Die Mitschriften der Teilnehmer erfasst eine spezieller Stift von Logitech.
- Whiteboard-Einträge werden digitalisiert und bleiben erhalten, auch wen die Tafel gelöscht wird.
- Präsentationen und Dokumente werden automatisch mit den Diskussionsbeiträgen verknüpft.
Kontinuität statt Medienbrüchen
Die bereits in vollem Gang befindliche Entwicklung zum Cloud Computing hat schon ein Stück weit zu einer gewissen Unabhängigkeit vom verwendeten Endgerät geführt, da der Zugriff auf Web-Applikationen einheitlich über den Browser erfolgt - und Browser es für nahezu alle Kategorien von Endgeräten gibt, vom Smartphone bis zum Desktop. Dennoch muss bei einem plötzlich erforderlichen Wechsel des Endgerätes der Arbeitsprozess - etwa das Ausfüllen eines Formulars - häufig neu beginnen.
Das soll sich in Zukunft ändern durch ein Konzept namens Continuous Client, an dem mehrere Hersteller bereits intensiv forschen - wie etwa eine Patentanmeldung von Apple zeigt - und das einen bruchlosen Wechsel zwischen Endgeräten realisieren soll.
Heute gibt es erst einzelne Elemente eines Continuous Client. Zwei Beispiele, die zeigen, in welche Richtung die Entwicklung geht:
- Bei Web-Apps, die mit der Sprache JavaFX von Oracle (früher Sun) entwickelt wurden, ist es möglich, die Applets während des laufenden Betriebs aus dem Browserfenster heraus auf den Desktop zu ziehen und dort weiter zu betreiben - selbst wenn der Browser geschlossen wird.
- Bei der Firefox Home App für das iPhone werden alle Webseiten, Favoriten, Verläufe und Tabs eines Firefox-Browsers mit einer entsprechenden App auf dem Smartphone von Apple synchronisiert und stehen dort zur Verfügung.
- eine Client-Software für die unterschiedlichsten Endgeräte,
- ein zentraler Server, der die Clients verwaltet und für eine Kommunikation zwischen den Clients sorgt, sowie
- Dienste, die auf diese Infrastruktur aufsetzen.
- mit denen sich Texte, URLs oder Dateien per Drag and Drop von dem derzeit aktiven Client auf die anderen, momentan ungenutzten übertragen lassen.
- durch die man das Dateisystem der gerade ungenutzten Client vom aktiven Gerät aus durchsuchen kann,
- mit denen man Listen anlegen kann, die zwischen den Geräten automatisch synchronisiert werden.
- die das Öffnen einer URL auf einem anderen Client anstoßen,
- die alle zuletzt genutzten Kontaktinformationen, Mail-Anhänge und Dateien, unabhängig vom verwendeten Client, in einer Liste aggregieren und für eine erneute Verwendung zugänglich machen - auch wenn die ursprüngliche Nutzung auf einem anderen Client erfolgt ist.
Eine konkrete Anwendung dieses Prinzips realisiert die Software Hoccer , die vornehmlich auf den Austausch zwischen zwei Smartphones zielt, über einen Web-Client können im Prinzip aber auch Desktop-Geräte mit einbezogen werden.
So ergibt sich ein relativ konkretes Bild eines künftigen Arbeitsplatzes. Ob es aber wirklich so kommt, bleibt offen, schließlich gilt am Ende der Satz des britischen Technologieforschers David M. Berry: "Ganz egal, wie optimistisch unsere Vision der Zukunft ausfällt, die technologische Realität ist, dass Maschinen früher oder später immer kaputt gehen."
Und dann könnte die räumliche Nähe zu den Kollegen wieder recht nützlich sein...
