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Warum Micro-Multinationals das 21. Jahrhundert regieren werden
06.02.2013 Die globale Weltwirtschaft existiert noch in den Fesseln von Strukturen des 20. Jahrhunderts. Neue Techniken und Systeme beginnen das langsam zu ändern. Die Zukunft gehört den internetbasierten Kleinunternehmen in einer granularisierten Wirtschaft, den Micro-Multinationals. Dabei haben die Deutschen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Einzelne Unternehmen sind dann besonders erfolgreich, wenn es ihnen gelingt, ihren in Produkte gegossenen Wissensvorsprung möglichst oft zu multiplizieren. Im Idealfall entstehen durch Multiplikation mit möglichst großen Zahlen Zusatzvorteile: Im Marketing durch Brand Building, in der Herstellung durch Kostensenkung dank Massenfertigung, im Einkauf durch Rabatte, in der Logistik durch höhere Deckungsbeiträge dank umfassend ausgenutzter Strukturen. Diese "Economy of Scale" schrieb die Erfolgsgeschichten multinationaler Unternehmen im 19. und 20. Jahrhundert.
Organisationen und Systeme wiederum können den Mathematik-Vorteil nutzen, der auf der anderen Seite des Rechenzeichens liegt: Durch das Erhöhen der Zahl der Akteure wird die Dynamik von Systemen befeuert. Das Ende der Zünfte und die Abschaffung der Leibeigenschaft ließ Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts die Zahl der Unternehmer drastisch nach oben schnellen und sorgte so für das explosionsartige Wachstum der frühen Industriegesellschaften.
Später sorgte die Standardisierung der Werkzeuge für einen weiteren Anstieg der Akteure. Weil mechanische Teile wie Räder und Riemen, Schrauben und Schienen, Ketten und Kolben standardisiert wurden, ließen sie sich zu immer neuen Produkten kombinieren und bauten Markteintrittsbarrieren ab - wodurch in immer mehr Märkten immer mehr Anbieter entstanden. Im zwanzigsten Jahrhundert sorgten dafür Maschinen, Strom sowie elektronische Baugruppen und Microchips.
Heute stehen wir am Beginn einer weiteren Welle der Empowerments von Akteuren durch Standardisierung. Und gleichzeitig entsteht etwas ganz Neues: Neue Techniken und neue Services läuten die Ära der Micro-Multinationals, der Micronationals, ein. Damit werden erstmals in der Wirtschaftsgeschichte beide Dynamisierungs-Faktoren - Stückzahl und Anbieterzahl - erhöht. Mit enormen Auswirkungen auf die Dynamik und die Wachstumsrate der globalisierten Weltwirtschaft.
Heute entsteht eine nicht zu unterschätzende Menge von Software-Entwicklung im Web bereits durch standardisierte Komponenten. Das Linux-Betriebssystem, der Apache Webserver, die MySQL-Datenbank und Python als Programmiersprache bilden als LAMP-Komponenten die Bausteine für weite Teile moderner Internet-Geschäftsmodelle von Start-ups überall in der Welt.
Und täglich entstehen in der Open-Source-Bewegung neue Bauteile und Komponenten, die von Start-ups zu neuen Anwendungen und aufregenden Konzepten zusammengesteckt werden. Und das in einer Geschwindigkeit, von der klassische Softwarehäuser nur träumen können. Sind diese Anwendungen dann erst einmal entwickelt, dann ersetzen Cloud-Dienstleister wie Amazon, Google, Microsoft und andere die früher üblichen fixen Kosten für Serverschränke und Data-Centers durch variable Kosten für skalierbare Data Services. Das alles senkt schon heute die Eintrittsbarrieren in neue Märkte enorm - und schüttelt mehr als ein bestehendes Geschäftsmodell durcheinander.
Wie auch schon die Abschaffung der Zünfte, die Standardisierung der Mechanik, der Elektrik und der Elektronik führt dieser gegenwärtig ablaufende Prozess zu einer Entfesslung der Produktivkräfte. Er sorgt dafür, dass kleine Unternehmen, denen bislang der lokale oder nationale Markt vorbestimmt war, nun in der Lage sind, international zu expandieren. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der multinationalen Konzerne. Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Micro-Multinationalen werden. Denn ihre Zahl ist Legion. Und alles, was an einem Geschäftsmodell kompliziert ist, in einem Wertschöpfungsprozess von einem Micro-Multinationalen nicht abgebildet werden kann: Dank der immer weiter um sich greifenden Standardisierung von Geschäftsmodulen, lassen sich komplette Geschäftsmodelle zusammenklicken und im Internet zum Leben erwecken:
| Die Wertschöpfungskette der Micro-Multinationals |
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- Finanzierung:
Über Crowdfunding-Plattformen wie Companisto , Pling , Kickstarter oder Startnext lassen sich binnen weniger Stunden oder Tage kleinere und größere Beträge zur Finanzierung eines Start-ups zusammenholen. Spezialisierte Wagniskapitalisten wie Scaale übernehmen mittlerweile auch die gesamte Wertschöpfung vom Funding bis zum Exit.
- Marktforschung und Entwicklung:
Kunden-Marktforschung kann man längst über dutzende von Open-Innovation-Portalen und über soziale Plattformen wie Trnd erledigen lassen. Auch Design und Ideen lassen sich hier einsammeln.
- Produktion:
Über Crowdsourcing-Plattformen wie Clickworker oder Amazons Mechanical Turk lassen sich Dienstleistungen und Herstellungen global zu niedrigen Preisen einkaufen.
- Vertrieb:
Wer Dienstleistungen global anbieten will, setzt auf Portale wie Gulp und Myhammer in Deutschland oder Elance international. Physische Produkte lassen sich über die breit aufgestellten internationalen Marktplätze von Alibaba , Amazon , Rakuten und Ebay einerseits bis hin zu spezialisierten Systemen wie Zazzle , Etsy oder Spreadshirt verkaufen.
- Marketing:
Globale Affiliate-Netze wie Commission Junction , Tradedoubler oder Zanox erlauben genauso globale Marketingkampagnen wie Suchwortanzeigen bei Google Adwords oder Bing . Auch über internationale Preisvergleichssysteme wie Google Shopping oder Shopping.com lässt sich globales Marketing zu niedrigen Kosten betreiben.
- Logistik und Payment:
Payment-Dienstleister wie Paypal oder Wirecard lassen sich inzwischen mit Micro-Multinationals ebenso bequem vom Schreibtisch aus nutzen wie die globalen Lieferservices von Hermes bis UPS . Aber auch ECommerce-Softwareanbieter wie Arvato und Demandware bieten zusammen mit Partnern komplette ECommerce-Outsourcing-Services an.
- Service:
Callcenter-Dienstleistungen lassen sich inzwischen global engagieren. Vor-Ort-Services sind über spezielle Ausschreibungsportale wie Kwizzme erhältlich.
- Verwaltung:
Online-Büroservices erledigen auf Wunsch rund um die Uhr und in jeder gewünschten Fremdsprache alle anfallenden Sekretariatsarbeiten, von der Buchhaltung bis hin zu Terminverwaltung und der Annahme von Telefonaten. Büros, Konferenz- und Besprechungsräume lassen sich überall in der Welt online buchen - stunden-, tages- und monatsweise.
Die Autoren des Buches Smart Business Concepts - Finden Sie die Geschäftsidee, die Ihr Leben verändert , Brigitte und Ehrenfried Conta Gromberg , nennen Micro-Multinationals "Smartups ". Sie definieren die Voraussetzung für den Erfolg in der Fähigkeit, sich auf einen einzigen Prozess zu beschränken - statt multiprozessoral vorzugehen. Diese Beschränkung funktioniert jedoch nur dann, wenn man alle anderen Prozesse auslagern kann.
Die Königsdisziplin der Produktion wird durch neue Techniken handhabbar gemacht
Als Handicap für die globale Ausdehnung von Kleinunternehmen galt bisher die Produktion. Zwar lassen sich auch Produktionsprozesse auslagern, aber eben nur ab einer bestimmten Stückzahl. Das wird sich in Zukunft ändern durch 3D-Drucktechniken. Den Markt für den 3D-Druck gibt es schon seit einigen Jahren, aber nun kommen immer mehr Produkte auf den Markt, die verdeutlichen, welches Potenzial in dieser Technik liegt. Immer mehr Analysten sagen diesem Bereich ein kräftiges Wachstum voraus. Laut dem amerikanischen Marktforschungsunternehmen Global Industry beispielsweise soll der Markt rund um die 3D-Drucktechnik bis zum Jahre 2018 weltweit drei Milliarden US-Dollar schwer werden. Einen besonderen Wachstumsmarkt vermuten die Marktforscher dabei in neuen Druckverfahren mit Metallen, insbesondere für Gold und Silber.Grund für den Schub im Bereich 3D-Druck sind zunehmend erschwingliche und leistungsfähige 3D-Drucker. So wollen etwa die Entwickler des Makibox A6 das vereinfachen, aber in erster Linie sehr viel preiswerter machen als bisher. Der 3D-Drucker aus Hongkong soll inklusive weltweitem Versand gerade mal 350 US-Dollar kosten und ist damit deutlich günstiger als andere vergleichbare 3D-Drucker, wie etwa Cube (1.300 Dollar) und gar der aktuelle Makerbot Replicator (1.749 Dollar). 3Druck.com hat eine nahezu vollständige Liste von allen 3D-Druckern und Rapid-Manufacturing-Systemen, die derzeit am Markt sind, zusammengestellt.
Schon jetzt gibt es Aggregatoren und Integratoren für 3D-Druck, die den Weg weisen, wo die Zukunft der Micro-Multinationals liegen könnte: Die Onlineplattform Shapeways ist eine Art Spreadshirt für 3D-Designs. Das Portal bietet Verkäufern an, einen eigenen 3D-Shop anzulegen und eigene 3D-Designs auszudrucken. Der Shopbetreiber legt seinen Shop auf Shapeways an, lädt 3D-Designs hoch und gibt den Aufschlag an, für den er ein Produkt oberhalb des Herstellungspreises verkaufen will. Die Objekte werden dann vom Betreiber aus Fotopolymeren, Acrylplastik, Glas, Keramik, Stahl oder Silber hergestellt. Shapeways verspricht, das fertige Objekt innerhalb von zehn Tagen an jeden Ort der Welt zu liefern. Die Preisspanne liegt dabei zwischen Ohrringen für vier Euro und 600 Euro teuren Silber-Armbändern. Auch der Onlineservice Materialise.com fertigt aus 3D-Grafiken Objekte an. Vor allem bei Micro-Unternehmen der Design- und Kunstszene ist die belgische Firma schon seit langem bekannt. Wenn in den kommenden Jahren die 3D-Drucktechniken endgültig der Nische entwachsen sind, werden sie die Basis sein für den Siegeszug der Micromultinationals.
Vier Szenarien für die Zukunft der Micro-Multinationals
Siegeszug
Internet-Techniken und globale Kommunikation führen zu einer Vervielfachung von erfolgreichen Micro-Unternehmen in der ganzen Welt. Wettbewerb und globaler Reichtum wachsen.
Eliten
Nur wenige Kleinunternehmen nutzen die Gunst interaktiver Techniken. Fortschritt und Wachstum bleiben bei relativ wenigen Erfolgreichen.
Regulierung
Die politischen Systeme bangen um ihre Stabilität und machen durch interne und externe Regularien, Gesetze und Zölle die internationale Expansion von Kleinunternehmen weitgehend unmöglich.
Monopole
Wo immer erfolgreiche Start-ups den Kopf rausstrecken, werden sie von Großunternehmen aufgekauft. An der wirtschaftlichen Macht verändert sich wenig.
"Mittelstand" ist ein deutsches Wort
Besonders Erfolg versprechend ist dieser Trend für den deutschen Markt. Denn in der deutschsprachigen Wirtschaft sind bislang bereits die mittelständischen Unternehmen Protagonisten dessen, was die Micro-Multinationals weltweit einmal sein werden. Sie operieren seit Jahrzehnten quasi als "Mini-Multinationals": So viele Mittelständler sind 'Hidden Champions' in ihren Märkten, so erfolgreich sind sie, dass der deutsche Begriff (für den keine fremdsprachige Entsprechung existiert ) international als das Geheimrezept der Stabilität der deutschen Wirtschaft gesehen wird. Inhabergeführt, innovationsgetrieben, zielgruppenorientiert und lokal verwurzelt statt managergeführt, marktgetrieben und börsennotiert sind die deutschen Mittelständler.Was die aufkommenden Micro-Multinationals von den Mini-Multinationals unterscheidet: Moderne Kleinunternehmen können durch internetgetriebene Geschäftsmodelle kleinere Nischen bedienen, benötigen weniger Kapital und weniger Ressourcen als klassische (mittelständische) Mini-Multinationals. Weil es aber sehr viel mehr Micro-Unternehmen als mittelständische Unternehmen auf der Welt gibt (nicht zuletzt deswegen, weil jedes Großunternehmen mal ganz klein angefangen hat), wird das 21. Jahrhundert als das Jahrhundert der Micro-Multinationals in die Geschichte eingehen.
Wir leben in einer Zeit der Granularisierung der Welt. Heute genügt es eben, nur eine Station der Wertschöpfungskette zu beherrschen, um am Markt erfolgreich zu sein. Und morgen wird das genügen, um global erfolgreich zu sein.

