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Von fahrenden Iphones, dem Untergang der deutschen Autohersteller und der Hybris der Digitalen

09.03.2015 Jetzt kommt also das Apple-Auto. Und damit der Untergang der deutschen Automobilindustrie. Wie Tesla, Uber sowie Googles selbstfahrendes Auto überhaupt beweisen, wie dumm und ignorant deutsche Konzernlenker sind. Die Sache hat nur einen klitzekleinen Haken.

Mercedes-Benz F 015 'Luxury in Motion Concept Car' (Bild: Daimler)
Bild: Daimler
Mercedes-Benz F 015 'Luxury in Motion Concept Car'

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TL;DR
Die deutsche Industrie wird nicht morgen nachmittag sterben
Als im vergangenen Mai 2014 Googles Co-Gründer Sergey Brin auf der ersten Code/conference   im kalifornischen Rancho Palos Verdes Bilder von Googles selbstfahrendem Auto zeigte, da war klar: Das Ende der milliardenschweren deutschen Automobilindustrie hat geschlagen. Und mit ihr läutete das Sterbeglöckchen der gesamten deutschen Industrie.

Zumindest das war die in einschlägigen Social Networks und coolen Internet-Konferenzen und trendigen Blogs veröffentlichten Meinung der Experten und Consultants, der Agenturen und der Technik-Geeks, die etwas auf sich hielten. Selbst, als Brin ankündigte, anfanngs nur etwa 100 Prototypen bauen zu wollen und diese mit maximal 40 km/h über die Strassen zockeln zu lassen: Solche Einwände tut der Digitalexperte, der etwas auf sich hält mit einem wissenden Lächeln ab: Man weiss ja, wie schnell disruptive Märkte sich entwickeln. Es genügt, den Namen Nokia   fallen zu lassen um zu beweisen: Wer heute noch ignorant die digitale Bedrohung leugnet ("kreuzigt sie"!), ist morgen konkurs, tot, insolvent, aufgekauft, gekreuzigt.

Googles selbstfahrendes Auto: Mit 100 Exemplaren und 40 km/h die Welt erobern (Bild: Google)
Bild: Google
Googles selbstfahrendes Auto: Mit 100 Exemplaren und 40 km/h die Welt erobern

Und als dann Ende des vergangenen Jahres das Gerücht aufkam, Apple   wolle ins Autogeschäft einsteigen, war den Wissenden alles klar: Apples iCar ist der entgültige Untergang der deutschen Automobilindustrie. Genauso, wie Apple Itunes   der Untergang der globalen Musikindustrie war und Apple-TV der Untergang der deutschen Fernsehindustrie.

Schon war sicher: Apples Auto (Projektname 'Titan') wird ein Elektroauto  , hunderte Apple-Angestellte arbeiten daran. Nein, wußte Reuters  : Es handelt sich um ein selbstfahrendes Auto wie bei Google.

Der BMW i3 könnte Apples iCar werden   wußte Auto-Motor-Sport. Nein  , dementierte daraufhin BMW  , man spreche zwar mit Apple, aber dabei ging es um die Schnittstelle Carplay um Smartphone-Inhalte auf das Autodisplay zu bringen. Während Volvo   sich selber ins Gespräch brachte ("Wir können doch das Apple-Auto bauen") gab der Chef des VW-Konzerns  , Martin Winterkorn in einem Interview   die Richtung der gesamten deutschen Automobilindustrie vor: "Ich begrüße ausdrücklich das Engagement von Apple, Google & Co beim Thema Automobil", sagte Winterkorn. Er sei sich sicher, dass Autos dadurch bei jungen Menschen mehr Akzeptanz finden werden.

Lobos 'Nokiaisierung der Autoindustrie' ist eine Tamagotchisierung des Realen

Tesla S: Mit 67.500 Euro Einstiegspreis die Welt erobern (Bild: Tesla)
Bild: Tesla
Tesla S: Mit 67.500 Euro Einstiegspreis die Welt erobern

Daimler-Chef   Dieter Zetsche relativierte die Gefahr sogar: "Wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend. Apple hat die nicht", sagte der Autoboss mehrfach  . Das wieder brachte den Hohepriester der deutschen Digitalgemeinde, Sascha Lobo   besonders auf. Von der Onlinekanzel des Internet, Spiegel Online   wetterte Lobo gegen die undigitalen Ketzer, die das Licht des Internet nicht erkannt hatten: "Wenn die deutsche Autoindustrie die digitale Vernetzung weiter so stiefmütterlich behandelt, droht ihr die Nokiasierung." Die Erfahrungen mit der Wirkung des Internet auf Hochtechnologie, so Lobo, deute darauf hin, dass es gar nicht um die schrittchenweise Weiterentwicklung des Autos geht - sondern um die Neuerschaffung des Systems Auto.

Weil alles digital werde - auch das Auto - bedinge das "eine Verflüssigung des Produkts Auto", bringt der eloquente Lobo das in Trillionen Powerpoints von ebenso vielen Digital-Transformations-Gurus geäußerte Weltbild auf den Punkt:

  • Wird nicht Uber   als der Taxi-Abschaffer von den Wagniskapitalisten mit 40 Milliarden Dollar bewertet?
  • Verändert es nicht das Produkt 'Auto' prinzipiell, wenn dieses selbstfahrend wird?
  • Hat nicht das Elektroauto-Startup Tesla   bewiesen, dass man auch als Newcomer Serienautos produzieren kann?
  • Schmeissen die Wagniskapitalisten des Silicon Valley nicht jedes Startup mit Milliarden Dollar zu - und sorgen so für das nötige Kapital, um disruptive Geschäftsmodelle zum Fliegen zu bringen?
  • Sorgt das Social Sharing nicht dafür, dass das Modell "Leihen" bei Autos an Bedeutung gewinnt?
  • Ist Apple nicht die wertvollste Firma der Welt?
  • Hat Apples Iphone nicht den Weltmarktführer Nokia gekillt?
  • Und werden Google und Apple nicht deswegen die Automobilindustrie killen?
Siebenmal "ja". Und einmal "nein".

Der prinzipielle Unterschied zwischen dem Digitalen und dem Physischen

Apple iCar: Mit BMW oder Volvo oder jemand anders die Welt erobern (Bild: Apple)
Bild: Apple
Apple iCar: Mit BMW oder Volvo oder jemand anders die Welt erobern

Richtig ist, dass sich das Automobil verändert, genauso wie sich der Automobilmarkt verändert. Autos werden immer mehr geliehen, nicht mehr gekauft. Deswegen sind Autohersteller in der Vergangenheit (auch) zu Banken mutiert und bieten Kredite an. Und Leasingverträge. Und inzwischen auch Carsharing.

Richtig ist, dass Autos heute schon selbstständig fahren können. Zum Beispiel beim Einparken. Diese Techniken bieten alle Autohersteller an. Das unbeschränkte Selbstfahren ist eher ein politisches, soziales und versicherungsrechtliches, als ein technisches Problem. Technisch sind die deutschen Autobauer hier durchaus wettbewerbsfähig: Sei es Daimler, der seinen selbstfahrenden Mercedes-Benz F 015 Concept Car   zuletzt auf der International CES zeigte - wo BMW selbstfahrende Serienwagen   für 2020 ankündigte.

Richtig ist, dass Uber die theoretische Kraft hat, den Taximarkt zu verändern. Doch ob das Taxigewerbe der Zukunft von lokalen Taxigenossenschaften bestimmt wird, oder von Uber-Billiglohnsklaven oder von freien Bürgern, die in sozialer Verantwortung andere Mitbürger in ihrem Auto mitnehmen: Sie werden alle ein Auto dazu brauchen.

Richtig ist, dass die Granularisierung der Welt fortschreitet. Weswegen Micro-Multinationals die Zukunft gehört, weil alles outsourcebar ist. Moderne Kleinunternehmen können durch internetgetriebene Geschäftsmodelle kleinere Nischen bedienen, benötigen weniger Kapital und weniger Ressourcen als klassische (mittelständische) Mini-Multinationals. Das steigert die Zahl potenzieller Hersteller-Konkurrenten der Automobilindustrie. Was vielleicht ein Problem, aber kein disruptives Problem ist.

Die deutschen Autobauer investieren in Mobilitäts- und Infrasturktur-Startups sowie in Logistik
Die deutschen Autobauer investieren in Mobilitäts- und Infrasturktur-Startups sowie in Logistik (Grafik: HighText Verlag) Quelle: www.ibusiness.de


Bleibt die alles entscheidende Frage: Ist Daimler Nokia? Ist BMW die Frankfurter Rundschau? Ist Volkswagen die Musikindustrie? Oder hat Sascha Lobo und die Digitalgurus "keine Ahnung von Autos", wie der Autoblogger Björn Habegger schreibt  ?

Die Antwort liegt in den Produkten. In einem entscheidenden Punkt unterscheiden sich ein Nokia-Produkt und ein Automobil. Und das belegt in meinen Augen, warum BMW, Daimler und Volkswagen eben wesentlich wiederstandsfähiger gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Angriffen von Digitalunternehmen sind, als es Nokia Handys gegenüber Apples Iphone war:

  • Nimm von einem Nokia-Featurephone alle digitalen Funktionen weg - oder alle Funktionen, die ein Iphone besser kann. Und übrig bleibt eine leere unbrauchbare Hülle
  • Nimm von einem deutschen Automobil alle digitalen Funktionen weg - also die coole Apple-Software, die Selbstfahrfunktionen, selbst die seit Jahrzehnten verbauten Digitalfunktionen. Und übrig bleibt ein Auto, dass hervorragend fährt.


Der Produktkern ist beim Auto eben nicht digitalisierbar. Und an allen anderen Techniken beteiligen sich deutsche Autobauer entweder via Startups - oder forschen selber daran.

Die Hybris der Digitale ist nur, dass sie der festen Überzeugung sind, dass die gesamte Welt sich ausschließlich um sie dreht. Und dass alle außer ihnen und Mutti dumm, blöde und ignorant sind.

Vier Szenarien für die Zukunft der Autoindustrie

Best-Case-Szenarien
Worst-Case-Szenarien
Aktiv
80%
Best-Case-Szenario

Vorne dabei

Das Auto, wie wir es kennen, wird sich in den kommenden zehn Jahren nicht prinzipiell ändern, neue Funktionen werden langsam adaptiert. In diesem linearen Markt sind deutsche Autobauer wettbewerbsfähig.

Aktiv
15%
Worst-Case-Szenario

Mit dabei

Digitale Funktionen und Car Connect werden wichtiger, die deutschen Autobauer verschlafen diese Trends. Sie müssen Teile der Wertschöpfung an Drittanbieter abgeben.

Passiv
4%
Best-Case-Szenario

Hinten dabei

Digitale Funktionen und Car Connect werden wichtiger, die deutschen Autobauer lassen sich von Startups und innovativen Autobauern aus USA und Fernost die Butter vom Brot holen. Ihre Marktanteile sinken.

Passiv
1 %
Worst-Case-Szenario

Disruption

Social Sharing verdrängt den Autokauf, Uber vernichtet die Taxi-Innung, selbstfahrende Autos verdrängen die menschlichen Fahrer, Apple und Google erobern den globalen Automarkt.

Thema: Von fahrenden Iphones, dem Untergang der deutschen Autohersteller und der Hybris der Digitalen

Kommentar von Joachim Graf

Das Internet der Dinge ist kein Internet

Es ist ein Irrtum, dass das 'Internet der Dinge' vor allem ein Internet ist. Es ist vor allem eine Ansammlung von Dingen.

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Hält sich für ausgesprochen analog: iBusiness-Herausgeber Joachim Graf (Michael Poganiatz)
Bild: Michael Poganiatz
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