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IFA: Politischer Streit im Vermarktungszirkus für IPTV
31.08.2007 Seit heute hat die Internationale Funkausstellung (IFA) in Berlin ihre Pforten geöffnet. Die diesjährige Messe zeigt vor allem die Verschiebungen auf dem TV-Markt. Zu den klassischen Unterhaltungselektronik-Herstellern gesellen sich immer mehr Telekommunikation-, Computer- und Web-Anbieter. Eine landesweite Vermarktungsoffensive für das Fernsehen via Internet soll mit der diesjährigen IFA starten. Gestartet ist vor allem der Streit um die Pfründe.
Im zweiten Anlauf versucht die Deutsche Telekom beim Internetfernsehen Fuß zu fassen. Mit neuen Bündelpaketen von Telefon, Internet und vor allem Fernsehen glaubt Rene Obermann einen Erfolgsgaranten gefunden zu haben. Obermann bekräftigt das Ziel, 200.000 TV-Kunden bis zum Jahresende zu gewinnen. Um dafür das IPTV populärer zu machen, soll nun das bisher nur über das VDSL-Netz verfügbare TV-Angebot künftig auch über ein aufgerüstetes DSL-Netz übertragen werden. Obermanns Hoffnung: Die Reichweite steigt damit deutlich.
Um mehr Nutzer anzulocken, startet die Telekom Werbemaßnahmen für die Marke T-Home. Das Triple-Play-Angebot Entertain - bestehend aus Internet-Flatrate, Telefonie und Internet-Fernsehen - wird vom 3. September an bis Anfang November beworben. T-Home Entertain wird angeboten als T-Home Entertain Basic, T-Home Entertain Comfort und T-Home Entertain Comfort Plus. Die Unterschiede liegen im wesentlichen in Art und Schnelligkeit des Internetanschlusses, der Inklusivität von T-Home-IPTV sowie der enthaltenenen multimedialen Zusatzdienste und Services.
Hansenet bietet ein derartiges Angebot unter dem Namen Alice Home-TV an. Beide IPTV-Angebote bieten jeweils bis zu 60 freie Sender und Pay-TV-Kanäle an. Mit dem 1&1-Angebot Maxdome kommt ein weiterer Video-On-demand-Service dazu, der sich auf das Filmangebot der Pro-Sieben-Sat-1-Gruppe beschränkt.
Bei diesen drei Anbietern soll es nicht bleiben: Auch Arcor springt auf den Internet-TV-Zug auf und will bis Sommer 2008 bis zu 150 deutsche Städte mit Webfernsehen versorgen. Selbst Microsoft hat mit Mediaroom seine eigene IPTV-Plattform auf der IFA am Start. Sie soll ab Ende 2007 auch Xbox-360-Besitzer mit interaktivem Fernsehen versorgen - vorerst aber nur in USA.
Auch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben das Internet entdeckt. Gespeist aus dem Milliarden Euro schweren Budget der GEZ-Zwangsabgabe mischen sie jetzt im Web mit. "Was wir anbieten, haben die Gebührenzahler bereits bezahlt", jubelt der Intendant des ARD Fritz Raff . So ist zum heutigen IFA Start das überarbeitete Videoportal des ZDF, die Mediathek , online gegangen. Nutzer können jetzt bei laufendem Bild in anderen Inhalten stöbern. Eine Vorschau verrät, welcher Beitrag als Nächstes gezeigt wird. Die meisten Videos stehen bis sieben Tage nach Sendetermin zum Abruf bereit. Einzelne Sendungen gibt es sogar vor der Ausstrahlung bereits zum Abruf. Die Mediathek steht in drei Varianten zur Verfügung: Neben einer PC-Edition gibt es eine spezielle Variante direkt für den Fernseher sowie eine Mobilversion für Mobiltelefone im Angebot. Die ARD hat auf ihren Stand sogar Gäste mitgebracht: Das kleine Berliner Unternehmen iTV Solutions zeigt seine Hybrid Set-Top-Box mit 160 GB Festplatte.
Die digitalen Pläne von ARD und ZDF kritisiert allerdings nicht nur der unumgängliche Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (VPRT) , Jürgen Doetz , scharf: "Online- und Mobile-Angebote gehören nicht zum Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks", so Doetz. Nach Auffassung der Privatsender verschafften sich die ARD und ZDF einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie Gebührenfinazierte Fernsehsendungen und Informationen ins Internet stellen.
Vor einer weiteren Expansion der Online-Aktivitäten von ARD und ZDF haben auch die Präsidenten des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ ), Prof. Dr. Hubert Burda , und des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV ), Helmut Heinen , gewarnt. Schon die bestehenden Internetangebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks drohten, die Vielfalt privatwirtschaftlich organisierter Medien in Deutschland nachhaltig zu beeinträchtigen. BDZV und VDZ appellierten an den deutschen Gesetzgeber, die von der EU-Kommission festgestellten Wettbewerbsverzerrungen zu beseitigen und den "Bestand einer freien und vielfältigen Presse" zu sichern. Die Verlegerverbände forderten, den öffentlich-rechtlichen Auftrag neu zu definieren und eindeutig zu begrenzen sowie die für Online-Aktivitäten eingesetzten finanziellen Mittel zu deckeln.
Auch weitere Forderungen an die Politik gab es: Dr. Tobias Schmid , VPRT-Vizepräsident und Vorsitzender des Fachbereiches Fernsehen und Multimedia fordert, dass "der Digitalisierungsprozess in Deutschland maßgeblich beschleunigt werden muss. Netze wie auch Endgeräte müssen technisch in der Lage sein, die Vielfalt der möglichen digitalen Angebotsformen abzubilden." Schmid appelliert an die IFA-Aussteller aus der Endgeräteindustrie, gemeinsam mit den Inhalteanbietern dafür einzutreten, dass verstärkt zukunftsfähige Endgeräte auf Basis netzübergreifender Standards und interoperabler Schnittstellen angeboten werden. An die Infrastrukturbetreiber richtete Schmid die Bitte um Unterstützung bei der Schaffung der Möglichkeit der Grundverschlüsselung und Adressierbarkeit über alle Netze.
Die Adressierbarkeit der Endgeräte sei unabdingbare Voraussetzung für eine nachhaltige und wirtschaftlich tragfähige Digitalisierung, da sie neben dem umfassenden Rechte- und Signalschutz auch die Vielfalt neuer Zielgruppen- und Spartenangebote sowie interaktiver und personalisierter Angebote erst ermögliche. Hier gelte es insbesondere, negative Entwicklungen wie etwa in der Musikindustrie zu vermeiden.
Mit Blackstream, Dolphin und Whale stellt das Schweizer Unternehmen Dynavisions beispielsweise gleich drei Settopboxen vor. Es sind die ersten Provider-unabhängigen IPTV-Settop-boxen. Mit ihnen können die Inhalte aller gängigen IPTV-Portale bereitgestellt werden.
Und die Prognosen für IPTV stehen gut: Bis 2015 soll jeder vierte deutsche TV-Haushalt On-Demand-Fernsehen nutzen, schätzt das Marktforschungsunternehmen Booz Allen Hamilton in München. "Schon 2010 werden nach unseren Berechnungen in Deutschland bis zu 2,8 Millionen Haushalte mit IPTV ausgestattet sein", rechnet Thomas Künstner vor. Bei einer offensiven Vermarktung der Anschlüsse und einfach zu bedienenden Endgeräten könne es bis 2015 zu einer Verdreifachung der IPTV-Haushalte kommen.
Künstner rechnet damit, das die Endnutzerumsätze mit fortschreitender Verbreitung der Technologie durch interaktive on-Demand-, T-Commerce- und Unterhaltungsangebote bis 2012 auf knapp 14 Milliarden Euro steigen. Derzeit liegt der Umsatz laut Booz Allen Hamilton bei rund zehn Milliarden Euro.
Technisch funktioniert IPTV auf der Basis von breitbandigen DSL-Telekommunikationsanschlüssen der jüngsten Generationen. Dazu zählen ADSL2+ mit Geschwindigkeiten bis 16 Megabit je Sekunde und das noch schnellere VDSL, das die Daten mit Geschwindigkeiten bis zu 50 Megabit je Sekunde ins Haus bringt. Grundsätzlich lässt sich IPTV aber auch in rückkanalfähigen digitalen Kabelnetzen realisieren.
In Deutschland gibt es derzeit knapp 500 als IPTV verbreitete Programme. Etwa die Hälfte davon setzen aus den Programmen der großen Medienhäuser zusammen. Hinzu kommen unter anderem Campus-Fernsehen, Firmen-TV, Ratgeber-Sendungen, Schulungsfernsehen oder Sparten-Angebote zu Extrem-Sportarten.
