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Zukunft der Arbeit (1): Work-Clouds in der komitativen Sphäre
12.03.2012 Die globale Vernetzung führt zur weitgehenden Auflösung oder Verflüssigung von traditionellen Strukturen der Arbeitswelt. Ort, Zeit und Organisationsform von Arbeit werden transformiert zu granularisierten, entgrenzten Einheiten. Warum Gewerkschaften und Arbeitgeber, Angestellte und Personalverantwortliche, Politik und Öffentlichkeit sich den Folgen des Megatrends Partizipation stellen müssen.
1. Medien verändern Gesellschaften: Bereits 1990 beschrieb der amerikanische Medienforscher Joshua Meyrowitz , wie eine Veränderung der Medienlandschaft soziale Umwelten verändert, indem sich der Zugang zu Wissen in einer Gesellschaft verändert.
2. Das Internet verändert alles: Neu hingegen ist: Das Internet beeinflusst uns nicht nur durch seinen Inhalt, sondern auch dadurch, dass es die "Situations-Geografie" unseres Lebens und damit auch der Arbeitswelt entscheidend verändert. Medien wirken sich gesellschaftlich aus, indem sie die Beziehung zwischen physischem Ort und der Informationsquelle auflösen.
Die komitative Sphäre
Bezogen auf die Zukunft der Arbeitswelt und die derzeitige digitale Vernetzung bedeutet dies in fortschreitender Konsequenz die völlige Abkoppelung der Information vom physischen und geografischen Ort und die Verlagerung der Information hinein in eine komitative Sphäre, die ebenso wie die Atmosphäre die Erde umgibt. Diese komitative, begleitende, Sphäre ist ein kulturelles Phänomen, das mit der Herausbildung von technischen Medien seinen Anfang nahm.Dazu gehörte die Nutzung von Lang- und Kurzwellen für terrestrische Radiosendungen und Datenübertragung ebenso wie die Verbreitung eines Telefonkabelnetzes oder die Übertragung von Fernsehprogrammen über Satellit. Das Telefon ist dabei ein frühes Beispiel dafür, wie sich Ort und Information voneinander lösen und Nachrichten auch über eine Entfernung von Hunderten an Kilometern zur Verfügung standen.
Das Revolutionäre der heutigen komitativen Sphäre gegenüber den Vorgängern liegt in der globalen Totalität und der prinzipiellen Unabhängigkeit sogar von materiellen Netzen: Satelliten erlauben weltweit den Zugang zum Internet und damit auch zu traditionellen Kommunikationskanälen wie dem guten alten Faxgerät. Und dieser Netzzugang wie das Netz überhaupt - eben die heutige komitative Sphäre - sind die Grundlage für die möglichen Transformationen der Arbeitswelt.
Räume als Wissens-Container nicht mehr notwendig
Diese Welt besteht, wenn wir einen sehr grundsätzlichen Zugang wählen wollen, in der Kooperation von Menschen, die Dinge austauschen oder zusammenwirken. Adam Smith war einer der ersten, der die Vorzüge der Arbeitsteilung benannte: Eine Erhöhung der Geschicklichkeit des Produzenten durch stetes Wiederholen und damit die Erhöhung der wirtschaftlichen Effizienz.
Die so produzierten speziellen Güter aber mussten zusammengebracht werden, um daraus etwas Neues entstehen zu lassen - Handelswege waren die ersten Netze, auf denen Güter und Informationen transportiert wurden. Der physikalische und geografische Ort blieb so bis zur Entstehung der komitativen Sphäre das bestimmende Element, ebenso wie die Fabrik oder das Gebäude des Unternehmens. Und darin wieder die räumliche Unterteilung und physikalische Struktur der einzelnen Abteilungen auf verschiedenen Stockwerken, was zugleich die Hierarchie der Organisation widerspiegelte. Räume als Wissens- und Informations-Container, die miteinander nach bestimmten örtlichen Regeln (Tarifbindung, Tageszeiten, Umgangsformen etc.) kommunizierten.
Eine der Prinzipien, die eine künftige Welt der Arbeit wesentlich zu strukturieren im Stande ist, wird die Auflösung dieser An- und Zuordnung von Räumen und das Aufgehen von speziellen und abgegrenzten Informations-Räumen in einen allgemeinen Raum der Information sein. Oder mit anderen Worten, die Verlagerung bisheriger physischer Strukturen hinein in die virtuelle Struktur der komitativen Sphäre.
Kommunikation als Treibstoff
Damit aber sind völlig andere Kommunikationsformen und Kommunikationsorganisationen zu etablieren. Künftig können Unternehmen nur mehr von einer kleinen Kernbelegschaft geführt werden, die den Mittelpunkt einer Cloud von frei arbeitenden Spezialisten und Fachkräften bildet. Zusammengeführt werden diese an dem nichtgeografischen Ort einer Internetplattform und der physische Standort der Freiberufler, ob Sydney in Australien oder Kangerlussak in Grönland spielt keine Rolle mehr.Dominierend ist dabei die Teilnahme an zeitlich begrenzten Projekten anstelle der dauerhaften Firmenzugehörigkeit. Dieses Konzept bedeutet nichts anderes als die Aufhebung der materiellen Strukturen von Ort, Zeit und Organisationsform - und nebenbei der Neutralisierung der dazu gehörenden sozialen Sicherungssysteme.
Neue Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber
Diese Granularisierung von bisher mehr oder weniger konstanten Strukturen der Arbeitswelt bedeutet einen völligen Neuentwurf von Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, von Arbeitszeit und Freizeit, von Arbeitskontinuität und Freisetzung.Dabei scheint eine neue Zweiklassengesellschaft auf: Die festangestellten Stamm-Mitarbeiter im Betrieb einerseits und darum gruppiert die Projekt-Nomaden, die als Freiberufler von Projekt zu Projekt wandern und jeweils die Bedingungen mit dem Auftraggeber aushandeln. Die Auswirkungen für diese Gruppe lassen sich in bipolaren Szenerien beschreiben: Einerseits der Zuwachs an Lebens- und Zeitgestaltungsmöglichkeiten, in denen sich zum Beispiel Phasen der Berufstätigkeit mit Phasen der Kindererziehung oder der spirituellen Selbstfindung abwechseln.
Auch die Auswahl von interessanten Projekten, die Vermeidung von Monotonie, die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Partnerschaft (weil an einem Ort möglich beziehungsweise die Berufstätigkeit ortsunabhängig ist) gehört auf diese Bilanzseite. Demgegenüber steht die Unsicherheit der freiberuflichen Tätigkeit und das Ausgesetztsein einer globalisierten Konkurrenz und dementsprechenden Vergütungswettbewerben nach unten entgegen, kurzum die mögliche Prekarität derartiger Tätigkeiten.
Änderung für die Arbeitswelt der Manipulation von Zeichen
Für welche Branchen wird eine derartige Zukunft der Arbeit machbar und realistisch sein? Nun, ein Wohnhaus muss immer noch aus Ziegeln oder Beton errichtet werden und bedarf physischer Aufwendung und manueller Anwendung. Die Arbeit des Architekten und des Statikers etwa aber lässt sich digitalisieren und sich in die komitative Sphäre verlegen.Bei einem Wasserrohrbruch ist es noch immer der Klempner, der angefragt wird und nicht ein virtueller Avatar. Kurzum: In jenen Branchen, in denen es um die Manipulation von Dingen geht, von der Produktion von Lebensmitteln bis hin zum Weltraum-Satelliten, herrschen nach wie vor die Gesetze von Ort und Zeit.
In all jenen Branchen aber, in denen es um die Manipulation von Zeichen und Symbolen geht, die digitalisiert werden können, ist die Loslösung von traditionellen Zeit-Raum-Strukturen der Arbeitswelt möglich. Das betrifft die Konstruktion von komplexen Werkzeugmaschinen ebenso wie die kreativen Berufe vom Designer über den Journalisten bis zum Übersetzer. Es betrifft E-Business wie Versicherungen, Werbeagenturen wie Tourismusmanager, Game-Entwickler wie Fundraiser.
So prognostiziert Prof. Günter Voss vom Lehrstuhl für Arbeitssoziologie an der Technischen Universität Chemnitz zum Beispiel eine massive Verbreitung von Crowdsourcing. Er und seine Mitarbeiter forschen seit eineinhalb Jahren in einem Projekt über die Anwendung von Crowdsourcing in Unternehmen (siehe iBusiness-Analyse Crowdsourcing: Die nächste Stufe).
Voss' Fazit: Crowdsourcing wird sich ausbreiten, auch wenn heute diese Entwicklung mit teilweise unrealistischer Euphorie begleitet wird. Angewandt werde es bislang vor allem in Branchen, deren Produkte eine Vielzahl von Endverbrauchern ansprechen. Dazu gehören Handelsunternehmen ebenso wie verschiedene Dienstleister oder der Automobilbereich. Letztendlich sei Croudsourcing in allen Branchen einsetzbar, auch im Gesundheitsbereich.
Beziehung zwischen Erster und Dritter Welt
Die komitative Sphäre ist global und es stellt sich die Frage, wie sich durch die Auflösung der Beziehung zwischen Ort und Information zum Beispiel die (Arbeits-)beziehungen zwischen Erster und Dritter Welt in Zukunft gestalten. Profitieren Entwicklungs- und Schwellenländer von globaler Kommunikation und dann auch von der Auslagerung von Jobs in die virtuelle Sphäre? Hier ist zunächst der Hinweis auf den noch immer existierenden digitalen Graben zwischen dem Norden und dem Süden notwendig.
In Amerika nutzten im Jahr 2011 laut Internet World Stats knapp 52 Prozent der Bevölkerung das Internet, in Europa 58 Prozent, in Asien 41 Prozent und in Afrika 13,5 Prozent. Weltweit sind es 32,7 Prozent. Gerade der schwarze Kontinent galt lange Jahre als Inbegriff der digitalen Rückständigkeit, vor allem deswegen weil es nur eine niedrige Verbreitung leitungsgestützter Telefonie gibt (auf die beispielsweise DSL aufbaut). Mit der massiven Verbreitung von mobilem Internet holen vor allem die sich schneller entwickelnden afrikanischen Staaten rasch auf. Gerade in den zukunftsorientierten afrikanischen Märkten zeigt sich das Wachstum nicht in festnetz- und ortsgebundenen Anschlüssen, sondern in direkt an die komitative Sphäre angeschlossenen Mobilzugänge.
Doch selbst bei festnetzgebundenen Anschlüssen ist der Kontinent dabei, es aufstrebenden IT-Regionen wie Indien nachzutun. Seit vor zwei Jahren die noch fehlenden Seekabel im Osten Afrikas angeschlossenen sind, ist dieser Teil des Kontinents nicht mehr auf teure Satellitenverbindungen angewiesen, sondern kann auf Glasfaser und W-LAN setzen.
Zum Beispiel in Kigali, der Hauptstadt des früher vom Bürgerkrieg verwüsteten Ruanda in Ostafrika. Dort wird derzeit das Projekt eines flächendeckenden kabellosen Breitbandanschlusses realisiert. Unter dem Namen Kigali Metropolitan Network werden unter Anleitung der Südkoreanischen Telekom 6000 Kilometer Glasfaserkabel verlegt, das asiatische Land gilt wegen seines Aufstiegs von der Agrar- zur Industrienation als Vorbild.
700 Institutionen, darunter Schulen, Hospitäler und Regierungsstellen sind über das Kabel an den Breitbandzugang angeschlossen, der drahtlose Zugang in der Stadt soll auch in Bewegung, etwa beim Autofahren, zugänglich sein. Demnächst soll mit einer Verkabelung des ganzen Landes begonnen werden. In den Hotels Ruandas ist kostenloses WLAN übrigens verpflichtender Standard - dadurch unterscheidet sich das Land wohltuend von vielen Regionen der ersten und zweiten Welt. Auch das Nachbarland Uganda ist keine IT-freie Zone mehr. Rund 6000 junge Menschen studieren an der Makarere-Universität in der Hauptstadt Kampala, der afrikanischen Kaderschmiede für den IT-Nachwuchs.
So werden sich in Zukunft auch in der sogenannten Dritten Welt vor allem städtische Zonen entwickeln, die hinsichtlich Infrastruktur ein Arbeiten in der virtuellen Sphäre - auch für Arbeitgeber in der Ersten Welt - ermöglichen. Allerdings reichen technische Voraussetzungen alleine nicht aus, es bedarf auch der entsprechenden Bildung, der kulturellen Kompetenz und regionaler Antworten auf regionale Probleme, wie Eduardo Villanueva, Professor für Kommunikationswissenschaft in Peru und Berater für den Einsatz von ITK-Technologien in der Entwicklungszusammenarbeit, betont.
Arbeitnehmer sind in Entwicklungsländern optimistisch
Deutliche Unterschiede zwischen den entwickelten Ländern und den Developing Countries gibt es bei der Einschätzung von Arbeitnehmern hinsichtlich ihrer künftigen Chancen bei Anwendung von IT-Anwendungen wie Crowdsourcing. So sind 83 Prozent der Mexikaner und 76 Prozent der Brasilianer der Meinung, dass die künftigen beruflichen Änderungen durch das Internet für sie eine gute Sache sein wird. In Großbritannien glauben das hingegen nur 43 Prozent und in den USA nur 46 Prozent der Arbeitnehmer, so die Ergebnisse der Zukunfts-Studie Evolving Workforce von Dell und Intel . In aufstrebenden Ländern wird die internetbasierte Zukunft der Arbeit also eher als Chance gesehen, in den entwickelten Ländern hingegen als Bedrohung.Die Studie gibt auch Auskunft über die Einschätzungen in verschiedenen Branchen der entwickelten Ländern. Negative Auswirkungen durch IT-Anwendungen wie etwa Cloudsourcing befürchten demnach eher die Mitarbeiter in
- der Luftfahrtindustrie (42 Prozent)
- bei Telekommunikationsunternehmen (40 Prozent),
- die Mitarbeiter der Streitkräfte (13 Prozent) und
- im privaten Gesundheitssektor (18 Prozent).
Deutsche Arbeitnehmer sind vergleichsweise optimistisch. In Deutschland glaubt jeder Vierte oder 26 Prozent, dass seine Stelle durch Outsourcing bedroht ist. Das sind zwar mehr als in den USA (22 Prozent), aber weniger als in Großbritannien(31 Prozent) und auch als in China. Dort fürchten aufgrund des steigenden Lohnniveaus 29 Prozent um ihren Job durch Outsourcing.
Sieben Trends zur Zukunft der Arbeit
Aus der Dell/Intel-Studie lassen sich sieben Trends zur Veränderung der bisherigen Arbeitswelt abseits der physischen Welt ableiten:- Mit Crowdsourcing, SaaS und Collaborative-Workspace-Lösungen und Crowdsource-Service werden viele Branchen in die Lage versetzt, dass sich tausende von Arbeitsplätzen an verschiedenen Orten befinden und trotzdem Zusammenarbeit funktioniert. Cloud Computing erleichtert die Verteilung von mehr Aufgaben und das Arbeiten Just-in-time.
- Die Produktivität wird in Zukunft am Output und nicht mehr an der abgeleisteten Arbeitszeit gemessen. In einer wissensbasierten Ökonomie geht dann die Frage nach dem Messen von nicht temporär bestimmter Produktivität.
- Die Anzahl und Arten der verschiedenen Endgeräte wird sich deutlich vermehren. Welche Geräte schließlich benutzt werden, hängt zunehmend von der Situation und dem Standort ab.
- Es wird einen zunehmenden Wissenstransfer zwischen den jüngeren Arbeitskräften, die im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind, und älteren Generationen geben. Hier besteht die Möglichkeit eines höheren Risikos von Konflikten und Spannungen.
- Werte ersetzen Regeln: Es wird leichter werden, festzustellen, was die Angestellten eigentlich machen, aber gleichzeitig auch schwieriger, ihnen zu sagen, was sie machen sollen. Hier geht die Frage nach Vertrauen oder dem Einsatz von Überwachungstechniken.
- Manager müssen sich auf neue Aufgaben einstellen, denn die Wünsche der Mitarbeiter gehen immer mehr in Richtung Glück, Selbstständigkeit und dem Angebot zu wählen.
- Arbeitnehmergesteuerte Innovation: Die Unternehmenssoftware der Zukunft wird eher durch Angestellte als durch Vorgesetzte oder IT-Abteilungen übernommen und gestaltet.
Die Reihe 'Zukunft der Arbeit | |
|---|---|
| Teil 1: Work-Clouds in der komitativen Sphäre | Die Arbeitswelt ändert sich. Verantwortlich ist die Kommunikation. |
| Teil 2: Auflösungstendenzen des Ortes | Der Arbeitsplatz der Zukunft wird flexibler und globaler, Trend ist die Loslösung von festen räumlichen Strukturen, der feste Schreibtisch gehört der Vergangenheit an |
| Teil 3: Auflösungstendenz der Zeitstrukturen | Flexible Arbeitszeitformen nehmen zu, Leistung wird zunehmend weniger durch Stundenzahlen als durch Arbeitsergebnisse gemessen, die strikte Trennung von Arbeitszeit und Freizeit entfällt, Vertrauensarbeitszeit |
| Teil 4: Auflösungstendenz der Organisationen | Änderung der Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch Verfahren wie Crowdsourcing, Zunahme freiberuflicher Tätigkeiten, Änderung der Beziehung zwischen Unternehmen und Konsument, neue Anforderung an Führungskräfte und Manager |

