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So bauen Unternehmen eine KI-Strategie
08.04.2024 Und wenn man sie gar nicht braucht? - Alles muss gedacht werden dürfen, wenn Unternehmen eine KI-Strategie entwerfen. Ein Denkfehler lähmt viele am Start - und ein Aspekt am Schluss kann tödlich sein.
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Zunächst sollte kein Unternehmen damit beginnen, ein Ziel festzulegen. Oft vernachlässigen sie diese ehrbare Maßnahme, die gewöhnlich sinnvoll und zielführend ist. Aber in Sachen KI schießt man sich ins KI, sorry, Knie, wenn man mit dem Vorsatz beginnt: "Wir wollen zehn Prozent mehr Kundenkontakte im Servicecenter pro Stunde mit KI abarbeiten" oder "Wir wollen demnächst unsere Buchcover mit Midjourney erstellen" oder - richtig schlimm und zum Scheitern verurteilt - "Wir wollen zehn Prozent Umsatzplus mittels KI erzielen".
Denn KI ist ein Werkzeug, dessen Funktion man erst einmal herausfinden muss - und ob es überhaupt geeignet und erforderlich ist. Man kann ja auch dem Gesellen keinen Schraubenzieher geben und sagen, damit solle er jetzt aber bis Q4 zehn Prozent mehr Nägel in die Wand schlagen. Das Thema KI benötigt als Rahmen "eine komplexe und vielschichtige Entscheidungsmatrix", sagt Klaus Kuenen, Professor für Onlinemarketing an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln . Er empfiehlt Unternehmen, sich zuallererst über die Bedürfnisse einer KI-Strategie klar zu werden.
Besser, man kennt es: Das entscheidende EU-Gesetz zur KI-Verwendung
Das 'weltweit erste Gesetz' zur Regulierung Künstlicher Intelligenz, der Artificial Intelligence Act , sieht vor, KI-Anwendungen in drei Klassen zu unterteilen, die dem Risiko entsprechen, das von den Anwendungen ausgeht:
- 'minimal': Spam-Filter, Videospiele, bereits alltägliche Backend-Anwendungen wie etwa Warenwirtschaftssysteme.
- 'hoch': KIs, die in kritischen Infrastrukturen verwendet werden oder die Nutzerinnen und Nutzer sozialer Netzwerke beeinflussen können, sowie KI zur Bewerberauswahl, Strafverfolgung und Bonitätsprüfung. Auch generative KI, die täuschend echtes Audio oder Texte, Bilder und Videos herstellen. Die Produkte solcher KIs müssen künftig als maschinenerstellt gekennzeichnet werden.
- und 'inakzeptabel': Alle Algorithmen, die ungezielt Fotos auslesen, um Gesichtserkennungsdatenbanken aufzubauen (hier sind mögliche Ausnahmen für Strafverfolgungsbehörden vorgesehen, etwa bei der Terrorismusabwehr) oder Menschen nach politischer Überzeugung oder sexueller Orientierung klassifizieren. Diese sollen als "Bedrohung der Bürgerrechte und der Demokratie" verboten werden.
Um Start-ups und kleinere Firmen nicht bei Verwendung und Entwicklung von KI zu behindern, sieht die EU-Gesetzgebung schärfere Regulierung für Dickfische wie etwa OpenAI vor und geringere Regulierungen für ein deutsches Unternehmen wie Aleph Alpha .
- praxistaugliche Lösungen,
- diese müssen den gesetzlichen Bestimmungen entsprechen,
- Fachkräfte,
- die Lösungen müssen in die bestehende Systemlandschaft passen,
- und es bedarf einer Entscheidung, ob Lösungen Top Down oder agil in den Teams entwickelt werden.
Auch Strategie-Experte und Berater Christian Hoffmeister rät Unternehmen bei grundsätzlichen Fragen zu starten. Der Hamburger ist CEO des DCI Institute und sieht immer wieder einen Grundsatzfehler: "Das beginnt mit der Kompetenzfrage: Ich erlebe es noch immer in Seminaren, dass die Leute ChatGPT kennen, was Midjourney ist, weiß dann aber kaum noch einer. Man muss schon etwas mehr Ahnung haben, bevor man eine KI-Strategie-Entwicklung angeht." Sein Tipp lautet, weniger nach klassisch-strategischen Gesichtspunkten vorzugehen, sondern Effectuation-Prinzipien anzuwenden. Diese unternehmerische Entscheidungslogik stützt sich auf vier Grundsätze, mit denen man KI besser zu packen bekommt:
- Mittelorientierung vs. Zielorientierung: Man will nicht 100 Prozent Content von Generativer AI erstellen, sondern stellt erstmal die Fragen nach den Ressourcen: Etwa: "Habe ich einen Mitarbeiter, der sich auskennt und der dann das Zeug, das ChatGPT ausspuckt, Korrektur lesen kann? Und wenn ja: Wie viel schafft er oder sie?"
- Leistbarer Einsatz oder Verlust (vs. erwarteter Ertrag): Wie viel kann man für AI ausgeben? Wie groß müsste die Umsatzsteigerung sein, damit es sich lohnt? Und was passiert, wenn sie ausbleibt? Geht man dann wegen der Fehlinvestition pleite? Doch Obacht: Man darf auch nicht so kalkulieren, dass man erwartet, sobald der Schalter an der KI umgelegt wurde, schnellen die Umsätze oder die Qualität in die Höhe: "Es wird bei einem explorativen Ansatz eine Lernphase geben, in der man erstmal schlechtere Ergebnisse, hinnehmen muss", sagt Christian Hoffmeister. "Das ist aber ein ganz anderer Ansatz als die Zielorientierung, beide sind nicht kombinierbar."
- Umstände und Zufälle nutzen (vs. vermeiden): Gerade so eine unkalkulierbare Entität wie KI lässt einen oft an Orten enden, wo man nicht hinwollte. Da es sich nicht kontrollieren lässt, sollte man versuchen, unerwartete Ereignisse auszunutzen, statt Ressourcen in ihre Vermeidung zu stecken.
- Partnerschaften (vs. Konkurrenzdenken): Partner werden oft erst gesucht, wenn das Projekt weit fortgeschritten ist. Bei KI bietet es sich an, schon im Anfangsstadium nach Kollaborateuren zu suchen, die einem helfen, das Projekt zum Fliegen zu bringen, statt sich in Konkurrenz-Grabenkämpfen zu verlieren.
- Wie wichtig ist die KI für unser Unternehmen?
- Was ist die Auswirkung auf unser Geschäftsmodell?
- Was kann der Wettbewerb mit KI ausrichten?
- Was können wir mit KI machen, um uns zu differenzieren?
Arbeitsorganisation und Datenarbeit
Erweist sich die KI als Gamechanger für das Geschäftsmodell, dann muss stets erstmal der Vorstand die Frage beantworten, wie nun damit umzugehen ist. Erst danach kann es weitergehen. Dann stellt sich im Folgenden die Frage, wie man die Arbeit an dem anstehenden Changeprojekt organisiert. Klaus Kuenen empfiehlt hier einen agilen Ansatz, da es sich bei KI um ein 'Wicked Problem' handelt: "Ein langwieriger top Down Prozess wird dem nicht gerecht und führt zu oft teuren Lösungen, die der gelebten Praxis schon bei der Einführung nicht mehr entsprechen."Agil vorzugehen bedeutet also für die Suche nach unserer KI-Strategie: Lösungen und Entwicklungen werden vor Ort in den Teams konzipiert. "Möglichst als MVP (Minimum Viable Product), um die gefundene Lösung schnell und kostengünstig auf ihre Praxistauglichkeit zu überprüfen."
So überleben KMU in der Daten-Ökonomie
iBusiness hat in einer Analyse (zugänglich für Premiummitglieder) analysiert, mit welchen Strategien und Strukturen es auch kleinere und mittlere Unternehmen schaffen können, sich in der Datenökonomie zu behaupten. Sie finden sie hier.
Der (nicht zu untersch)ätzende Teil: Gesetzeskonformität der KI
Klopf, klopf, wer ist da? Der am wenigsten spaßige Teil des KI-Strategie-Konzeptes! Zum Abschluss, bevor der KI-Ballon steigt, muss man die Gesetzeslage prüfen. Glücklicherweise kann und sollte man das Ganze auf jemanden abwälzen, der sich wirklich auskennt. Kostet, ist aber unerlässlich. Die Fragen sind komplex. Berührt man beispielsweise den EU-AI-Act, weil man als Anbieter kritischer Infrastrukturen mit seinem KI-Projekt in die Hochrisiko-Einstufung fällt? Juristische Aspekte sind kein Gepäck für die leichte Schulter, "die EU-Gesetzgebung ist zum Thema KI und Datensicherheit genauestens zu verfolgen", sagt Klaus Kuenen, das erfolgt am besten "außerhalb der Teams vor Ort."Denn es ist nicht wie bei einem Cookiebanner, wo eine Marke einfach mal in der Hoffnung, dass es keinem auffällt, so tun kann, als gäbe es keine rechtsverbindlichen Gestaltungsvorschriften. Es zeichnet sich ein großes Engagement der Aufsichtsbehörden ab. Aber auch schlechte Publicity, wenn etwa eine KI ungeprüft rassistische Inhalte verbreitet, ist nicht viel besser.
Zwei hilfreiche Nachschlagewerke sind in diesem Kontext die durchgenormten Richtlinien zur KI-Implementierung. Nicht so billig wie ein Krimi-Taschenbuch, aber die Investition wert:
- DIN EN ISO EEC 23894 - KI-Leitlinien für das Risikomanagement Preis: circa 140 Euro
- ISO EEC 42001 - Management-Richtlinien für KI - spezifiziert die Anforderungen und gibt Leitlinien für die Einrichtung, Implementierung, Wartung und kontinuierliche Verbesserung eines KI-Managementsystems, Preis circa 200 Euro
Der Ruf nach externer Hilfe: Dienstleister anheuern
Wenn es nicht ohne einen externen Dienstleister geht - weil etwa inhouse keine Expertise und/oder Ressourcen frei sind, empfiehlt sich eines: Bei der Agentur anfragen, ob sie auch gleich die juristische Prüfung der Strategie mit übernehmen kann. Außerdem ist eine Frage an die Externen extrem kritisch: Welche Server nutzen deren KI-Tools? Jage ich etwa OpenAI gratis eine Portion Daten in den Schlund, wenn die Agentur mal eben meinen geheimen Quellcode durch Chat-GPT auf Fehler prüfen lässt? Es gibt eine reelle Chance, dass jetzt, während sie dies hier lesen, irgendwo ein gefeuerter Programmierer auf dem Arbeitsamt wartet, der genau das getan hat. Eine andere gute Frage ist: Selbst wenn die Server sicher sind, was genau passiert mit meinen Daten? Bleiben die bei der Agentur? Und neue aufschlussreiche Daten, die anfallen? Bekommt meine Firma diese überlassen? Oder werde ich von Dienstleister XY abhängig?Mit oder ohne Dienstleister, "selber denken macht fett", sagt Michael Klotz: "Sich die Kompetenzen anzueignen lohnt sich, irgendwann benötigt man sie." KI ist als Thema hochsensibel und wirft zahlreiche Folgefragen auf.
- Ist die verwendete Lösung ökologisch nachhaltig? Oder verbrennt man Energie, dass es so gar nicht zum grünen Image der Firma passt?
- Findet eine Diskriminierung durch Algorithmen statt? Benachteiligt die Lösung Geschlechter oder Nationalitäten? Ist sie divers, wo sie es sein sollte und verzichtet auf Diversität, wenn es absolut dämlich wäre, wie im Falle der ethnisch bunt gemischten Wehrmachtssoldaten, die Googles Gemini gerendert hat (hier nachzulesen )?
- Wer steht hinter den AI-Produkten, wer sind die Stakeholder? Übernehmen die ihre ethisch-gesellschaftlichen Verantwortungen?
Viele dieser Fragen müssen in einem Jahresbericht beantwortet werden, hat die Firma eine kritische Größe erreicht.
Sich auf KI einzulassen, bedeutet, in ein komplexes Themenfeld einzutauchen. Ohne Strategie ist es unfallfrei kaum möglich.
