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Prognose 2033: So überlebt der Mittelstand in der Daten-Ökonomie
15.02.2023 Von ChatGPT bis zur Kaufberatung im Onlineshop: KI-Anwendungen sind die Zukunft - doch wer hat die dafür benötigten Daten? Eine Analyse der Zukunft der Datenökonomie - und wie sich KMUs dem Griff der Kraken entwinden.
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Daten haben ChatGPT zu dem gemacht, was es ist und ebenso die großen Techkonzerne. Wer einen smarten Chatbot sinnvoll in seinen Shop einbauen will, muss ihn mit individuellen Daten trainieren. All die Machine-Learning-Triumphe sind erst durch technische Fortschritte rund um die Analyse von zuvor unbezwingbaren Datenbergen möglich geworden: "Seit Jahren versucht man im Marketing das 'Segment of One' zu erreichen, die für die Einzelperson passgenaue Kundenansprache", sagt Professor Jürgen Anke, Professor für Softwaretechnologie und Informationssysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden : "Dafür versucht man ebenso lang Daten aufzubereiten - doch was heute anders ist, ist die Menge an Daten, die entsteht und die technischen Möglichkeiten zu ihrer Verarbeitung: Sowohl die Menge an Daten, die verfügbar ist als auch die Menge, die wir auswerten können, ist viel umfangreicher."
Diese Datenökonomie ist in mehr als einer Hinsicht brutal: Sie stellt Dinge mit Geschäften und Geschäftsmodellen an, die kaum absehbar sind, sie macht Mächtige noch mächtiger und ratlose KMUs noch ratloser - und was sie mit dem Bürger und der Bürgerin anstellt, ist nochmal ein ganz anderes Thema. Antworten auf die Fragen, die die Datenökonomie in den kommenden Jahren mit steigendem Nachdruck stellen wird, müssen alle finden: die einzelnen NutzerInnen, die Gesetzgeber (maßgeblicherweise hier die Europäische Union) und vor allem all die Geschäfte, die eben keine Googles, Amazons , Metas und Microsofts sind. Was bleibt ihnen zu tun übrig ? Auf der Suche nach einer Antwort muss man die entstehende neue Datenwelt und die möglichen Plätze, die sie ihren BewohnerInnen offeriert, erkunden.
Wo wir stehen und wo die Reise hingeht
NutzerInnen und Marken befinden sich aktuell beide in einem komplizierten Zustand der Datenökonomie - man bezeichnet ihn in der Forschung auch als das Privacy Paradox. "Der Nutzer sieht alle seine Daten tendenziell als schützenswert an - aber er handelt anders, gibt Persönliches preis, postet sogar Kinderfotos", sagt Jürgen Anke. "Man will ungeachtet des Bedürfnisses nach Privatheit ja interagieren, man will Online-Services nutzen, das schafft Komfort oder im Fall von Social Media auch Zuspruch." Die Marken auf der anderen Seite befinden sich in einem ähnlichen widersprüchlichen Spannungsfeld. Auf der einen Seite möchten sie NutzerInnen nicht wirklich auf die Nase binden, wie weit ihre digitale Vermessung geht, was sie alles an Daten besitzen. Auf der anderen Seite sind sie zunehmend gezwungen, all das Tracking offenzulegen - teils wegen Gesetzesvorlagen, teils wegen der wachsenden Mündigkeit der NutzerInnen. Die Frage lautet also: Hält man still und hofft, die NutzerInnen geben brav die Daten ab - oder informiert man und riskiert im Akt des Informierens, die NutzerInnen zu vergrätzen? Ist uninformiert besser? Findet man erst heraus, nachdem man informiert hat...Schrödingers Katze ist ein Dreck dagegen.
Doch auch wenn die Digitale Kompetenz steigt - Jürgen Anke sieht noch immer ein gewaltiges Machtgefälle bestehen. Zum einen haben NutzerInnen praktisch immer ein Kompetenzdefizit gegenüber den Techkonzernen, zum anderen existiert kaum eine Chance, sich außerhalb der Datenökonomie aufzustellen: "Die Konzerne wissen, wie sie an Daten bekommen, der Nutzer aber kaum, was genau sie damit tun und wie gut die Daten geschützt sind. Das betrifft nicht nur ein Google, sondern ebenso Onlineshops sowie Telekommunikations- und Mobilitätsanbieter. Als Nutzer ist man dem ausgeliefert und hat maximal die Wahl, sich dem Dienst zu verweigern und ihn nicht zu verwenden."
Noch gibt es keine Antwort auf die Gretchenfrage der Daten-Wirtschaft
Es existieren einige zaghafte Schritte in die Richtung der ermächtigten Nutzerschaft: So hat sich etwa gezeigt, dass NutzerInnen lieber bei Shops bestellen, in denen sie schon ein Nutzerkonto haben, statt in einem anderen ein neues Konto anzulegen. Deswegen bieten Shops oftmals auch einen Einkauf als Gast an. Oder aber man hat die Option zu zahlen, statt getrackt zu werden - etwa wenn Zeitungen die Auswahl zwischen "Werbung" (=Tracking) und "Lesen mit Abo ohne Ads" offerieren.Dies alles sind erste zaghafte Versuche, die Gretchenfrage der modernen Datenökonomie zu beantworten (oder um sich um eine Antwort herumzudrucksen): Soll man tracken oder informieren, die Datengeschäftsmodelle transparent gestalten oder verschleiern? Das ist leider ein Problem der Kleinen. Die Mächtigen ohne Wettbewerb plagen diese Probleme nicht, weil sie de facto keine Konkurrenz besitzen. Was juckt es ein Google, wenn sich ein paar KundInnen am Tracking stören - was interessiert das ein Amazon? Es sind die KMUs, die die komplizierte Frage beantworten müssen, wie sie an ihre Daten kommen. Das ist dummerweise ein eingebautes Feature der Datenökonomie, so wie sie heute besteht.
Denn unsere globale Datenökonomie ist aus der Plattformökonomie hervorgegangen, was bedeutet, "die Datenökonomie wird zwangsläufig Ungleichgewichte erzeugen, denn Plattform-Business tendiert grundsätzlich zum Oligopol oder sogar zum Monopol, besonders in Staaten wie den USA oder China", erklärt Professor Andreas Moring, der International Management, E-Commerce und Kommunikationswissenschaft an der International School of Management (ISM) in Hamburg lehrt. "Diese Staaten haben sich auf dem Feld der Daten einen enormen Vorsprung gesichert. Zum einen weil Datenschutz dort keinen interessiert und daher auch keine Regulierung existiert. Zum anderen leben dort viel mehr Menschen, die Daten produzieren, so einfach ist das: Wir sind 80 Millionen gegen mehr als Milliarde in China, hier gibt die schiere Masse der Menschen den Ausschlag."
Für den Standort Deutschland ergibt sich daraus eine Reihe von Nachteilen - er ist schwächer an NutzerInnen und stärker an Regulierung. Doch leider ist das kein Freibrief für deutsche KMUs, die Schuld nach Brüssel zu delegieren und ein zorniges Fäustchen hinterherzuschütteln. Tatsächlich geht die Problematik des Standortes Deutschland viel weiter, sagt Andreas Moring: "Wir sind zwar gut in Forschung und Entwicklung, aber in Deutschland wie auch in der EU eher schlecht darin, aus unseren Entwicklungen marktfähige Produkte zu machen." Dauerhaft werde dies auf einen Standortnachteil hinauslaufen, der die hiesige Wirtschaft den Anschluss verlieren lässt: "Unsere Förderung, die Vernetzung von Forschung und Unternehmen ist mangelhaft. Und das ist liegt nicht allein bei der Politik, sondern auch auf der Seite der Unternehmen", sagt Moring: "Die reißen sich nicht darum, datengetriebene Modelle aufzubauen. Das ist ein politisches und ein Mentalitätsproblem, da da hängen wir hinterher."
Den Platz in der Datenökonomie behaupten - Handlungsspielräume für KMUs
Außerdem haben KMUs, etwa kleinere und mittelgroße Shops, grundsätzliche Nachteile in der Datenökonomie.Sie sind weniger stark skaliert, die Zahl der NutzerInnen erzeugt oftmals nicht genug Traffic, um Tools aussichtsreich einzusetzen, die auf Mustererkennung setzen. Und selbst wenn der Traffic in Sphären gelangt, wo dies eine Option wäre, fehlt es an der benötigten Kompetenz und Personalpower, um Machine-Learning-Werkzeuge einzusetzen. Das beginnt vorne im Funnel mit der Werbung und geht bei der automatisierten Kaufberatung weiter. Es gibt weder die Entwicklerteams, die Services aufbauen noch die IT-Personaldecke, um sie zu unterhalten. Der Handlungsspielraum ist also eingeschränkt, aber ein paar Optionen gibt es, um sich in datengetriebenen Umfeldern aufzustellen.
Growth Hacking
Differenzierung und Fokussierung sind für Stefan Detscher wichtige Strategien kleinerer Marktteilnehmer. Der Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU) ist auf digitales Marketing spezialisiert und rät zum "Aufbau und Halten einer Bestandskundschaft und das in einem differenzierten Umfeld, einer Nische, die man digital erschließt." Auch Innovation ist ein taugliches Rezept für kleine Shops. Wenn man origineller sein möchte als der Wettbewerb, kann man sogar bestehende KI-Tools nutzen: "Zum Beispiel ChatGPT, das ja günstig verfügbar ist." Wie man mit KI originelle Marketing-Ideen umsetzt, hat beispielsweise SEO Severin Lucks gegenüber iBusiness illustriert, der seiner kleinen Agentur via Bild-Generator ein großes virtuelles Team verpasste (die Geschichte und wie kleine SEO-Agenturen KIs beispielsweise nutzen können, steht hier zum genauen Nachlesen). Wer der Sache dann nachging, wurde darüber informiert, dass diese große Mannschaft virtuell sei - das bestehende kleine Team aber so viel Leistung erbringe, wie sonst nur eine große Agentur.
Growth Hacking
Growth Hacking ist eine denkbare Strategie an dieser Stelle: Kleine Budgets werden so eingesetzt, dass eine Marke schnell digital wächst - mit Strategien, die in großen und weniger wendigen Konzernen nicht machbar sind.
Federated Learning
Darüber hinaus gibt es neue Tools, die sogar ganz ohne überquellende Datentöpfe auskommen: "Wir sind hier gerade in einer Umbruchphase. Die bisherige Strategie ist gewesen, Daten zu sammeln, riesige Bestände aufzubauen für Analytic und Predictions; das könnte sich ändern", sagt Andreas Moring. "Es kommen zunehmend Analyticsprogramme auf, die ohne großen und einheitlichen Datenbestand auskommen: Ich hole die Daten zum Training eines Modells nicht mehr heran, sondern ich lasse sie in den verschiedenen Töpfen. Stattdessen navigiere ich den Algorithmus hinein, trainiere ihn und reiche ihn weiter an andere Firmen, die ihn ebenfalls trainieren." So können Unternehmen kooperieren, ohne ihre Daten zu teilen. Mehrere Shops mit wenig lückenhaften Daten haben dann gemeinsam genug Infos zum Training eines Algorithmus, der geteilt wird, ohne dass die Daten geteilt werden müssen. Das Prinzip nennt sich Federated Learning. Das, so Moring, ist ein Ausweg aus dem Grundproblem, dem sich kleinere Player in der Datenökonomie gegenübersehen: "Nicht hinterher rennen, sondern auf einer neuen Spur unterwegs sein!"
Zukunftsszenarien für die Datenökonomie
Machine Learning/KI stoßen hier gerade eine Reihe von Trends an, die die Datenökonomie aktuell verändern. Es ist sogar denkbar, dass sich dabei die Machtverteilung grundsätzlich ändert, weg vom Oligopol. Das indes wäre freilich ein optimistisches Best-Case-Szenario.
Vier Szenarien für die Zukunft der Datenökonomie
New Data Economy
Wir sind schon mittendrin in einer neuen Datenökonomie: Die Massenentlassungen bei Meta und Co zeigen, wie überholt die Geschäftsmodelle der etablierten Datenkraken sind: Der Markt sortiert sich aktuell neu, kleinere Anbieter erhalten eine Chance.
Falsches Timing
Die Geschäftsmodelle der großen Datenriesen stecken zwar in einer Krise, doch dummerweise kommt diese zu früh: Die möglichen Nachfolger sind noch zu klein, die regulierenden Gesetze nicht vorhanden. Nichts ändert sich aktuell, im Laufe der kommenden Jahre greift eines der beiden Passiv-Szenarien (siehe unten).
Zähes Krakensterben
Es wird noch einige Jahre brauchen, aber die Götterdämmerung kommt, die Datenökonomie ordnet sich neu: Immer gewissenhaftere Regulierung durch die EU und andere Staaten, neue, aufkommende Geschäftsmodelle (vor allem im dezentralen Web 3.0) und wachsendes Privacy-Bewusstsein der NutzerInnen ermächtigen kleine, faire Player und entmächtigen die heute noch großen.
Die üblichen Verdächtigen
Die heute beherrschenden Datenkraken, Google, Amazon, Facebook/Meta und andere, kleinere Konzerne (wie etwa Uber, Netflix) beherrschen den Markt weiterhin, weil sie es schaffen, ihre Geschäftsmodelle anzupassen und entsprechende Regulierungen zu umgehen: Dann packt man halt irgendwo einen Tracking-Hinweis hin, wen juckt's. Leider ändert sich also nichts.
Trend: Die Welle der neuen Jobs bleibt aus
Dr. Maximilian Heimstädt, der sich am Weizenbaum Institut als Organisationsforscher mit algorithmischen Entscheidungssystemen befasst, geht nicht davon aus, dass die Datenökonomie zahlreiche neue Jobs entstehen lassen wird, wie oftmals prognostiziert: "Meine bisherige Erfahrung zeigt, dass technische Innovationen die Bedürfnisse an Personal kaum ändern. Der Grund dafür ist, dass neue Tools von den Drittanbietern meist so gestaltet werden, dass sie problemlos anschlussfähig im laufenden Betrieb sind." Bei großen Konzernen indes werde das anders aussehen: Eine Bahn oder Telekom etwa werde entsprechende Kompetenzen sicher inhouse ansiedeln.
Trend: Verpflichtende Datenerfassungsanzeigen
Bei Autos mit einer Anzeige des aktuellen Benzinverbrauchs ändert sich bei der Mehrheit der FahrerInnen die gewählte Geschwindigkeit und das Fahrverhalten: "Da greifen dann Gamification-Mechanismen: 'Mal sehen wie niedrig ich den Spritverbrauch drücken kann!' - so etwas wäre auch für Browser und Webseiten denkbar: Wenn etwa die EU verpflichtend Label oder Anzeigen zum Status des Trackings und der gesammelten Daten einführt, einheitliche Icons etwa."Trend: Data Science als Marketing-Buzzword
In den kommenden Jahren wird die ohnehin schon existierende Anzahl an Data-Science-Labs stark anwachsen. Denn: Es ist sexy, eines zu haben, "Data Science hat eine Aura der Fortschrittlichkeit, doch meine anekdotische Evidenz spricht eher dafür, dass hier die prägende Erfahrung der Mitarbeiter die Frustration ist", sagt Maximilian Heimstädt. " Oft scheint es so auszusehen, dass diese Abteilungen zwar aufregende Prototypen entwickeln, die dann aber irgendwo versanden. Firmen mögen diese Abteilungen, um sie vorzuzeigen, doch dann entsteht wenig daraus."Trend: Regulierung
DSGVO und Cookiebanner sind nur ein Vorgeschmack. Die Regulierung von Seiten der EU etwa wird massiv zunehmen, die heutige, ungehemmte Datensammelwut der Dienste eine von späteren Generationen ungläubig wahrgenommene Episode in der Webgeschichte werden - der Wilde Westen der Interaktiv-Ökonomie quasi.
