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Nachhaltigkeits-Trends: CO2-Fußabdrucks-Zertifikate und Cradle-to-Cradle-Konzepte

28.09.2020 Kunden fragen immer kritischer nach, wenn es um nachhaltige Produkte und Konzepte geht. Der Trend geht daher zu externer Zertifizierung und Kreislaufwirtschaftskonzepten. Welche Lösungsmöglichkeiten es gibt und wer sich beispielhaft hervortut, finden Sie in dieser Analyse.

 (Bild: NASA/Joachim Graf)
Bild: NASA/Joachim Graf
Bild: NASA/Joachim Graf unter Creative Commons Lizenz by
Plastikfreie Saubermacher in Tablettenform sind ein Verkaufsschlager im Netz. In knapp einem halben Jahr konnte die Direct-to-Consumer-Marke Klaeny   (bis vor kurzem Ecotab) 17.400 Instagram-Abonnenten gewinnen. Verkauft wird über Social Media und den Online-Shop. Gegenspieler Everdrop   konnte sogar 61.100 User überzeugen. Eigenen Angaben zufolge hat Everdrop seit dem Launch über 100.000 Bestellungen verschickt und mit jedem Tab bereits 1,5 Millionen Plastikflaschen gespart. Einen transparenten Nachweis für das Einsparen von Ressourcen gibt es jedoch nicht. Das Volk glaubt es dennoch und kauft.

Menschen hinterfragen Nachhaltigkeitsbehauptungen

Doch das wird nicht ewig so bleiben. Die Sensibilität beim Thema Nachhaltigkeit hat mit Corona noch mal ein gutes Stück zugenommen. So überdenken etwa 80 Prozent der Verbraucher derzeit ihr Kaufverhalten. Das hat das Beratungsunternehmen Capgemini in einer Befragung   von 7.500 Konsumenten und 750 Unternehmen aus neun Ländern festgestellt. 64 Prozent der Verbraucher geben an, dass sie der Kauf nachhaltiger Produkte glücklich macht. 52 Prozent der Verbraucher fühlen sich emotional mit einem Produkt oder einem Unternehmen verbunden, das nachhaltig agiert. 79 Prozent der Verbraucher ändern ihre Kaufpräferenzen, basierend auf den sozialen oder ökologischen Auswirkungen ihrer Einkäufe.

(Grafik: Campgemini)

Das Thema nachhaltige Lieferkette nimmt also einen immer größeren Stellenwert ein. Kunden fragen immer kritischer nach. Und erste Unternehmen mit Weitblick bieten auf wissenschaftlicher oder analytischer Basis Daten, die die Nachhaltigkeit ihrer Produkte nachweisen.


Nachhaltigkeit erhöht den Wert der Marke

Und das wird sich auch rechnen. Capgemini zufolge glauben 64 Prozent der Entscheider in Unternehmen, dass das Thema Nachhaltigkeit den Wert der Marke erhöht. Dass Nachhaltigkeit die Kundenloyalität erhöht, dessen sind sich sogar 77 Prozent sicher. Und immer noch 63 Prozent sagen, dass sich mit dem Thema auch der Umsatz steigern lässt.

(Grafik: Campgemini)


Entsprechend zeichnet sich ein neuer Trend ab: Online-Shops und Unternehmen bemühen sich, ihre nachhaltigen Aktivitäten von extern bewerten und zertifizieren zu lassen. Hier gibt es verschiedene Wege: Die Shops können sich in ein Nachhaltigkeitsranking aufnehmen lassen. Sie können aber auch um ein klassisches Siegel à la TÜV oder Trusted Shops bemühen. Die Chancen, dass derartige Siegel in Zukunft zur Grundausstattung eines Online-Shops gehören, stehen hoch.

So kommen Shops und Marken zum Nachweis ihres CO2-Abdrucks

Die Methoden, um zu einer Bewertung zu kommen, sind unterschiedlich: Beratungsunternehmen oder Forschungseinrichtungen und Universitäten analysieren Geschäftsprozesse und bewerten sie hinsichtlich ihrer Klimabelastung. Hier kocht jedes Beratungsunternehmen sein eigenes Süppchen bzw. Zertifikatchen. Software as a Service-Lösung wie die von Klima.Metrix   oder Planetly   setzen auf automatisierte Datenanalyse aller relevanten Geschäftsdaten.

Auch wenn der Weg, den ein Unternehmen hinsichtlich seines ökologischen Fußabdrucks gehen kann, unterschiedlich ist, so ist das Ziel doch das Gleiche: offen und mit Fakten belegt kommunizieren, wie ernst die Marke oder der Shop die Sache mit der Nachhaltigkeit tatsächlich meint. Ein weithin anerkanntes Zertifikat oder Siegel ist hier natürlich hilfreich.

Bereit fürs Ranking: die Klimabilanz von Mymuesli

Einer der Vorreiter im Netz ist die Direct-To-Consumer (DTM)-Marke Mymuesli  . Der Passauer Bio-Müslihersteller ermittelt seine CO2-Bilanz und macht die ersten Klimawerte seiner Müslis unter mymuesli.com/klima-fussabdruck transparent. Die gesamte Klimabilanz des Unternehmens soll bis Ende 2020 folgen und ist damit rankingtauglich.

Für die Berechnungen hat mymuesli Klima.Metrix   beauftragt. Das Unternehmen berechnet den CO2-Fußabdruck (Carbon Footprint) eines Unternehmens oder Produkts automatisch aus vorhandenen Unternehmensdaten und externen Datenquellen und will so vollständige Emissions-Transparenz in die Wirtschaft bringen. Dafür hat Klima.Metrix eine Kalkulations-Engine (Software as a Service) für komplexe Berechnungen und Simulationen der Umweltkosten und ein Register für CO2-Ratings von Unternehmen und deren Produkte entwickelt.

Für die Berechnungen orientiert sich das Klima-Unternehmen am Greenhouse Gas Protokoll (GHGP). mymuesli-Kunden sollen Einblick in die Emissionswerte erhalten, die bei Anbau, Produktion, Transport und Verpackung der einzelnen Müsli-Varianten anfallen.
Es fließen ein:
  • Stromverbrauch
  • Geschäftsreisen
  • Anfahrtswege der 550 Mitarbeiter
  • CO2-Anteil der Verpackungen
  • CO2-Anteil in der Lieferantenstruktur

Mymuesli hat das Ergebnis übrigens auch gleich verkaufsfördernd eingesetzt, indem es ein Müsli-Frühstück mit einem Eier-und-Speck-Frühstück oder anderen klimatisch ungünstigeren Mahlzeiten vergleicht.

Kochboxanbieter Hellofresh   weist ebenfalls seinen Klimafußabdruck aus: HelloFresh hat die CO2-Emissionen für alle von HelloFresh verursachten Emissionen unter anderem durch Transport, Verpackung, Produktion sowie Server-, App- und Website-Nutzung berechnen lassen - mit Hilfe von Planetly, einer Software für CO2-Klimamanagement. Die Emissionen kompensiert Hello Fresh durch Klimaschutzprojekte. Die CO2-Berechnung wurde dabei zusätzlich vom TÜV Rheinland geprüft und zertifiziert.

Transparenz bei den Preisen: Penny

Nicht minder mutig hat die Supermarktkette Penny jüngst eine Initiative gestartet: Was müssten Milch, Käse oder Kartoffeln eigentlich kosten, wenn die Kosten ihrer Herstellung mit in den Verkaufspreis einflößen? Die Antwort finden Kunden aktuell in einem Berliner Supermarkt. Denn dort preist Penny für 16 ausgewählte Produkte nicht nur den aktuellen Preis aus, sondern auch die "wahren Kosten." Dazu haben Wissenschaftler der Universität Augsburg den Preis berechnet, der anfallen würde, wenn man die über die Lieferketten anfallenden Auswirkungen von Stickstoff, Klimagasen, Energie und Landnutzungsänderungen in den Verkaufspreis einrechnen würde.

Im Unterschied zu den aktuellen Lebensmittelpreisen zeichnen sich die "wahren Kosten" - unter Controllern besser bekannt als "negative externe Effekte" - dadurch aus, dass Umwelt- und soziale Folgekosten nicht vom Unternehmen, sondern von der Allgemeinheit bezahlt werden. So zahlen die Verbraucher beispielsweise mit der Wasserrechnung für die Aufbereitung von Trinkwasser, das aufgrund von Düngemitteln belastet ist.

Was Penny im stationären Handel macht, könnte auch für Online-Händler eine Chance sein. Viele Start-ups sprechen davon, die Welt ein bisschen besser machen zu wollen. Sie fördern soziale Projekte und spenden aus dem Verlauf ihrer Produkte Geld für Wasseraufbereitung oder Bildung. Mit diesen Aktionen ist es inzwischen jedoch kaum mehr möglich, aus der Masse der Wettbewerber hervorzustechen. Spenden sind bereits das New Normal.

Neuer Feelgood-Ansatz für Start-ups und innovative Marken

Ein neuer Ansatz wäre, zweierlei Preise auszuweisen: einen Preis, kalkuliert nach konventioneller Herstellung und einen Preis, der Folgekosten inkludiert. Sofern das Unternehmen es schafft, hier transparent neue Produktionswege zu gehen, sollte es gelingen, deutlich höhere und für die Gesellschaft wirklich faire Preise zu erlösen - zumindest mittelfristig.

Voraussetzung dafür: noch strenger als bisher die Zulieferer auswählen und für mehr Transparenz in der Lieferkette sorgen. Wenn dies einem Online-Shop oder einer Marke überzeugend gelingt, kann sich das Unternehmen als wirklich nachhaltig präsentieren. Und das spielt in der Wahrnehmung der Konsumenten heute eine immer größere Rolle. Wenn der Einkaufspreis nicht maximal gedrückt wird, können Zulieferer auch mehr Geld in schützende Abwasser-Systeme, biologische Zutaten oder faire Löhne stecken. Und davon profitieren alle.

Siegel Cradle-to-Cradle
Siegel Cradle-to-Cradle (Grafik: EPEA)


Fair Trade

Nicht umsonst liegen Waren mit dem "Fairtrade"-Siegel weiter im Trend. Der Umsatz stieg von 1,6 Milliarden im Jahr 2018 auf 2,04 Milliarden Euro in 2019 - ein Plus von 26 Prozent. Ähnliche Zahlen liefert das Forum fairer Handel  : Im Geschäftsjahr 2019 gaben Verbraucher in Deutschland 1,85 Milliarden Euro für Produkte aus Fairem Handel aus (+ 9 Prozent im Vergleich zu 2018). Innerhalb der letzten sieben Jahre hat sich der Umsatz im Fairen Handel fast verdreifacht. Auch das ist ein klarer Hinweis darauf, dass Nachhaltigkeitszertifikate und -siegel in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden - ähnlich wie das Trusted-Shops-Zertifikat.

Kunden achten konsequenter auf Nachhaltigkeit

Corona gilt zudem als Beschleuniger dieser Entwicklung. Viele Kunden wollen nach Corona mehr Nachhaltigkeit. Egal, ob es heute um Lebensmittel, Kleidung oder Elektronik geht, die Verbraucher sind seit Corona noch ein bisschen wacher und hinterfragen, wie Produkte die Umwelt belasten. Nach der Umfrage "Die Welt nach Corona" von der Nachhaltigkeitsorganisation Utopia   unter 2.500 Teilnehmern wollen 46,5 Prozent der Befragten nach der Krise beim Einkaufen noch konsequenter auf Nachhaltigkeit achten. 36 Prozent geben an, ihren Lebensstil nicht verändern zu wollen - unter ihnen auch die Konsumenten, deren Einkaufsverhalten schon jetzt konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Lediglich 12,7 Prozent fürchten, wegen der Corona-Krise künftig mehr aufs Geld schauen zu müssen und sich deshalb weniger nachhaltige Produkte leisten zu können.

Hier können Shops mit Wiederverwertungsangeboten ansetzen. Die Modeplattform Zalando   beispielsweise bietet neuerdings auch Second-Hand-Mode an. Kunden können neuwertige, getragene Klamotten einfach einschicken, über die Plattform werden die Waren wieder angeboten. Zalando übernimmt die Preisfindung, die Fotos, die Lieferung, die Gutschrift auf das Kundenkonto.

Kreislaufwirtschaft statt Recycling


Aber auch Cradle-to-Cradle-Ideen sind Wachstumstreiber. Unternehmen wie das Modelabel Armed Angels   oder Fairpfone   denken nicht nur über das Verkaufen ihrer Produkte nach, sondern auch darüber, wie der damit verbundene Kreislauf von der Produktentstehung über die Reparatur bis zur Produktvernichtung nachhaltiger gestaltet werden kann.

Internetstores  , Online-Fachhändler für Bike & Outdoor, setzt beispielsweise auf Kreislaufwirtschaft und testet in Skandinavien die Wiederverwendung von Verpackungsmaterialien. In Zusammenarbeit mit dem Cradle to Cradle-Pionier EPEA soll eine abfallfreie Kreislaufwirtschaft entstehen, die über das klassische Buzzword "Sustainability" hinausgeht.

Cradle heißt Wiege: Materialien und Rohstoffe sollen nicht den Weg von der Wiege bis zur Bahre gehen, sondern ihre "Wiedergeburt" erfahren. Sie müssen chemisch unbedenklich und kreislauffähig sein. Müll im heutigen Sinne, wie er durch das bisherige "Take-Make-Waste"-Modell entsteht, soll es möglichst nicht mehr geben. Statt negativer Einflüsse durch Konsum soll ein positiver Fußabdruck bleiben. "Während bei einer linearen Wirtschaft am Ende - trotz Re- oder Downcycling - Abfall entsteht, streben wir mit dem Cradle to Cradle-Prinzip eine "Circular Economy" ohne Qualitätsverlust an. Mit Hilfe von erneuerbaren Energien und Digitalisierungsprozessen sollen dadurch gesunde Materialien immer wieder verarbeitet werden können", führt Dr. Peter Mösle aus, Geschäftsführer von EPEA  . EPEA verleiht auch ein entsprechendes Siegel, das sich in den nächsten Jahren noch etablieren muss.

Bisher liegt der Gesamtumsatz mit fair gehandelten Waren bei 1.85 Millionen Euro.
Bisher liegt der Gesamtumsatz mit fair gehandelten Waren bei 1.85 Millionen Euro. (Grafik: Forum Fairer Hande)

Weiter bietet EPEA den Product Circularity Passport by EPEA. Wenn Produkte entwickelt werden, steht derzeit das Zerlegen und Zurückgewinnen der Bauteile nicht im Fokus. Der Pass liefert die nötigen Informationen zu Produktzusammensetzung, Zerlegungsschritten und am Rücknahmesystem beteiligter Partner. Es ist ein Cradle-to-Cradle-Instrument, das für Transparenz sorgt und auf einer Shopseite werbewirksam eingesetzt werden kann, da sich immer mehr Menschen Gedanken machen, wie sie ihre gekaufte Ware wieder entsorgen können. Unternehmen, die das heute schon auf dem Schirm haben, haben hier einen Wettbewerbsvorteil, der in den nächsten Jahren sprunghaft wachsen wird.

Mit zertifizierten Service-Anbietern kooperieren

Mit dem Verkaufen von Produkten allein ist es eben heute oft nicht mehr getan. Immer mehr rückt das Thema Reparieren oder Wiederaufbereiten ins Bewusstsein der Verbraucher. Gefragt sind Partnerschaften zwischen dem Online-Handel und Servicepartnern, die sowohl bei Reparaturen als auch beim Recyceln und Wiederaufbereiten/Verschrotten der Produkte nachhaltig helfen können.

Dazu hat Samsung Electronics   nun in Deutschland ein Zertifizierungsprogramm für Servicepartner ins Leben gerufen. Anhand von 21 Kriterien können sich Servicewerkstätten von Samsung zum Eco Service Partner qualifizieren lassen. In einem Audit alle zwei Jahre werden insgesamt 500 Punkte in den Bereichen "Organisation", "Energie / Klimaschutz", "Ressourcen" und "Abfall" vergeben. Zu den Must-haves gehören zum Beispiel die Benennung eines Umweltbeauftragten, die Definition von Umweltzielen und entsprechenden Maßnahmen, jährliche Schulungen der Mitarbeiter zu Umweltthemen sowie die Erfassung und nach Möglichkeit Senkung des jährlichen Energieverbrauchs. Im Laufe der Zeit sollen die Umweltanforderungen an die Partner kontinuierlich angehoben werden. Als Lohn winkt das "Eco Service Partner Certified by Samsung" Logo. Außerdem stellt Samsung Marketing- und Promotionsmaterialien, zum Beispiel Flyer und Informationen, für den Webauftritt zur Verfügung.
Thema: Nachhaltigkeits-Trends: CO2-Fußabdrucks-Zertifikate und Cradle-to-Cradle-Konzepte

Kommentar von Yvonne Göpfert

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Es gibt viele Möglichkeiten, nachhaltiger zu werden und dies auch transparent nach außen zu transportieren.

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Yvonne Göpfert (Yvonne Göpfert)
Bild: Yvonne Göpfert
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