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Industrie 4.0: Der Siegeszug der Micro-Multinationals - und der Marktplätze
13.04.2016 Kleine Unternehmen profitieren vor allem von der digitalen Transformation. Warum durch Industrie 4.0 schon bald Micro-Multinationals den Großkonzernen das Leben schwer machen werden. Mit einer Ausnahme.
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Aufgrund ihrer weltumspannenden Organisation profitieren sie vor Ort von den jeweils günstigsten lokalen Gegebenheiten: Die Entwicklung ihrer Produkte findet an Standorten mit hoher Bildung statt, die Herstellung in Regionen mit günstigen Produktionsbedingungen. Abgesetzt werden die Produkte wiederum dort, wo der Wohlstand hoch ist. Versteuert wiederum wird der Unternehmensgewinn, wo der Fiskus am generösesten bleibt. Unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet, ist die globalisierte Rosinenpickerei höchst erfolgreich: Globalisierung vergrößert für Unternehmen die Zahl der Optionen, aus denen sie wählen können. Ein Wettbewerbsvorteil gegenüber kleinen und mittelständischen Unternehmen, die sich ihren Standort nicht aussuchen können.
Diesen Vorzügen stehen auch eine Reihe von Nachteilen gegenüber. Die weltweite Vernetzung der Wirtschaft wird im Wesentlichen durch die hohen Organisationskosten, regulatorische Kosten und Transportkosten gebremst:
- Die Kosten für eine weltumspannende Organisation sind enorm. Ein hoher Aufwand ist erforderlich, damit internationale Unternehmensstandorte sinnvoll ineinander greifen. Unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen, Unternehmenskulturen und lokale Gegebenheiten wollen berücksichtigt werden. Trotzdem muss das Unternehmen auch international einem Takt folgen.
- Regulatorischer Reibungsverlust. Auch außerhalb des eigenen Unternehmens entstehen Reibungsverluste. Unterschiedliche Gesetze - von der Bauvorschrift bis zum Wettbewerbsrecht - wollen beachtet werden. Externe Experten, Berater, Anwälte und Lobbyisten müssen für eine Internationalisierung angeheuert werden und verursachen weitere Kosten, bevor der erste Cent verdient wurde.
- Günstige Produktion, weiter Transport. Auch die Vorteile einer weltumspannenden Produktion sind begrenzt: Günstige Arbeitslöhne werden in Ländern erzielt, die (aufgrund der günstigen Löhne) als Absatzmärkte ausscheiden. Also müssen die Waren weit transportiert werden - was den Produktionsvorteil zum Teil aufzehrt.
| Transport- und Kommunikationskosten |
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| Index (1930 = 100), in konstanten Preisen |
In den 90er Jahren begann sich die Globalisierung dann weiter zu beschleunigen. Insbesondere Produktionsstandorte in China und Asien wurden auch für den europäischen und amerikanischen Mittelstand lukrativ. In den 2000er Jahren nahm der weltweite Handel dann so weit an Fahrt auf, dass Asien längst zur Werkbank Europas und Amerikas geworden ist. Heute gibt es kaum mehr ein Produkt in unseren Warenhäusern, das nicht in Übersee gefertigt wurde - egal ob es sich um ein Smartphone, einen Turnschuh oder ein T-Shirt handelt.
| Weltweite Warenexporte |
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| Index (2000 = 100), in konstanten Preisen |
Diese Entwicklung - die (relativ) sinkenden Kosten für Transport und Kommunikation und die parallele Verbreitung globaler Transport- und Kommunikationsnetze - haben neue Produktions-, Vermarktungs- und Absatzstrategien sowie einen allgemeinen globalen Austausch ermöglicht. Die globale Weltwirtschaft ist auf dem Weg in eine immer engere Vernetzung, die es auch kleineren Unternehmen erlaubt, von der Internationalisierung des Handels zu profitieren. Nach den multinationalen Konzernen entsteht eine Vernetzung auf mikroskopischer Basis: Micro-Multinationals entstehen - Kleinbetriebe, die international vernetzt sind.
Das Zeitalter der Micro-Multinationals steht bevor
Durch diese Entwicklung haben sich die Rahmenbedingungen inzwischen radikal verändert. Geografische Distanzen spielen in der Wirtschaft eine immer geringere Rolle.1. Transport kostet fast nichts
Transportkosten fallen in der heutigen Wirtschaft kaum noch ins Gewicht. Nur so ist zu erklären, warum fast alle Bekleidungsstücke, die wir heute in Europa kaufen können, in Asien produziert wurden - selbst wenn es sich um ein 9,90-Euro-Hemd vom Discounter handelt. Über 7.000 km hat ein in Bangladesch hergestelltes Hemd allein von der letzten Produktionsstätte bis in den Hamburger Hafen zurückgelegt. Schon das klingt unglaublich, erzählt aber noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn die Baumwolle wurde in den USA geerntet, zum Spinnen nach Indien transportiert, zum Färben nach Pakistan und zum Nähen nach Bangladesch. Die Knöpfe stammen aus China, wo sie aus Kunststoffabfällen hergestellt wurden, die in Europa gesammelt wurden.
Ähnlich lange Transportwege haben Faden, Verpackung und Etiketten hinter sich, bevor sie in der Nähstube konfektioniert und zu einem Ganzen zusammengefügt wurden. Ein einfaches Herrenhemd kann auf diese Weise rund 48.000 km Transportweg zusammenbringen, bevor es auf einem hiesigen Grabbeltisch verramscht wird, haben die Autoren des TV-Dokumentarfilms "Seeblind - Der wahre Preis der Frachtschifffahrt " errechnet.
Möglich wird dies durch extrem niedrige Transportkosten, die die Containerschifffahrt erlaubt. Seither lohnt es sich sogar, europäische Pistazien zum Schälen nach China zu transportieren. Ein gängiger 20-Fuß-Schiffscontainer fasst 20 Tonnen Ladung und lässt sich derzeit für rund 300 Euro von Rotterdam nach Shenzhen transportieren - macht je Kilogramm gerade einmal 1,5 Euro-Cent. Das Tonnage-Überangebot der Reedereien - ausgelöst von immer größeren COntainerschiffen - lässt grüßen.
Diese extrem niedrigen Logistikkosten erklären den Transport-Irrsinn. Unterm Strich fällt es schwer, je Herrenhemd auch nur 20 Cent für den Transport auszugeben - selbst wenn alle Materialien insgesamt rund 48.000 km zurückgelegt haben.
2. Kommunikation kostet ebenso wenig
Auch die Kommunikationskosten haben sich - Glasfaser- und Internettechnik sei Dank - gegen null bewegt. Noch entscheidender als der reine Kostenvorteil ist aber die damit verbundene Steigerung der Qualität in der Vernetzung, die Verbesserung auf drei Ebenen mit sich bringt:- Interne Verbesserung der Organisation
- Erschließung neuer Märkte
- Externe Vernetzung in der Produktion
Beinahe selbsterklärend ist die Tatsache, dass die Digitalisierung - angefangen von Fax, über Handy bis zur Videokonferenz - zahlreiche Tools hervorgebracht hat, die die Zusammenarbeit von Mitarbeitern über große Distanzen enorm erleichtern und die Kosten senken.
Viel bemerkenswerter ist aber die Tatsache, dass über Plattformen wie Ebay oder Amazon internationale Käufer-/Verkäufermärkte für eine ganz neue Zielgruppe aufgeschlossen werden. In der Wirtschaftslehre galt bislang die Regel, dass steigende (geografische) Entfernungen einen negativen Einfluss auf den Handel haben. Dieser Zusammenhang lässt sich zwar immer noch beobachten, doch die Wirkung hat sich enorm verändert. Steigt die Distanz um 10 Prozent, sinkt der Handel um 15 bis 20 Prozent, lautete die Faustregel in der allgemeinen Volkswirtschaft.
| Ebay-Exporte: Wachstum ... | ... und Erfolg |
|---|---|
94 Prozent der kommerziellen Ebay-Händler verkaufen ihre Produkte international, während dieser Anteil im Handel insgesamt nur bei 16 Prozent liegt. Die Zahl der "Commercial Seller", die in mehr als 15 Länder exportieren, stieg zwischen 2010 und 2014 um etwa 55 Prozent. Wie stark die Hürden durch die Digitalisierung gesunken sind, zeigt insbesondere die Dynamik, die auf dem Online-Marktplatz herrscht:
| Ebay-Händler sind stärker exportorientiert |
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Eine ähnliche Entwicklung ist auch bei Zusammenarbeit von Unternehmen untereinander zu erwarten: Schon heute lassen sich fast alle Produkte und Dienstleistungen im Internet zusammenstellen und einkaufen, die für eine erfolgreiche Unternehmensgründung und -führung notwendig sind:
| Die Wertschöpfungskette der Micro-Multinationals |
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- Finanzierung:
Über Crowdfunding-Plattformen wie Companisto , Pling , Kickstarter oder Startnext lässt sich die Finanzierung eines Start-ups zusammenstellen.
- Marktforschung und Entwicklung:
Kunden-Marktforschung kann man längst über Open-Innovation-Portale und über soziale Plattformen wie Trnd erledigen lassen.
- Produktion:
Auftragsfertiger lassen sich über Tools wie Alisource , Crowdsourcing-Plattformen wie Clickworker oder Amazons Mechanical Turk global zu niedrigen Preisen einkaufen.
- Vertrieb:
Dienstleistungen und physische Produkte lassen sich global über Online-Marktplätze wie Alibaba , Amazon , Rakuten und Ebay verkaufen.
- Marketing:
Globale Affiliate-Netze wie Commission Junction , Tradedoubler oder Zanox erlauben genauso globale Marketingkampagnen wie Suchwortanzeigen bei Google Adwords oder Bing .
- Logistik und Payment:
Payment-Dienstleister wie Paypal oder Wirecard lassen sich inzwischen mit Micro-Multinationals ebenso bequem vom Schreibtisch aus nutzen wie die globalen Lieferservices von Hermes bis UPS .
Digitalisierung bringt weltweite Vernetzung voran
Dabei steckt die Vernetzung derzeit noch in den Kinderschuhen. Internationale B2B-Plattformen treiben ihre Expansion gerade erst voran. Neue Technologien eröffnen zudem neues Potenzial und treiben die Vernetzung weiter voran.Mit Industrie 4.0 steht gerade eine weitere Evolutionsstufe der Vernetzung bevor. Fabriken und Maschinen können direkt miteinander kommunizieren und eine Änderung im Produktdesign direkt an den entfernten Produzenten des betroffenen Teils durchreichen. Die Komplexität der Vernetzung kann eine Stufe erreichen, in der selbst beim tausende Kilometer entfernten Verpackungshersteller die Maschinen automatisch der Designänderung folgen, falls auch dort eine Anpassung nötig ist.
Verschiedene Produzenten, weltweit verteilte Maschinen und verstreute Ressourcen lassen sich auf diese Weise vernetzen, als stünden sie zusammen in einer Fabrikhalle - und binnen Tagen neu organisieren, wenn dies notwendig ist.
Anwendungen im Bereich von Virtual Reality beziehungsweise Augmented Reality ermöglichen in der Produktionsplanung und in der Qualitätssicherung eine Realitätsnähe, die beinahe an das Niveau heranreicht, das sich einem Prüfer vor Ort bietet. Mittels 3D-Scanner und 3D-Drucker lassen sich außerdem ortsunabhängig Testmuster anfertigen und prüfen.
Marktplätze wie Alisource bieten bereits heute weit mehr als nur einen Katalog bestellbarer Produkte. Die chinesische Erfolgsplattform bietet darüber hinaus eine ganze Reihe von Dienstleistungen rund um das Produktsourcing: Versicherung, Logistik, Bezahldienst, Treuhänderservice, Vor-Ort-Inspektion des Zulieferers und Kreditvermittlung - die Hürden der Globalisierung sinken immer weiter. Weltweit verteilte Entwicklung und Design, Produktionsmaschinen und Zulieferer, Marketing und Vertrieb sind selbst für kleine Unternehmen einfacher.
Es ist absehbar, dass die entstehende Netzwerkstruktur die überlegene Organisationsform darstellt. Niedrige Einstiegshürden, geringe Kapitalbindung, hohe Flexibilität paaren sich mit einem großes Maß an Selbstorganisation und - den Prinzipien der Marktwirtschaft folgender - Selbstoptimierung. Ein multinationaler Konzern klassischer Prägung mag dagegen enorm kapitalkräftig sein, wirkt aber auch steif und unbeweglich.
In Zukunft wird nicht der Generalist, sondern das granulare Kleinunternehmen, das einen Teil der Wertschöpfungskette perfekt beherrscht, am Markt erfolgreich sein. Zugegeben: Neben dem Anbieter des Netzwerks. Denn - egal ob er Amazon, Ebay oder Alibaba heißt: Der Netzwerkanbieter wird - als universeller Gatekeeper - noch mächtiger sein, als heutige multinationale Konzerne.

